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Gesellschaft Kultur

Einsamkeit, eine Geisel und der Eierkuchen

Montag, 8. November 2010 | Text: Stephan Martin Meyer | Bild: © MEYER ORIGINALS

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Aufwühlende Bauprojekte unterwandern die Stadt, die Häuser und ihre Bewohner. Keller werden von Rissen durchzogen, Kirchen geraten ins Wanken, Gebäude stürzen ein. Doch Köln versinkt in Lethargie, kaum ein Mensch in dieser Stadt fühlt sich beflissen, seinen Unmut auf die Straße zu tragen. Vor 40 Jahren dagegen durchzuckte Deutschland, Köln und die Südstadt ein gesellschaftspolitischer Stromstoß: die Abkehr von der spießigen Wohlfühlgesellschaft mit ihren überkommenen Familienidealen war im Gange und eine breite Bürgerbewegung schrie nach Revolte.

Die Szenerie:
Herr Meier ist einsam. Kleine Wohnung, Tisch, Stuhl, Pflanze, Sessel, Fernseher, Küchenzeile. Sein Leben will er mit einem anderen Menschen teilen. Doch es ist niemand da. Kurzerhand entführt er einen Fremden zu sich nach Hause. Herr Meier hat keine Forderungen, außer die nach Gesellschaft. Herr Schulz, die Geisel, bittet, bettelt, fleht. Doch Herr Meier lässt sich nicht erweichen. Just an diesem Tag klingelt es zum ersten Mal an der Tür: Frau Schulz, seine Nachbarin, bringt einen Eierkuchen. Zur Begrüßung des neuen Nachbarn.

Die Forderungen der späten 1960er Jahre waren überfällig. Studenten, Schüler, Kirchenverbände und Arbeiter fanden sich mit ihren gemeinsam definierten Zielen in großen Kollektiven wieder. Massenproteste forderten ein Umdenken. Alle agierten mit dem Gemeinsam-Sind-Wir-Stark-Denken ihrer Zeit und forderten zugleich die Individualisierung. Mit fatalen Konsequenzen für die nachfolgende Generation: In einer Gesellschaft, die die individuelle Entfaltung als eines der höchsten Güter darstellt, führt die Ich-Bezogenheit der Menschen zu Isolation und Vereinsamung.

In seiner Einsamkeit sieht Herr Meier nur den Ausweg in einer Entführung. Frau Schulz akzeptiert diesen Umstand erstaunlich schnell, sie findet die Idee so gut, dass sie sich ebenfalls eine Geisel zulegt. Und auch Herr Müller arrangiert sich mit der Situation. Doch als Herr Meier feststellt, dass Geiselnahmen zu einem Massenphänomen werden, fragt er betroffen, wie absurd es doch sei, einen Menschen zu entführen. Er will Herrn Müller frei lassen, doch der lässt das nicht zu. Herr Meier kann ihn doch jetzt nicht einfach so fallen lassen.

Kein Wunder, dass sich kein Protest mehr regt. Sind wir doch alle darauf gepolt, unsere ganz eigene Meinung zu haben. Da stellt sich kaum einer mehr unter die Fahne einer Partei, einer Gewerkschaft, einer Kirche oder einer anderen Gruppierung. Denn es gibt immer ein Detail in deren Programm, dass man selbst nicht unterstützt.

Das Theater der Keller greift mit seinem aktuellen Stück „Meier, Müller, Schulz oder nie wieder einsam!“ von Marc Becker die Vereinsamung in der deutschen Gesellschaft auf. Unter der Regie von PiaMaria Gehle agieren die drei Schauspieler in einer engen Einzimmerwohnung. Emanuel Fleischhacker führt uns als Herr Meier eindrucksvoll die Not des Vereinsamten vor Augen. Nichts lässt ihn an der Rechtmäßigkeit seines Handelns zweifeln. Alexander Wipprecht gibt die zunächst ängstliche, doch dann gefasste Geisel, die ihren Peiniger schließlich mit Käsebroten versorgt und sich in der Situation gut einrichtet. Fiona Metscher mimt beängstigend realistisch die neidische Nachbarin, die ihre Einsamkeit ebenfalls satt hat.

Eine allgemeingültige Lösung aus der Misere wird es nicht geben – nicht geben können – denn jeder muss für sich individuell entscheiden, ob und wie er oder sie aus dem gesellschaftlichen Prozess aussteigen will. Doch es entstehen immer mehr Gruppierungen, die wieder gemeinsame Ziele vertreten. Bürgerbewegungen wie in Stuttgart sind ein Anfang. Oder die Proteste im Wendland. Kompromisse werden schweren Herzens geschlossen. Das große Ziel zählt. Der Ausstieg aus der Einsamkeit – vielleicht funktioniert er nur, wenn wir Verantwortung übernehmen. Für anderen Menschen, für eine Gruppe, für ein Ziel.

So wie sich dabei das Bild von der Umwelt verschieben wird, so verändert sich das Bühnenbild des Theaterstücks, als Herr Meier mit dem Massenphänomen der Geiselnahmen konfrontiert wird. Benjamin Wiese hat ein  perspektivisch perfektes Bühnenbild entworfen. Schränke, Tische, ja sogar der Fernseher scheinen in der Tiefe zu verschwinden. Die Dimensionen treten erst voll zutage, wenn die Geisel das Zimmer ganz nach ihrem Geschmack umdekoriert und das Weltbild von Herrn Meier damit ins Wanken gerät. Doch aus Chaos kann ja bekanntlich Kreativität entstehen.

Im Theater der Keller wird gekonnt die Vereinsamung in unserer Gesellschaft abgebildet und ad absurdum geführt. Ernst, aber mit einer guten Portion Humor gewürzt, präsentiert sich das Stück als Farce einer Geiselnahme, die grundsätzlich Mut macht, Veränderungen anzustreben.

Mehr davon, dann gehen eines Tages die Kölner doch noch geschlossen auf die Straße und protestieren gegen die maroden Zustände in dieser Stadt.

Text: Stephan Martin Meyer

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