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Gesellschaft

„Meine Südstadt hat eine wichtige basisdemokratische Funktion!‎“

Dienstag, 1. Juli 2014 | Text: Wassily Nemitz | Bild: Wassily Nemitz / Kevin Schwarzbach

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Zeitungskrise, Pressekonzentration, Stellenstreichkonzerte – spätestens seitdem die „Financial Times Deutschland“ eingestellt wurde und die „Frankfurter Rundschau“ Insolvenz anmeldete, ist die schlechte Situation der gedruckten Tageszeitungen offensichtlich: Immer mehr Blätter werden in einer Zentralredaktion vereinigt, immer mehr Orte in Deutschland verfügen über nur noch eine Lokalzeitung. Stehen wir also vor dem Ende des Printjournalismus, wie wir ihn kennen? Haben die Zeitungsverleger die Zeichen der Zeit verpasst und viel zu spät auf das Internet gesetzt? Können hyperlokale Angebote wie „Meine Südstadt“ die entstehende Lücke füllen? Kevin Schwarzbach (Sächsische Zeitung) und Wassily Nemitz (Meine Südstadt) im Gespräch mit dem Kommunikationswissenschaftler Dr. phil. Tobias Eberwein.

Kevin Schwarzbach: Der durchschnittliche Leser der Sächsischen Zeitung bei uns in Riesa ist fast 70 Jahre alt. Es kommen kaum junge Leser hinzu und die Suche nach neuen Abonnenten wird immer schwerer. Steht uns der Untergang bevor?
Tobias Eberwein: Der Lokaljournalismus muss insgesamt einiges dafür tun, um sich zu verjüngen. Im Moment merkt man, dass in den Redaktionen ein Umdenken stattfindet. Ob das in der Praxis schon gut umgesetzt wird, das würde ich durchaus bezweifeln. Die neuen Medien bieten aber großartige neue Chancen, gerade auch junge Leser zu gewinnen, insbesondere durch soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter. Vor allem in kleinen Medienhäusern wird damit aber noch sehr unprofessionell umgegangen. Werden diese Möglichkeiten aber genutzt, dann steht dem Lokaljournalismus eine großartige Zukunft bevor, von Untergang kann keine Rede sein. Das Interesse an lokalen Informationen ist ja durchaus da.

Wassily Nemitz: Glauben Sie, dass diese neuartigen Angebote auf Facebook und Twitter tatsächlich dazu führen werden, dass gerade junge Leute an den Kiosk gehen und sich eine Zeitung kaufen? Wird es nicht umgekehrt sein, dass die kostenlosen Informationen im Netz den Kauf einer Zeitung überflüssig erscheinen lassen?
Zeitung ist nur ein eindimensionaler Begriff. Es muss darum gehen, eine Plattform zu finden, um redaktionell gut gemachten Journalismus zu verkaufen. Das muss nicht zwingend gedrucktes Papier sein, das kann genauso gut ein Tablet sein, das ähnlich komponierte Inhalte enthält, das kann auch ein ganz neuartiger Kanal sein, den wir jetzt noch nicht kennen. Die Lokalzeitungen fangen gerade erst an, über so etwas nachzudenken, während die großen, überregionalen Magazine und Qualitätszeitungen schon länger damit beschäftigt sind. Dort findet man schon wunderbare Beispiele für neuartiges Storytelling, vor allem im Tablet-Format. Durch so etwas kann der Journalismus ja auch noch besser werden. Ich glaube, dass es kein großartiger Verlust für den Journalismus sein muss, wenn es irgendwann keine gedruckte Zeitung auf Papier mehr gibt– nicht die Form ist entscheidend, sondern der Inhalt.

WN: Viele, vor allem lokale Verlagshäuser sind mit ihrem Online-Angebot noch nicht sehr weit. Wurde hier eine Entwicklung verschlafen oder wollen manche Verleger einfach nicht?
In vielen Medienhäusern wird in der Tat alles, was mit Internet zu tun hat, noch als Bedrohung wahrgenommen: Es wird befürchtet, dass dadurch die klassischen Erlösmodelle durch Abonnements und Werbung wegbrechen. In der Tat haben wir diese Einnahmemöglichkeiten im Internet nur sehr eingeschränkt. Aber: Um dauerhaft bestehen zu können, muss aus meiner Sicht heraus mehrgleisig gefahren werden. Nur fehlt hierfür in vielen Verlagshäusern einfach die Kompetenz. Von daher ist es vielerorts kein „Nicht-Wollen“, sondern ein „Nicht-Können“.

KS: Bei uns ist die Facebook-Berichterstattung auch eher eine kleine Nebenbei-Aktivität – fehlt es nur an Kompetenz oder mancherorts auch an der richtigen Strategie?
Durchaus. Für viele Redaktionen ist „Partizipation“ eine Art Zauberwort: Alle reden davon, also springen viele auf den Zug auf, ohne überhaupt zu wissen, was damit erreicht werden soll. Bei uns in der Medienforschung hat das zu dem schönen Spruch „Planlos in die Partizipation“ geführt – es werden irgendwelche Facebook-Seiten eingerichtet, ältere, analoge Redakteure werden beauftragt, Postings zu machen, ohne dass ein Verständnis dafür da ist, wie soziale Netzwerke funktionieren. Da gibt es teilweise ziemlich peinliche Beispiele.

WN: Wenn viele Verlagshäuser entweder gar nicht oder unzureichend mit der Zeit gehen, ist es doch relativ erstaunlich, dass kaum andere Akteure diese entstehende Marktlücke füllen, von einzelnen Beispielen wie Meine Südstadt abgesehen! Wie lässt sich das erklären?
Das liegt vor allem daran, dass die Geschäftsmodelle fehlen. Wir wissen noch nicht, wie entsprechende Angebote refinanziert werden können. Es gibt einzelne Beispiele, die in hervorragender Weise das Gegenteil beweisen, jedoch gibt es dort jeweils sehr spezielle Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel beim Crowdfunding. Ein anderer Ansatz ist der so genannte „Stiftungs-Journalismus“, das klappt aber natürlich nur, wenn ein finanzstarker Stifter dahinter steht. Es gibt andere Projekte, die eigentlich gar keine Erlöse erzielen, wo aber ein starkes, ehrenamtliches Redaktionsteam seine Freizeit opfert, um Unbeschreibliches zu leisten. Das ist aber kein Modell, mit dem Qualitätsjournalismus finanziell aufrechterhalten werden kann – Selbstausbeutung ist kein dauerhaft funktionierendes Geschäftsmodell.

WN: In Köln gibt es zwar noch zwei Tageszeitungen, sie gehören aber ein und demselben Verleger. Angeblich sind sie zwar völlig unabhängig, erstaunlicherweise werden aber häufig die gleichen Themen gesetzt. Können hyperlokale Angebote wie Meine Südstadt hier Abhilfe leisten oder sind sie dafür viel zu unbedeutend?
Aus meiner Sicht heraus kommt den hyperlokalen Angeboten da eine große und wichtige Rolle zu. Sie haben es angedeutet: Wir haben einen Trend hin zu mehr Konzentration, gerade im Lokaljournalismus. Die Zahl der Kreise, in denen nur noch eine Lokalzeitung erscheint steigt, die Meinungsvielfalt sinkt. Da bietet hyperlokaler Journalismus im Netz ein sehr großes Ausgleichspotential. Das zeigen einige Vorzeigeprojekte, am öffentlichkeitswirksamsten hat das Hardy Prothmann mit seinem Heddesheim Blog gezeigt. Er ist mit dem Anspruch gestartet, der dort aktiven Lokalzeitung etwas entgegenzusetzen. Er war der Auffassung, dass in jener Zeitung einseitig berichtet werde und die Journalisten dort nicht kritikfähig seien. Er will mit seinem Angebot diese Mängel ausgleichen und zeigen, dass kritischer, qualitativ hochwertiger Lokaljournalismus möglich ist. In vielen Bereichen Deutschlands gibt es zahlreiche andere Beispiele. Das Entstehen solcher Seiten ist die logische Konsequenz aus den Mängeln, die der klassische Lokaljournalismus mit sich bringt. Angebote wie Meine Südstadt haben eine wichtige basisdemokratische Funktion!

WN: Welche Probleme bringen sie mit sich?
Viele Kritiker bemängeln, dass die Inhalte, über die dort berichtet wird, irrelevant seien. Außerdem würden journalistische Qualitätskriterien vernachlässigt und die Mitarbeitenden seien schlecht ausgebildet. Diese Kritik muss man ernst nehmen, ich selber bin aber ein großer Freund von hyperlokalen Angeboten. Außerdem kann sich das ganze ja auch noch professionalisieren.

WN: Ich selbst habe bei Recherchen häufig erlebt, dass ich als Meine Südstadt-Vertreter nicht ernst genommen wurde und unser Portal als „lächerlicher Blog“ oder „Spinner-Verein“ diskreditiert wurde. In Pressestellen wurde ich oft sehr nachrangig behandelt und nur durch beharrliches Nachfragen überhaupt beachtet. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Das ist ein klassischer Fall. Häufig ist es so, dass journalistische Akteure, die aber keine traditionelle journalistische Ausbildung durchlaufen haben, in Pressestellen nicht beachtet werden. Diese unkonventionelle Vita vieler neuer Berichterstatter stößt auf zahlreiche Vorbehalte, vielfach wurden vielleicht auch negative Erfahrungen gemacht. Inzwischen gibt es aber eine öffentliche Diskussion darüber und sicher wird sich die Situation auch für Sie in den nächsten Jahren verbessern, denn auch Sie sind ja ein Journalist, arbeiten aber unter anderen Bedingungen und bedienen andere Ausspielkanäle.

KS: Im Lokaljournalismus ist man ja viel näher an allem dran, also auch an den Financiers – konkret den Anzeigenkunden. Bei kritischer Berichterstattung merken wir ganz konkret, dass Anzeigen gekündigt werden, dass bestimmte städtische Multiplikatoren nicht mehr als Ansprechpartner zur Verfügung stehen und so weiter. Kann unter diesen Umständen überhaupt noch kritisch berichtet werden?
Nähe ist Chance und Gefahr zugleich im Journalismus. Wer nah dran ist, weiß mehr und kann besser berichten. Gleichzeitig scheut man sich auch, zu kritisieren, was einem nahe steht. Da kommt es ganz schnell zur Selbstzensur. Das ist ein Phänomen, das wir schon seit Jahrzehnten, wenn nicht seit Jahrhunderten beobachten. Da muss ein gesunder Mittelweg gegangen werden und es ist notwendig, nach einer Recherche auch mal einen Schritt zurückzutreten und das Ganze aus einer kritischen Distanz zu sehen. Da muss sich jeder die Frage stellen, wie wichtig die eigene Integrität gegenüber einer Anzeige ist. Pressekonzentration verschärft hier das Problem. Zugespitzt kann man sagen, dass in Regionen, wo nur eine Zeitung existiert, keine unabhängige Information mehr gewährleistet werden kann.

KS: Mein Chef sagt immer, dass die Lokalzeitung für die Stadt das sein muss, was das Nachrichtenmagazin für das ganze Land ist. Und dabei ist es, so sagt er, nicht so wichtig, über jeden Verein zu berichten und jedem kleinen Fest nachzuhecheln, sondern mehr eigene Akzente zu setzen. Demontiert das aus Ihrer Sicht die klassische Lokalzeitung?
Nein, das ist meiner Meinung nach eine durchaus sinnvolle Strategie. Es wird ja häufig kritisiert, dass viel zu viel Terminjournalismus betrieben wird, dass also mehr eine Chronistenpflicht erfüllt wird und sich die Inhalte am Terminkalender und nicht anhand der wichtigen Themen orientieren. Ihr Chef hat also durchaus Recht mit seinem Anspruch – eine gut erzählte, große Geschichte ist vielfach viel wichtiger als ein Sammelsurium von Kleinstmeldungen über irgendwelche lokale Veranstaltungen.

WN: Herr Eberwein, angenommen, Sie wären ein Jahr Chefredakteur einer Lokalzeitung. Was hat sich danach geändert?
Ich würde ganz klar das Erzählende in der Berichtserstattung stärken und die Zeitung von sinnlosen Meldungen entmüllen. Möglicherweise würde ich im gedruckten Bereich gar nicht mehr so sehr auf Tagesaktualität setzen, weil hier andere Formate viel besser sind, beispielsweise das Internet. Das Online-Portal meiner Zeitung würde ich aber keinesfalls zur reinen Nachrichtenplattform verkommen lassen, sondern spannende neue Formate ausprobieren.

Jetzt nehmen wir mal an, diese Zeitung existiert in dreißig Jahren noch. Wie finanziert sie sich dann?
Ich denke, dass dann sehr viel mehrgleisiger gedacht wird, es wird neuartige Finanzierungsmodelle geben – Crowdfunding, philantropische Modelle, freiwillige Zahlungen…was bis dahin ist, kann ich aber natürlich ganz schwer sagen. Aus meiner Sicht hat das Zeitungssterben gerade erst angefangen, die Konsolidierungsprozesse werden sich weiter fortsetzen. Wenn „meine“ Zeitung in 30 Jahren noch besteht, kann ich mich sehr glücklich schätzen.

Sind die Leute inzwischen schon nicht mehr bereit, für journalistische Inhalte zu zahlen oder fehlt ihnen eine einfache Möglichkeit dazu?
Für Qualität werden die Leute auch in Zukunft zahlen, auch in einer Gesellschaft, in der angeblich eine „Kostenlos-Mentalität“ herrscht. Wenn sich die Ansicht durchsetzt, dass wir qualitativ hochwertige Berichterstattung brauchen, dann wird dafür auch wieder gezahlt. Inzwischen zahlen die Leute ja auch 3-5 € für einen Becher Kaffee, den Sie früher für 50 Cent an der Bude bekommen haben. Warum den gleichen Betrag nicht für eine gut gemachte Zeitung zahlen?

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Tobias Eberwein, geboren 1978 in Bremen, forscht unter anderem zu den Schwerpunkten Print- und Onlinejournalismus, Medienethik und journalistische Qualität sowie zum Medienjournalismus. Er war zunächst selbst als Journalist tätig und absolvierte von 2002 bis 2003 ein Volontariat bei der Westfalen-Post in Hagen. Parallel studierte er von 1999 bis 2006 Journalistik, Amerikanistik, Anglistik und Politikwissenschaften an der Universität Dortmund. Nach einem Lehrauftrag an der FH Köln promovierte er 2013 wiederum an der TU Dortmund und übernahm anschließend eine Vertretungsprofessur. Anfang des Jahres wurde er als Professor für Kommunikationswissenschaft an die Technische Universität Dresden berufen.
 

Text: Wassily Nemitz

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