Ran an die Seile!

Spaß muss sein – auch beim Sport. Es geht nicht immer nur um Leistung: Dieser Meinung ist Diplom-Sportwissenschaftler Mario Rieder. Aber welcher Sport passt zu wem? Wann können Kinder verschiedene Sportarten ausprobieren und sich dann bewusst für eine entscheiden? Das Ausprobieren nach dem vollen Tag und der OGTS-Betreuung führt zu einem „Vereins-Hopping“, das viele Eltern leidend mitmachen. Rieder hat sich eine passende Lösung ausgedacht. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und wird sogar als EU-Projekt „Kids in Motion“ gefördert. Heute findet eine Fachtagung im Bürgerhaus Stollwerck statt, bei der das Thema Schule und Bewegung besprochen wird.

Nach seinem Sportstudium hat Mario Rieder ein bisschen rumgejobbt. Unter anderem war er auch Lehrer in allen möglichen Schulformen. In dieser Zeit entstanden gerade die Ganztagsschulen. Gleichzeitig belegten Studien immer wieder, dass die Kinder sich weniger bewegen und auch der Sportunterricht in den Schulen zu kurz kommt. Außerdem fehlte den Kindern immer mehr der freie Nachmittag, an dem sie einem Hobby nachgehen konnten. So haben die Kinder nur kurzweilig Interesse an einem Hobby, die Eltern melden das Kind im Verein an, und wenige Wochen später lässt das Interesse nach.

 

So wechseln die Kinder oft Verein nach Verein und haben dann kein festes Hobby und treiben nicht genug Sport. Folgen können Übergewicht und Adipositas sein. Da hat Mario Rieder sich überlegt, dass die Kinder nicht zum Sport müssen, sondern der Sport zu den Kindern kommen könnte. Als Arbeitsgemeinschaft (AG) in der Nachmittagsbetreuung. „So fing das 2008 an. Ich habe mit meinem Partner Volker Zirkel das Unternehmen SPORTAG gegründet und erlebnisorientierte Bewegungsangebote für verschiedene Schulen im Nachmittagsprogramm angeboten. Das heißt „Kinder in Bewegung“. Wir haben sehr positive Rückmeldungen von Schülern und Lehrern bekommen, und es kamen immer mehr interessierte Schulen hinzu,“ erzählt Mario Rieder lebhaft. Seine Augen lachen, und er ist ganz in seinem Element.

Es gab nur ein Problem: Nicht genügend ausgebildete Kursleiter für all’ die interessierten Schulen und Kinder! Also überlegten Mario Rieder und Volker Zirkel, sich an die EU zu wenden, um Projektgelder zu beantragen. Dies brachte eine Konzepterweiterung und verschiedene Kooperationen mit anderen EU-Ländern mit sich. Das Projekt wurde auch durch wissenschaftliche Untersuchungen unterstützt.

 

 

„Kids in Motion“ heißt das Projekt nun und bietet Kindern von ca. 8 – 12 Jahren die Möglichkeit, im Ganztag in einem Jahr 10 Sportarten auszuprobieren. Von Fußball über Tennis, Schwimmen und Volleyball bis Hockey ist vieles dabei. „Es ist kein Leistungsprogramm, in dem neue Talente rekrutiert werden sollen. Es geht auch nicht um eine Technikentwicklung. Es geht um Spaß beim Spiel. Kinder haben erst zwischen 8 und 12 Jahren eine bestimmte Koordinationsfähigkeit entwickelt und können somit die verschiedensten Sportarten austesten,“ erklärt Mario Rieder.

 

Auch die Kursleiter werden nun speziell ausgebildet und können so die unterschiedlichen Sportarten motorisch und didaktisch anbieten. Hierfür wurde ein besonderes länderübergreifendes Fortbildungsprogramm für fortgeschrittene Sportstudenten entwickelt. Durch dieses spezielle spielerische Angebot ist die Bewegungszeit für die Kinder deutlich erhöht und die Erklärzeit deutlich gemindert. Die gut ausgebildeten Sportstudenten haben das erforderliche Know-How, um Flexibilität zu zeigen und Spielvariationen durchzuführen.

Bei „Kids in Motion“ werden die Kinder spielerisch an den Sport herangeführt. Um richtig herauszufinden, welche Sportart zu welchem Kind passt, wurde auch ein innovatives Untersuchungsdesign entwickelt. Der Kursleiter/die Kursleiterin beobachtet die 18 – 20 Kinder ein ganzes Jahr hindurch, um Aussagen über Bewegungsfähigkeit, Motivation und Begeisterungsfähigkeit machen zu können.

 

Die Beobachtungen werden ausgewertet – und zwar nach dem gleichen Verfahren EU-weit. Die Kinder sind auch gefragt und beantworten nach jeder Stunde fünf Fragen. Mit verschiedenen Smiley-Gesichtern machen sie Aussagen darüber, wie gut ihnen welche Sportart gefallen hat und wie viel Spaß sie dabei hatten. Wenn ein Kind eine bestimmte Sportart nun intensiver ausüben möchte, wissen es selbst und seine Eltern, in welchem Verein das Kind gezielt angemeldet werden kann.

„Wir haben erstaunliche Erfahrungen gemacht. Wir legen beispielsweise die Tennisschläger hin und die Kinder können erst einmal das Gerät kennenlernen. Ganz ohne Anweisungen. Oder wir lassen Ringe und Seile runter und dann dürfen die Kinder einfach mal ran. Zum Beispiel habe ich festgestellt, dass die Mädels besonders gerne Hockey spielen und die Jungs gerne tanzen,“ führt Mario Rieder aus. „Wir beginnen mit einem Elternabend zu Beginn eines Schuljahres. Dabei informieren wir die Eltern über das Programm und wie es funktioniert. Dann melden sich interessierte Kinder für die AG an. Ideal ist es für Kinder der 3. / 4. Klasse und Kinder der 5. / 6. Klasse“.

Bei der heutigen Fachtagung im Bürgerhaus Stollwerck geht es auch darum, Schulleiter mit Erfahrungen berichten zu lassen, um interessierte Schulleiter zu informieren. Zum Beispiel wird die ehemalige Schulleiterin der Grundschule Mainzer Straße sprechen, wo das Projekt „Kids in Motion“ bereits im Ganztag aufgenommen ist. Mario Rieder verfolgt auch ein weiteres bestimmtes Ziel: „Wir wollen die Politik erreichen und den Sport vermehrt vom Ganztag in den Vormittagsbetrieb zu verlagern. Bewegung ist sehr wichtig. Auch am Vormittag. Wir würden gern Fortbildungen für Lehrer anbieten. Dafür brauchen wir allerdings die Unterstützung aus der Politik“.  


Mehr im Netz
www.kids-in-motion.eu
www.sportag-online.de


 


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Aslı Güleryüz ist gebürtige Kölnerin mit „Migrationshintergrund“ wie es so schön heißt. Nach dem Abi fing sie an die Welt zu...

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