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Bildung & Erziehung Gesellschaft Südkids

Eine Schule für Alle in der Südstadt

Mittwoch, 12. September 2012 | Text: Judith Levold | Bild: © W-film / Donata Wenders

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

…gibt es aktuell gleich zweimal: zum einen die Grundschule Mainzer Straße. Sie machte sich im vergangenen Schuljahr auf den Weg, um inklusiv zu werden, sprich: jedes Kind aus dem Viertel aufzunehmen – ganz unabhängig von seiner Beschaffenheit. Und zum anderen ist das der Film „Berg Fidel – eine Schule für alle“. Er zeigt das Leben an genau solch einer Schule in Münster und ist ab heute (kölnweit nur) im „Odeon“ zu sehen.

Ausgezeichnet mit dem Max Ophüls-Preis für Dokumentarfilm, hat sich Hella Wenders, Absolventin der Filmakademie Berlin, auch wirklich konsequent dem Dokumentieren überlassen. Ohne filmgestalterische Effekte, ganz nah dran an dem, was abgeht. Und ohne Off-Textpassagen, mit nur sparsam eingesetzten Untertiteln, lässt sie genau denen Raum, die sie im Fokus hat: den Kindern und ihrem Miteinander. Hier erklärt einem keiner, was man sieht, hier sprechen die, von denen die Rede ist beim Thema Inklusion: die ganz irre verschiedenen Kinder, oder besser, Menschen.

„Also Aufgaben, die sich immer wiederholen, finde ich Scheiße! Einfache Aufgaben, und von denen dann viele, sind doch unnötig“, sagt etwa David und fügt an anderer Stelle hinzu „Also ich zum Beispiel hab´ halt meine Fehler am Körper, dafür kann ich andere Dinge sehr gut!“. Der Junge, den dieser Film neben anderen über drei Schuljahre hinweg bis zum Wechsel in die weiterführende Schule beobachtet, hat das Stickler-Syndrom. Das ist eine erblich bedingte Krankheit, die mit Sehstörungen, Hörverlust und Knochenfehlbildungen einhergeht.

Dessen ungeachtet leitet David sehr cool den wöchentlichen Klassenrat der Delfinklasse an der Münsteraner Berg Fidel-Schule, spielt Klavier und Trompete und liest uns zum Einstieg des Films eine spannende Passage aus einem Space-Shuttle-Abenteuer vor. Über seinen Bruder Jakob, ein Down-Kind und in derselben Schule, sagt er „Also auf dem Schulhof da begegne ich ihm, aber ich spiele dann lieber mit meinen Freunden. Der Jakob kommt schon zurecht, da sind ja immer andere Kinder bei ihm.“ Und „Freundschaft ist was Tolles!“. Besser kann man kaum zusammenfassen, was sich da an dieser Schule abspielt: Anerkennung und Freude an der Vielfalt, am Konflikt und seiner Lösung und daran, dass jeder von jedem etwas lernen kann.

Der Film hat damit eine wichtige Botschaft für die deutsche Politik, die in Sachen Umbau des Schulsystems hin zu einem inklusiven noch vielerorts zögert: Es geht! Man muss Kinder nicht kategorisieren, separieren, und schlussendlich aussortieren. Eine Schule für Alle ist machbar, und da ist das Wollen der entscheidende Faktor. Und es geht ja nicht nur um das Dazugehören behinderter Kinder in der Regelschule. Das zeigt der Film ganz deutlich, und zwar vor allem mit den Szenen, die gar nicht in der Schule spielen, sondern bei den Kindern zu Hause. Es geht auch um die Bandbreite von „Kindheit in Deutschland heute“ und um viele Verschiedene, oft von Ausgrenzung Bedrohte.

Die Schülerinnen Anita Jashara (links) und Vikreta Jasharaj. Bild: © W-film / Donata Wenders

 

Da ist das Roma-Mädchen Anita, das eben kein überbehütetes Mittelschicht-Leben führt, sondern ohne Sprachkenntnisse aus dem Kriegsgebiet Kosovo kam und nachmittags, statt sich mit Freundinnen zu treffen, die Wohnung putzen und kleinere Geschwister hüten muss. Wie dieses Mädchen sich in Berg Fidel behauptet, Selbstbewusstsein entwickelt und Anerkennung erntet, ist so berührend, dass es fast weh tut, wenn am Ende des Films im Untertitel trocken verkündet wird, dass Anita nach der 4. Klasse auf die Förderschule mit Schwerpunkt Lernbehinderung muss, weil andere Schulen sie ablehnten und ein längeres gemeinsames Lernen auf Berg Fidel (noch) nicht möglich ist. Das ist Deutschland mit seinem gegliederten Schulsystem, wo, wer ohne entsprechenden Background ist, schon früh ausgesondert werden kann.

Im Anschluss an den Film entspinnt sich im Kinosaal – proppenvoll trotz sommerlicher 30 Grad – denn auch ein lebhaftes Gespräch zwischen den Zuschauern und den geladenen Diskussionsgästen. Darunter Agnes Klein, Kölns Schuldezernentin, die mit den ihr zugehörigen Ämtern für Köln den ersten kommunalen Inklusionsplan in NRW entwickelte. Dafür ernte sie nicht nur Zustimmung, erklärt sie. „Was machst Du da?“ werde sie bisweilen gefragt. „Angesichts der Haushaltslage: müssen wir als Stadt Köln da so Vorreiter sein? Sollen wir nicht lieber abwarten, bis das Land vorprescht und das Ganze mit Gesetzesänderungen und Ressourcen deckt?“. Doch Agnes Klein ist der Ansicht, dass es im Wesentlichen „eine Frage der Haltung“ ist, ob man Inklusion wirklich will. Natürlich müsse über die Zuständigkeiten und die Gelder für Ausstattung, Fortbildung und Personal geredet werden. Die Kosten für den Umbau zur inklusiven Schullandschaft könnten nicht nur „auf kommunales Ticket“ gehen, soviel sei klar.

Lebhaftes Gespräch mit Agnes Klein (Mitte), Schuldezernentin der Stadt Köln trotz sommerlicher 30 Grad. / Foto: D. Gebhardt.

 

Aus den Reihen der Zuschauer ergänzt eine Lehrerin, es müsse „eine Politik des Behaltens“ geben, also Kinder nicht auszusortieren und wegzuschicken, weil sie nicht geeignet seien für die Schule, die sie besuchen. Da stimmt auch Agnes Klein zu „Wenn ich sehe, was von den weiterführenden Schulen abgeschult wird, dann frage ich mich, ob das nicht eine juristische Debatte wert wäre, inwieweit das womöglich gegen §1 des Schulgesetzes verstößt.“ Dort steht, dass jedes Kind individuell angepasst nach seinen individuellen Fähigkeiten gefördert werden soll. Dass ein inklusiver Schulbetrieb genau das ermöglichen können werde und damit aber auch das gegliederte Schulsystem Deutschlands generell obsolet mache, erschließt sich logischerweise von selbst. So logisch und selbstverständlich, wie sich im Film „Berg Fidel“ der Lehrer die ihm unverständliche, etwas genuschelte Rede Jakobs von dessen Mitschülern „übersetzen“ lässt. Die können nämlich Jakobs Sprache. Haben sie einfach gelernt, weil sie mit ihm zusammen lernen.

Hella Wenders, der Regisseurin des Films, ging es in ihrem Leben wie den meisten von uns: keine oder kaum Berührungspunkte mit Behinderten und die Feststellung, dass wegen dieses Mangels an Berührungspunkten der Umgang „verkrampft“ sei. Ihr Film macht daher auch Hoffnung auf Veränderung: „Wenn die Kinder bereits in der Kita oder in der Schule mitbekommen, dass die Welt aus ganz verschiedenen Menschen besteht, dann ist das wegweisend für ihr ganzes Leben. Somit wird unsere Gesellschaft der Zukunft eine inklusive“, so die Filmemacherin. Einen unterhaltsamen Vorgeschmack auf eine solche Zukunft also jetzt im Südstadtkino ODEON auf der Severinstraße. Oder, wie gesagt, mal reinschnuppern in die Katholische Grundschule Mainzer Straße, die auf dem besten Weg ist, eine Berg Fidel Kölns zu werden.
 

Text: Judith Levold

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