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Gesellschaft Kultur

„ALA KACHUU – Take and Run“

Dienstag, 23. August 2022 | Text: Sarah Linßen

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Ein ungläubiges Keuchen, ein erbostes Schnaufen, ein von Unwohlsein zeugendes Stöhnen. Die Anspannung die sich bei den Zuschauenden in körperliche Verspannung umwandelt, ist allgegenwärtig. Das ist die Atmosphäre bei der Vorstellung des mehrfach prämierten Films „ALA KACHUU – Take and Run“.

Somit ist eines der Ziele der Drehbuchautorin und Filmregisseurin Maria Brendle, Gefühle zu erzeugen, erreicht. Alle Anwesenden schauen gebannt auf die Leinwand und verfolgen das Schicksal der jungen Protagonistin Sezim, die Opfer eines Brautraubs wird. Eine bis heute gängige Praxis – nicht nur in Kirgistan –, bei der Männer junge Frauen überfallen, entführen und heiraten.

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Sezim hatte gerade noch einen guten Tag, sie ist eben zum ersten Mal selbst Auto gefahren und gerade bei ihrem neuen Job in der Bäckerei angekommen. Die Bilder und Szenen danach brennen sich in die Netzhaut ein. Die Stimmung kippt, kurz war da noch Hoffnung es sei nicht so. Dann Schreie, Verzweiflung, schwindende Kraft… Selbstaufgabe?

„Du musst dir ein glückliches Leben mit Tränen verdienen“, sagt die Großmutter des Bräutigams in einer Szene zu Sezim – womöglich, um sie aufzumuntern. Vielleicht aber auch um ihr zu signalisieren, dass sie ihren Schmerz sieht und sogar kennt, dass sie Sezim sieht und doch bei der – durch patriarchale Strukturen verinnerlichten – Überzeugung bleibt, dass die Zwangsverheiratung der richtige Weg sei. Denn: „Mädchen sind für die Ehe gemacht.“

Tränen fließen zwar, viele sogar, doch ein glückliches Leben sieht Sezim innerhalb dieser Ehe für sich nicht. Für sie bedeutet ein glückliches Leben: ein selbstbestimmtes. Als Frau unabhängig sein zu wollen, geht in ihrem sozialen Umfeld jedoch mit Ausgrenzung und Stigmatisierung einher.

Maria Brendle schafft es aufzuzeigen, wie stark verwurzelt die patriarchalen Strukturen in der kirgisischen Gesellschaft sind. Sie zeichnet das Bild einer jungen Frau, die bei Verweigerung einer Zwangsehe nicht nur sich selbst sondern auch ihre Familie – allen voran die Mutter, denn bestraft werden innerhalb solcher Systeme stets die Frauen – in Verruf bringt. Auf der Suche nach einem Ausweg aus dieser Zerrissenheit zwischen Selbstverwirklichung und Erfüllung der aus Tradition auferlegten Erwartungen, bekommen die Zuschauer*innen einen Einblick in Lebensrealitäten, die eben genau das sind: Realität.

Raue Schönheit in Bildern

Neben der fesselnden Handlung, überzeugt „ALA KACHUU“ auch durch seine Ästhetik. Bilder rauer kirgisischer Landschaften, Gebirgszügen, traditionellen Jurten, der Hauptstadt Bischkek und den Menschen sind atmosphärisch und von beeindruckender Schönheit. Sie geben der erzählten Geschichte einen angemessenen Rahmen und ermöglichen es den Zuschauenden, sich in die Umgebung einzufühlen. Kamera, Schnitt und Regie haben hier eine Glanzleistung vollbracht.

Das sehen nicht nur die Zuschauer*innen der Filmvorführung am 21.08.2022 im Südstädter Odeon Kino so, sondern auch viele Filmkritiker*innen. Der Film „ALA KACHUU – Take and Run“ war bei der 94. Edition der Acadamy Awards 2022 für einen Oscar in der Kategorie bester Kurzfilm nominiert und gewann innerhalb von 3 Jahren fast 50 verschiedene Preise.

Sechs lange Jahre – von einem Foto zu einem Film

Das Thema Zwangsheirat ist kein alltägliches, zumindest für die meisten nicht. Wie also kam die Regisseurin Maria Brendle darauf, sich diesem mit vollster Hingebung filmisch zu widmen?
Im Gespräch mit Margit Stockdreher nach der Filmvorführung erzählt sie, dass es Zufall war. Ein Bekannter hatte ihr im Jahr 2016 Fotos seiner Reise nach Kirgistan gezeigt. Auf einem dieser Bilder entdeckt sie eine Frau, das Gesicht voller Trauer… Warum sie wohl so unglücklich sei? Daraufhin berichtet der Freund von dem Brauch des Brautraubs, des „ala kachuu“, was so viel bedeutet wie: „packen und losrennen“.

Maria Brendle beschreibt sich selbst als lernbegeistert. Da ist es nicht verwunderlich, dass der Gedanke an diese Entrechtung kirgisischer Frauen sie ab diesem Moment nicht mehr loslässt. Und so begann die zweijährige Recherchearbeit, aus der am Ende ein grandioses Drehbuch entstand. Die Recherche umfasste viele Gespräche mit Betroffenen von Brautraub und Zwangsverheiratung, sowie deren Angehörigen. Diese Erfahrungsberichte fließen auf die ein oder andere Art in die Geschichte von Sezim mit ein und machten es Maria Brendle überhaupt erst möglich, die Protagonist*innen so menschlich zu erfinden und darzustellen. Außerdem konnte sie durch den Austausch mit ihnen, die betroffenen Frauen in den Prozess der Charakterbildung Sezims mit einbeziehen. Maria Brendles Sensibilität vor und bei dem Filmdreh wird sowohl von den betroffenen Frauen, als auch von den Schauspieler*innen und der internationalen Filmcrew bestätigt. Tatsächlich ist sie aber auch beim Schauen des Ergebnisses spürbar.

Mit der klugen Sezim hat Maria Brendle eine starke Frauenfigur geschaffen. Eine Figur die Betroffenen als Vorbild dienen kann, die aber vor allem aufzeigt, wie stark Frauen in Zwangsehen ohnehin sind. Denn kämpfen müssen sie jeden Tag: gegen die Tradition oder gegen sich selbst.

Realisation und Umsetzung

Trotz guter Idee, intensiver Vorbereitung und Recherche stand das Projekt „ALA KACHUU“ kurzzeitig auf der Kippe. Zwar wurden dem Film von der Zürcher Filmstiftung und dem Bundesamt für Kultur 60% der Finanzierung zugesagt, der Rest musste jedoch durch Crowdfunding eingenommen werden. Es galt das «Alles oder Nichts»-Prinzip: Nur wenn das Finanzierungsziel erreicht oder übertroffen werde, würden dem Projekt die Gelder ausgezahlt.

Margit Stockdreher, Psychologin, Coach, Neurowissenschaftlerin und Unternehmerin machte dann die Realisation durch ein Sponsoring möglich. Sie und Maria Brendle hatten gemeinsam den Master of Cognitive Neuroscience (AON) an der Academy of Neuroscience (AON) absolviert. Für sie stand außer Frage, dass „Ala Kachuu“ produziert werde. Das Vertrauen in Maria Brendle und ihre Fähigkeiten habe sie nicht einen Moment an der Entscheidung zweifeln lassen. Zu Recht, wie sich herausstellt.

(v.l.) Maria Brendle, Margit Stockdreher und Adrijane Mehmetaj-Bassfeld (Foto: Guido Weis)

Zahlen (hinter denen Menschen stehen) und Fakten (die weh tun)

Nach Angaben von UNICEF wurden in etwa 650 Millionen der heute lebenden Frauen weltweit vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Umgerechnet wird alle drei Sekunden ein Mädchen zwangsverheiratet. Alle. Drei. Sekunden.

Verschleppt, bzw. geraubt und zwangsverheiratet zu werden bedeutet meist das Ende von Schule, Ausbildung oder Studium. Mangelnde Bildung wiederum stärkt Traditionsbewusstsein und Traditionen fallen in allen patriarchal geprägten Systemen nicht zugunsten von Frauen aus. Ein Teufelskreis.

Der Brauch des Brautraubs und der Zwangsehe sind nicht nur in Kirgistan verbreitet. Zwar gilt diese Praxis dort seit 2011 als Straftat, wird aber ebenso wie in anderen Regionen der Welt unter dem Deckmantel der Tradition fortgeführt und oft sogar geduldet.

agisra e.V.

Die Arbeitsgemeinschaft gegen internationale sexuelle und rassistische Ausbeutung (agisra e. V.) ist eine autonome, feministische Informations- und Beratungsstelle von und für Migrantinnen und geflüchtete Frauen. Sie setzt sich nun schon seit fast 30 Jahren unter anderem für in Zwangsehen lebende oder davon bedrohte Frauen und Mädchen ein. Doch auch in anderen Belangen migrantischer Frauen und Mädchen steht agisra e. V. unterstützend zu Seite: In Aufenthalts- und sozialrechtlichen Fragen, bei Gewalt gegen Frauen wie Frauenhandel, Genitalbeschneidung oder Vergewaltigung, sowie bei sexistischer und rassistischer Diskriminierung und anderen Krisensituationen. Außerdem helfen die Mitarbeiterinnen von agisra e. V. bei der Vermittlung von Ärzt*innen, Rechtsanwält*innen oder Unterbringungen.

Mitarbeiterinnen bei agisra e. V. (Foto: Sarah Linßen)

In der Arbeit mit migrantischen Frauen – auch solchen, die hier geboren und aufgewachsen sind oder sogar eine deutsche Staatsangehörigkeit haben – und der Arbeit mit geflüchteten Frauen liegt der Fokus von agisra e.V. darauf, Frauen und Mädchen zu empowern. Das bedeutet zwar, Frauen schnellstmöglich aus prekären Situationen zu helfen, sie dann allerdings vor allem so zu unterstützen, dass sie sich emanzipieren und verselbstständigen können.

Ursprung von „Brautraub“ und Zwangsverheiratung liegt in patriarchaler Gesellschaftsstruktur

Adrijane Mehmetaj-Bassfeld, Hauptamtlerin bei agisra e.V., betont in der Fragerunde nach der Filmvorführung, dass der Brauch der Zwangsverheiratung, des Brautraubs oder auch der arrangierten Ehe kein kirgisisches, kein religiöses und auch kein kulturelles Problem ist. Eine solche Ansichtsweise fördert tatsächlich rassistische Narrative und ist bei der Stärkung von Frauen- und/oder Menschenrechten wenig hilfreich. Zur Untermalung der Allgegenwärtigkeit von Zwangsehen, nannte sie das Beispiel der Ehe von Prince Charles und Lady Diana die von Queen Elizabeth bestimmt worden sein soll.

Laut des agisra Tätigkeitsberichts gab es im Jahr 2020 vierzig Beratungen nur zu Zwangsverheiratung. Im selben Jahr wurden in Deutschland 73 Fälle von Zwangsverheiratung angezeigt. Die Dunkelziffer ist deutlich höher, da es sich hier nur um die bei der Polizei gemeldeten Ehen handelt.
Im darauffolgenden Jahr 2021 waren bei agisra schon sechsundsechzig Frauen in Beratung zum Thema Zwangsehe, von Januar 2022 bis heute (23.08.22) sind es neunundfünfzig Frauen.

Jeder Euro zählt… (Foto: Sarah Linßen)

Die Zahlen sprechen für sich: Gewalt gegen Frauen – und Zwangsverheiratung ist Gewalt – sind Ergebnisse patriarchaler Systeme welche weltweit die herrschenden sind. Die Forderung muss also sein, patriarchale Strukturen aufzubrechen.

Agisra e. v. möchte dieses Ziel durch folgende Forderungen an die Politik erreichen:

  • Menschenrechte für Migrantinnen und geflüchtete Frauen
    (Hier zur Auffrischung die Erklärung der Menschenrechte: https://www.amnesty.de/alle-30-artikel-der-allgemeinen-erklaerung-der-menschenrechte )
  • Rechtliche und soziale Gleichstellung von Frauen
  • Sofortiges Aufenthaltsrecht für Heiratsmigrantinnen
    (Bisher dürfen Frauen, die sich vor Vollendung des dritten Ehejahres scheiden lassen, nicht in Deutschland bleiben. Dies zwingt viele Frauen in gewaltvollen Ehen zu bleiben.)
  • Die Anerkennung von frauenspezifischen Fluchtgründen auch in der Praxis
  • Bleiberecht für die von Frauenhandel betroffenen Frauen
  • Umsetzung der Istanbul-Konvention
    (Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von
    Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt)
  • Mehr Frauenhäuser und Schutzplätze sowie eine höhere Finanzierung hierfür

Es steht außer Frage, dass sich die genannten Ziele und Forderungen nicht von einem auf den anderen Tag umsetzen lassen. Das liegt daran, dass schon unsere Gesetzgebung in rassistische und geschlechterspezifische Strukturen eingebettet ist. Und dennoch ist jeder Versuch diese zu ändern, jedes Aufzeigen ein wichtiger Schritt zu Veränderung. Agisra e. V. kämpft unermüdlich für die Rechte von Frauen; für eben diese Veränderungen.

Was kann ich tun?

Veranstaltungen, wie die von Margit Stockdreher organisierte Filmvorführung von „ALA KACHUU – Take and Run“, bei der 1.365 Euro allein in bar zusammengekommen sind (weitere größere Spenden per Überweisung wurden angekündigt), sind zweifelsohne eine riesige Unterstützung für soziale Organisationen, Vereine, Arbeitskreise und Projekte. Ganz zu schweigen von der Sichtbarmachung wichtiger Themen wie es Maria Brendle in diesem Fall getan hat. Doch wie können wir alle helfen?

Indem man demonstriert, sich solidarisiert, Petitionen unterzeichnet und sich stets weiterbildet. Wer Zeit hat, kann bei agisra e. V. Mitglied werden oder sich ehrenamtlich engagieren. Außerdem kann gespendet werden. Jeder Euro zählt, denn Ärzt*innen, Anwält*innen und Dolmetscher*innen können nicht nur auf ehrenamtlicher Basis arbeiten.

Die Arbeit von agisra e. V. kann man mit einer Spende unterstützen:

Förderverein agisra e. V.
Sparkasse KölnBonn
IBAN: DE40 3705 0198 0033 5520 92
BIC: COLSDE33

Vom Kieselstein, der zur Lawine wird

Nach der abschließenden Fragerunde entlässt Margit Stockdreher, ohne deren Engagement in jeglicher Hinsicht weder Film noch Veranstaltung zustande gekommen wären, die Besucher*innen mit der Bitte im Alltag wirklich „zuzuhören und hinzugucken“- auch wenn es wehtut und appelliert: „Lasst uns gemeinsam sensibel agieren; lasst uns gemeinsam die Welt verändern!“.

Maria Brendles letztes Ziel mit der Produktion von „ALA KACHUU – Take and Run“ sei laut eigener Aussage gewesen „einen Stein ins Rollen zu bringen“. Das ist ihr gelungen. Und vielleicht, wird dieser Stein in Zukunft sogar Mauern einreißen, die einen Weg zu mehr Rechtsstaatlichkeit und demokratischeren Strukturen freigeben.

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„Wer das Filos nicht kennt, hat die Südstadt verpennt.“ Mit diesem Zitat aus der Kritik der TAGNACHT setzt das Filos auf der Merowinger Stra…

Den Film kann man unter dem folgenden Link ansehen und Maria Brendle und die Schweizer Produktionsfirma Filmgerberei unterstützen:

https://vimeo.com/ondemand/alakachuu

Spezifikationen

Produktion:  Filmgerberei GmbH
Regie: Maria Brendle
Genre: Drama, Kurzfilm
Länge: 38 minutes 26 seconds
Veröffentlichung: August 2020
Entstehungsland: Schweiz
Drehstandort: Kirgistan
Sprache: Kirgisisch
Untertital: Deutsch

Text: Sarah Linßen

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