„Was klackert hier so?“ – Die Graffiti Hall am Skatepark
Montag, 4. Mai 2026 | Text: Sarah Linßen | Bild: Sarah Linßen
Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten
Musik weht von der Südbrücke herbei, der Duft von einem Grill vermischt sich mit dem beißenden Geruch von Sprühfarbe, Kinder und Jugendliche bringen mit bunten Dosen schillernde Kunstwerke an die Trennwand der Gleise zum Skatepark. Am helllichten Tag. Graffiti – auf öffentliche Flächen!
Dürfen die das?!
Ganz genau. Das soll so. Heute wird gefeiert, dass hier am Kap am Südkai ein Ort entstanden ist, der von den jugendlichen Besucher*innen des Bauspielplatz Friedenspark (Baui) lange gefordert wurde: eine neue „Hall of Fame“.
Aber: Keine in den Boden eingelassenen Sterne mit Namen bekannter Persönlichkeiten. Halls sind legale Räume für Graffiti-Künstler*innen jeden Alters. Räume, die selten sind in Städten, wo Street Art und Graffiti oft als Sachbeschädigung und Vandalismus verhandelt werden. Wer hier sprayt, muss nichts fürchten, muss nicht flüchten.

Graffitikünstler*innen nutzen die Hall (Foto: Sarah Linßen)
Das ist kein neues Konzept. „In Köln gibt es mittlerweile in fast jedem Veedel legale – oder zumindest geduldete – Halls“, erklärt Laurenz, Mitarbeiter der GOT Elsaßstraße und ehemaliger Leiter der Graffiti AG im Baui. „Das hat sich in den letzten Jahren schon verbessert, und doch ist jede neue Fläche eine wichtige politische Geste. Gerade in Zeiten, in denen Kunst und Kultur immer weniger Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Graffiti ist Kultur, und die ist in jeder Form ein zu schützendes Gut der Gesellschaft.“
Die Idee offensichtlich, der Weg holprig
Legale Flächen entstehen nicht zufällig. Sie müssen gewollt, genehmigt und oft auch erkämpft werden. Wie das geht, haben die Kinder und Jugendlichen, die Teilnehmer*innen der wöchentlich stattfindenden Graffiti-AG aus dem Baui gezeigt.
Graffitileiter Jan und regelmäßiger AG-Teilnehmer Marten, erzählen schon am 27. März, bei der offiziellen Eröffnung mit der Bezirksvertretung, Bezirksbürgermeisterin Julie Cazier, Bezirksjugendpflege, Streetwork, Amt für Spielplatzangelegenheiten, Jugendamt, AWB, STEB, Mittwochmalern, Vertretern des Bauis und der Fachverwaltung der JugZ, wie es zu der Legalisierung der Fläche kam:
Alles begann vor drei Jahren während der Graffiti-AG. Die Jugendlichen unterhielten sich mit der AG-Leitung Jan über die Wand am Kap, die damals schon illegalerweise als Sprühfläche diente. Wie bescheuert es sei, dass die AWB immer wieder anrücke, die Wand reinige, nur damit diese innerhalb kürzester Zeit wieder bemalt werde. Ein ewiger Kreislauf, dabei wäre es doch ein idealer Platz für Sprayer*innen und könne niemanden wirklich stören. Ob man da nicht etwas machen könnte?

V.li.n.r.: Manuel Dreher vom Streetwork, Jugendbezirkspfleger Roman Weirich, Volkan Avci und Kimberly Büchel vom Amt für Kinder, Jugend und Familie, Bezirksvertreter Timo Schulze, Bezirksbürgermeisterin Julie Cazier und AG Leiter Jan (Foto: Sarah Linßen)
Bürokratie, aber make it Köln
Als David Becker, hauptamtlicher Mitarbeiter des Bauis, von diesen Gedanken mitbekam, sicherte er den Jugendlichen Unterstützung bei ihrem Vorhaben zu. Nach kurzer Überlegung verfassten sie gemeinsam einen Brief an die Bezirksvertretung und den Bezirksjugendpfleger. Beide Adressaten befürworteten die Idee, doch wir Kölner*innen wissen: Die bürokratischen Mühlen mahlen langsam. Nicht mit Absicht, sondern wie die Bezirksbürgermeisterin Julie Cazier betont, weil „sehr viele Zuständigkeitsbereiche in diesem Projekt zusammenkommen“, wodurch viele offene Fragen entstehen.
Wem gehört die Wand?
Mit viel Engagement widmete sich der Bezirksjugendpfleger Roman Weirich dieser Frage und konnte nach fast einem Jahr die STEB (Stadtentwässerungsbetriebe Köln) als Eigentümerin der Wand ausfindig machen. Mit Erfolg- sie gab die Wand frei!
Klingt wie ein Durchbruch, war aber nur die nächste Runde. Denn wohin mit den leeren Dosen? Die dürfen nämlich keinesfalls in die „normalen“ Mülleimer an der Rheinpromenade, sondern gehören in den Sondermüll. Es wurden Gespräche mit der AWB geführt, Ortsbegehungen gemacht, nach Lösungen gesucht und wieder verworfen. Die Idee Sondermülleimer an der Hall aufzubauen, schien lange die beste Option, doch die STEB wies auf das große Risiko von umweltgefährdender Kontaminierung bei Hochwasser hin. Am Ende fand sich eine Lösung, die den demokratischen und partizipativen Grundgedanken des Projekts entspricht: Alle machen ein bisschen was.

Offizielle Halleröffnung mit allen Vertretern der Stadt, Bezirksvertretung, JugZ und Baui (Foto: Sarah Linßen)
Und jetzt? Einfach machen!
Seitdem, also schon zwei Monate vor der offiziellen Hall-Einweihung Ende März dieses Jahres, ist die etwa 200m lange Wand freigegeben. Und wird genutzt:
„Sehr, seeeehhhhr geil!“ erklärt ein 18-jähriger Sprayer grinsend. Ihn überzeugt vor allem die Größe der Fläche, weil man sich so kaum in die Quere kommt. Und auch der Standort sei cool, weil man hier eben auch einfach so zusammenkommen und chillen könne. Dabei schwenkt er mit dem Arm vom Volleyballfeld bis zur Brücke. Was gemeint ist, ist klar: Es ist einfach ein unglaublich schöner Ort.

Julie Cazier, Roman Weirich, Volkan Avci, David Becker und Graffitit-AG-Leiter Jan (Foto: Sarah Linßen)
Graffiti-Kunstwerke sind ständigem Wandel ausgesetzt, die dort entstehende Kunst hat keinen Anspruch auf Dauer. Was hier entsteht, kann morgen schon übermalt sein. Liegt vielleicht auch gerade darin ein besonderer Reiz?
Die Besucher*innen der Einweihungsparty sind sich einig: Es gehört auf jeden Fall dazu. Wer sein Bild verewigen möchte, kann es fotografieren. Einige zeigen ihre Werke auf Instagram, so wie der 17-jährige Yulii.

Aus einem Hobby werden Zukunftspläne (Foto: Sarah Linßen)
Sein Wunsch ist es, irgendwann als Street-Art Künstler arbeiten zu können. Die Leidenschaft für Graffiti entdeckte er vor sechs Jahren, als er frisch aus der Ukraine bei den Mittwochsmalern (MM), einem fortlaufenden Angebot der OT Lucky’s Haus in Köln-Bilderstöckchen, einen Ort des Ankommens für sich fand.
Sprühen ist ein teures Hobby
„Die Mini-Hall am Baui war für dein Einstieg ganz cool. Allerdings ist sie so klein, dass dort meistens nur richtig gute Pieces waren, die ich mich als Beginner nicht getraut habe zu übermalen. Außerdem ist die Wand von außen kaum sichtbar. Das ist hier besser!“, erzählt ein anderer Sprayer. Der 17-jährige erklärt, dass es in der Szene eine Art Kodex gibt: Man übermalt nichts, von dem man weiß, dass man selbst nichts „Besseres“ kreieren wird. Bilder, die sehr bunt, bei denen also mit vielen Farben gearbeitet wurde, lässt man, wenn möglich, auch unberührt. Man weiß schließlich, dass viele Dosen viele Euros bedeuten. Die neue Hall bietet so viel Raum, dass jede*r – egal ob Anfänger*in oder Profi – hier einen Platz für sich findet.
Richtig angefangen mit Graffiti hat der junge Künstler erst vor kurzem. Ein Freund nahm ihn mit in den Baui, „was cool war, weil dort die Dosen gratis rausgegeben werden. Wenn man noch nicht weiß, ob Sprühen wirklich was für einen ist, ist das top. Sonst schmeißt man Geld zum Fenster raus.“

Gute Sprühfarben sind teuer. Umso wertvoller sind offene Angebote, in denen Jugendliche sich erst ausprobieren dürfen (Foto: Sarah Linßen)
Kunst oder Vandalismus?
Dass solche Orte gebraucht werden, ist in der Szene bekannt. Legale Flächen sind knapp, die Nachfrage groß. Gleichzeitig verschieben sich die Debatten: Zwischen kultureller Anerkennung und ordnungspolitischem Blick bleibt Graffiti ein Spannungsfeld.
„Graffiti ist Vandalismus“, ist eine altbekannte Position im Öffentlichen Diskurs. Was hier am Kap aber auffällt, ist dass alle Befragten sich über den Unterschied zwischen Privateigentum und öffentlichen Flächen bewusst sind. Oder sich zumindest Gedanken darüber machen.
Partizipation und Teilhabe
Am Ende läuft alles auf eine einfache Frage hinaus: Wem gehört der öffentliche Raum? Die Antworten darauf sind selten eindeutig. Aber manchmal beginnen sie genauso. Mit ein paar Dosen Farbe, einer freien Wand und der Entscheidung, sie zur Verfügung zu stellen.
Was daraus wird, liegt jetzt bei denen, die sie nutzen.

Aktuelle Graffiti-Werke an der Hall (Foto: Sarah Linßen)
Christina Bergmann, Fachbereichsleitung der JugZ sieht genau hierin den großen Erfolg des Projekts: „Der Grundgedanke der Jugendarbeit ist demokratisch und partizipativ. Das Entstehen einer neuen Hall of Fame als Ergebnis jugendlicher Eigeninitiative ist ein starkes Signal an Politik – vor Allem als „Kinderfreundliche Kommune Köln“- dafür, dass Teilhabe nicht nur möglich, sondern nötig ist. In diesem Projekt konnten die Kinder und Jugendlichen Selbstwirksamkeit erfahren, was sie auf individueller, wie gesellschaftlicher Ebene zu verantwortungsvollen und bewusst handelnden Akteuren macht.“
Peer-to-Peer impact
Wie sehr das wirkt, zeigt sich auch im Kleinen: Ein jugendlicher Passant lässt sich von Grill, Stimmung und der eigenen Neugier locken. Nach kurzer Beobachtung geht er auf einen Maler zu und fragt, seit wann man hier öffentlich sprühen könne. Der Künstler berichtet kurz, wie alles abgelaufen ist. Der Passant fragt ungläubig, ob es wirklich die Jugendlichen waren, die sich eingesetzt haben. Sein Gegenüber bejaht, der Passant fragt nach seinem Alter. Auch die Antwort scheint zu überraschen: „Big up, ich bin in etwa so alt wie du und wäre niemals auf die Idee gekommen, mich so einzusetzen. Krass, dass das geklappt hat! Danke, dass Ihr das gemacht habt, echt nice!“

Viel Platz für den eigenen kreativen Ausdruck (Foto: Sarah Linßen)
Wem gehört die Wand JETZT?
„Wir brauchen viel mehr Flächen wie diese. Dieser Ort ist ein perfekter Raum, weil er frei zugänglich ist, weil hier verschiedene (Jugend-) Szenen zusammenkommen und weil es auch ganz objektiv betrachtet ein schöner Platz ist. Die Aussicht auf den Rhein, die Abwesenheit von Autos, Mauern und Zäunen sorgt dafür, dass Kinder und Jugendliche sich hier nicht – wie vielerorts – abgeschoben fühlen. Sie haben hier einen Ort mittendrin“, erklärt Christina Bergmann.

Kein verstecktes und eiliges Sprühen notwendig. Hier kann an einem wirklich schönen Ort gesprüht werden (Foto: Sarah Linßen)
Als Bindeglied zwischen Stadt, STEB, JugZ und den Interessen der Besucher*innen schätzt Bergmann außerdem die unermüdliche Zusammenarbeit von Politik und den Interessensvertretern: „Es ist unglaublich schön zu sehen, dass alle beteiligten Akteure die Wichtigkeit der Sache erkannt haben. Die Bezirksvertretung zum Beispiel hat all das ehrenamtlich mitgestemmt und somit gezeigt, was es bedeutet, sich für unsere Demokratie einzusetzen.“
Am Ende ist es vielleicht ganz einfach: Die Wand gehört jetzt niemandem mehr so richtig. Und genau deshalb funktioniert sie. Keine Absperrung, kein „Betreten verboten“-Schild. Stattdessen Farbe, Begegnung und Kreativität.
Die Hall of Fame im Rheinauhafen ist ein Beweis dafür, dass Teilhabe funktioniert, wenn man sie zulässt. Und dafür, dass es engagierte Unterstützer*innen in der Politik braucht. Zum Glück gab es davon hier eine Menge!
Und an dieser Stelle noch ein kleiner Hinweis an die Stadt: Wer jungen Menschen Raum gibt, bekommt keine Probleme, sondern Ideen.
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