Die Südstadt bleibt stabil!
Montag, 5. Oktober 2026 | Text: Jeannette Fentroß | Bild: Jeannette Fentroß
Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten
Tausende auf der Gegendemo rund um den Chlodwigplatz!
Rund um den Chlodwigplatz und in den angrenzenden Straßen sammelten sich bereits gegen Mittag eine Vielzahl an Menschen. Vom Barbarossaplatz, vom Rheinufer und aus Richtung Bonner Straße strömten immer mehr Demonstrierende in das Veedel. Die KVB stellte den Straßenbahnverkehr ein. Schon lange bevor sich der angekündigte sogenannte Gedenkzug des AfD-nahen Bündnisses „Köln steht auf“ überhaupt in Bewegung setzt, ist klar: Dieser Nachmittag des 3. Oktobers wird in der Südstadt kein gewöhnlicher Samstag.
Das spontane Südstadt-Bündnis gegen Rechts hatte zur Gegendemo aufgerufen. Auf dem Kartäuserwall stand eine Bühne. Auf einem Transparent stand: Keine Bühne der AfD. Nationalismus ist keine Alternative. Moderator Alexander Simon erinnerte an die rassistischen und rechtsextremen Ausschreitungen der frühen 1990er-Jahre – an Hoyerswerda, Mölln, Solingen und Rostock-Lichtenhagen.
Reden wechselten sich mit Musik ab. Immer wieder schallte der Ruf „Nazis raus, raus, raus!“ über den Platz. Sprecher forderten unter anderem ein AfD-Verbot und sprachen sich gegen Kürzungen bei Sozialem, Jugend und Demokratieförderung aus. Neben den politischen Redebeiträgen wurde die friedliche Demonstration vom Verein Südstadt-Leben, Rolly Brings, den Falken oder dem Bündnis Köln-Nord gegen Rechts unterstützt.

Foto: Jeannette Fentroß
Die Botschaft des Nachmittags war und ist unmissverständlich: Die Südstadt will dem rechten Aufzug keinen Raum geben. Um 13.45 Uhr standen allein am Kartäuserwall bereits mehr als 1.500 Menschen. Am Ende des Tages sprechen die Veranstalter*innen schließlich von 5.000 Gegendemonstrant*innen. Die Zahl lässt sich allerdings nicht überprüfen. Ein ähnliches Bild boten die Zugänge über die Severinstraße oder im Ferkulum sowie im Severinswall. In Richtung der Bonner Straße konnte man die Massen der Gegendemonstranten erst gar nicht mehr zählen. Später sprach auch die Polizei insgesamt von einer hohen vierstelligen Zahl bei den Gegenprotesten.

Foto: Jeannette Fentroß
Protestzone im Veedel
Es war eine eigentümliche Mischung aus Straßenfest, Konzert und politischer Kundgebung. Auf einer Lkw-Bühne traten Musiker auf, darunter Querbeat und die Bläck Fööss. Statt des sonst bekannten „Guten Morgen Barbarossaplatz“ hieß es an diesem Tag sinngemäß: Guten Morgen Chlodwigplatz. Das war wiederholt eine typisch kölsche Form des politischen Protests: laut, musikalisch, manchmal chaotisch. Dazwischen Reden. Rufe. Pfeifkonzerte.
Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort. Die Zugänge zum Chlodwigplatz werden abgeriegelt, überall standen Einsatzfahrzeuge. Ein Polizist sprach von rund 300 Einsatzkräften aus ganz Nordrhein-Westfalen. Für den Aufzug von „Köln steht auf“ waren rund 200 Menschen angekündigt. Tatsächlich erschienen waren nur etwa 25.

Zum geplanten Zug durch Köln kamen deutlich weniger Teilnehmende, als erwartet (Foto: Jeannette Fentroß)
Während der Gegenprotest längst die Straßen füllte, kamen erst gegen 13:45 Uhr einige wenige Teilnehmer des angemeldeten Aufzugs in ihren Fahrzeugen auf den Chlodwigplatz. Nachdem sie sich auf der Platzmitte zusammenfanden, wurden Deutschlandfahnen geschwenkt. Alles wirkte wenig planvoll und alles in Allem sogar ein wenig verloren. Ein Start des Aufmarschs blieb unklar. Klar war nur, dass es extrem schwierig sein sollte, überhaupt Richtung Innenstadt zu kommen.

Foto: Jeannette Fentroß
Kein Durchkommen des rechten Bündnisses
Von Gegendemonstranten quasi umzingelt saß der „rechte Aufmarsch auf dem Chlodwigplatz“ fest. Der Weg über die Severinstraße war komplett mit Autos versperrt. Erst gegen 16 Uhr setzte sich der „Gedenkzug“ dann langsam in Richtung Ferkulum in Bewegung. Es gab lautstarke Zwischenrufe, Pfeifkonzerte und turbulente Momente und Rangeleien mit der Polizei. Nach nur etwa 50 Metern war Schluss und erneut klar: Ein Aufzug mit politisch-rechtsnaherer Gesinnung kommt in der Südstadt nicht durch.

Der geplante Marsch fand ein schnelles Ende (Foto: Jeannette Fentroß)
Der Weg in Richtung Waidmarkt und Innenstadt war versperrt und der geplante Marsch zum Dom gescheitert. Die Bündnis „Köln steht auf“-Anhänger mussten zurück auf den Chlodwigplatz, der jetzt noch intensiver durch die Einsatzkräfte abgeriegelt wurde. Rund um das Brauhaus „früh im Veedel“ bildeten Einsatzfahrzeuge zwei regelrechte Wagenburgen – um ein unkontrolliertes Eindringen auf den Chlodwigplatz zu verhindern.

Foto: Jeannette Fentroß
Auf der anderen Seite der Absperrungen ging der Protest weiter. Um 16:50 Uhr wurde schließlich bekannt, dass die Abschlusskundgebung der Rechten stattdessen auf dem Chlodwigplatz stattfinden soll. Nach 17 Uhr lief dann die Veranstaltung nach anfänglichen technischen Problemen. Es gab ein paar akustisch und inhaltlich unverständliche Redebeiträge, Fahnenlaufen im Kreis und ein paar Trommelklänge – stets begleitet von lautstarken Zwischenrufen der Gegendemonstration.

Foto: Jeannette Fentroß
Hätz gegen Hetze!
Gegen 18:30 Uhr verließen die letzten Teilnehmenden des rechten Aufzugs den Chlodwigplatz in Polizeibegleitung und unter vernehmbaren „Haut Ab!“-Rufen. Die Gegendemo ging weiter. Konzerte und Auftritte folgten und viele Menschen, die sich an diesem Tag gemeinsam gegen Rassismus, Nationalismus und eine politische Verschiebung nach rechts gestellt hatten, blieben noch lange zusammen.
Das ist die eigentliche Geschichte dieses 3. Oktober – nicht der kleine rechte Aufzug, der nach wenigen Metern am massiven Gegenprotest scheiterte. Es ist die Südstadt: ein Veedel, das seine eigene Geschichte kennt – und daraus eine politische Gegenwart macht.

Die Gegendemo blieb noch länger auf dem Chlodwigplatz zusammen (Foto: Jeannette Fentroß)
Rückblick: Von „Arsch huh“ bis zur Friedensdemo
Für die Südstadt ist dieser Nachmittag auch eine Erinnerung an ihre eigene politische Geschichte. Kaum ein Ort in Köln ist stärker mit antifaschistischem und antirassistischem Engagement verbunden, als der Chlodwigplatz. Am 9. November 1992 versammelten sich hier rund 100.000 Menschen unter dem Motto Arsch huh, Zäng ussenander zu einer Großkundgebung gegen Rassismus und Neonazismus. Es war eine der größten Demonstrationen der Kölner Nachkriegsgeschichte. Vorausgegangen waren unter anderem die rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen und die Brandanschläge von Mölln.

Foto: Jeannette Fentroß
Die Erinnerung daran war an diesem 3. Oktober 2026 plötzlich wieder präsent. Ein Mann trug ein schwarzes T-Shirt, das an die damalige Kundgebung erinnert: „Arsch huh, Zäng ussenander“, und: „Wachsam bleiben“. Das ist mehr als Nostalgie. Es ist eine politische Selbstvergewisserung: Köln hat eine Geschichte des Widerstands gegen Rassismus – und die Südstadt kennt ihre Rolle darin. Der 3. Oktober war deshalb nicht nur ein Beispiel.
2015 gingen im Rahmen des Bündnisses Köln stellt sich quer rund 10.000 bis 15.000 Menschen gegen eine erneute Kundgebung der rechtsextremen Hogesa-Szene auf die Straße. Auch damals gehörten Auseinandersetzungen und ein massives Polizeiaufgebot zum Bild der Stadt.
2019 war Köln erneut Schauplatz eines großen Protests gegen Nationalismus. Unter dem Motto Ein Europa für alle: Deine Stimme gegen Nationalismus zogen Zehntausende durch die Stadt; der Bereich um Chlodwigplatz und Ubierring war einer der Ausgangspunkte im Kölner Süden.
Und am Rosenmontag 2022 wurde der Chlodwigplatz zum Ausgangspunkt einer außergewöhnlichen Friedensdemonstration. Mehr als 250.000 Menschen zogen durch Köln und setzten angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine ein Zeichen für Frieden und Solidarität.
2024 folgte nach den Berichten über ein Geheimtreffen von AfD-Mitgliedern mit Rechtsextremen erneut eine große Demonstration gegen rechts. Zehntausende Menschen gingen in Köln auf die Straße. Die Südstadt war also nicht zufällig der Schauplatz dieses 3. Oktober. Sie ist Teil einer langen Kölner Protestgeschichte.

Foto: Jeannette Fentroß
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