Lasst die Kirche im Veedel!
Freitag, 3. Juli 2026 | Text: Jeannette Fentroß | Bild: Jeannette Fentroß
Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten
Rund 1.000 Menschen demonstrieren für den Erhalt der Lutherkirche in der Kölner Südstadt. Ihre Klangdemo setzt ein deutliches Zeichen für Kultur, Begegnung und Demokratie.
Südstädter*innen trommeln alle(s) zusammen
Rund Tausend Menschen haben in der Kölner Südstadt gegen die geplante Schließung der Lutherkirche protestiert. Sie zogen als Klangdemo vom Severinskirchplatz bis zur Lutherkirche und machten eindrucksvoll klar, welchen Stellenwert das Gotteshaus für das Viertel weit über seine kirchliche Funktion hinaus hat. Und deshalb wollen sie es retten.
Gegen 18.15 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Trotz des ernsten Anlasses erinnerte die Stimmung viele an den traditionellen Südstadtzug zu Karneval – auf dessen Route, nur umgekehrt über Severinstraße, Chlodwigplatz und Merowingerstraße bewegte sich bunte Menge begleitet von Musik, Trommeln und Gesang zur Lutherkirche.

Die Anhänger*innen der Lutherkirche protestieren gegen das Verschwinden dieses „Dritten Ortes“ (Bild: Jeannette Fentroß)
11.111 Unterschriften – und es werden immer mehr
Die Gründer der Initiative zur Rettung der Lutherkirche vermeldeten einen bemerkenswerten Erfolg. „Zu Beginn der Demo wurden genau 11.111 Unterschriften für die Rettung der Lutherkirche gezählt – inzwischen sind es noch viel mehr“. Mit diesen Worten eröffnete Initiator Jan Krauthäuser die Kundgebung. Gleichzeitig machte er keinen Hehl aus seinen Gefühlen. „Ich bin traurig und zugleich wütend, dass ausgerechnet ein Ort für Weltmusik, Begegnung und kulturellen Austausch geschlossen werden soll“.

Jan Krauthäuser und Betsy de Torres geben alles für den Erhalt des kulturellen „Herzens“ der Südstadt (Bild: Jeannette Fentroß)
Emotionale Worte
Für viele Demonstrierende ist die Lutherkirche weit mehr als ein Gotteshaus. Sie gilt als eines der wichtigsten Zentren für Weltmusik, interkulturelle Begegnungen und gesellschaftliches Engagement in Köln.
Besonders bewegend war die Eröffnungsrede von Betsy de Torres, Mitinitiatorin der Rettungsinitiative. Sichtlich gerührt schilderte sie ihre persönliche Verbindung zur Lutherkirche. „Ihr habt mein Herz berührt – ich habe Gänsehaut. Die Lutherkirche ist ein besonderer Ort. Die Musik und die Veranstaltungen haben meinen kulturellen Horizont erweitert“. Ihre Worte spiegelten die Stimmung vieler Teilnehmer*innen wider. Immer wieder wurde deutlich, dass die Lutherkirche für zahlreiche Menschen ein Ort persönlicher Erinnerungen, kultureller Vielfalt und soziale Heimat geworden ist.
Das kulturelle Herz der Südstadt
Der langjährige Pfarrer der Lutherkirche, Hans Mörtter, sprach von einem außergewöhnlichen Tag. „Heute sind rund 1.000 Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Schließung des kulturellen Herzens der Kölner Südstadt zu demonstrieren.“ Mörtter hatte die Gemeinde über Jahrzehnte geprägt und den Verein „Südstadt Leben“ mit aufgebaut. Für ihn steht fest, dass mit einer Schließung weit mehr verloren ginge als ein Kirchengebäude.

Jan Krauthäuser (li.) mit Sonja Grupe und Hans Mörtter auf der Bühne im Innenhof der Lutherkirche (Bild: Jeannette Fentroß)
Ein Abend voller Musik und Solidarität
Nach der Demonstration verwandelte sich der Innenhof der Lutherkirche in eine große Open-Air-Bühne. Mehr als dreieinhalb Stunden lang gestalteten Musikerinnen und Musiker, Chöre, Bands und Sängerinnen und Sänger ein beeindruckendes Programm.
Die Atmosphäre erinnerte eher an ein großes Musikfestival als an eine Protestveranstaltung. Das Publikum feierte gemeinsam alles, für das die Lutherkirche seit Jahren steht.
Persönliche Erinnerungen zeigen die Bedeutung des Ortes
Besonders bewegend waren die zahlreichen persönlichen Geschichten, die Besucherinnen und Besucher miteinander teilten. Immer wieder wurde deutlich, wie eng die Lutherkirche mit den Lebenswegen vieler Menschen verbunden ist. „Meine Kinder wurden hier getauft.“ „Meine Eltern haben hier geheiratet.“ „Unsere Kita bekam zur Eröffnung vor 50 Jahren hier kostenfreie Räume, bevor wir in geeignete Räumlichkeiten umziehen konnten.“
Diese Erinnerungen machen deutlich, dass die Lutherkirche weit mehr ist als ein Ort für Gottesdienste oder generell Veranstaltungsort. Für viele Menschen ist sie Teil ihrer eigenen Familiengeschichte.

Chöre, Bands, Orchester, Sänger*innen – sie alle traten auf für den Erhalt des Ortes „Lutherkirche“ (Bild: Jeannette Fentroß)
Verein ruft zur weiteren Unterstützung auf
Sonja Grupe vom Verein „Südstadt Leben“ bedankte sich bei allen Unterstützer*innen der Demonstration und appellierte an die Besucher*innen, die verbleibenden Veranstaltungen bis zum Jahresende zu besuchen. Die Botschaft sei eindeutig: Jede Veranstaltung sei zugleich ein Zeichen für den Erhalt dieses besonderen Ortes.
Warum die Lutherkirche so besonders ist
Die Lutherkirche gilt seit vielen Jahren als einer der bedeutendsten Kulturorte der Kölner Südstadt. Neben Gottesdiensten finden dort Konzerte internationaler Künstler*innen, Lesungen, interkulturelle Festivals, soziale Projekte, Nachbarschaftshilfe, Diskussionsveranstaltungen und Familienfeste statt. Projekte wie das Menschensinfonieorchester, die Weihnachtswunschaktion für Kinder ökonomisch benachteiligter Familien oder zahlreiche Community-Angebote unterschiedlichster Kulturen haben hier ihre Heimat gefunden.
Für viele Menschen ist die Lutherkirche deshalb ein sogenannter „Dritter Ort“ – ein Platz, an dem Menschen unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialem Status zusammenkommen, ohne etwas konsumieren zu müssen.
Breite Unterstützung aus Kultur und Gesellschaft
Die Rettungsinitiative wird von zahlreichen bekannten Persönlichkeiten unterstützt. Musiker Klaus der Geiger bezeichnet die Lutherkirche als einen der wichtigsten Orte Kölns: „Die Lutherkirche ist ein kulturell wichtiger Anziehungspunkt für die Südstadt und eigentlich für ganz Köln. Es wäre ein großer Verlust, wenn dieses Programm verschwinden würde.“ Kabarettistin Biggi Wanninger betont die gesellschaftliche Bedeutung des Hauses: „Kunst und Kultur sind Futter für die Seele und sozialer Klebstoff zwischen den Menschen. Genau das wird mit der Lutherkirche verbunden.“. Auch Musiker Richard Bargel findet deutliche Worte: „Die Lutherkirche ist die Seele des Veedels. Die Menschen brauchen diesen Ort, um Kraft, Zuversicht, Freude und Zuwendung zu erfahren“. Journalist Martin Stankowski fasst die Situation mit einem Satz zusammen: „Jetzt hat die Kirche schon mal einen Ort, an dem wirklich etwas los ist – und genau den will sie schließen?“.
Die Sicht der Evangelischen Gemeinde
Die Evangelische Gemeinde Köln betont, dass ihr die Entscheidung nicht leicht gefallen sei. Als Gründe nennt sie den erheblichen Sanierungsbedarf des Gebäudes, sinkende Mitgliederzahlen, rückläufige Kirchensteuereinnahmen sowie die Vorgaben zur Klimaneutralität bis 2035. Pfarrer Markus Herzberg, Vorsitzender des Leitungsgremiums, erklärt in einer Pressemitteilung „Wir können die Trauer vieler Menschen gut nachvollziehen und teilen ihre Enttäuschung. Gleichzeitig tragen wir Verantwortung für die Zukunft der gesamten Gemeinde“.
Nach Angaben der Gemeinde sei die Entwidmung lediglich der erste Schritt. Langfristig solle auf dem Gelände ein sozial und diakonisch geprägter Begegnungsort entstehen.
Die Initiative „Rettet die Lutherkirche“ fordert die Aussetzung der Entwidmung bis zu einer offenen Diskussion mit der Stadtgesellschaft, den dauerhaften Erhalt der Lutherkirche als Kultur- und Begegnungszentrum und eine verbindliche Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an den Entscheidungen über die Zukunft des Gebäudes.

Hans Mörtter (re.) ist schon längst nicht mehr Pfarrer hier, doch den sozialen Geist, die Nachbarschaftshilfe und das Verbindende für verschiedene Kulturen will er erhalten wissen (Bild: Jeannette Fentroß)
Ein Abend, der Hoffnung machte
Die Klangdemo hat eindrucksvoll gezeigt, wie stark der Widerstand der Nutzer*innen gegen das Verschwinden dieses Ortes für alle ist. Ob die breite Unterstützung aus Bürgerschaft, Kultur und Politik ausreichen wird, die bereits beschlossene Entwidmung noch zu verhindern oder den Verlauf des Prozesses zu verändern, bleibt offen. Sicher ist jedoch, dass die dafür gestartete Petition noch unterzeichnet werden kann.
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