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Gesellschaft

Taksim am Chlodwigplatz

Mittwoch, 19. Juni 2013 | Text: Christoph Hardt | Bild: Christoph Hardt

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Mit wallenden Haaren und abgeschnittenen Jeans stöckeln drei deutsch-türkische Mädchen durch das Severinstor. Selbstbewusste Frauen, westlicher Lebensstil. So scheint es. Denn fragt man sie, was sie über die Proteste in der Türkei denken, erklären sie wie aus der Pistole geschossen, das Thema gehe sie „nichts an“. Ihr Blick geht zu Boden, ihr Lächeln weicht Ernst. Der lange Arm von Ministerpräsident Erdogan mitten in der Südstadt?

Das Muster stimmt nachdenklich: Fragt man Deutsch-Türken in der Südstadt dieser Tage nach ihrer Meinung über die Lage in Istanbul, geht mit nicht wenigen ein Wandel vor sich. Wo eben noch Fernsehbilder nächtlicher Ausschreitungen flimmerten, heißt es, man verfolge die Situation nicht. Wo eben noch eine Zeitung mit dem hemdsärmeligen türkischen Premier auf dem Titelbild zusammengefaltet wurde, erklärt man, dazu nichts sagen zu können. Mehrmals gibt es türkischen Tee – aber dann keine Worte.

Am Chlodwigplatz ist keine Polizei mit Gummigeschossen und Wasserwerfern in Stellung gegangen. Keine Tränengaspatronen fliegen in Schaufenster. Trotzdem versiegelte Lippen. Rätselraten. Schließlich klärt eine Landsfrau auf, die weder mit Namen noch Berufsbezeichnung genannt werden möchte: Erdogan lasse sehr genau überwachen, wer sich in den Medien äußere. Auch im Internet. Familienstränge würden gerastert. Angehörigen in der Türkei drohe Schikane.

Tatsächlich ließ der türkische Ministerpräsident zuletzt zahlreiche Nutzer von sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter durch Anti-Terror-Einheiten verhaften. Ihr Vergehen: Sie verabredeten sich im Internet zu Protesten. Doch was geht in der Türkei wirklich vor sich? Warum ist das Land in Aufruhr?

Die Meinungen, die uns dann doch noch begegnen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie offenbaren einen Riss durch die türkische Gesellschaft: Für die einen steuert Erdogan selbstherrlich auf die Verschmelzung von Religion und Staat zu, die seit Atatürk strikt getrennt sind. Für die anderen bekämpft der Ministerpräsident ein „Komplott der Verräter“, angestachelt von den Lügen westlicher Medien.

Einer, der jede Nacht um Verwandte bangt, ist Grundschullehrer Hayati Bektas. Denn nachts lassen seine Neffen sich in der Türkei von den Protestwellen durch die Gassen tragen. Wie die meisten Demonstranten seien sie 25 bis 30 Jahre alt. „Es ist die junge Bildungselite“, sagt er, „deren demokratisches Bedürfnis erwacht ist“. 40 Prozent der Demonstranten seien Akademiker – die junge, aufgeschlossene Türkei, die mittlerweile in allen Schichten der Gesellschaft große Sympathie erfahre. Alle drei Tage telefoniert er mit Verwandten vor Ort. Die Stimmung in Ankara und Istanbul sei sehr bedrückt, weil der Polizeistaat hart durchgreife.

 

Entgegen Erdogans Verlautbarungen tue das Ausland bei den Protesten überhaupt nichts dazu. Im Gegenteil. „Die Jugend begehrt auf, und mit ihr Minderheiten, auf die Erdogan starken Druck ausgeübt hat“, meint Bektas. „Diese Menschen bilden eine demokratische Bewegung, die sofort Einfluss nehmen möchte, wenn der Ministerpräsident den Bogen überspannt – nicht nur alle vier Jahre an der Wahlurne.“ Dabei dienten ihr die sozialen Netzwerke als Beschleuniger.

Längst dreht sich der Konflikt nicht nur um den Zankapfel Gezi-Park, wo Erdogan ein Einkaufszentrum im Stil einer osmanischen Kaserne errichten will. Die landesweiten Ausschreitungen richten sich mehr und mehr gegen den autoritär-islamischen Führungsstil des Ministerpräsidenten.

 

An einem türkischen Cafe in der Elsaßstraße verfolgt man die Berichterstattung mit großer Skepsis. „Ich traue den deutschen Medien schon nicht, was Deutschland betrifft“, erklärt ein Gast. Warum er ihnen dann zur Lage in der Türkei Glauben schenken solle. Nie zeige etwa das deutsche Fernsehen Bilder von Demonstranten, die Brandsätze schleuderten. Auch Erdogan selbst nannte zuletzt westliche Medien wie CNN, BBC und Reuters als Drahtzieher der Proteste.

Ihr Motiv: Wirtschaftsinteressen der westlichen Eliten zu schützen – da sind sich die Männer einig. „Das Ausland will nicht, dass die Türkei weiter so wächst wie bisher“, lautet einer der Vorwürfe. Dann konkretisiert es ein Gast: In Istanbul werde derzeit zum Beispiel der dritte Flughafen gebaut. Dieser sei besonders Deutschland ein Dorn im Auge. Denn nach seiner Fertigstellung steige Turkish Airlines automatisch zu den größten Fluggesellschaften der Welt auf, ziehe sogar an der Lufthansa vorbei.

 

An den Demonstranten lässt man kein gutes Haar. Diese seien undankbar und größtenteils von Oppositionsparteien aufgehetzt – unter ihnen viele Mitläufer, die nur auf Krawall aus seien und vom Gezi-Park oft zum ersten Mal in ihrem Leben gehört hätten. Aus ihren Reihen sollen sogar Radmuttern mit Steinschleudern Richtung Polizei geschossen worden sein.

Dass es aus dem EU-Parlament nun Kritik an Erdogans Vorgehen schallt, sehen die Männer als heuchlerisch an. Erdogan werde zu Unrecht in ein schlechtes Licht gerückt, um ihn in den Beitrittsverhandlungen in eine ungünstige Verhandlungsposition zu zwingen. Auch Kanzlerin Merkel solle lieber mal „ruhig sein“. Schließlich habe Erdogan ihr auch nicht für das harte Vorgehen gegen deutsche Demonstranten wie etwa mit Wasserwerfern, Pfeffergas und Schlagstöcken in Stuttgart die Leviten gelesen.

 

Im Übrigen hält sich das Gerücht wacker, Teile der türkischen Brauereiwirtschaft sponserten die Proteste. Präsident Abdullah Gül genehmigte jüngst einen umstrittenen Gesetzesentwurf, der nach Einschätzung von Kritikern einem flächendeckenden Alkoholverbot in den Städten gleichkommt: Nach 22 Uhr darf kein Alkoholausschank mehr erfolgen, rund um alle Moscheen und Bildungseinrichtungen werden keine Konzessionen mehr vergeben.

 

„Beyoglu, eine beliebte Gegend in Istanbul mit zahlreichen kleinen Kneipen und Restaurants, die viele Nachtschwärmer anlockt, ließ Erdogan kürzlich wegen angeblicher Sicherheitsvorkehrungen räumen“, berichtet Melek Alabogaz. Die junge Schneiderin kurdischer Herkunft sieht den Premier in Widersprüche verstrickt: Erst das Angebot für eine Volksabstimmung über den Gezi-Park, dann ein Ultimatum an die Besetzer, und dann eine gewaltsame Räumung noch vor Ablauf der Frist – dadurch sei Erdogan die „Maske der Demokratie“ entglitten. Und: „Er geht schon sehr strategisch an die Sache heran.“ Die Menschen in Istanbul und in vielen anderen Städten der Türkei fordern eine demokratische Regierung, ohne eine autoritäre Führung.

Sein ambivalentes Verhältnis zur Bevölkerung – so findet Melek – werde besonders im jungen Bildungsbürgertum deutlich: Einerseits habe Erdogan der Jugend mit Bildung neue Horizonte ermöglicht, andererseits zögen gerade diese westlich orientierten Studenten nun gegen seine verschlossene Politik auf die Straße. „Deswegen ist Erdogan ja auch so sauer“, lacht sie. Und hofft, dass sich echte Demokratie, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit ohne Gewalt einen Weg bahnen werden – schon bald.

Die Stimmen zeigen: Mitten in der Türkei scheint ein Kampf der Kulturen entbrannt – ein Konflikt zwischen traditioneller Landbevölkerung und liberalen, westlich orientierten Städtern. Und seine gesellschaftlichen Erschütterungen sind bei vielen Menschen bis in die Kölner Südstadt zu spüren.

Text: Christoph Hardt

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