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Gesellschaft

Da geht dann ein kostbarer Schatz verloren

Freitag, 3. Juli 2015 | Text: Alida Pisu | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Jede Lebensgeschichte ist interessant und spannend, vor allem aber wert, erzählt und bewahrt zu werden. Davon sind sie fest überzeugt. Und diese Überzeugung hat dazu geführt, dass sie die „Werkstatt für Memoiren“ gegründet haben und für andere Menschen deren ganz persönliche Biographie erstellen. Sie: das sind die Journalistin  Ariane Dettloff und Anne Kaute, Grafik-Designerin sowie Betreuerin und Begleiterin alter Menschen. „Meine Südstadt“ hat sich mit ihnen über ihre Arbeit unterhalten.

Meine Südstadt: Warum wenden sich Menschen an Sie, erzählen Ihnen aus ihrem Leben mit oftmals auch sehr privaten Geschichten? Es ist ja ein ziemlicher Schritt, einem Fremden gegenüber so offen zu sein.
Ariane Dettloff: Ja, wobei es manchmal leichter ist, es Fremden zu erzählen als den Näherstehenden.

Für die ist es aber doch gedacht, oder?
Ariane Dettloff: Für die ist es gedacht, ja. Manchmal ist es aber auch nur, um sich selbst klar zu werden über das eigene Leben. Das erlebe ich gerade mit einem ehemaligen Lehrer. Der nimmt das als Anlass, sich selbst zu reflektieren und auf sein Leben Rückblick zu halten. Und es für sich auch mehr einzuordnen, zu interpretieren.

Anne Kaute: Die Motivation ist sehr unterschiedlich. Bei einer Frau, die vier Kinder hat und schon schwer erkrankt war, war es ein sehr großer Antrieb, für die Kinder etwas aufzuzeichnen, bevor ihr Leben zu Ende geht. Bei einer anderen Frau, die auch vier Kinder hat, ging es eher um Erinnerungsarbeit. Da war die Tochter  Auftraggeberin und die hat dann gesagt: „Ich merke jetzt immer mehr, dass es nicht nur für uns was ist, was für uns da bleibt, sondern auch so eine Art therapeutischer Prozess für die Mutter.“ Ihre Mutter hat eine demenzähnliche Erkrankung und jetzt liegt das Buch auf ihrem Nachttisch im Seniorenheim. Wenn es ihr schlecht geht, schlagen wir das auf und ich kann ihr sagen: „Gucken Sie mal, das sind Sie. Das ist ihr Elternhaus, und Sie haben sieben Enkel. Und Sie haben klasse Sachen gemacht in Ihrem Leben.“ Dann kriegt sie auch wieder Identität.

Wenn man sich erinnert und aus seinem Leben erzählt, durchlebt man das in gewissem Sinne ja auch wieder. Manches wird vielleicht klarer oder sogar verarbeitet. Wie gehen die Leute damit um???

Ariane Dettloff: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie alle sehr, sehr gerne erzählen. Es wird nicht alles erzählt. Meistens mehr Angenehmes als Unangenehmes. Die Erste, die wir hatten, war die Aufrichtigste, die mit sich selbst sehr ehrlich umging und die auch weniger Angenehmes sehr reflektiert erzählt hat.

Anne Kaute: Aber manchmal erzählen sie auch durch Auslassen sehr viel. Es sagt ja auch was aus, worüber sie dann nicht sprechen.

Ariane Dettloff: Eine Landwirtin hat es abgelehnt, alles was irgendwie in Hinblick auf Erotik gemeint gewesen sein könnte, zu beantworten.

Anne Kaute: Hast du denn danach gefragt?

Ariane Dettloff: Ja, ich habe gefragt, was ihr denn an ihrem Mann, als sie ihn kennengelernt hat, so gut gefallen hat. Da ahnte sie, das hätte mit Erotik zu tun, darüber wollte sie nichts sagen.

Anne Kaute: Da fällt mir ein, dass ich nach den Fotos aus ihrer Jugend immer das Gefühl hatte, dass sie eine ganz Flotte war, die viel geflirtet hat. Aber darüber hat sie nicht gesprochen. Da habe ich schon mal gesagt: „Ach, ich könnte mir vorstellen…“ Und dann hat sie vielsagend geguckt, die Augen niedergeschlagen und fing irgendwann an, ein Lied zu singen. Ein alter Schlager: „Erst ein Cappuccino, dann ein Gläschen Vino und dann wir zwei allein.“ Als ich mitgesummt habe, da hat sie einen Spaß gehabt…

Wie ist das mit den unangenehmen Punkten in der Biographie? Werden die gerne umschifft?
Ariane Dettloff: Das ist sehr unterschiedlich. Und manchmal weiß ich das ja auch gar nicht.

Anne Kaute: Die Leute haben doch ihr ganzes Leben schon einen Umgang damit gefunden. Und das ist auch keine Generation, die sich irgendwelchen Therapien geöffnet hat. Also sind das meistens blinde Flecken, über die vielleicht ein Scherz gemacht wird. Oder bei der Frau, die an Demenz erkrankt ist: die Wahrheit, die sie ausgesprochen hat, war eher indirekt. Z. B. hat sie gesagt: „Die Eltern vergisst man nicht ganz“. Ich finde diesen Satz unglaublich. Da steckt so viel drin. Da war ich so begeistert, dass ich die Tochter gefragt habe, ob ich da den Titel draus machen kann.

Machen Sie die einzelnen Biographien eigentlich gemeinsam?
Ariane Dettloff: Wir haben die Rollen aufgeteilt. Ich bin für den Text zuständig und Anne ist Grafikerin, sie ist für die Gestaltung zuständig. Aber wenn ich fertig bin, gebe ich Anne den Text. Sie muss die Menschen ja auch „verstanden“ haben für ihre Arbeit.

Anne Kaute: Manchmal haben wir eine wahnsinnige Foto-Auswahl, so dass man sich immer entscheiden muss: „Wie wirkt so ein Leben auf mich? Und welche Fotos suche ich mir dafür aus, um das auszudrücken?“

Frau Dettloff, die Leute erzählen Ihnen, Sie schreiben alles auf. Und dann?
Ariane Dettloff: Ich lasse frei erzählen, dann mache ich eine wörtliche Transkription, die ich stilistisch bearbeite. Aber behutsam, es soll der persönliche Stil durchschimmern. Nach dem Gestalten gebe ich diesen Text noch mal an die erzählende Person, das mache ich eigentlich auch schon nach den ersten Seiten und frage, ob diese Art der Darstellung gefällt oder nicht. Es kann ja z. B. sein, dass auf einmal Passagen Schrecken erregen: „Nein, das will ich aber nicht an die Öffentlichkeit bringen.“ Oder: „Oh, ich habe ja was ganz Wichtiges vergessen.“ Dann kann natürlich gestrichen oder ergänzt werden.

Ist der Aufbau der Lebensgeschichten biographisch oder thematisch, so wie beim Film, das man z. B. eine Liebesgeschichte erzählen will?
Ariane Dettloff: Biographisch. Eine Liebesgeschichte hatten wir bisher nicht.
Aber wenn jemand käme? Dann wären wir nicht abgeneigt.

Das kann ich mir auch spannend vorstellen. Ist das denn überhaupt für Sie spannend?
Ariane Dettloff: Das ist sehr spannend. Super-spannend. Immer.

Anne Kaute: Ich glaube, das muss auch so sein. Die Leute müssen ja auch das Gefühl haben: „Da ist jemand, der hört gerne zu.“ Das ist ja auch die Basis, sich öffnen zu können. Und wenn sie das merken, dann erzählen sie gerne. Und viel.

Was ist für Sie das Wichtige an Ihrer Arbeit?
Ariane Dettloff: Wichtig ist, dass die Menschen, die kommen und denken, sie könnten gar nicht so gut erzählen, je länger es dauert, auch merken, wie gut und gerne sie eigentlich erzählen. Sie überraschen sich oft selbst damit.

Anne Kaute: Das Interesse an Biographien muss vorhanden sein. Bei mir ist es das. Dass ich die Lebenswege der alten Generation auch ganz spannend finde. Und dass ich so denke: „Wenn diese Generation verschwindet, gibt es die Kriegs-Generation nicht mehr. Das sind die Leute, die jetzt sterben, die sind jetzt Mitte 80. Da geht dann ein kostbarer Schatz verloren.“

Ariane Dettloff: Es ist ja nicht nur für die eigene Familie interessant. Es ist ja auch eine Form von All-History, die dabei herauskommt.

Letzte Frage: welche Kosten sind damit verbunden, wenn man Ihre Dienste in Anspruch nimmt?
Anne Kaute: Es ist schwierig, eine Summe anzugeben, weil man unterschiedlich lange an den Sachen arbeitet. Wenn z. B. eine Anfrage kommt von jemandem, der sein Leben selbst schon aufgeschrieben hat und das nur in eine Form gebracht haben will, ist es ein ganz anderer Preis, als wenn der Aufwand sehr viel umfangreicher ist. Wir machen das individuell.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Mehr im Netz
„Werkstatt für Memoiren“  www.werkstatt-fuer-memoiren.de
 
 

Text: Alida Pisu

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