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Gesellschaft

„Loor ens“- Einblicke in eine lautlose Welt

Mittwoch, 8. Februar 2012 | Text: Sonja Alexa Schmitz | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Ich sitze im Bus und fahre zu meinem Termin. Ich formuliere im Geist noch Fragen an meinen Gesprächspartner, da steigt am Heumarkt eine Familie ein. Vater , Mutter, zwei Töchter. Die eine Tochter geht mit ihrer Schwester vor zu einem freien Vierersitz. Sie machen den Eltern Zeichen, dass diese auch kommen sollen. Es sind keine üblichen Zeichen, nicht das Gewinke, dass wir alle machen, wenn wir „Komm mal her!“ meinen. Die Mädchen reden in Gebärdensprache. Wie passend, denke ich,  denn ich bin unterwegs zu „Loor ens“, einer Gebärdensprachschule.

 

Seit 15 Jahren gibt es sie. Unauffällig ist sie in einem Wohnhaus in der Josefstrasse untergebracht. So unauffällig Gehörlose für die meisten von uns sind, mich haben diese Zeichen-Sprache und diese stille Welt immer schon interessiert. Vielleicht fiel mir auch deshalb das Schild neben der Tür auf.

Volker Maaßen, einer der fünf Geschäftsführer, ist gerne bereit sich mit mir zu unterhalten. Er ist gehörlos. Ein Dolmetscher hilft uns. Erst bin ich etwas irritiert, zu wem soll ich denn jetzt sprechen? Wen anschauen? Wenn man in verschiedenen Landessprachen spricht, dann kann man sich wenigstens anschauen, während der Dolmetscher übersetzt, aber Herr Maaßen muss ja zu seinem Dolmetscher schauen, während ich spreche, denn die Übersetzung läuft simultan. Er erklärt mir, dass er mit mir spricht, sein Dolmetscher ihm dazu lediglich seine Stimme leiht. Irgendwann kann ich der Gewohnheit widerstehen, zu dem zu schauen, der redet, und Herrn Maaßen anzusehen, während er „spricht“. Bald kommt es mir tatsächlich so vor, als würde ich ihn verstehen. Die Gesten und Gesichtsausdrücke passen und manchmal bilde ich mir ein, ich würde das jetzt auch ohne Dolmetscherstimme verstehen.

 

Ich habe viele Fragen. Erst einmal etwas ganz Banales, was mir so aufgefallen ist, wenn ich Gehörlose in der Straße beobachte: Kann man überhaupt kommunizieren, wenn man einkaufen geht und Taschen an den Händen hängen, oder wenn man beim Essen Hände voll mit Messer und Gabel oder Brötchen hat? Ja, das geht alles, bekomme ich zu hören. Entweder man stellt die Taschen ab, oder nimmt sie nur in eine Hand, denn einhändig Gebärden funktioniert auch. Wie ist es mit Musikhören? Nein, wirklich hören kann man sie nicht, aber man kann sie fühlen. Ich denke an das Lied von Herbert Grönemeyer „Sie mag Musik nur wenn sie laut ist, wenn der Boden unter den Füßen bebt…“ Herr Maaßen hat es nicht so mit Musik, aber immerhin hat er damals, als er seine Frau geheiratet hat, gelernt Walzer zu tanzen.

Seine Frau ist auch taubstumm. Paare finden sich nur selten zwischen Hörenden und Gehörlosen. Früher hatten Gehörlose einen schlechten Stand. Man nahm sie nicht ernst. Hörende wollten eher nichts mit ihnen zu tun haben. Seit den 70er Jahren ist es überhaupt erst erlaubt die Gebärdensprache zu benutzen. Und sie kämpfen weiterhin dafür, dass sie in der Gesellschaft präsenter wird. Dolmetscher sind rar, und wer soll sie bezahlen? Wenn ein Gehörloser zum Beispiel ein Auto kaufen will, einen Arztbesuch macht? Wenn nicht gerade ein hörendes Familienmitglied die Gebärdensprache spricht, wird es kompliziert.

 

Ich erfahre, dass es um die 650 Gehörlose in Köln gibt, und 80 000 in ganz Deutschland. Sie bleiben natürlich vorwiegend unter sich. Treffen sich privat oder auch in Vereinen. In Köln gibt es 8 Vereine. Den Sportverein gibt es sogar schon seit 1902! Ich hatte mir vorgestellt, dass Gehörlose immer einen Zettel und Stift dabei haben, um notfalls dem Gemüsemann aufschreiben zu können, dass man nicht 2 kg, sondern 2 Pfund Äpfel haben möchte. Grammatikalisch korrektes Schreiben fällt Gehörlosen gar nicht mal so leicht. Passives Lesen geht gut, aber aktives Schreiben ist schwieriger. Warum? Weil die Grammatik in der Gebärdensprache komplett anders ist, als in der Lautsprache. Sie folgt einer ganz anderen Logik, nutzt mehr aneinander gereihte Bilder, wie etwa im Chinesischen. In der Gebärdensprache denken, und das dann gleich aufschreiben, ist also nicht so einfach.

 

Volker Maaßen im Unterricht mit nicht Gehörlosen Menschen.

 

Und ich lerne noch etwas, dass mich sehr erstaunt, dachte ich doch, der einzige Vorteil, den ein Gehörloser habe, der die Gebärdensprache spricht, sei, er könne sich in der ganzen Welt mit anderen Gehörlosen unterhalten. Stimmt nicht. In anderen Ländern gibt es andere Gebärdensprachen. Bei den Verben kann man sich zwar kaum vertun: essen, schlafen, Auto fahren – solche Basics sind immer leicht verständlich, aber alles Weitere, vor allem das Abstrakte, wie zum Beispiel Farben, werden anders dargestellt. Es gibt Vokabellisten, auf denen man dann nicht nur die Fremdsprache, sondern auch die eigene Sprache erweitern kann. Vor allem Fachvokabular muss man lernen. Genauso wie bei Hörenden. “Wenn ich keine Ahnung von Medizin habe, kann ich mich auch nicht mit einem Arzt fachmännisch unterhalten. Diese Vokabeln lernt man nicht per Heft, sondern in kleinen Videofilmen,“ erfahre ich.

Apropos Filme, wie ist es mit Fernsehen? Die Auswahl an Sendern und Sendungen in Gebärdensprache ist ja sehr gering. Phönix sendet Nachrichten, wo in einem kleinen Fenster ein Gebärdendolmetscher übersetzt. Mehr Auswahl gibt es im Internet. „Aber wenn ich Spielfilme anschaue, dann lieber mit Untertiteln. Dann habe ich keine Lust immer in das kleine Fenster, zu dem Dolmetscher zu schauen, dann möchte ich die Schauspieler und Landschaften sehen,“ erklärt mir Herr Maaßen.

 

Wenn ich diesen Mann erlebe, dann kommt es mir vor, als hätte er wenig Schwierigkeiten mit diesem fehlen eines Sinnes. So als stünde er beim Metzger und lache darüber, dass die Verkäuferin erst Salami, dann Fleischwurst, dann Schinken in die Luft hält, bis er bei der Putenbrust nickt. „Das war nicht immer so,“ erklärt er, „ich bin jetzt 57 Jahre alt, da ist man dann endlich zufrieden. Früher war ich oft wütend. Ich wollte Pilot werden oder Polizist. Irgendwann kapierst du, dass du dich an deine Behinderung anpassen musst.“

Plötzlich fällt mir noch was ein: Gibt es in der Sprache der Gehörlosen auch Poesie? „Oh ja!“ erkenne ich sogleich an seinem Gesicht. „Man kann auch schön sprechen. Groß- und Klein-Gebärden. Und es gibt Leute, die sich schöner ausdrücken als andere. Ich selbst rede eher wie ´ne Metallstange. Aber man veranstaltet sogar Wettbewerbe für besonders schönes Gebärden.“

„Unterhält man sich eigentlich als Gebärdender weniger? Etwa nur über Fakten, weil es so müßig ist?“ frage ich. „Das ist bei uns genauso wie bei den Hörenden. Reden tun wir genauso gerne oder ungerne. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Es gibt auch so richtige Schreihälse, so wie Hitler einer war.“ Ich frage ihn, wie er jetzt Hitler dargestellt hat. Er legt zwei Finger an den imaginären Schnauzbart und fährt mit den Fingern dann in die Höhe.

 

Gar nicht so einfach! Nicht gehörlose Schülerin beim Erlernen der Gebärdensprache.

 

Und was passiert nun bei „Loor ens“? Loor ens besteht aus drei Abteilungen: Erstens der Vermittlung von Dolmetschern. Zweitens einem Lerntreff für Gehörlose. Hier können Gehörlose zum Beispiel Nachhilfe in Mathe bekommen oder bei sonstigen schulischen Problemen Unterstützung bekommen.

Der dritte Bereich ist die Sprachschule. Hier können sowohl Hörende, als auch Gehörlose die Gebärdensprache erlernen.

 

Meine Kollegin Tamara und ich waren da und haben uns einen Abend im Kurs dazu gesetzt. Irgendwann ertappten wir uns, wie zuerst unser Gesicht sich verzog und wir dann automatisch die „Vokabeln“ zusammen mit den Schülern mitgebärdeten. Man muss sich sehr konzentrieren, sich an alle Gesten zu erinnern, die Satzstellung zu beachten und dann auch die restliche Grammatik richtig zu verwenden. Und obendrauf gehört auch eine Portion schauspielerisches Talent, oder sagen wir mal Mut für uns Hörende dazu, sich der Gebärdensprache hinzugeben. 

Eine schöne Erfahrung, und für den ein oder anderen vielleicht ein Anreiz, sich mal mit dieser ganz anderen Art der Kommunikation auseinander zu setzen.

 

„Loor ens“

Josephstraße 31- 33

50678 Köln

Tel.: 0221/ 34 29 04

www.loorens.de

Text: Sonja Alexa Schmitz

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