„Das Bürgerhaus ist DER Ort!“

...sagt Ulrike Mertens-Steck, im Bürgerzentrum Stollwerck zuständig für Kurse und Veranstaltungen mit dem Titel „50+“. „Das Zentrum ist sehr verankert in der Veedelsgesellschaft, hier mischen sich die Leute, begegnen sich. Man wird ja nicht erst mit 65 älter, das beginnt früher, das Umorientieren. Und wir haben hier eine enorme Bandbreite der Angebote: Bewegung, Sturzprävention, Computerkurse, Gedächtnistraining, aber auch Kreatives: Mode, Gestalten und vieles mehr.“
Alles zu erschwinglichen Preisen, denn viele ältere Menschen im Viertel müssen mit kleinen Renten klarkommen. Auch sie sollen teilhaben am gesellschaftlichen Leben. Wie Jutta Aust, 74 Jahre alt und schon häufig gestürzt. „Ich wurde danach immer unsicherer, wollte kaum noch aus dem Haus. Das Training hier hilft mir sehr, mehr Sicherheit zu gewinnen. Und außerdem sind wir hier eine super Truppe, wir lachen viel! Noch kann man sich das ja auch leisten, bei drei Euro pro Kurstag, die Rente wird ja nicht mehr!“


 

So geht es auch Hans Meurers, der froh über den Kurs ist, wenn auch aus anderen Gründen: „Alleine zu Hause übt man dann doch nicht so, in der Gruppe, mit Anleitung, klappt das besser.“ Er ist an MS erkrankt und schätzt den kurzen Weg vom Rheinauhafen hierher, das schafft er noch zu Fuß. Es wird sichtbar, was Frau Mertens-Steck schon ansprach: die unterschiedlichsten Bewohner der Südstadt mischen sich hier, bleiben zusammen auf einen Kaffee, werden aufmerksam auf die zahlreichen weiteren Bildungs- und Kulturangebote.


171.000 Besucher zählt das Bürgerzentrum, kurz „Stollwerck“ genannt, im Jahr. Monatlich müssen die Mitarbeiter die Publikumsströme erfassen: wer nimmt wann, wie oft und was wahr? Damit das Angebot auch wirklich dem Bedarf entspricht und nichts Überflüssiges vorgehalten und finanziert wird. Auch und besonders Jugendliche profitieren von der Arbeit der neun hauptamtlich und der fast 40 geringfügig oder freien Beschäftigten sowie Ein-Euro-Jobber, Bundesfreiwilligendienstler und Ehrenamtler. Sebastian Neidt und Elisabeth Schühle sind zwei der Honorarkräfte, beide studieren noch, auf Lehramt Sekundarstufe. In der Kooperation zwischen Bürgerzentrum und der benachbarten Theo-Burauen-Realschule, spielen sie, wie ihre Kollegen auch, eine wichtige Rolle.

 

Sebastian Neidt und Elisabeth Schühle kümmern sich um die Schüler der Theo-Burauen-Realschule.

 

„Wir gestalten die pädagogische Pause an der Schule, das heißt, es gibt Essen und auch ein pädagogisches Angebot, vor allem bewegungsorientiert. Und dann betreuen wir die sich anschließende Hausaufgabenzeit, bieten AGs an, pendeln zwischen Stollwerck und Schule, sind in beiden Institutionen präsent.“ erklärt Sebastian selbstbewusst. „Wir helfen auch, wenn plötzlich Zehntklässler auftauchen, die ihre Bewerbung nicht alleine schaffen, schon mehrfach haben wir mit persönlichen Kontakten Jugendlichen zu einem Praktikum verholfen. Aber nicht mit Bevormunden, sondern mit Hilfe zur Selbsthilfe.“ Und Elisabeth ergänzt: „Ja, das ist mehr als Schach-, Basketball- oder die Fußball für Mädchen-AG, was wir natürlich auch anbieten. Wir sind einfach nah an denen dran, sie vertrauen uns. Wir sind eben nicht Lehrer und nicht Eltern, das ist oft gerade für die Jugendlichen mit Migrationshintergrund wichtig..“ - „Genau!“ unterbricht sie Kollege Sebastian „wir sind auch alternative Rollenvorbilder für viele, da kochen Männer in der Mensa und die Mädels studieren, haben Jobs, da wird viel diskutiert und das ist eindeutig eine präventive Arbeit. Das Stollwerck ist für die Kinder wie ihr Wohnzimmer, hier lernen sie Sozialverhalten!“ Und eben dieses niedrigschwellige Angebot sei extrem wichtig, betonen die beiden, die mit reichlich Herzblut seit Jahren dabei sind.
Genau diese präventive Arbeit ist auch Teil eines vom Kölner Rat 2008 beschlossenen „Rahmenkonzepts der Kölner Bürgerhäuser und Bürgerzentren“. In diesem Rahmenkonzept steht geschrieben, was und wie es die Bürgerzentren für die BürgerInnen leisten sollen, vor allem, dass ihre Arbeit Bestandteil des „vorsorgenden Sozialstaates“ zu sein habe und dass ihnen „eine wichtige kultur- und stadtpolitische Aufgabe zugefallen“ sei, da sie „Zugangsmöglichkeiten für alle Bevölkerungsteile“ schafften (Stadt Köln, Amt für Soziales und Senioren, 50/2-Bürgerhäuser, Bürgerzentren, Stand Dezember 2007).


Nicht auszudenken, wie die Südstadt, das Vringsveedel aussähen, müsste das Bürgerhaus Stollwerck seine Arbeit einstellen.

 

Das Bürgerhaus bietet Schülern und Kleinkindern ein pädagogisches und kulturelles Angebot.

 

Doch wie soll es auftragsgemäß und bedarfsgerecht weiterarbeiten können, wenn nochmal gespart werden soll? Im aktuellen Haushaltsplanentwurf ist für den Bereich Bürgerhäuser/Bürgerzentren ein Einsparvolumen von 1,1, Millionen Euro vorgeschlagen – am 18. Dezember geht der Entwurf in den Kölner Rat. Schon vor zwei Jahren gab es eine drastische Sparrunde: das BZ Stollwerck, größtes Haus in Köln, musste damals rund 60.000€ einsparen – die Mieten für Künstler-Ateliers und Veranstaltungsräume stiegen, kostenfreie Angebote wie das Internetcafé wurden kostenpflichtig, die Kursgebühren zogen an und auch die Energieeffizienz wurde überprüft. Seitdem bleibt der Aufgang im Foyer oft dunkel, die Heizungen werden abgestellt, doch soll all´ das nicht gereicht haben. Wenn nochmal der Rotstift angesetzt wird, dann bleibt wohl offen, ob die Angebote preislich noch so sein können, dass sie „Zugangsmöglichkeiten für alle Bevölkerungsteile“ bieten. Und dann kann man auch gleich ganz schließen. Dann wäre Schluss mit Theater für die Kleinsten, Medienkompetenztraining für die Jugendlichen oder bezahlbarem Kabarett für Große und Interkulturellem Dienst für etwa arabische Frauen, die sich hier basal zurechtfinden müssen. Um nur Einiges aus der enormen Vielfalt des Stollwerck-Leistungsspektrums zu erwähnen. Aus dem Sozialdezernat ist zu erfahren, dass an Schließung nicht gedacht sei, man wolle sich gemeinsam mit den Bürgerzentren hinsetzen und schauen, wo noch Sparpotential sei. Aktuell bemühe man sich mit Nachdruck um Termine, es dränge ja.

 


Nur, irgendwann ist eine Zitrone ausgequetscht, da kann man noch so pressen, es wird kein Saft mehr fließen. Interessant das Ganze besonders vor dem Hintergrund, dass die genannten Sparsummen sich geradezu lächerlich ausnehmen im Vergleich zu den Summen, die etwa eine nicht nutzbare Nord-Süd-Stadtbahn oder andere Großprojekte verschlingen – kleines Geld für große Wirkung vs. riesen Geld für wenig Wirkung – viele Bürger der Stadt schütteln da den Kopf. „Wenn hier Schluss ist, dann steigen die Kosten für den Jugendstrafvollzug – zu der Behauptung versteige ich mich“, sagt Sebastian Neidt, Student und engagiert in der Jugendarbeit des Stollwerck, forsch.


Beirat und Förderverein des Bürgerzentrums gehen in die Offensive, nach dem Motto: Wehret den Anfängen! Jeder kann eine Petition zur Rettung des Bürgerzentrums Stollwerck unterschreiben. Und am 18.12..12 um 12:30 Uhr organisieren die Bürgerhäuser eine Kundgebung vor dem Rathaus.


Wer hat das geschrieben?

Judith Levold und die Südstadt sind ein eingespieltes Team. Seit fast dreißig Jahren in Köln und seit fast ebenso langer Zeit im...

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