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Kultur

„Der Rhein ist eine Schrift, die las der Satellit“

Montag, 10. September 2012 | Text: Jörg-Christian Schillmöller | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Die Band „Erdmöbel“ spielt in 65 Meter Höhe auf dem Dach von Kranhaus eins, und mehr als 400 Menschen hören am Boden zu.

Rheinauhafen, Samstagabend, ein surreales Bild: Auf der Promenade am Ufer und auf den breiten Betonstufen unter „Kranhaus Nord“ stehen, sitzen und liegen Menschen mit Kopfhörern. Es ist still hier unten, denn die Menge wippt im Takt zu einer Musik, die nicht zu hören ist. Ein Fahrradfahrer sucht nach einem Weg, der Mann muss Schlangenlinien fahren, um durch-zukommen. Plötzlich fangen 20, 30 Leute an zu singen: „Hei-raaa-te mich“. Nicht besonders laut, eher diskret – aber alle singen gleichzeitig und nicken dabei, die Hände an den Kopfhörern, den Blick in die Luft gerichtet.

 

Da oben – in 200 Meter Entfernung auf dem Dach des nächsten Kranhauses – sind vier senkrechte Aluminium-Träger mit Scheinwerfern zu sehen. Mal leuchtet es blau, mal violett. Zwei Silhouetten tauchen an der Brüstung auf. Es sind Männer in Anzügen, das ist gerade noch zu erkennen. Die Männer  winken, einer schwenkt eine Gitarre, und die Menge unten pfeift und klatscht. Es ist das erste Mal, dass auf dem Dach des Kranhauses ein Konzert stattfindet. Dass es auch noch per Funk an die Kopfhörer dort unten übertragen wird: Das ist vermutlich eine Weltpremiere. „Silent Kranhaus Konzert“ heißt das Projekt, organisiert hat es die Agentur „facts and fiction“ – und für die Kölner Band „Erdmöbel“ geht ein Traum in Erfüllung.

 

„Das ist was ganz Besonderes und zugleich seltsam“, sagt Ekki Maas, während er am Nachmittag eine seiner Bassgitarren auspackt. Es ist kurz nach 16 Uhr. Die Sonne brennt, gleich beginnt in 65 Meter Höhe der Soundcheck. „Wir haben hier oben diese Distanz zum Publikum, aber die wird durch die Kopfhörer wieder aufgelöst“. Ekki trägt eine blaue Trainingsjacke, die Kapuze hat er wegen der Sonne über den Kopf gezogen, darüber sitzt ein brauner Hut aus Bast.

Was hier oben als allererstes auffällt, ist natürlich der Blick: Unten fließt der Rhein mit der Severinsbrücke und einem Containerschiff, in der Ferne liegt das Siebengebirge glasklar am Horizont, im Westen kommt Industrie-Romantik mit der Skyline des Tagebaus Bergheim dazu. Dann der Kölner Fernsehturm, das Hochhaus im Mediapark und, ja, auch der Dom: Alles, einfach alles ist zu sehen. Ekki Maas schwelgt. Hat er, der Münsteraner, nach 13 Jahren Köln Heimatgefühle bei so einem Blick? „Ja, sehr starke. Mein Leben spielt sich in der Innenstadt ab. Und den Rhein rauf und runter.“

 


 

Die „Erdmöbel“ auf dem Dach: Die Idee eines solchen Konzertes stammt von den Beatles, erzählt Ekki. „Die haben 1969 auf dem Dach ihres Hauses gespielt, das gilt als das erste Rooftop-Konzert der Welt“. Auch Wolfgang Proppe (Klavier) ist hin und weg. „Ich habe das Projekt auf dem Kranhaus anfangs für unmöglich gehalten“, sagt er. „Es gab viele Faktoren, die wir nicht kontrollieren konnten.“ Welche? „Geld. Wetter“, antwortet Wolfgang. Das erste haben sie mit Sponsoren (Sennheiser, Früh) gelöst – und mit Firmen, die Licht, Ton und Videotechnik „für sehr wenig Geld“ bereitgestellt haben. Das zweite war Glück: Die endgültige Entscheidung, das Konzert wirklich zu machen, fiel am Freitagmittag um 12 Uhr. „Mit dem Hafenamt haben wir schon vor einem Jahr verhandelt, die mussten das genehmigen. Aber als wir mit dem Amt damals zum ersten Mal hier oben waren und uns umschauten, da kam gleich bei allen Begeisterung auf“, meint Wolfgang.

 

Begeistert sind auch die zehn Wachleute vom VSU Wachdienst Rheinland-Westfalen. Freundlich führt Cahit Köse, der sonst bei der Sparkasse aufpasst, den Besucher über das Dach. Das Dach: Das sind eigentlich zwei Dächer, weil das Kranhaus in der Mitte gespalten ist. Auf der Nordhälfte spielt die Band, auf der Südhälfte dürfen nachher 20 Fans direkt zuschauen. Die Sonne senkt sich, es beginnt zu dämmern – denkbar gute Voraussetzungen für das „Silent Kranhaus Konzert“.

Jörg Krauthäuser wirkt denn auch sehr ruhig. Er ist Chef der Kölner Firma „facts and fiction“, die für den deutschen Pavillon auf der Expo in Südkorea zuständig war und jetzt das Kranhaus-Konzert organisiert hat. Jörg Krauthäuser sieht das Ereignis nicht als einzelnes Event an. „Wir entwickeln ein Konzept für den gesamten Rheinauhafen“, sagt er. „Wr wollen das Quartier für Köln öffnen, wir wollen diese Architektur nicht sich selbst überlassen. Da ist eine große Fläche zu bespielen.“ Er zeigt nach unten. „Das muss ja nicht immer ein Rooftop-Konzert sein. Das kann auch eine schwimmende Bühne werden – oder ein Bobbycar-Rennen über 1,8 Kilometer.“ Jörg Krauthäuser lacht.

 

 

Die letzten Minuten. Um kurz vor 20 Uhr herrscht auf dem Dach von „Kranhaus eins“ eine vollkommen unaufgeregte Stimmung. Posaunist Henning Beckmann improvisiert ein bisschen zum letzten Song aus der Konserve – auf dem Fan-Dach gegenüber warten Petra und Axel aus Oldenburg: Sie haben die Karten beim WDR gewonnen und genießen die Aussicht.

Die Atmosphäre hier oben hat etwas von einer Parallelwelt über den Dingen. Die kleine Bühne scheint zu schweben in der (kitschigen) Dämmerung mit Kondensstreifen und Federwolken. Ein Konzert aus einem Raumschiff. „Hier sind die Erdmöbel auf Kranhaus eins“, sagt Ekki Maas um acht ins Mikrofon. Die Musiker tragen Anzüge in grün, türkis, blau und grau, und Sänger Markus Berges ruft: „Hört ihr uns? Seht ihr uns?“ Gegenüber filmen die 20 Dachbesucher mit roten und schwarzen Handys, und von unten, vom Kranhaus Nord, tönen leise Pfiffe und Applaus von den Kopfhörer-Menschen herauf. Es folgen zwei Stunden lang die einzigartigen, eigenartigen Erdmöbel-Kompositionen: tanzbar, melancholisch, ein bisschen wunderlich und mit Texten, die alles aus der deutschen Sprache herausholen, was geht.

 

Was kommt unten an? Am Ufergeländer steht Sonja, die aus Bad Bentheim stammt und seit 15 Jahren in Köln lebt. Sie nimmt ihre Kopfhörer kurz ab und leistet sich einen herrlichen Versprecher. „Ich habe die Erdmännchen eigentlich noch nie gehört.“ Stille. „Erdmöbel“, korrigiert sie und lacht: „Erdmöbel natürlich.“ Wie gefällt ihr das Konzert? „Naja, so richtig kommunikativ ist es zwar nicht, aber ich find‘s cool.“

Ein paar Meter weiter stehen Lars und Silke aus Köln-Holweide. Lars hat die Tickets auf der Sennheiser-Homepage gewonnen. Das Ehepaar mag das Konzert (und die Tonqualität), sieht aber im Rheinauhafen noch Potenzial. „Wir kommen zum Joggen und Kaffeetrinken her, aber abends ist hier eher wenig los“ meint Silke. „Da muss was passieren“, findet Lars. „Die Laufkundschaft kommt ja nicht, das Leben spielt sich auf den Ringen ab. Darum sind solche Projekte gut.“

 

„Wieeee-der allein“, singen inzwischen 50 Leute begeistert, es ist nach halb zehn, Endspurt beim „Silent Kranhaus Konzert“. Es ist kühler geworden und ganz dunkel in Köln. Die Bühne oben leuchtet, Markus Berges winkt herunter, und einen Moment lang beschleicht einen dieses Gefühl, das man als Kulturliebhaber in Köln – Stichwort Opernstreit – mitunter vermisst: Es gibt Momente, in denen diese Stadt groß ist und alles richtig macht, in denen sie ganz nah dran ist und ganz vorne mitspielt. Weil neue Orte erschlossen und  neue Wege einer urbanen Öffentlichkeit erprobt werden. Dieser Abend ist so ein Moment.

 

„Kein Traum, den Du vergisst, wenn du alt genug bist“, singen die „Erdmöbel“ noch, dann ist das Konzert vorbei – und die Musiker nehmen den Fahrstuhl und fahren hinunter zu den Fans, die ihre Band begrüßen, umarmen, umringen: Beide Seiten wieder vereint, ein schönes Bild. Und wenn eins von diesem ungewöhnlichen Konzert auf dem Dach in Erinnerung bleibt, dann eine Zeile der Band, die den Blick und die Stimmung dort oben, in 65 Meter Höhe, in Worte fasst: „Der Rhein ist eine Schrift, die las der Satellit.“

Text: Jörg-Christian Schillmöller

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