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Südstadt-Flair statt Ballermann

Sonntag, 26. Mai 2013 | Text: Christoph Hardt | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Drei Jahre Straßenfest auf der Bonner Straße – drei Jahre geteiltes Echo. Jetzt hat ein Organisatoren-Team rund um Alice Baker die Sache selbst in die Hand genommen. Die Vorbereitungen für ein erstes eigenes ABC-Nachbarschaftsfest gehen auf die Zielgerade. Innerhalb Kölns liegt man damit offenbar voll im Trend. Doch der Reihe nach:

Die Südstadt ist nicht der Ballermann, die Bonner Straße keine Partymeile. Wenig verwunderlich also, dass das deutlich kommerziell ausgerichtete „Boulevardfest“ auf der Bonner Straße in den letzten Jahren die Gemüter spaltete: Von „Geisterbahn“ und „Abzocke“ wurde vereinzelt gemunkelt, von einem „billigen Fest mit dem Ambiente von sozialem Brennpunkt“.

Viele Besucher beklagten sich, die lokal ansässigen Händler seien zwischen Imbissbuden, Fahrgeschäften und Wanderhändlern völlig unterrepräsentiert, das Südstadt-Flair einer Ramschkultur gewichen. Schon machte mit Hinblick auf die Tatsache, dass einige der Stände zuvor bereits beim Fest in der Severinstraße zu sehen waren, der Begriff vom „zweitlängste Desch vun Kölle“ die Runde.
Kritik, die auch Alice Baker von der Aktionsgemeinschaft rund um Bonner Straße und Chlodwigplatz e. V. (ABC) zu Ohren kam. Die Vereinsvorsitzende suchte das Gespräch mit Organisator Wilhelm von der Gathen – einem Eventmanager, der bei fast jedem Straßenfest in Köln die Strippen zieht. Schnell wurde klar, dass man nicht auf einen Nenner käme.

„Wir wollten mehr Lokalkolorit, mehr Südstadt, dafür weniger Rummel, insgesamt das Ganze kleiner aufziehen“, erinnert sich Baker. Herr von der Gathen habe erklärt, mit solch einer Form von Straßenfest lasse sich kein Geld verdienen. Man trennte sich im Einvernehmen, und der Weg war frei für etwas Neues.

Was dem einen der Schlussstrich, ist dem andern die Startlinie

Am 1. und 2. Juni soll nun alles anders werden: In der Kurfürsten- und Darmstädter Straße steigt dann das erste in Eigenregie auf die Beine gestellte ABC-Straßenfest. Die Zauberformel: Mehr Facettenreichtum, mehr Nachbarschaft, mehr Veedel – weniger Kirmes-Nomaden, weniger Après-Ski-Beschallung, weniger Leberkäsbrötchen für 3,50 Euro. „Wir haben bewusst ein nicht-kommerzielles, etwas kleineres Nachbarschaftsfest angepeilt“, so Alice Baker „um die Menschen wieder zusammen zu bekommen, dem Ganzen wieder einen persönlichen Rahmen zu geben.“

Keimzelle dieser Graswurzel-Festivität ist das „Backes“ auf der Darmstädter Straße, das kürzlich sein 30-jähriges Bestehen feierte. Hier tagt das ehrenamtliche Organisatoren-Team regelmäßig unterm Hirschgeweih, um die letzten Hürden aus dem Weg zu räumen. Denn einfach einen Limonadenstand aufstellen und los geht’s – so leicht ist es in der Realität dann doch nicht. „Wir müssen ein Sicherheitskonzept vorlegen, Straßen absperren, Strom- und Wasseranschlüsse über eine Straßenbereich von fast einem Kilometer legen, Wachpersonal anstellen, für Sanitätsdienst und Straßenreinigung sorgen und, und, und…“, erzählt Tim Cremer, SPD-Stadtbezirksvorstand Innenstadt. Bei den Kosten für Wachdienst, Bühne und Technik seien die Firmen dem Team aber sehr entgegen gekommen.

Non-Profit, Promis und positive Effekte

Und weil mit dem ersten eigenen Nachbarschaftsfest der Südstädter auch der Gedanke der Hilfe von Nachbar zu Nachbar wiederbelebt werden soll, ist die Veranstaltung als „Non-Profit“-Event geplant: Alle Gewinne sollen dem Bürgerhaus Stollwerck zufließen. Das sozial-kulturelle Zentrum im Herzen der Südstadt steht unter dem Druck, ab kommendem Jahr 40.000 Euro einsparen zu müssen, will aber gleichzeitig sein Angebot für´s Veedel unverändert aufrecht erhalten.

 

„Fünf Kölner, ein Gedanke: (v.l.) Gregor Josten, Anke Köwenig, Barbara Petry, Tim Cremer und Alice Baker bilden die treibende Kraft hinter dem ersten ABC-Nachbarschaftsfest“./ Foto: Christoph Seher

Ein guter Zweck, für den sich auch die Südstadt-Prominenz einsetzt: Musikkabarettistin Alexandra Gauger moderiert das zweitägige Bühnenprogramm mit so unterschiedlichen Acts wie „La Papa Verde“, den „Charmanten Halunken“ oder den „Blootsbrödern“. Musiker und Schauspieler Oli P. hat angekündigt, beim Losverkauf der Tombola auszuhelfen (Hauptpreis: Ein Elektrofahrrad).

Mit dem Spenden der Gewinne wollen die Organisatoren auch den Blick auf Missstände vor der eigenen Haustüre lenken: „Viele Südstädter wissen gar nicht, dass dem Bürgerhaus langsam der Hahn zugedreht wird“, erklärt Künstler-Managerin Anke Köwenig. Gemeinsam mit Gregor Josten (kinder-koeln.de) und Barbara Petry („Backes“) komplettiert sie das Ehrenamtler-Team hinter dem Nachbarschaftsfest. Alle kennen sie sich schon seit Jahren, sind solange sie sich erinnern können, per Du. Und das soll man dem Fest auch anmerken.

Vom Trend zur Rückbesinnung und der schwarzen Null

Ob sich das Fest bereits auf Anhieb für die Veranstalter rechnet, steht noch in den Sternen. Tim Cremer hat die Kosten grob überschlagen, und er stapelt tief: „Wenn am Ende für uns die schwarze Null steht, war es eigentlich schon ein Erfolg.“ Seiner Ansicht nach liegt man aber mit dem Konzept „zurück zu den Wurzeln“ innerhalb Kölns voll im Trend: Insgesamt sei von Kalk bis Bickendorf eine Rückbesinnung auf die Kultur der Nachbarschaft zu beobachten. Nicht ansässige Aussteller seien mehr und mehr als Fremdkörper wahrgenommen, statt Markt-Profis für Lederwaren oder Auto-Felgen sei vielmehr der Blumenladen von der Ecke oder der Friseur vom Ende der Straße gefragt.

Andreas Moll, Mit-Organisator des letztjährigen Nachbarschaftsfestes auf der Merowinger Straße, ist einer von denen, die die Planung von Straßenfesten zurück an den Küchentisch holen, statt sich die kommerzielle Käseglocke überstülpen zu lassen. Er ist sich sicher, dass auch das ABC-Nachbarschaftsfest gut angenommen werden wird: „Die Menschen verlangt es wieder nach dem kleinen Feinen.“ Deswegen sei abzusehen, dass künftig wieder stärker persönlicher Einsatz statt professionelle Ausstatter Triebfeder hinter den Straßenfesten in der Südstadt sein werde.

Die Strategie des ABC-Nachbarschaftsfests, die Anwohner durch den nicht-kommerziellen Charakter ohne Konkurrenz und schwindelerregende Standgebühren wieder auf die Straße zu locken, könnte also aufgehen. „Kommerzielle Straßenfeste in Köln haben sicherlich ihre Berechtigung“, befindet Alice Baker. „Aber wenn es sich – egal ob auf der Dürener Straße, der Severinstraße oder in Sülz-Klettenberg – zu ähneln beginnt,  immer derselbe Pommes-Stand, immer derselbe Krebs-Stand zu sehen sind, nimmt es Überhand.“ Jeder ginge mal auf die Kirmes oder in den Zirkus, aber nicht immer in denselben. Deshalb seien zwei kommerzielle Feste eines zu viel für die Südstadt. Sicher ist: Beim ersten eigenen ABC-Straßenfest wird der gute alte Schuster vertreten sein und keine Kette wie „Mister Minit“ – und so wird hoffentlich auch dann ein Schuh draus.

 

Mehr zum Thema:
www.abcsuedstadt.de
 

Text: Christoph Hardt

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