Im Schatten des Doms: die Domschnecken

Anfang Oktober wurden vielerorts Erntedank-Gottesdienste gefeiert. Auch in der Lutherkirche, in der Annegret Fuentes, Mitglied von „Slow Food“ – Deutschland, die Organisation vorstellte. „Meine Südstadt“ nahm das als Anlass, mit Frau Fuentes über Lebensmittel, unseren Umgang mit ihnen und über Genuss zu reden.


Meine Südstadt: Was ist Slow Food?
Annegret Fuentes: Slow Food ist ein Verein, dem am Herzen liegt, alles, was mit Lebensmitteln zu tun hat, gut, sauber und fair zu tun. Gut heißt: es soll frisch sein, es soll schmecken. Sauber heißt: es soll die Ressourcen dieser Erde schonen. Und es soll verhindern, dass Schaden an Mensch und Tier die Konsequenzen vom Anbau sind. Fair heißt: dass alle Menschen, die Lebensmittel anbauen und verkaufen, auch davon leben können. Das ist unser grober Ansatz. Aber auch der Genuss soll nicht zu kurz kommen.


Wie sind Sie selbst zu Slow Food gekommen?



Annegret Fuentes: Durch eine Fernsehsendung des WDR. Dann habe ich mir durchgelesen, was die sind, was die machen und wollen. Und dann habe ich gesehen, dass ich das auch will. Ich habe mich wiedergefunden.


Slow Food Deutschland feiert in diesem Jahr sein 25jähriges Jubiläum. Haben sich in dieser Zeit die Ziele verändert?



Annegret Fuentes: Slow Food ist ja ein internationaler Verein, der 1989 in Italien von Carlo Petrini gegründet wurde. Er wollte damit ein Zeichen setzen gegen die auch in Italien sich immer mehr ausbreitenden Fast-Food-Ketten. Die „Legende“ sagt, nachdem die erste McDonalds-Filiale an der Spanischen Treppe in Rom eröffnet wurde, habe er gesagt: „Es reicht. Jetzt gibt es eine Gegenbewegung.“ So wurde Slow Food gegründet und drei Jahre später auch in Deutschland. Deshalb haben wir dieses Jahr die 25 Jahre. Aus meiner Sicht sind wir politischer geworden. Wenn ich sage: „Ich stehe für das, was ich gerade beschrieben habe.“, dann muss ich an die Politik rangehen. Ich muss demonstrieren, ich muss überlegen, wie kann ich die Menschen aufmerksam machen. Slow Food hat z. B. die Aktion „Teller statt Tonne“, angelehnt an den Film „Taste the Waste“ von Valentin Thurn, ins Leben gerufen.


„Teller statt Tonne“ heißt was?



Annegret Fuentes: Es geht darum, Lebensmittel nicht zu verschwenden. Da gibt es zwei Varianten. Das System des Vertriebs, dass der Handel ganz flott aussortiert oder bestimmte Arten von Lebensmitteln gar nicht haben will. Die andere Sache ist die, dass Jeder mal darüber nachdenken sollte, ob er gleich wegwerfen muss, was nicht mehr so toll aussieht. Natürlich keine verdorbenen Lebensmittel! Aber wenn die Möhre schon ein bisschen angeschrumpelt ist oder wenn ein Joghurt einen Tag über dem Haltbarkeitsdatum ist und ich einfach meine Sinne einsetze, nämlich Schmecken und Riechen, dann stelle ich fest, ob er noch gut ist oder nicht.


Es ist ja auch ein Mindesthaltbarkeitsdatum.
Annegret Fuentes: Ja, das vergessen eben auch viele. Man muss nicht gleich in die Tonne werfen.


Slow Food hat einen politischen und ökologischen Hintergrund. Gleichzeitig geht es auch um Genuss?
Annegret Fuentes: Der Genuss soll nicht zu kurz kommen, das ist der Sinn der Sache. Aber ich kann eben nicht mehr genießen, wenn ich nicht meinen Bauern aus der Region unterstütze. Der macht nämlich noch das Lebensmittel, das ich als Genießer haben möchte. Oder der Käse-Produzent. Oder der Metzger um die Ecke. Oder ein richtiger Bäcker, der sein Handwerk versteht, der sagt Jedem: „Mein Schwarzbrot braucht so und so lange. Das ist kein in fünf Minuten zusammengerührtes Brot.“ Diese Menschen wollen wir eben auch unterstützen, so dass wir beide Seiten haben. Und es ist ja immer mehr auch ein Gesundheitsaspekt. Wir stellen fest, dass viele Menschen mit vielen Dingen immer mehr Probleme bekommen.


Sie meinen Allergien und Nahrungsunverträglichkeiten?
Annegret Fuentes: Ja, weil sie beispielsweise Brot konsumieren, bei dem der Teig nicht lange genug gegangen ist. Sauerteig braucht seine Zeit und wenn es das nicht tut, dann bekommt es uns leider auch nicht wirklich.


Slow Food setzt sich für den regionalen Einkauf ein. Derzeit haben Sie eine Kampagne zum Klimawandel. Inwiefern hängt das zusammen?
Annegret Fuentes: Es macht Sinn, sich zu fragen: wo kommt mein Lebensmittel her? Wir essen alle gerne Bananen und die wachsen nun mal nicht in Deutschland. Wir wollen niemandem verbieten, die zu essen. Aber ob es sein muss, Erdbeeren im Dezember zu essen, darüber sollte man nachdenken.

 

Es macht Sinn, sich zu fragen: wo kommt mein Lebensmittel her?


Einer Ihrer Grundsätze ist fair. Nun gibt es aber genügend Menschen, die sagen: „Ich kann mir das nicht leisten.“
Annegret Fuentes: Was genau esse ich? Wenn ich Fertigprodukte kaufe, dann kann ich mal überlegen, ob es wirklich so preiswert ist, wie es scheint. Man kann auf dem Wochenmarkt frische und saisonale Produkte kaufen. Viele Menschen nehmen sich heute nicht mehr die Zeit. Aber vielleicht mal am Wochenende das zu machen, dann ist das fair gar nicht so teuer. Und müssen wir wirklich – viele tun es ja – jeden Tag Fleisch essen? Vielleicht sollten wir wieder dahin kommen, wie es unsere Vorgänger-Generationen gemacht haben. Der Sonntagsbraten hat doch was. Und es wäre für unser Klima wichtig, wenn wir unseren Konsum einschränken würden. Abgesehen von den Tieren, denen es in der Massentierhaltung nicht gut geht.


Slow Food setzt sich ja auch ein für die Erhaltung alter Tierrassen und Kulturpflanzen. Sie sind Passagiere in der „Arche des Geschmacks.“
Annegret Fuentes: Leider geht die Vielfalt der Pflanzen und Tiere zurück. Die Idee bei der Arche ist, dass bestimmte Dinge überleben sollen. Besonders in den 70er Jahren war es sehr modern zu sagen: „Wir brauchen nur noch eine Turbokuh und ein Turboschwein.“ Dann hat man die Rasse genommen, die dafür am besten funktioniert. Man wollte schnell Fleisch, das waren die einzigen Kriterien. Wie es den Tieren dabei geht, hat nicht interessiert. Es gibt aber auch Rassen, die langsamer wachsen, dafür zwar Fett ansetzen, aber es schmeckt besser und anders. Oder bei Kühen macht es vielleicht keinen Sinn, dass sie viel Milch geben, sondern gute Milch. Und dass sie dafür gute Nahrung bekommen. Slow Food hat bei den Tieren die Devise aufgerufen: „Erhalten durch aufessen.“ D. h., wir setzen uns dafür ein, dass z. B. das Glanrind oder das Bentheimer Schwein wieder von Bauern aufgezogen werden. Natürlich werden die Tiere dann auch geschlachtet. Aber wir sehen das als Kreislauf und wenn man das in Maßen macht, ist es eine sinnvolle Sache. Durch die „Arche des Geschmacks“ tragen wir dazu bei, dass diese Tierrassen wieder mehr werden. Bei den Pflanzen ist es ähnlich. Jede Region hat Lebensmittel, die dort wachsen.


Hier in unserer Region wäre das?
Annegret Fuentes: In Köln und im Vorgebirge haben wir z. B. den Maiwirsing. Er wird im Winter ausgesät, ist sehr robust und kann auf dem Feld bleiben. Im Frühjahr wächst er langsam heran, so dass er im Mai reif ist. Früher war er für die Menschen das erste frische Gemüse nach dem Winter und für die Bauern das erste Einkommen. Das erste Mal, dass sie auf dem Markt wieder etwas verkaufen konnten. Heute ist der große Konkurrent der Spargel im Mai. Es gibt aber Bauern, die ihn anbauen und erfolgreich verkaufen, weil die Menschen erkennen, dass es interessant ist, auch mal was anderes auszuprobieren.


Was ist, wenn man im eigenen Garten eine alte Pflanze anbauen möchte? Wo bekommt man die Samen her?
Annegret Fuentes: Ich lege jedem, der selbst gärtnert, die Saatgut-Börse ans Herz. Jedes Frühjahr hier in Köln, nächstes Jahr im März. Das ist immer im VHS-Gebäude am Neumarkt. Es ist eine Tauschbörse. Jeder, der selber gärtnert, kann seinen Samen dort hingeben und anderen bekommen. Da ist z. B. eine Dame, wir nennen sie „Tomaten-Adelheid“. Sie sammelt unendlich viel Tomaten-Samen und wenn ich dann sage: „Ich habe einen Balkon und was nehme ich da am besten?“, kann die aus ihren ganz vielen Sorten eine empfehlen, die passt.


Die Kölner Slow-Food-Gruppe nennt sich „Domschnecken“. Was unternehmen die Schnecken miteinander?
Annegret Fuentes: Die Schnecke ist das Markenzeichen von Slow Food. Im Schatten des Doms sind wir natürlich die Domschnecken. Wir treffen uns regelmäßig im Museum Ludwig zum Stammtisch, um uns auszutauschen, wir kochen gemeinsam. Und wir suchen Produzenten oder Händler aus der Region, die handwerklich unterwegs sind.


Haben Sie Tipps für unsere Leser, wo man in Köln qualitativ gute Lebensmittel einkaufen kann?
Annegret Fuentes: Ich kann immer nur sagen: „Leute, besucht die Wochenmärkte und fragt die Bauern, wo das herkommt, was sie anbieten.“ Viele bieten auch ihre eigenen Produkte an. Direktvermarktung wird ja immer interessanter, auch für die Bauern.
Am 21. Oktober haben Sie ein gemeinsames Kochen im Familien-Forum Südstadt. Was kochen Sie und können auch Nicht-Mitglieder von Slow-Food teilnehmen?
Jeder ist herzlich willkommen, muss sich nur anmelden. Wir haben dieses Mal das Motto „Kölsche Küche“. Also auch im Sinne des Klimas saisonal und regional. Aber mit Pfiff, also mit Ideen, wie man bekannte Gerichte aufpeppen kann.


Hört sich sehr verheißungsvoll an. Vielen Dank, Frau Fuentes, für das Gespräch!

 


Mehr im Netz
www.slowfood.de/
www.domschnecken.de/


Schlagworte

Wer hat das geschrieben?

Die Autorin, eigentlich waschechte Ruhrpöttlerin, fühlt sich seit vielen Jahren in der Südstadt zu Hause. Nach ihrem Studium der...

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Auf Meine Südstadt gibt es Regeln für das Posten von Kommentaren. Wir behalten uns vor Beiträge zu löschen, wenn sie nicht den Richtlinen entsprechen. Du kannst die Richtlinien hier einsehen: Richtlinien
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen

Bild-CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.