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Südstadt

Die Fünf vom Eierplätzchen

Montag, 20. April 2015 | Text: Jörg-Christian Schillmöller | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Hier schlägt das Herz. Eine eiförmige Fläche, eine hohe Laterne, drumherum Bänke aus grünlackiertem Metall, dazwischen Steinquader. Zwölf Bäume und doppelt so viele Autos säumen das Ei, alle mit der Schnauze Richtung Mitte. Der Platz ist nicht schön. Fünf Straßen münden hier ein, an den Ecken ein Café, ein Kiosk, eine Kneipe, ein Park. Das sind die Koordinaten. Der Platz sieht zwar aus wie ein Kreisverkehr, ist aber keiner: Es gilt rechts vor links. Weil viele das nicht wissen, kommt es zu Gehupe und Blechschäden. Das ganze Jahr über. Ich wohne hier.

1. Sommer

 

Er ist da, wenn ich den Kiosk gegenüber nicht mehr sehen kann, weil die Bäume dicht belaubt sind. Das Laub ist dunkelgrün, noch ist kein Blatt gefallen. Auf dem Platz rutschen Schuhsohlen über harten Sandboden, dazu das dumpfe Aufprallen eines Balles auf Körperteilen und Motorhauben. Die Jungs spielen Fußball und Frisbee, auch nach Mitternacht, die Mädchen schwatzen, die Musik aus den Handys klingt wie von fern, manchmal bringt jemand Boxen mit, und die Luft riecht nach mehr als nur dem Rauch profaner Zigaretten. Es ist warm, die Abende sind lang, es ist Leben auf dem Platz. Vom Park zieht der Grillgeruch herüber, die Menschen tragen T-Shirts und Latschen, man denkt nicht über Jacken nach. Autos mit Bässen halten an, ein Hund sitzt irgendwo und schaut zu, die Wärme wird zur Hitze, die Nächte sind kurz und tropisch, die Südstadt schnappt nach Luft. Später, im Spätsommer, hören die Vögel auf zu singen.

2. Herbst

Das Weinlaub am Café wird feuerrot. Die Eierplätzchenband spielt zum letzten Mal im Jahr, einmal noch sind 300 Menschen da, an einem Sonntag, nachmittags, sie tanzen, klatschen, der Platz ist Musik. Es gibt immer noch Sonne, und noch wärmt sie – nur scheint sie nicht mehr bis neun Uhr bei mir ins Wohnzimmer. Langsam zieht sie sich zurück, steht von Tag zu Tag tiefer über dem Café. Dann kommen die Tage und Abende, da ist kein Mensch auf dem Platz. Der Regen kühlt nicht mehr, er nervt, man braucht wieder Jacken und Schirme, es riecht nach Herbst. Das Laub fällt zuerst von den Platanen in der Mainzer Straße. Sankt Martin, jedes Jahr ein Innehalten, der feierliche Schulumzug. Am Eingang vom Park stehen Schimmel und Reiter, groß und schweigsam, während geweitete Kinderaugen mit Laternen vorbeiziehen, wahlweise mit Kerze oder Glühbirnchen. Die Musik der Bläsergruppen vermischt sich, oben am Fenster höre ich zwei, drei Martinslieder auf einmal und denke an die Kindheit.

3. Winter

Alles kahl. Der Platz vereinsamt, es ist zu kalt oder zu windig zum Sitzen. Aber am 1. Advent taucht er auf, jedes Jahr, und dann ist der Platz wieder schön. Da steht er, mitten in der Mitte, nahe der Laterne, der Weihnachtsbaum mit dem unmissverständlichen Imperativ: „Schmück mich!“ Er ist einen Meter 50 hoch, und jeder hängt was dran, Lametta, Kugeln, Figuren, der Baum wird voll und bleibt stehen. Zumindest bis Silvester. Dann geht er schonmal, gewollt oder ungewollt, in Flammen auf, drumherum leuchtende und betretene Gesichter. Am Silvesterabend ist der Eierplatz blind vor Rauch, das Böllern ist seit Tagen im Park geprobt worden. Der Platz ist laut, er glitzert, funkelt, es knallen Korken, das neue Jahr wird herangezählt, Umarmungen und Küsse mit Freunden und Fremden, es ist ein Bündnis auf Zeit, spätestens um eins sind die meisten wieder weg, zurück in Häusern und Kneipen, im Warmen, um besseren Alkohol zu trinken. Dann fällt der erste Schnee, und die Schritte werden dumpf, die Stadt wird leise. Ich kann den Kiosk wieder sehen.

4. Karneval

Der Platz ist ein Gelenk, ein Scharnier, kein Haltepunkt. In der Kneipe schunkeln sie, aber nicht so eng wie im „Mainzer Hof“ nur einen Block weiter. Aber ein Block kann so weit weg sein. Auf dem Platz kommen sie aus der Eburonen- und der Teutoburger Straße an, kaufen am Kiosk alles, was sie noch nicht probiert haben und ziehen weiter, zum Knutschen und Kotzen in den Park oder zum Weitersingen in die Mainzer Straße, Richtung Norden. Manchmal verirrt sich eine Nubbel-Prozession auf den Platz, aber die Hauptstrecke der Trauer verläuft hier nicht. Das Café ist frei von Karneval, nicht jedoch von Jecken, die einen Kaffee ohne Fremdschweiß brauchen und kontrollieren, ob die eingesammelten Telefonnummern auch stimmen. Das Wetter ist gnadenlos schön oder gnadenlos unbarmherzig. Strahlende Sonne, Schneesturm, alles gesehen, alles durchgestanden, im Wortsinne.

5. Frühling

Die Kohlmeise ist immer die erste, ihr Ruf klingt wie eine Luftpumpe in den Bäumen. Geduldig singt sie längere Abende herbei, und die Forsythie unten am Park steht eines Morgens auf Gelb. Das Grün in den Bäumen ist dann nicht mehr weit. Der Schnee taut, der Platz schüttelt sich, die Straßenkehrer fegen Reste weg, die Jugend kehrt zurück. Die Jungs sind größer geworden, die Mädchen haben neue Handys, einige sind zu alt und kommen nicht mehr, andere kommen zum ersten Mal, der Übergang ist fließend. Das erste T-Shirt, die erste Sonne, das erste Eis. Das Licht ist noch zerbrechlich, die Luft riecht süß nach Zukunft. Es sind Tage, an denen alles möglich ist und alle Pläne auf einmal geschmiedet werden. Der Platz ist ein Sprechsaal, für Lebensentwürfe, Trennungen, für Fußball und Facebook. Die Autos werden klebrig von den Blüten der Bäume, und wie grüne Blitze schießen Sittiche Loopings in den Himmel. Jeder freut sich, endlich wieder draußen zu sein, die Grundschulkinder toben, der Park klingt wie ein Freibad. Der Sommer kommt.

 

Der Platz hat seinen Jahreskreis geschafft, und weil er dafür etwas länger braucht, nämlich fünf Jahreszeiten lang, ist er nicht kreisrund, sondern bauchig wie ein Ei.
 

Text: Jörg-Christian Schillmöller

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