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Kultur

Keine Macht für niemand

Freitag, 1. Oktober 2010 | Text: Antje Kosubek | Bild: Andreas Moll

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Was haben ein Apotheker, ein Drummer, ein Programmierer, eine männliche Thekenschlampe und ein Lehrer gemeinsam? Ein Meer voller Scherben! Nachdem Ralph Christian Möbius (besser bekannt als Rio Reiser) im August 1996 ein großes Loch im deutschsprachigen Rock hinterlassen hatte, versuchten viele sein musikalisches Erbe anzutreten. Doch kaum ein deutscher Musiker schaffte es, mittels Kreativität Rock mit Melancholie, Sensibilität und trotzdem provozierenden und politischen Texten zu verbinden.
Die Musik und die Texte von Scherben-Frontmann Rio Reiser wurden zum Ventil für viele Menschen und linke Strömungen nach 1968: die Songs brachten Zustände, Gefühle und Gedanken mitten auf den Punkt. So wurde der „Rauch-Haus-Song“ zur Hymne der linken Hausbesetzer-Szene in Berlin-Kreuzberg und danach auch in anderen deutschen Städten. Seit 2008 gibt es die Kölner Band „Scherbenmeer“: fünf Musiker spielen in Memoriam an „Ton Steine Scherben“ und Rio Reiser. Sänger Michel, Keyboarder Jo, Schlagzeuger Jochen, Bassist Micha und Gitarist Jojo schaffen es, den musikalischen Geist wieder zum Leben zu erwecken. Ihre Konzerte haben mittlerweile unter Südstädtern echten Kultstatus, denn live geben die fünf Jungs alles. Für „Meine Südstadt“ konnte ich an einer Probe teilnehmen und ein wenig Groupie spielen.

Der Proberaum im „Beathouse“

„Scherbenmeer“ trifft sich regelmäßig in einem Proberaum im Kölner „Beathouse“ in der Wormser Straße. An einem verregneten Donnerstagabend fand ich mich also in einem alternativ anmutenden Südstadt-Hinterhof wieder. Neben Frauen, die zum abendlichen Yoga-Unterricht unterwegs waren, schlängelte ich mich an diversen Musikern vorbei, die allerlei musikalisches und riesiges technisches Equipment in Richtung Keller und Proberäume schleppten. In der „Red Lounge“ gab es erst einmal Kölsch: hier beginnt sozusagen der Soundcheck der Band, das „Warm up“ bei Bier und Zigaretten.
 

„Wir sind alle eher zufällig zusammen gekommen“, so Keyboarder Jo, der im richtigen Leben Musiklehrer ist: „Viele kennen sich von früher und sind schon lange befreundet, bis man sich 2008 als Band zusammengefunden hat.“ Seit Juli 2010 ist Schlagzeuger Jochen dabei, ein Vollblutmusiker, der ansonsten gerade einen Verlag für sein erstes Kinderbuch sucht. Sänger Michel Mohr betont, dass die Band für sich auch einen gewissen politischen Anspruch erhebt: „Scherbenmeer“ spielen nicht mal eben und schon gar nicht für jeden. Einen Auftritt auf dem Rudolfplatz für den Landtagswahlkampf der Grünen im Frühjahr haben sie abgelehnt, während sie 2009 beim „Soli-Fest“ auf dem Bauspielplatz selbstverständlich Flagge zeigten.
Die Probe beginnt mit dem so genannten Checken der Verhältnisse: eine Gitarre ist noch zu leise und Kabel müssen neu gesteckt werden. Als die ersten Töne erklingen, werden in kürzester Zeit Wände, Boden und auch ich selbst vom „Wahnsinnsgroove“ erfasst. Nur unter erschwerter Körperbeherrschung schaffe ich es einigermaßen still sitzen zu bleiben (es ist ja schließlich Probe!), denn der Beat erfasst meine Extremitäten und alles wippt und zuckt automatisch mit. ‚Alles Lüge’: „Scherbenmeer-Sänger“ Michel singt und lebt Rio Reiser – voller Energie und mit einer eindrucksvollen Seelenverwandtschaft. Es scheint, als ob er alles um sich herum ausschaltet und sich dabei, vollkommen in Ekstase, seinen Songs hingibt. Dann auch schon mal so extrem, dass er bei einem Konzert von der Bühne gefallen ist…

Publikum zwischen 18 und 58 Jahren
Zu Beginn ihrer noch kurzen Bandgeschichte spielten „Scherbenmeer“ Konzerte ohne Gagen, jetzt haben sie richtig große Auftritte, wie zum Beispiel im Underground. Und sie erzählen voller Stolz vom diesem Konzert: das Publikum zwischen 18 und 58 Jahren, die Hütte brannte, der Club rockte bei jedem Lied mit. Und dazu Fans aller Altersstufen, die die Songs auswendig mitsingen konnten: Gänsehaut pur! Sänger Michel Mohr: „Hier sieht man, wie schwer es heute für die Gesellschaft geworden ist, Wut und Protest gegen Politiker, soziale Kälte, Unrecht und vieles mehr auszudrücken. Diese Möglichkeit bieten deutsche Songs heute kaum noch, deshalb gibt es mittlerweile wieder 20jährige, die Lieder der „Ton, Steine, Scherben“ kennen und mitsingen können.“
 

Zurück im Hinterhof-Proberaum: je später der Abend, desto ernster wird die Probe von Scherbenmeer und nervöser die Musiker: „Machste mal ein A?“ oder „die Bridge fehlt“ und „die 74 kam mir zu langsam vor“ – meine Allgemeinbildung versagt hier auf der ganzen Linie, und ich verstehe gar nichts mehr. Später wird mir erklärt, dass die Bridge keine Brücke, sondern in der Musik eine Überleitung oder ein Zwischenspiel ist. Als zum dritten Mal „Land in Sicht“ abgebrochen wird, weil diesmal Schlagzeuger Jochen zu schnell war, fange ich langsam an zu verstehen, was die fünf Musiker zusammenhält.
„Scherbenmeer“ – das sind nicht nur wilde Kerle, die ihre Jugendträume ausleben. Sie verbindet auch die Liebe zur Musik und der Anspruch an ihr Publikum, ihren Fans einen geilen Abend bieten zu wollen. Man muss nicht mal Rio Reiser-Fan sein, denn die Energie ihres Auftritts reißt alle mit. Die Probe ist leider zu Ende, und ich bin richtig enttäuscht, noch bis zum 8. Oktober warten zu müssen, um endlich abzurocken, mitzusingen und abzuzappeln! ?   
 

„Scherbenmeer“ hat am 8. Oktober ein Heimspiel, sie spielen in der „Alteburg“ im Anschluss an das Berliner Spiel von Poldi, Großkreutz und Co. gegen die Türkei.

 

Text: Antje Kosubek

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