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Kultur

„Es war nicht meine Aufgabe, das infrage zu stellen“

Montag, 14. September 2015 | Text: Nora Koldehoff | Bild: Meyer Originals

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

„Ich habe nur meinen Dienst gemacht. Wo man mich hinstellt, da mache ich meinen Dienst.“

??Die Bühne ist karg im Freien Werkstatt Theater, ein Bühnenbild kaum vorhanden. Im leeren Raum tropft das Wasser von der Decke, im hinteren Teil stehen aufrechte Holzbretter und am vorderen Bühnenrand wenige Holzkisten. In der Raummitte ein Haufen, der aus vertrockneten Blumen bestehen könnte.

?Die vier Protagonisten schauen sich um. „Kennen Sie diesen Raum?“ Niemand kennt ihn, keiner der Vier scheint überhaupt irgendetwas darüber zu wissen, was hier vor sich ging. Und selbstredend hatte sich auch keiner von ihnen an irgendetwas beteiligt, an dem Schrecklichen, über das man im Nachhinein so viel hörte.

 

??“Die Ermittlung“ ist ein Stück des Schriftstellers Peter Weiss, das 1965 an mehreren Spielorten gleichzeitig uraufgeführt wurde – zwanzig Jahre nach Kriegsende, zehn Jahre nach Rückkehr der deutschen Kriegsgefangenen. Die Aufarbeitung der Jahre 1933 bis 1945 war ein gesellschaftliches Tabu. Darüber endlich zu sprechen, sollte erst die Generation der 68er fordern. Drei Jahre zuvor thematisiert bereits “Die Ermittlung” den ersten Auschwitz-Prozess, der von 1963 bis 1965 im Frankfurter Rathaus, dem “Römer” durchgeführt wurde, und bei dem erstmalig 22 Bewacher und Angestellte vor Gericht standen.

Peter Weiss hatte zahlreiche Prozesstage im Zuschauerraum mitverfolgt und bei einem Außentermin des Gerichtes das KZ in Auschwitz auch selbst angesehen. Sein ausschließlich aus Zitaten montiertes Stück basiert auf dem, was er selbst dort sah und hörte, sowie auf den akribischen Protokollen des Journalisten Bernd Naumann.??

 

 

Das Freie Werkstatt Theater im Zugweg hat als kleines Theater eine Neubearbeitung von Weiss‘ Stück vorgenommen, das in seiner verdichteten Form vortrefflich gelungen ist. Von der ursprünglichen Inszenierung mit dreißig Darstellern reduziert Regisseur Ulrich Hub das Ensemble auf vier der Angeklagten. Diese stellen aber nicht nur ihre angeblich lautere Position dar, sondern übernehmen auch stellvertretend Aussagen der Zeugen – „Er schoss wahllos in die Leute hinein“ – und Fragen der Richter und der Staatsanwaltschaft. „Was dachten Sie, als Sie den Rauch der Schornsteine sahen?

 

„??Marius Bechen, Eva Horstmann, Holger Stolze und Rike Will verkörpern die vier überzeugend und intensiv. Der Übergang zwischen den verschiedenen Rollen, die jeder von ihnen übernimmt ist, fließend. Mal staunend, mal fassungslos hören sie den anderen zu, um gleich darauf selbst das meist angeblich nur Gehörte in nüchtern bürokratischem Ton wiederzugeben. Sie stehen damit stellvertretend für die Gesellschaft des Jahres 1965: Als Täter verstand sich kaum jemand – Opfer der Verhältnisse wollte man sein.??

 

Die Angeklagten, die als Wachmann, Barackenvorsteherin, Ärztin und Adjutant des Lagerkommandeurs exemplarisch für die 22 Angeklagten im realen Prozess stehen, erklären sich und bestätigen einander, haken aber auch nach, konfrontieren die Selbstdarstellungen der Anderen mit dem, was sie im Gegensatz dazu selbst sahen oder hörten, locken sich gegenseitig aus der Reserve und überführen sich gegenseitig der Widersprüche und Falschaussagen. Weiss – und in der Kölner Inszenierung auch Regisseur Ulrich Hub – gelingt das allein durch die Gegenüberstellung der Originalzitate aus dem Frankfurter Prozess.??

 

Die elf Gesänge, in die das Weiss’sche Stück gegliedert ist, führen die Zuschauer imaginär durch die verschiedenen Stationen in Auschwitz, von der Selektionsrampe, auf der arbeitsfähige von arbeitsunfähigen und damit sofort zu tötenden Gefangenen getrennt wurden, über die Baracken, die Erschießungswand und die ebenfalls der Tötung dienenden “medizinische Abteilung” bis zu den Gaskammern und Krematorien. In der Aufführung des Freien Werkstatt Theaters wird der Wechsel der Szenerie durch Strophen des Liedes „Der Mond ist aufgegangen“ markiert.??

 

 

„Es war nicht meine Aufgabe, das infrage zu stellen“ konstatiert der Adjutant als ranghöchster Angeklagte. Am Ende wird die Rechtfertigung der Angeklagten einem Kind, gespielt von Philomena Schatz, vorgetragen. Blond bezopft singt es bereits am Anfang des Stücks das von den Angeklagten gesungene Volklied „Am Brunnen vor dem Tore“. Sie scheint eine Art deutsche Unschuld darzustellen, rückt aber schnell wieder in den Hintergrund, als sich die vier Protagonisten bald wieder einig in ihrer vermeintlichen Opferrolle sind und darin gegenseitig bestätigen.

?“Man soll in diesem Prozess auch nicht die Millionen vergessen, die für unser Land ihr Leben ließen”, wird schließlich der Adjutant fordern und damit nicht seine Opfer meinen. ”Wir alle, das möchte ich nochmals betonen, haben nichts als unsere Schuldigkeit getan, selbst, wenn es uns oft schwerfiel und wenn wir daran verzweifeln wollten. Heute, da unsere Nation sich wieder zu einer führenden Stellung emporgearbeitet hat, sollten wir uns mit anderen Dingen befassen, als mit Vorwürfen, die längst als verjährt angesehen werden müssten.“

In seinem Schlussmonolog zeigt sich die erschütternde Aktualität der so sachlich aufgebauten “Ermittlung”, die in der konzentrierten Fassung des Freien Werkstatt Theaters und durch die großartige Leistung der vier Schauspieler nichts an Eindringlichkeit verliert.
 

 

„Die Ermittlung“ von Peter Weiss
Inszenierung: Ulrich Hub
Schauspieler: Holger Stolz, Marius Bechen, Rike Will, Eva Horstmann, Philomena Schatz

Premiere: 10. September 2015
Weitere Vorstellungen am 11., 12., 18., 19., 23., 24. September, jeweils 20:00?Uhr

Freies Werkstatt Theater, Köln

Text: Nora Koldehoff

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