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Bildung & Erziehung Gesellschaft Südkids

Stopp sagen ist okay

Montag, 4. September 2017 | Text: Jaleh Ojan | Bild: Zartbitter e.V.

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Es ist kein Elternabend wie jeder andere. An einem regnerischen Tag Ende Juli versammeln sich abends in einer Kölner Kita rund ein Dutzend Eltern, um sich ein Kindertheaterstück anzuschauen. „Sina und Tim“, das aktuelle Präventionstheaterstück von Zartbitter e.V., basiert auf dem gleichnamigen Bilderbuch. Seit Ende April wird es in Kölner Kitas gezeigt, dies hier sei aber die einzige Aufführung in den Sommerferien, merkt Ursula Enders an. Die Leiterin und Mitbegründerin von Zartbitter Köln ist mit zwei Kolleginnen in der Kita zu Gast; heute ist sie diejenige, die den kurzen Vortrag zum Einstieg in die Thematik hält. Die Eltern hören hochkonzentriert zu.

Ein Bilderbuch, das aus dem Rahmen fällt

„Sina und Tim“ ist nämlich auch kein Kinderbuch wie jedes andere. Vor mehr als 20 Jahren gab Zartbitter ein Bilderbuch für Fünf- bis Sechsjährige heraus, das sich mit dem Thema „Doktorspiele und grenzachtender Umgang“ sensibel auseinandersetzte. Auf dessen Grundlage entwickelten Ursula Enders und Ilka Villier jetzt ein simpleres Buch für jüngere Kinder, das auch der erweiterten Altersmischung in Kitas Rechnung trägt. Die Illustrationen von Dorothee Wolters überraschen positiv: Neben dem „fussich“ Tim und der dunkelhäutigen Sina sind im Bilderbuch zum Beispiel auch dickere Kindere dargestellt oder ein schwarzes Mädchen mit Bein-Schiene. Behinderte Menschen mit Migrationshintergrund würden in den Medien kaum gezeigt, merkt Enders richtig an.

Dass Diversität und Inklusion für Zartbitter nicht bloß schöne Worte sind, zeigt sich auch an der sehbehindertengerechten Aufmachung des Buches sowie an der Tatsache, dass „Sina und Tim“ zum Beispiel Kurdisch- und Tigrinya-Muttersprachlern zur Verfügung steht. Dank der finanziellen Unterstützung durch die Aktion des Kölner Stadtanzeigers „wir helfen“ konnte das kartonierte Bilderbuch nämlich in 11 Sprachen übersetzt werden. Auf der Website des Vereins lässt sich das Buch im PDF-Format bequem und kostenfrei herunterladen, das Gleiche gilt für die Informationsbroschüre „Doktorspiele oder sexuelle Übergriffe?“ für Eltern und Fachkräfte.

Doktorspiele nicht tabuisieren, Übergriffe ernst nehmen

Enders ist es wichtig zu betonen, dass nicht Doktorspiele an sich das Problem sind. Sie gehörten zur gesunden Entwicklung kindlicher Sexualität und förderten die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Immerhin beginnen Kinder mit 2 ½  bis 3 Jahren, das andere Geschlecht zu entdecken, weiß die Pädagogin und Traumatherapeutin.

Der Gedanke, dass auch Kinder schon körperliche Lustgefühle haben, sei für Eltern ungewohnt, ist heute aber weit weniger schockierend als damals.
Bei Kindern im Vorschulalter sei auch meist nur die alterstypische Neugier schuld, dass es zu grenzüberschreitendem Verhalten kommt, meint Enders und merkt an: „Was nicht normal ist: wenn Kinder Erwachsensexualität nachstellen“. Wichtig sei vor allem, dass bei Doktorspielen der Altersunterschied nicht zu groß ist. Sexuelle Übergriffe durch – oft ältere – Kinder machen mehr als die Hälfte aller Beratungsfälle aus, erzählt Enders, die seit 1978 in Themenkomplex Sexueller Missbrauch arbeitet. Legen Kinder sexuell übergriffiges Verhalten an den Tag, heiße das jedoch nicht zwangsläufig, dass in ihrer Familie etwas schieflaufe.

Lebensfrohe Präventionsarbeit

Enders betont, das Markenzeichen von Zartbitter sei „fröhliche Präventionsarbeit“. Es gehört zum Konzept ihrer Theaterarbeit, zu entdramatisieren, kein bedrohliches Szenario aufzubauen oder zum Beispiel vor potenziellen „Tätern“ zu warnen – als die man übergriffige Kinder ohnehin nicht bezeichnen solle. Wenn Kinder schon im Vorschulalter Sätze wie „Dein Körper gehört dir“ oder „Mach nur das, womit du dich wohlfühlst“ verinnerlichen, sei aber damit ein wichtiger Grundstein gelegt für einen grenzachtenden Umgang. Kinder sollen sich auch ermutigt fühlen, sich gegenseitig zu unterstützen, und sich nicht zuletzt Eltern und Erzieher*innen anzuvertrauen. Es gilt auch, Erziehungsberechtigte für weniger offensichtliche Hinweise und Hilferufe ihrer Kinder zu sensibilisieren. „Wenn wir die Anfänge erkennen, können wir viel stoppen“.

 

Limbachs Vorstellung als One-Woman-Show zu bezeichnen, träfe zwar im Kern zu- schließlich ist sie Erzählerin und „Puppenmeisterin“-, aber… / Bild: Zartbitter e.V.

 

Dass Prävention nicht nur lebensfroh, sondern sogar richtig lustig sein kann, erfahren die Eltern dann in der halbstündigen Aufführung des Stücks „Sina und Tim“, das abwechselnd von den Theaterpädagoginnen Alexe Limbach und Imke Schreiber gespielt wird. An diesem Abend ist es Limbach, die eine Exklusiv-Vorstellung des Stücks zeigt. Die Kinder werden es am nächsten Morgen zu sehen bekommen.

Kindertheater mit „Möhrensalat“

Eine bedruckte Kunststoffleinwand mit „Luke“ stellt die Garderobe der Marienkäfergruppe dar. Die schlichte Ausstattung hat den Vorteil, dass man damit gut touren kann. Zugleich ist es ein Bild, das Kindern aus ihrem Kita-Alltag vertraut ist, das gilt auch für die Requisiten. Limbachs Vorstellung als One-Woman-Show zu bezeichnen, träfe zwar im Kern zu – schließlich ist sie Erzählerin, „Puppenmeisterin“ und übernimmt alle Rollen -, doch es würde der Sache nicht ganz gerecht. Dass sie bereits seit 1997 bei Zartbitter Präventionstheater macht, merkt man nicht zuletzt an ihrer einfühlsamen Art, die Zuschauer mit einzubeziehen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Das ist mehr als bloßes Entertainment.

Limbach trägt als Tim eine Kappe und in der Rolle der Sina eine Schleife, ansonsten entspricht das Verhalten der von ihr verkörperten Kinder ganz und gar nicht den gängigen Rollenklischees: Tim verkleidet sich gerne, Sina will Ärztin oder Astronautin werden. Folgerichtig ist sie es, die vorschlägt, eine Rakete zu bauen, und so „fliegen“ die beiden mit umfunktioniertem Tisch und Schirm durchs Universum. Aber dann muss ein neues Spiel her: beide einigen sich darauf, Doktor zu spielen. Tim schlüpft kurzerhand in die Rolle einer schwangeren Frau, dann werden die Rollen getauscht. „So ein bisschen Kitzeln ist schön“, findet eins der Kinder. Ein anderes Mal kommt es vor, dass ein Kind nicht mag, was der andere mit ihm macht. „Aufhören, das tut weh!“, wird dann gerufen. Aber es kommt auch „Möhrensalat!“ zum Einsatz – ein Geheimwort, das so viel bedeutet wie „Stopp“.

Da kommt Arno dazu, der ältere Junge, der „nervt, weil er immer bestimmen will“. „Ich bin jetzt Chefarzt“. Erst hört er Tim ab, dann will er bei ihm Fieber messen, und zwar im Po. Das kommt für Tim nicht in Frage, auch wenn Arno androht, ihm bei Ungehorsam nie wieder etwas von seinen Süßigkeiten abzugeben. „Meine Hose behalte ich an!“, ruft Tim, „Möhrensalat!“ Die sich anschließende wilde Verfolgungsjagd stellt Limbach mit Pappfiguren im originellen „Zeitlupentheater“ nach. „Und dann taten die beiden etwas sehr Mutiges: Sie holten sich Hilfe“, sagt die Erzählerin. Hilfe holen ist nämlich kein Petzen, auch wenn Arno das gerne glauben möchte. Limbachs Schlusslied geht ins Ohr und wartet mit ein paar starken Botschaften auf: „Wenn wir spielen, dann tun wir anderen nicht weh“, „Hier kann man selbst bestimmen, was man gerne will“, und vor allem: „Stopp sagen ist okay!“

Nein sagen kann man auf viele Weisen

Die Eltern zeigen sich angetan von der Vorführung (Regie: Angelika Pohlert), schmunzeln über die witzigen Einfälle wie die sprechenden Stofftiere oder die Gummistiefel, denen Limbach einen norddeutschen Akzent verleiht. Gleichzeitig macht die Eltern das Gesehene und Gehörte sichtbar nachdenklich. Man gibt konstruktives Feedback, vor allem aber werden zum heiklen Thema des Abends viele Fragen gestellt, die Ursula Enders geduldig beantwortet. Um Bedenken gleich vorweg zu zerstreuen, betonen sie und die Kita-Leiterin, dass nicht ein etwaiger konkreter Vorfall Anlass für die Aufführung des Stücks gewesen sei. Info-Broschüren und -blätter zum Thema bekommen die Eltern gleich mit auf den Weg; das im Eigenverlag herausgebrachte Bilderbuch werden die Kinder am nächsten Morgen erhalten, wenn sie selbst dann das Stück zu sehen bekommen.

 

Tangomusik weggelassen. / Bild: Zartbitter e.V.

Das Stück richtet sich an Kinder im Alter von 3 bis 5 oder 6, doch auch jüngere Kinder würden schon viel mitbekommen, weiß Enders zu berichten. Kinder lesen und gucken aber sehr aufmerksam. Hat eine Figur im Buch eine andere Haarfarbe als im Stück, falle das vielen Kindern auf. Kindertheaterstücke zu entwickeln und aufzuführen müsse also Präzisionsarbeit sein. Nicht nur deswegen wird die Inszenierung fortlaufend überarbeitet und verbessert. Wenn jetzt aus einer kurzen Szene die Tangomusik weggelassen wird, soll damit eine womöglich als erotisch empfundene Komponente beseitigt werden.

Details sind wichtig, das wird nicht zuletzt am „Möhrensalat“ deutlich: Viele Kinder würden das Wort jetzt immer benutzen, erzählt Enders. Damit entpuppt sich die Idee mit dem Kunstwort als didaktisch gut. Weiter erklärt die Zartbitter-Leiterin, es sei problematisch, dass Kinder nicht zum Neinsagen erzogen werden. Dabei gebe es verschiedene Arten, Nein zu sagen: böse Blicke werfen, schreien oder sich steif machen. Kinder sollten sich jedenfalls nicht schuldig fühlen, wenn sie kein Nein hervorbringen können. Wenn es dann doch zu einem Übergriff kommt, solle man das nicht bagatellisieren. Langzeitfolgen und Therapie seien aber nicht unbedingt notwendig, wenn man diese Erlebnisse von Anfang an ernst nehme und dem betroffenen Kind einen geschützten Raum biete, in dem es darüber sprechen kann.

30 Jahre Zartbitter Köln: eine Erfolgsgeschichte mit Zukunft

Die Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch mit Sitz in der Südstadt feiert dieses Jahr einen runden Geburtstag. Seit 30 Jahren gibt es Zartbitter Köln e.V., der Verein hat auf seinem Gebiet hierzulande Pionierarbeit geleistet. Ob es um die Risiken der sozialen Netzwerke oder um die Rechte von Flüchtlingskindern geht: Zartbitter ist am Puls der Zeit, etwa mit dem Modellprojekt „Sichere Orte schaffen“, oder mit der Entwicklung von Gewaltschutzkonzepten für Gemeinschaftsunterkünfte. Nach wie vor liegt ein Schwerpunkt ihrer Arbeit in der Prävention von alltäglicher sexueller Gewalt: ein Thema, das an Aktualität nichts einbüßt, auch wenn etwa der Medienrummel um die massenhaften sexuellen Übergriffe an Silvester längst verklungen ist.

Präventionstheater gebe es bei Zartbitter bereits seit 1995, berichtet Enders. Jährlich würden sich im Schnitt 80 000 Kinder und Jugendliche die Vorführungen ansehen, sagt sie, sichtlich stolz auf den Erfolg. Doch man denke nicht daran, sich auf den Lorbeeren auszuruhen, im Gegenteil: Geplant sei im Hinblick auf Stücke wie „Sina und Tim“ etwa, langfristig einschlägige Fortbildungen für Erzieherinnen zu entwickeln. Außerdem werde überlegt, mit „Sina und Tim“ auch über die Grenzen NRWs hinaus auf Tournee zu gehen. Dass es an Interesse mangelt, ist nicht zu befürchten. Dank großzügiger Sponsoren kann Zartbitter das Stück zu geringen Kosten in die Kitas bringen. Die Nachfrage ist groß:  Bis Weihnachten sind sie ausgebucht.

 

Am 15.09. lädt Zartbitter e.V. alle Interessierten zur Fachtagung „30 Jahre Zartbitter – eine (fach-)politische Gratwanderung“ im Rautenstrauch-Joest-Museum. Das Anmeldeformular findet man hier.
 

Text: Jaleh Ojan

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