Sommer-Lesestoff
Mittwoch, 12. August 2026 | Text: Nora Koldehoff
Meine Südstadt geht in die Sommerpause. In den nächsten Wochen wird darum hier nur sehr sporadisch ein Beitrag erscheinen. Für die zweite Sommerferienhälfte kommen nun noch unsere Büchertipps. Heute nicht nur mit Empfehlungen von mir.
Meine Südstadt wünscht Euch weiterhin eine wunderschöne Sommerzeit!
Kirsten Fuchs
Sneaker
Sneaker ist 16 Jahre alt, vertreibt sich die Zeit am liebsten mit dem Sammeln und Wiederverkaufen von Turnschuhen und lebt in einer Zukunft, in der das gesamte Leben digital überwacht und gesteuert wird. Eigentlich ist Sneaker gut versorgt: Die Siedlung im Smarthome ist abgeschirmt vor der Welt draußen, in der Wetterkatastrophen und Pandemien wüten. Gegen Angst und eigentlich alle starken Gefühle helfen Blocker, die auch präventiv eingenommen werden.
Allerdings sind viele Tierarten ausgestorben und die Blüten, die überhaupt noch vorhanden sind, müssen von Hand bestäubt werden. Nach einem Sturm bricht der Kontakt zu den Eltern ab und Sneaker entscheidet sich dafür, sich ins Draußen zu wagen, um sie zu suchen. Zuerst noch auf dem E-Board und ausgerüstet mit dem Omniport, das als eine Art Weiterentwicklung des Smartphones auch die Körperfunktionen überwacht, lernt die Hauptfigur die Welt außerhalb der Siedlung kennen. Sneaker trifft dabei auf neue Bekanntschaften und neue Lebensentwürfe. Jede neue Station bietet auch immer wieder eine neue Form der Sicherheit, eine Möglichkeit, unterzuschlüpfen, sich Gemeinschaften anzuschließen und abzuwarten, vielleicht gefunden zu werden von den Elternteilen, irgendwann, hoffentlich. Aber Sneaker entscheidet sich dagegen, zieht weiter, will selbst handeln, suchen und sich vor allem nicht abhängig machen. Und dabei trifft Sneaker auf Livt…
In ihrem neuen Roman zeichnet Kirsten Fuchs eine dystopische neue Welt – und in ihr Sneaker. Wie bei allen Figuren der Geschichte erfährt man das Gender von Sneaker nicht – was gar nicht thematisiert wird, sich ganz natürlich liest und Interpretationsmöglichkeiten offen lässt. Wie „frisch geschlüpft“ im Draußen fühlt sich die Hauptfigur, Erfahrungen und Empfindungen entdeckend, die sie wie einen interessant geformten Findling von allen Seiten betrachtet und sich in der Welt vorantastet. Eine hoffentlich noch ferne Zukunft, durch Sneakers Augen nahbar, menschlich und abenteuerlich erzählt. Großartig.
Kirsten Fuchs: Sneaker
Rowohlt, 240 Seiten, 24 Euro
Madeline Cash
Verlorene Schäfchen
Bei den Flynns läuft es nicht so ganz rund. Mutter Catherine ist mit der Gesamtsituation unzufrieden und eröffnet ihrem Mann Bud, die gemeinsame Ehe öffnen zu wollen – woraufhin auch er in eine Sinnkrise fällt. Insgesamt sind die beiden so sehr mit dem jeweils eigenen und gemeinsamen Gefühls-Kuddelmuddel beschäftigt, dass die drei halbwüchsigen Töchter weitestgehend unbehelligt ihre eigenen jeweiligen Katastrophen bearbeiten. Die älteste, Abigail, schleicht sich unbedarft auf exklusive Parties und datet „Kriegsverbrecher-Wes“, die mittlere, Louise, führt einen gefährlichen Chat mit ihrem fundamentalistischen Online-Freund und die hochintelligente jüngste Tochter Harper provoziert so gewohnheitsmäßig, dass ihre frühen Hinweise auf eine Verschwörung im Ort lange nicht beachtet werden.
Die Story ist spannend, aber die Stärke des Romans liegt vor allem in seinen Figuren. So chaotisch, mitunter auch egoistisch und dann wieder zärtlich und aufeinander zugehend, dabei so warm und witzig erzählt, zeigt die Momentaufnahme aus dem Leben der Flynns bei allen Überspitzungen ihre Menschlichkeit, Nahbarkeit, ihre Verletzlichkeiten und Wärme im Miteinander.
Madeline Cash: Verlorene Schäfchen
Penguin, 320 Seiten, übersetzt von Sophie Zeitz, 24 Euro
Alena Schröder
Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
Hannah ist enttäuscht. Gerade war eigentlich alles gut, aber jetzt zieht ihre schwangere Freundin und Mitbewohnerin Rubi aus. Gleichzeitig nimmt überraschend ihr Vater mit ihr Kontakt auf, der bislang in ihrem Leben keine Rolle gespielt hat. Dennoch tritt er mit einer dringlichen Selbstverständlichkeit ihr gegenüber auf, die Hannah irritiert.
Parallel zu Hannahs Geschichte in unserer Gegenwart wird die von Marlen erzählt, die damit beginnt, dass sie sich 1945 als Vierzehnjährige und offenbar einzige Überlebende ihrer Familie aus Angst vor russischen Soldaten in einer Kommodenschublade eines verlassenen Forsthauses versteckt. In dieser Notlage kommt ihr in letzter Sekunde Wilma zu Hilfe, die die Waise auch anschließend bei sich aufnimmt.
Die Geschichten der beiden Frauen, verwoben durch Familiengeschichte und Emanzipationsprozesse, Erzählungen und Verschwiegenes, nimmt immer stärker aufeinander Bezug. Ein kleines, unscheinbares Stück Leinwand, das Marlen in der Schublade findet, ist dabei der rote Faden.
Der Roman ist der Abschluss einer Trilogie, in der aber auch alle Teile unabhängig voneinander funktionieren. Besonders stark zeichnet Alena Schröder die weiblichen Hauptfiguren des Romans – und mit ihnen Fragen, wie die, was wir unseren Familien und Wahlfamilien schulden und wie Geschehnisse aus zwei Jahrhunderten aufeinander Bezug nehmen können.
Alena Schröder: Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
dtv, 352 Seiten, 23 Euro
Liv Strömquist
I'm every woman
Liv Strömquist erzählt die Geschichten männlicher Genies, aber mit Fokus auf ihren Frauen. Von Priscilla Presley über Barbamama bis Yoko Ono zeichnet Comickünstlerin Strömquist die Lebenswege derjenigen, die sonst oft nur als Beiwerk auftauchten und zeigt, wie die alten Erzählungen die Frauen reduzierten statt sie zu sehen. So entkräftet sie mit feministischer Stimme Mythen, die sich über viele Jahre eingetreten haben, auf unterhaltsame und unkonventionelle Weise.
Liv Strömquist: I’m every woman
avant Verlag, 2019, 112 Seiten, übersetzt von Katharina Erben, 20 Euro
Ein Tipp von Sarah Koldehoff
Kaveh Akbar
Märtyrer!
Cyrus ist fasziniert von Märtyrern, eigentlich will er ein Buch über sie schreiben. Doch hauptsächlich leidet Cyrus unter dem Leben. Denn das Leben sieht er destruktiv und durch den Tod definiert und verbringt es vielleicht auch deshalb mit Drogen und einer Affäre mit seinem Freund Zee. Verwoben mit Cyrus’ Leben und Leiden ist seine Familiengeschichte, die sprunghaft parallel erzählt wird: Die seines sich aufopfernden Vaters, seines Onkels und die seiner Mutter, deren Flugzeug abgeschossen wurde, als Cyrus noch ein Baby war. Um all das aufzuarbeiten, begibt sich Cyrus auf die Reise zu einer Künstlerin, die sich in ihrer Kunst mit ihrem eigenen nahenden Tod auseinandersetzt.
Der iranisch-amerikanische Autor Kaveh Akbar schreibt in faszinierend poetischer und manchmal surrealer Sprache von Cyrus und seiner Suche nach Sinn und Unsinn des Lebens und Sterbens. Ein Buch, in dem man die Sätze vorsichtig liest und viele davon unterstreichen will, weil sie so fein beobachtet und formuliert sind.
Kaveh Akbar: Märtyrer!
Rowohlt, 2025, 400 Seiten, übersetzt von Stefanie Jacobs, 24 Euro
Ein Tipp von Sarah Koldehoff
René Förder und Stephan Pächer
Toni Kölsch - Ausgelöscht
Im beschaulichen Marienburg ist ein Mord geschehen und stellt das Team um Hauptkommissarin Toni Kölsch und Serkan Bilgin vor große Herausforderungen, denn alles Persönliche des Opfers scheint zu fehlen. So wurde auch das Gehirn mit chirurgischer Präzision entfernt.
Nachdem weitere Morde nach dem gleichen Muster geschehen, geht eine rasante Jagd nach dem Serienmörder bzw. der Mörderin durch diverse Stadtteile der Domstadt los. Je näher die aus einer bekannten Brauhausfamilie stammende Kommissarin Kölsch der Täterin/dem Täter kommt, desto persönlicher wird der Fall – denn der/die scheint ihr dunkelstes Geheimnis zu kennen.
Der Debutroman der beiden preisgekrönten Kölner Drehbuchautoren René Förder und Stephan Pächer ist die perfekte Urlaubslektüre. Sie verstehen es, einen amüsant-spannenden Plot aufzubauen, und geizen nicht mit sanften und groben Seitenhieben auf die vielen Baustellen und Probleme in der Stadt. Der Ton ist locker – filmisch, rhythmisch und stets nah an den Figuren.
Emons Verlag, 304 Seiten, 15,00 Euro
Ein Tipp von Gaby DeMuirier
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