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Bildung & Erziehung Gesellschaft Südkids

Am Schulkiosk selbstwirksam werden

Mittwoch, 14. November 2012 | Text: Elke Tonscheidt | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

 – Der Kölner Tim Breker und sein Sozialunternehmen
Heute kann jeder fünfte Jugendliche weder Zeitung lesen noch eine Bewerbung schreiben. Schlechte Aussichten. Hoffnung gibt da die Aussage der DIHK-Online-Umfrage ‚Ausbildung 2012‘, wo es heißt: „Fast 40 Prozent der Ausbildungsunternehmen sind bereit, Arbeitsplätze auch mit lernschwächeren Jugendlichen zu besetzen, wenn sie motiviert, leistungsbereit und zuverlässig sind.“ Was kann man tun, um diese Eigenschaften zu fördern? Der Kölner Tim Breker, gerade mal 25 Jahre alt und Absolvent der WHU Otto Beisheim School of Management, hat sich zum Ziel gesetzt, an Schulen die Lernmethode Schülerfirma zu etablieren. Dafür hat er ein Sozialunternehmen gegründet, dessen Ziel es ist, gemeinsam mit Schülern Schulkioske aufzubauen. Die Projekte coacht er dann so, dass die vorwiegend Acht- bis Zehntklässler diese dann selbst führen können. In NRW ist er schon an sechs Schulen aktiv, gern würde er neue – v.a. in seiner Heimatstadt – dazu gewinnen.

Sozialunternehmer nennt man Gründer von Firmen, die nicht vorrangig gewinnorientiert arbeiten, sondern ein soziales Ziel verfolgen. Tim Breker ist so einer. Über sein em-Schülerfirmennetzwerk (‚em‘ steht für ‚einfach machen‘) motiviert er abschlussnahe Schüler, sich zusätzlich zum Unterricht in einem wirtschaftlichen Praxisprojekt zu engagieren. So sollen sie ihre Chancen verbessern, nach der Schule einen Ausbildungsplatz zu finden. Konkret und vereinfacht bedeutet das: Schülerteams lernen, wie sie in den Schulpausen selbständig und erfolgreich belegte Brötchen, Getränke, teilweise auch Schreibwaren an ihre Mitschüler verkaufen können.

Seine Arbeit läuft so gut, dass auch die Medien aufmerksam wurden. Die FAZ hat über ihn geschrieben, das Handelsblatt, es gibt auch bereits TV-Beiträge über sein Wirken. Seine Idee hat eingeschlagen: Seit Oktober 2011 ist seine Firma, die das Schülernetzwerk trägt, auch als gemeinnützig anerkannt. „Jetzt können wir sogar Spendenquittungen schreiben“, freut sich Tim, der einmal wöchentlich bei einer Unternehmensberatung in Marienburg jobbt, um selbst finanziell „einigermaßen über die Runden zu kommen“.

Warum ist er ein sogenannter „Social Entrepreneur“? Weil er stolz auf das positive Feedback ist, das seine Arbeit nun nach zwei Jahren erzeugt. Und weil er Spaß hat, denn der Job sei sehr vielseitig und die Lernkurve – durch die Zusammenarbeit mit Firmen, Stiftungen oder Medien – „extrem steil“.

Heute also wieder ein Interview. Am Treffpunkt Haltestelle Ubierring schlendert er mir lässig entgegen, gemeinsam gehen wir an den oft als Brennpunkt bezeichneten Ort Schule. Dafür haben wir uns die Theo-Burauen-Realschule am Severinswall ausgesucht. Hier existieren bereits zwei Kioske. Die haben zwar mit Tims Aufbauarbeit nichts zu tun, aber der Erfahrungsaustausch hilft dem Unternehmer, seine Arbeit zu überprüfen bzw. neue Kontakte zu knüpfen.


An der Realschule mitten im Vringsveedel werden 300 Jugendliche aus unterschiedlichen Ländern und diversen Kulturkreisen unterrichtet. Ein großes Publikum also – zwei Kioske können momentan nebeneinander bestehen. Einer ist in Hausmeisterhand, wird also klassisch geführt. Der andere steht unter der Leitung einer dynamischen Lehrerin, die diesen gemeinsam mit rund 20 Schülerinnen und Schülern stemmt: Ursula Pal. Bevor die Pause beginnt und es in der Aula gleich richtig wuselig und laut wird, tauschen wir uns mit ihr aus. Neben ihrer Arbeit als Hauswirtschaftslehrerin, managt sie die gesamte Organisation des Kiosks: Waren einkaufen, Preise festlegen, gesunde Kost attraktiv machen – um nur einige Aufgaben zu nennen. Ihre wichtigste Botschaft aber ist: Ein Junge aus ihrem Team sei „im Unterricht soooo schwierig.“ Bei der Arbeit am Kiosk erkenne man ihn jedoch nicht wieder. Tim nickt heftig. Kennt er gut, die Beschreibung vermeintlich ’schwieriger‘ Schüler, die auch in seinen Projekten plötzlich aufblühen.

An dieser Realschule, sagt Tim schon nach kurzer Zeit, würde er nicht aktiv werden wollen. Denn hier seien die Grundvoraussetzungen erfreulicherweise gut: Die Jugendlichen könnten lernen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und erfolgreich sein – eben zum Beispiel an einem Schulkiosk. Dass dies hier so gut klappt, liegt zum einen an der engagierten Arbeit von Ursula Pal. Ohne sie wäre vieles nichts. Zum anderen daran, dass sie Rückendeckung vom Schulleiter hat. Von ihm, Frank Görgens, erfahren wir später: Es war sogar seine Idee, einen solchen Kiosk ins Leben zu rufen. Als „extrem arme“ Schule, das verschweigt Görgens nicht, müsse und wolle er „alle Möglichkeiten ausnutzen, Geld zu beschaffen“. Noch wichtiger aber ist ihm ein anderer Punkt: Eine solche Arbeit helfe Schülern, selbstwirksam zu werden.

Selbstwirksamkeit, das ist, so lerne ich in den Gesprächen, der Schlüssel zum Erfolg. Oder, wie es Tim formuliert: „Es ist eben nicht egal, ob die Jugendlichen was tun.“ Es sei für das Selbstbewusstsein vieler sogar extrem wichtig, durch eine Arbeit wie die an einem Schulkiosk zu erfahren: Hier kann ich echt was bewirken.

Was Tim bislang bewirkt hat, darüber habe ich im folgendem Interview mit ihm gesprochen . Darin beschreibt er u.a. auch, wie man sich bei Interesse an ihn wenden kann bzw. wie er sein Unternehmen finanziert hat und weiter versucht Unterstützer zu finden.

 

Wieso war die Bildungsinitiative Teach First, wo Du das – wie Du selbst sagst – „krasse Kontrastprogramm zur WHU“ kennengelernt hast, ein Auslöser für Dein heutiges Wirken?                                                                       Tim Breker: Auslöser für mein heutige Arbeit war, dass meine Schülerfirma an der Käthe Kollwitz Schule in Langenfeld von allen Seiten als großer Erfolg gesehen wurde. Ich als begeisterter BWLer, habe schon vorher mit Schrecken darauf geschaut, wie wenig Wirtschaft in der Schule behandelt wird und wie sehr praktische Wirtschaftsprojekte, die Handlungskompetenzen und Selbstwirksamkeit fördern, gefehlt haben. Mit meiner Idee, ohne zusätzlichen Aufwand für Lehrkräfte den Schülern die Mitarbeit in einer Schülerfirma zu ermöglichen, habe ich einen überzeugenden Ansatz gefunden, Schülerfirmen an die breite Masse der Schulen zu bringen. Das wollte ich nicht unversucht lassen und habe daher das EINFACH MACHEN-Schülerfirmennetzwerk gegründet.

Heute bist Du an sechs Schulen in NRW aktiv, vor wenigen Wochen konntest Du auch die Förderschule Mörikeweg in Porz überzeugen, mitzumachen. Warum ist es schwer, Schulen zu finden?
Schulen sind häufig eigene kleine Welten, in die man von außen schlecht reinkommt. Außerdem ist die Arbeitsbelastung für alle Beteiligten an Schulen sehr hoch. Daher ist es für mich schwierig, die richtigen Ansprechpartner in Schulen zu identifizieren und dann auch noch bei ihnen Gehör zu finden.
 
Wenn jetzt ein Schulleiter von diesem Engagement liest, wie soll er sich bei Dir melden? Wann könnte man dann überhaupt starten?
Schulleiter, aber auch Lehrkräfte können sich per Mail, per Telefon oder sogar per Facebook an uns wenden. Wenn eine Schule mit uns zusammenarbeiten und sofort starten möchte, können wir die Schülerfirma innerhalb von zwei Wochen zum Verkaufsstart führen.

Als Gründer Deines Schülernetzwerkes bezeichnet man Dich auch als Social Entrepreneur – was hast Du warum anders gemacht als z.B. Mitstudenten, die v.a. daran dachten, nach ihrer Ausbildung direkt ‚richtig‘ Geld zu verdienen?
Als Social Entrepreneur habe ich mein Unternehmen nicht mit dem Ziel gegründet, möglichst viel Geld zu verdienen, sondern mit dem Ziel, möglichst viel Wirkung auf Jugendliche zu haben. Gleichzeitig habe ich den Anspruch, dass sich das Projekt in ein bis zwei Jahren finanziell selbst trägt. Das ist eine besondere Herausforderung. (Gewinnorientierte) Unternehmen zu gründen ist ein Handwerk, Sozialunternehmen zu gründen hingegen eine Kunst.

„Gutes Geld für ein gutes Gewissen“ hat das Handelsblatt einen Bericht über Dich und andere Sozialunternehmer betitelt – wie kannst Du die Projekte finanzieren?
Die Finanzierung des em-Schülerfirmennetzwerks ist nicht anders gelaufen, als bei üblichen Start ups. Der größte Teil der Finanzierung bisher waren der Gründerzuschuss der Agentur für Arbeit, sowie private Mittel von mir bzw. den berühmten Family, Friends & Fools, die uns über die aktuelle EINFACH MACHEN Crowdfunding Kampagne unter www.startnext.de/emnetzwerk mit Spenden unterstützen. Außerdem wirft natürlich auch das Geschäftsmodell bereits erste Erträge ab. Mit dem Verkauf von Waren an die von uns gegründeten Schülerfirmen haben wir bereits einen mittleren fünfstelligen Betrag umgesetzt. Im nächsten Jahr planen wir zudem das Angebot von Lehrerfortbildung, um unsere Finanzierungsbasis zu stärken. Die Schülerfirmen selbst erwirtschaften sogar einen Gewinn, der dann von den Schülern gemeinsam mit der Schulleitung z.B. für Ausflüge ausgegeben wird.

 

Crowdfunding – das musst Du etwas näher erläutern bitte…
Crowdfunding hat das Ziel, möglichst viele Internetnutzer für ein Projekt zu begeistern und sie als finanzielle und ideenreiche Unterstützer für das Projekt zu gewinnen. Im Gegenzug erhalten die Unterstützer Gegenleistungen für ihre Beiträge. Bei uns sind das z.B. Schulbesuche, persönliche Dankesvideos von Schülern oder eine Videodokumentation über unser em-Schülerfirmennetzwerk.

Und wovon lebst Du?

Aktuell lebe ich von meinem Erspartem. Außerdem arbeite ich einen Tag in der Woche bei einer Unternehmensberatung in Marienburg. Dies hilft mir, einigermaßen über die Runden zu kommen.

Wie schwierig ist es mit einem sozialen Projekt selbständig zu sein und wo siehst Du Dich in fünf bis zehn Jahren beruflich?

Ich glaube, es ist eine Kunst, ein tatsächliches Sozialunternehmen zu gründen und auch ich habe dafür noch einige Schritte zu gehen. Ich hoffe, dass ich diese Schritte in den kommenden 5 Jahren gegangen bin und das em-Schülerfirmennetzwerk als Kompetenzträger für Schülerfirmen etabliert ist. Außerdem reizt es mich auch, danach noch einmal ein gewinnorientiertes Unternehmen zu gründen.  

Tim Breker hat BWL an der WHU Otto Beisheim School of Management studiert – vorrangig zusammen mit, wie er selbst sagt, „Studienkollegen aus eher begüterten Verhältnissen“. Das Umfeld änderte sich, als er anschließend zwei Jahre als Fellow der Bildungsinitiative Teach First Deutschland (TFD) an der Käthe-Kollwitz-Schule in Langenfeld, einer Hauptschule, arbeitete. Neben seiner Lehrtätigkeit in den Schulfächern Arbeitslehre, Wirtschaft und Informatik, hat er dort eine Schülerfirma zum Verkauf von Schulbedarf und eine Schülerfirma für den Pausenverkauf von Verpflegung initiiert und mit zwölf Schülern eineinhalb Jahre betrieben. Schnell wurde ihm klar, in was für – wenn auch nicht unbedingt materiell – ”privilegierten” Verhältnissen er selbst groß geworden war.“ Als Sozialunternehmer fördert und unterstützt er heute mit seinem em-Schülernetzwerk Schulen bei der Gründung von schülerorganisierten „Pausenverkäufen“ als Schülerfirmen. 
 

Text: Elke Tonscheidt

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