Aufgeschnappt: Musik in der Südstadt +++ Johann Schäfer goes Rheinauhafen +++ Pastawerkstatt – Lokaleröffnung +++ „Beispiellose Entscheidung im Stadtrat“ +++ Bonbon-Workshop in den Sommerferien +++

Kultur

Eine moderne Frau, schon vor fünfhundert Jahren

Freitag, 2. Dezember 2016 | Text: Alida Pisu | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Zu Lebzeiten stand sie im Schatten ihres berühmten Mannes, des Reformators Martin Luther. Nach seinem Tod wurde sie nicht nur entrechtet und stürzte in die Armut ab, sie geriet auch in Vergessenheit. Zu Unrecht, denn sie war der Prototyp einer modernen und emanzipierten Frau, der heutigen Frauen als Vorbild dienen könnte.  Schauspielerin Barbara Kratz und Regisseurin Diana Anders haben sich des Lebens der Katharina von Bora angenommen und lassen sie in ihrer neuen Produktion „Frau Luther kocht!“ zu Worte kommen. Und zu Tische bitten. Denn die tüchtige Frau, von ihrem Gatten gerne liebevoll als „Herr Käthe“ bezeichnet, hatte täglich eine große Tischgesellschaft zu beköstigen. Mit der sie das Geld für den Haushalt verdiente, Herr Luther war ja damit beschäftigt, die Welt zu verändern. „Meine Südstadt“ sprach mit Barbara Kratz und Diana Anders über die Frau an Luthers Seite.

Meine Südstadt: Wer war Katharina von Bora und was fasziniert Sie an dieser Frau?
Diana Anders: Sie war die erste emanzipierte Frau des Mittelalters.

Barbara Kratz: Und sie war eine sehr erstaunliche Person. Sie hat auf eine Weise gelebt, wie es einer Frau überhaupt nicht erlaubt war.

Diana Anders: Sie saß am Tisch neben Luther. Sie hat geredet am Tisch, was den Frauen verboten war. Sie hat die gesamte Wirtschaft gemanagt und sie war auch eine Diskussionspartnerin für Luther. Denn sie hat im Kloster natürlich auch theologisch was mitbekommen. Mit 26 Jahren ist sie von dort geflüchtet, war aber seit dem fünften Lebensjahr im Kloster. So war sie Luther auch geistig eine Partnerin.

Katharina von Bora ist ja mit anderen Nonnen aus dem Kloster geflüchtet, nachdem sie alle Luthers Schriften gelesen hatten. Das hätte auch nicht jede Frau gemacht?
Diana Anders: Nein, das ist ein großes Wagnis gewesen, denn darauf stand die Todesstrafe. Und dann hat sie noch mal was gewagt. Sie ist ja als Einzige von elf Nonnen „sitzen geblieben“, weil man keinen Mann für sie fand. Dann hat man einen für sie gefunden, aber den wollte sie nicht. Dagegen hat sie sich gewehrt, eine unmögliche Verhaltensweise. Und dann hat sie noch gesagt: „Also, entweder Herrn von Amsdorf oder den Luther, den würde ich schon nehmen.“ Da war er schon ein ganz berühmter Mann. Und Luther hat gelacht und sie genommen.

Barbara Kratz: Normalerweise hätten die Männer gesagt: „Raus hier, du kannst zurück ins Kloster gehen.“ Also, sie hat sich schon viel getraut, hat richtige Entscheidungen getroffen, wie z. B., sich an den Luther ranzumachen und ihm quasi einen Antrag zu machen. Das ist noch bis vor dreißig, vierzig Jahren bei uns undenkbar gewesen. Da haben die Frauen auf den Antrag des Mannes gewartet.

Diana Anders: Es ist auch ein Phänomen in der Literatur. Es wird ja viel geschrieben über Luther, aber die Frau erscheint kaum, als wäre er unverheiratet gewesen. Dabei hat sie ihm den gesamten Haushalt geschmissen, hat ihm sechs Kinder geboren und hat ihn auch ökonomisch gestärkt, denn er verstand vom Geld gar nichts. Sie hat ihm viele Briefe geschrieben, aber die Briefe der Frauen wurden nach dem Tod weggeschmissen. Frau war nichts, sie hatte wenig Rechte.

 

„Die Frau hat uns einfach interessiert“ / Foto: Meyer Originals

2017 ist 500jähriges Reformationsjubiläum. War das der Anlass dafür, die vergessene Katharina von Bora wieder aus der Versenkung hervorzuholen?
Diana Anders: Das auch, aber wir haben noch ein anderes Motiv. Das ist jetzt unser neuntes Stück, thematisch geht es eigentlich immer um Frauenrechte und Frauenprobleme. Die Frau hat uns einfach interessiert, nicht nur wegen des Lutherjahres. Sie war in ihrer Zeit unglaublich stark und hat sich durchgesetzt. Eigentlich saßen die Frauen ganz unten am Tisch, aber sie saß neben Luther. Sie saß auch bei ihm in der Studierstube und hat mit ihm geredet. Sie war gebildet, Luther hat eine ihm ebenbürtige Frau gehabt. Sie muss einfach eine ungeheure Kraft gehabt haben, zu wirtschaften. Bier brauen, Gärtnerin sein, Tiere auf dem Markt verkaufen, sie konnte auch heilen. Hildegard von Bingen ist ja eine Vorläuferin, das kannte sie alles.

Barbara Kratz: Ich habe vor zwei Jahren mal einen NDR-Doku-Spielfilm über Katharina von Bora gesehen und da habe ich echt gestaunt. Was mich daran unheimlich interessiert hatte, war das Moderne an dieser Frau und an ihrer Ehe. Das Ehepaar hat in Wittenberg eine ganz moderne Ehe geführt. Eben keine mittelalterliche Ehe, denn er hat sie machen lassen. Es mussten ein paar Regeln eingehalten werden. Beispielsweise beim Kauf eines Grundstücks musste er unterschreiben. Und das Geld, das sie erwirtschaftet hatte, war offiziell sein Geld. Wenn sie also vor ihm gestorben wäre, hätte sie kein Geld zu vererben gehabt. Als er starb, vererbte er ihr das von ihr erwirtschaftete Geld. Das war die rechtliche Situation damals. Aber für uns heute ist es schon ziemlich irre, dass eine Frau ihr eigenes Geld erbt.

Diese Frau hat ein modernes Leben geführt. Und irgendwie, obwohl alles gegen sie stand, denn Klöster waren Karzer, das waren richtige Gefängnisse, mit Gittern und allem, irgendwie hat sie es geschafft, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Und die beiden haben es auch geschafft, sich so zusammenzuraufen, das man sagen könnte: „So was wäre heute auch möglich.“ Das ist ganz modern. Sie haben ihre Kinder auch nicht geschlagen. Das hatten die gar nicht nötig. Das waren solche Persönlichkeiten, die haben das auch ohne rund gekriegt.

Stichwort „moderne Frau“. Wie haben Sie das in Ihrem Stück umgesetzt?
Barbara Kratz: Wir haben die Figur der Katharina von Bora von heute. Das ist eine Managerin, weil wir uns gefragt haben, was Katharina von Bora gemacht hätte, wenn sie heute leben würde. Da würde sie ein Unternehmen leiten. Diese Figur führt ein in das Stück und führt auch wieder hinaus. Und dazwischen verkleide ich mich offen auf der Bühne in die historische Katharina.

Diana Anders: Diese Eingangsfigur ist praktisch das Band zu fünfhundert Jahre zurück. Dadurch können wir auch moderne Elemente mit reinnehmen. Sie hat z. B. ein Handy. Sie weiß, wie man sich heute Männer sucht. Man gibt Eigenschaften ein und dann kommen hundert Männer. Das kann auch Katharina von vor fünfhundert Jahren machen, weil das Stück ja die heutige Managerin zeigt. Sie ist sozusagen die Klammer für das Stück, um zu erzählen, wer die erste emanzipierte Frau des Mittelalters war.

 

„Dieser Tisch, das war ihr Verdienst.“ / Foto: Meyer Originals

In Ihren Aufführungen wird eine Tischgesellschaft nachgebildet. Die Zuschauer sind gleichzeitig auch Gäste, für die Katharina von Bora kocht. Wie kamen Sie auf die Idee?
Diana Anders: Dieser Tisch, das war ihr Verdienst. Er war etwas ganz Wichtiges. Damit hat sie ihn und die gesamte Wirtschaft aufrechterhalten. Sie hat eine große Küche gehabt und eine Köchin, das bringen wir mit rein. Es ist inhaltlich auch eine Möglichkeit. Sie freut sich über die Gäste am Tisch, es herrscht eine gastliche Atmosphäre, die Leute unterhalten sich, sie trinken was. Dadurch entsteht etwas Gemeinsames und das ist der Sinn der Sache. Und da muss man natürlich auch etwas kochen.

Barbara Kratz: Bei der Tischgesellschaft geht es nicht nur ums Essen, aber das Essen kann die Beschäftigung mit geistigem Inhalt befördern. Es macht nämlich einfach locker. Man sitzt zusammen, man isst was, plötzlich unterhält man sich mit dem nebenan, den man gar nicht kennt. Wenn gegessen wird, laufe ich auch nicht mehr herum und spiele Theater. Das mache ich vorher und nachher. Aber die Erörterung von irgendwelchen Themen, das Nachdenken und Überlegen ist in so einem Rund ganz anders, weil eine andere Atmosphäre da ist. Es war ja auch so bei Luther, dass er nicht nur in seiner Studierstube mit den Leuten geredet hat, es gab ja auch die Tischreden. Und da redet man anders als an der Uni oder im Seminar.

Dann freuen wir uns auf das, was Katharina von Bora uns mit ihren Erinnerungen und mit ihren Kochkünsten auftischt! Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

„Frau Luther kocht!“, Ein kulinarisches Vergnügen mit Barbara Kratz als Katharina von Bora
Buch und Regie: Diana Anders
Mit: Barbara Kratz
Die nächsten Termine im Freies Werkstatt Theater, Zugweg 10, 50677 Köln
02. (Uraufführung und Premiere), 03., 04. Dezember 2016, 03., 04., 05. Februar 2017 (Begrenzte Platzzahl)
 

Text: Alida Pisu

Dir gefällt meinesuedstadt.de? Dann untestütze unsere Arbeit doch einfach mit einer Direktspende.

Paypal - danke@meinesuedstadt.de

i

Artikel kommentieren

Ich habe die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen. Ich stimme zu, dass meine Angaben und Daten zur Beantwortung meiner Anfrage elektronisch erhoben und gespeichert werden. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit für die Zukunft per E-Mail an kontaktnoSpam@meinesuedstadt.de widerrufen.

Meine Südstadt Partner

Alle Partner

Meine Südstadt Service


Parkstadt Süd

Eifelwall wird für Autoverkehr gesperrt

Parkstadt Süd: Stadtteilbüro öffnet

15 Geschosse an der Bonner Straße – Die Zukunft mit Parkstadt beginnt schon jetzt

Aufgeschnappt

Musik in der Südstadt

Johann Schäfer goes Rheinauhafen

Pastawerkstatt – Lokaleröffnung

Die Südstadt auf Instagram.