Intime Einblicke. Feedback Schleifen in der Orangerie.

Ich bin weder intimer Kenner oder gar aktiver Teil eines bestimmten künstlerischen Milieus. Ich streune nichtmals am Rande eines solchen Umfelds umher. Ein interessierter Vagabund der aktuellen Veranstaltungs- und Aufführungspraxis bin ich ebenfalls nicht. Doch sind mir die unterschiedlichen Formen der spielenden Künste wenngleich nicht vertraut, so doch bekannt: Ballett und Ausdruckstanz, Sprech- und Bewegungstheater, Oper, Operette und Musical, und die Artistik des Zirkus. Diese Einteilungen haben sicherlich den Vorteil, dass der Zuschauer weiß, was er bekommt, wenn er in z.B ein Ballett geht. Die formalisierten künstlerischen Formen erleichtern das Verstehen des Dargebotenen und erhöhen die Vergleichbarkeit mit anderen Aufführungen. Die Begrenzung des kreativen Feldes hat ihren Preis in dem Ausschluss von Empfindungen, Gedanken und Körperzuständen, die mit der Formenbuntheit anderer Künste viel geeigneter zu erreichen wären. In Terrains aufgeteilt, wird die Kunst ihrer Lebendigkeit und Freiheit beraubt. Vieles erstarrt in einem freiwillig gewählten Formalismus, wirkt bedrückend und langweilig. Ein nicht unerheblicher Teil des Publikums will jedoch vitale Kraft und direkte Inspiration durch das Spiel auf der Bühne ohne Gängelung durch bestimmte Darstellungstechniken.


Am Dienstagabend wurde in der Orangerie im Volksgarten „Feedback Schleifen“ aufgeführt, eine Produktion des Atemzug e.V..  Eine Vereinigung von Künstlern, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Reichtum von Schauspiel, Tanz, Film und Musik mit der Artistik zu einem „Neuen Zirkus“ zu verbinden. Das schaffte Raum für ganz neue choreographische Möglichkeiten, die anfangs irritierten und später faszinierten. Das Startzeichen für das Stück oder besser: die Tanz- und artistische Szenenfolge, setzte das Publikum. Es begann ein karger Monolog darüber, wann etwas anfängt und aufhört, begleitet durch Körperbewegungen jenseits bekannter Zuordnungen. Der Blick auf das Bühnentreiben war zunächst analytisch klärend und die Bereitschaft, sich sensibel auf Neues einzulassen wuchs erst allmählich. War das jetzt Tanz, Akrobatik oder Theater? War das jetzt vor dem Stück, Prolog zum Stück oder im Stück?  In dem weiss getünchten Raum der Orangerie gab es keinerlei Rückzugsmöglichkeiten für die Akteure.  Die Schauspieler waren zu jedem Zeitpunkt der Aufführung zu sehen. Das Warm up war ebenso öffentlich wie die Umkleide transparent. In dem von Cox Ahlers klug, mit Gefühl für Timing inszenierten Stück, glänzten die drei Darsteller Christine Thevissen, Anders Kallesöe Jensen und Paolo Masini einzeln oder im Zusammenspiel. Inhaltliche Klammer der Szenenfolge war das Künstlerleben auf der Bühne mit seinen fundamentalen Regungen und Erregungen: Trauer und Freude, Argwohn und Vertrauen, zärtliche Hingabe und aggressives Gegeneinander, Erfolg und Scheitern, Freiheitsverlangen und Freiheitsangst.

 

Die drei Artisten Christine Thevissen, Anders Kallesöe Jensen und Paolo Masini im Einzel- oder Zusammenspiel.


Der Wunsch des Künstlers nach Anerkennung und Applaus war Thema in der vielleicht eindringlichsten Nummer des Abends, als Christine Thevissen als Hula Hoop-Artistin, angetrieben durch Paolo Masini und dem Beifall der Zuschauer, mit immer mehr Reifen immer länger das Becken bis zur totalen Erschöpfung kreisen ließ. Viel eher hätte das begeisterte Publikum durch ein resolutes Stop! den (Fast-) Zusammenbruch verhindern können, wäre es nicht zu schüchtern gewesen. Doch an diesem Abend waren die Feedbacks der Zuschauer eher verhalten und das angekündigte, rhythmisierende Strukturelement Interaktion funktionierte nur bedingt. Das tat dem atmosphärisch dichten Abend allerdings kaum Abbruch und das Publikum dankte es dem Ensemble und der Dramaturgin Jenny Patschovsky mit großem Beifall. Besonders zu loben ist auch der Komponist Nils Alf, dessen minimalistisch pulsierenden, mitunter brachial anschwellenden Beats die Aufführung wunderbar unterfütterten und damit erheblich mit zum Erfolg beitrugen. In dieser Qualität umgesetzt ist das Konzept des Neuen Zirkus eine Bereicherung für die spielenden Künste.
 

 

Mehr zum Thema:

www.atemzug-ev.de


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Roger Lenhard ist Westfale und wohnt seit 25 Jahren in der Südstadt. Er lernte schon die ehrwürdige "Glückauf-Kampfbahn...

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