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Gesellschaft Politik

99% wollen anders – Occupy Frankfurt. Die Chronik eines unverhofften Erfolges.

Montag, 17. Oktober 2011 | Text: Dirk Gebhardt | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

10:41 Uhr: Der ICE spült mich in Frankfurts klassizistische Bahnhofsvorhalle. Die Menschen drängen zum Ausgang, und die meisten übersehen die fünf Polizisten, die lässig und in voller Montur mit Helm an einem Geländer lehnen. Mir schwant Übles: 1.000 Demonstranten werden vom Veranstalter erwartet für die Kundgebung auf dem Rathenauplatz und den Protestmarsch zur EZB (Europäische Zentral Bank) – und schon am Bahnhof ist die Polizei präsent.

11:17 Uhr: Ich erreiche den Rathenauplatz, auf den die Stadt Frankfurt die Auftaktkundgebung kurzfristig verlegt hat. Direkt hinter der Hauptwache gelegen und von einem Goethe-Denkmal gekrönt, führt der Platz in der Regel ein Schattendasein im Zentrum der Stadt. Zwei Handvoll Menschen sind jetzt hier versammelt, einige proben noch ein Theaterstück auf den Stufen des Denkmals, andere laden Schilder und Banner aus einem grünen PKW, eine kleine Gruppe junger Aktivisten bespricht sich am Rande des Platzes. Oliver, einer der Pressesprecher, erklärt mir kurz, wie der Tag geplant ist und wer was organisiert. Sympathisch ist mir sofort, dass es nicht den einen Veranstalter gibt, sondern dass alles basisdemokratisch zusammenkommt. Es ist ein Aktionsbündnis, aus Attac, Occupy Frankfurt und anderen, die innerhalb von ungefähr 10 Tagen die Veranstaltung auf die Beine gestellt haben.

 


11:38 Uhr: Langsam füllt sich bei strahlend blauem Himmel der Platz. Als erstes kommt die Presse. Fünf Fernsehsender, drei Presseagentur-Fotografen, Felix ein schreibender Kollege von der TAZ, den ich schon von Gorleben kenne und ein paar Grüppchen weiterer Journalisten stehen beisammen. Die Polizei ist mit einem Kommunikationsteam vor Ort, das in seinen neonblau leuchtenden Westen wirkt wie wandelnde Reklameschilder. Die Aktivisten mit den Anonymous-Masken werden auch immer mehr. Dennoch, mehr als Hundert Menschen befinden sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf dem Platz. Ein wenig enttäuscht laufe ich herum, um die Stimmung aufzufangen – hoffentlich kommen noch mehr Menschen.

 

12:15 Uhr: Als ich mich nach meinem Rundgang auf die oberste Stufe des bronzenen Denkmals stelle, bin ich überwältigt. Der Platz ist voll rappelvoll, er ist überfüllt. Hunderte strömen aus den Seitenstraßen zum Versammlungsort. Einige haben Einkaufstaschen umgehängt, andere schwenken Fahnen, ganze Familien scheinen einen Demo-Sonntagsausflug zu machen. Es wird doch noch eine Bewegung. In der Masse erkenne ich ein Gesicht, einen jungen Mann mit hellem, hochgeschlossenem Pullover und brauner Lederjacke, er ist umringt von Kamerateams. Wolfram habe ich gestern schon in den „Tagesthemen“ gesehen. Er ist Sprecher der Gruppe „Occupy Frankfurt“. Ich folge ihm, sehe ihn kurz mit einer Gruppe verkleideter „Ärzte“ sprechen, und sofort verschwindet er wieder aus meinem Blickfeld. Die ANON.MEDIC’S bleiben stehen, und ich schließe mich ihnen an. Aron, einer der Erste-Hilfetruppe, erklärt mir, dass sie zwei Medi-Teams haben, die während des Protestzuges und auf dem Kundgebungsplatz vor der EZB medizinische Hilfe leisten können. Er ist seit Jahren als Ersthelfer beim Roten Kreuz aktiv, andere sind Krankenschwestern oder Medizinstudenten. Zusammengefunden haben sie sich erst vor drei Tagen. Aron, der seit Tagen im Organisationsteam mitarbeitet, erklärt mir, während der Protestzug sich in Bewegung setzt, wie sie spontan über das Internet alles geplant haben. Viel kennen sich nur bei ihrem Netznamen und von den Avatarbildern der sozialen Netzwerke. Real haben sie sich in kleinen Gruppen getroffen. Während wir durch die Hochhausschluchten von „Mainhattan“ ziehen, skandieren viele laustark „Wir sind 99%“  -der Slogan der weltweiten Occupy-Bewegung. Vor der Zentrale der Commerzbank, stürmen einige die repräsentative Freitreppe zum Haupteingang nach oben. Nicht um zu demolieren, nein: Sie zücken ihre Smartphones und fotografieren. Fünfzigfach wird der vorbeiziehende Zug aufgenommen und in Sekundenschnelle getwittert.

13:00 Uhr: Nach ungefähr einem Kilometer ist das Ziel erreicht. Das riesige blau-gelbe Eurozeichen wird symbolisch von Tausenden besetzt. Der von der IG Metall beigesteuerte Lautsprecherwagen hält auf dem Weg davor. Die Sprecher stellen sich auf den Hügel direkt unter dem Euro, und die Kundgebung beginnt. Sobald man sich fünfzehn Meter entfernt, ist ein Verstehen nicht mehr möglich, zu groß das Gemurmel. Die Anon.Medics versuchen sich per Walki-Talki zu verständigen und sich zu sammeln. Ein hektisches Treiben beginnt, weil die ersten Teilnehmerzahlen auf den Markt kommen. 3.000 oder gar 4.000. Sie können ihr Glück nicht fassen. Ihre Augen leuchten, ein Dauerlächeln stellt sich bei Aron ein. Sie stehen und sitzen als kleine Gruppe am Rande des von ihnen inszenierten Protestes, und keiner nimmt sie war.

13:39 Uhr: Sie entschließen, das es an der Zeit für einen Rundgang ist, um sich einen Überblick zu verschaffen und eventuell erste Hilfe zu leisten. Einer der mit Masken  Vermummten dreht sich zu mir um und erklärt, „Es gibt immer Verletzte auf einer Demo, und wenn es nur ein umgekickter Fuß ist“. Weit kommen wir nicht. Die Anonymus-Masken sind zu auffällig. Jeder Journalist, und davon gibt es eine ganze Menge, stürzt sich auf sie, um ein Interview zu ergattern, unter anderem ein türkischer Fernsehsender, dessen Reporter nach dem Interview auch noch ein Gruppenbild für sich privat machen möchte. Als Höhepunkt der medialen Präsenz erscheint Dieter Moor mit seinem Team, um eine Anmoderation für „ttt“ vor dem Ort des Protestes zu machen.

 

14:20 Uhr: Zwischenzeitlich sind sie an ihrem Ausgangspunkt angekommen, nachdem sie keinen Verletzten versorgen mussten und sich über die Vielzahl der anwesenden Gruppen erheblich gewundert haben. Nicht nur die LINKE hat ein übergroßes Transparent in den Himmel über Frankfurt gestreckt, was keinem besonders gefallen hat. Auch rechte Gruppierungen, Verschwörungstheoretiker und Veganer sind da. Parteien sehen sie nicht gerne hier. „Es ist und bleibt parteifreie Zone“ sagt Denise, die als Kindergärtnerin arbeitet. Die Slogans sind so verschieden wie die Gruppen. „Mindestlohn jetzt“, „Wir alle sind Griechen“, „Militärrat ist nicht gleich Demokratie“, „Tiere dienen nicht dem Menschen“ und „Keine Macht den Banken“. Ein Sammelsurium – vielleicht, aber eines eint sie: Das Gefühl , dass es jetzt reicht. Sie wollen sich nicht mehr nur regieren lassen, sie wollen mitgestalten.

16:00 Uhr: Die Kundgebung ist beendet. Die Polizei spricht offiziell von 6.000 bis 8.000 Teilnehmern und hat angeblich bereits Verstärkung angefordert. Jetzt ist die Stunde der freien Aussprache, wobei hiermit nicht ein wirklicher Dialog gemeint ist. Hundert Redewillige stellen sich hinter das Mikrophon, um ihre Meinung zu äußern. Die Bandbreite der Beiträge reicht von der Selbstdarstellung über die Systemkritik bis hin zum Aufruf zur Revolution. Es wird viel geklatscht, machmal gejubelt, und einige der Redner sind von dem Erfolg so übermannt, dass ihr Schluchzen ihre Rede übertönt. Die Organisatoren von „Occupy Frankfurt“ haben sich zu einer Lagebesprechung versammelt. Wolfram ist mittlerweile genervt, weil wieder ein Journalist ihn anspricht und die Frage stellt: „Du bist doch der Organisator hier?“. Er verweist darauf, das hier ungefähr 25 Organisatoren sitzen und zeigt auf alle Anwesenden, was der Journalist schlichtweg ignoriert. Es wird beschlossen, sich in Teams aufzuteilen und die Nacht vorzubereiten.

18:10 Uhr: „Die Assembleia“ eine Art Vollversammlung der Anwesenden, wobei nicht mehr als siebzig der ca. 400 Anwesenden daran teilnehmen, tritt zusammen. Es wird geplant, diskutiert und beschlossen. Der Ton ist meistens freundlich, alle sind um Konsens bemüht, allein das Thema Drogen sorgt für Aufregung. Hin- und hergerissen von der Idee einer selbstbestimmten Gesellschaft und dem Bewusstsein, dass wegen unerlaubten Drogenkonsums die Polizei das Camp schließen kann: Diese Gedanken bestimmen die Diskussion. Resultat: „Jeder darf wie er will, aber wer übertreibt, muss gehen“. Einfacher geht’s beim „Container“. Essen wird aus den Abfällen der umliegenden Supermärkte besorgt. Zelte werden aufgebaut, über Twitter Nachschub angefordert und Spenden gesammelt. Seit dem Nachmittag sind so schon über 1.600 Euro zusammen gekommen, 750 gehen anleine für die Dixie-Toiletten drauf. Die Solidarität ist groß, nicht wenige Passanten werfen Geldscheine in die aus einer Wasserflache, Gaffertape und Edding improvisierte Spendendose, die Collin seit Stunden in der Hand hält. Spontan werden Zelte, Decken und Essen von den Franfurtern vorbei gebracht.

19:11 Uhr: In der hereinbrechenden Dunkelheit werden die letzten Zelte aufgebaut. Ohne Heringe eine schwierige Aufgabe. Sie behelfen sich mit Gaffertape oder Sandsäcken. Da die Polizei offenes Feuer verboten hat, und die Kälte sich langsam durch die Schuhsohlen in den Körper schleicht, versuchen einige, den geliehenen Generator in Betrieb zu nehmen. Elektronische Kochplatten und Heizer stehen bereit, um wenigstens das Infozelt am Eurozeichen wohnlich zu machen. Auf dem Gelände stehen ungefähr 15 Zelte. Einige auf dem Asphalt des Willy-Brandt-Platzes, andere auf der Wiese in der Taunusanlage. Allen ist klar: Das wird eine kühle Nacht, aber mehr als hundert wollen trotzdem hier übernachten, denn sie spüren, dass der nachhaltige Erfolg ihrer Aktion nur gelingen kann, wenn sie standhaft sind.

Mehr Bilder über die Demonstration „Occupy Frankfurt“ am 15.10.2011 finden Sie hier.

Text: Dirk Gebhardt

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