Vom Mikrokosmos der Südstadt an den Dom
Montag, 2. November 2026 | Text: Jeannette Fentroß | Bild: Jeannette Fentroß
Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten
Was macht ein Leben zu einem guten Leben? Sind es Besitz, Reichtum und Einfluss? Oder vielmehr innere Ruhe, Bescheidenheit und die Fähigkeit, mit sich und der Welt im Einklang zu sein? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Stephan Falk seit vielen Jahren. Bei seiner Arbeit als Coach für Führungskräfte begegnet er Menschen, die über Vermögen, Macht und Einfluss verfügten – und dennoch nicht unbedingt glücklich waren.
Für sein Buch „Auf der Suche nach dem Geheimnis gelingenden Lebens“ hat Falk elf Menschen getroffen, die auf ganz unterschiedliche Weise Antworten auf diese Frage gefunden haben. Zwei von ihnen standen bei einer Lesung im Domforum besonders im Mittelpunkt: Schwester Ursula, Dominikanerin des traditionsreichen Kloster Arenberg in Koblenz, und Cornel Wachter, Künstler, Südstädter und bekannt für seine ungewöhnlichen Aktionen und sozialen Initiativen. Musikalisch begleitet wurde der Abend von Anne Fink, die mit ihrem A-cappella-Gesang für besondere Momente sorgte.
Schwester Ursula: „Alles außer Kloster“
Den Auftakt der Begegnungen auf der Bühne macht Schwester Ursula. Die Dominikanerin erzählt von einem Lebensweg, der sie von der elterlichen Dorfapotheke ins Kloster geführt hat. Der Gedanke, ein Leben in einer Ordensgemeinschaft zu führen, war für sie zunächst abschreckend. Rückblickend fasst sie ihre Erfahrungen in einem bemerkenswerten Satz zusammen: „Alles, was ich nicht wollte, war am Ende richtig gut.“

Stephan Falk und Schwester Ursula (Foto: Jeannette Fentroß)
Ihr Verständnis von Glück hängt nicht von äußeren Lebensumständen ab. Entscheidend sei vielmehr, die Wirklichkeit anzunehmen, wie sie ist, und sie zugleich kreativ zu gestalten. Dafür müsse man manchmal Sicherheiten aufgeben und einen vermeintlich vorgezeichnete Wege verlassen.
Eine Verbindung zwischen ihrem früheren Beruf als Apothekerin und ihrem heutigen Leben als Ordensschwester sieht sie darin, dass in beiden Fällen Menschen zu ihr kommen. Zugewandtheit und für Andere da zu sein stehen bei ihr im Fokus.
Cornel Wachter: Nicht nur reden, sondern etwas bewegen
Als Cornel Wachter auf die Bühne kommt, wird schnell deutlich, dass auch seine Vorstellung von einem gelingenden Leben vor allem mit anderen Menschen zu tun hat. Er möchte Begegnungen ermöglichen, Aufmerksamkeit schaffen und Räume öffnen für Menschen, die sonst häufig übersehen werden. Besonders diejenigen, die am Rand der Gesellschaft leben, liegen ihm am Herzen.
Dabei geht es ihm nicht um große Worte oder persönliche Anerkennung. Vielmehr möchte er etwas bewegen, Hoffnung vermitteln und die Erfahrung ermöglichen, dass sich Menschen füreinander einsetzen können. Seine Freunde sagen ihm bisweilen: „Du bist der Einzige, der das regeln kann.“

Resümee aus mehreren Jahrzehnten: Cornel Wachter und Stephan Falk (Foto: Jeannette Fentroß)
Dass aus solchen Gedanken manchmal ungewöhnliche Aktionen entstehen, gehört zu Wachters Markenzeichen. Die Ideen dazu kommen ihm nach eigener Erzählung nicht selten unter der Dusche. Schon als junger Auszubildender der Dombauhütte bewies er, dass sich Kreativität und gesellschaftliches Engagement verbinden lassen: Aus einem bekannten Titel der Bläck Fööss machte er kurzerhand „Mer helfe dem Dom in Kölle“. Der gesamte Erlös der Single kam dem Erhalt des Kölner Doms zugute.
Engagement für wohnungslose Menschen
Es blieb nicht nur bei dieser einen Aktion. Wachter engagiert sich seit Jahren für obdachlose Menschen, unter anderem im Umfeld des Vringstreffs. Er initiierte eine öffentlichkeitswirksame Aktion zur Darmkrebsvorsorge, die auch durch die Beteiligung des kürzlich verstorbenen Schauspielers Ralf Richter in Erinnerung geblieben ist. Während der Corona-Pandemie setzte er mit seiner Aktion „Zuletzt stirbt die Hoffnung“ ein Zeichen gegen Mutlosigkeit und soziale Isolation.
Viele dieser Initiativen verbindet ein Gedanke: Menschen sollen gesehen werden. Wachter schafft Anlässe, damit sich Menschen begegnen, miteinander ins Gespräch kommen und sich gegenseitig unterstützen. Für seine Aktionen erhielt er zwar einige Auszeichnungen und Preise, jedoch nach eigener Darstellung keinen Cent. Der Antrieb liegt für ihn offenbar woanders – in der Möglichkeit, etwas zu verändern, auch wenn es im Kleinen beginnt.
Im Domforum erzählt Wachter mit viel Humor und Begeisterung von seinen Projekten. Dabei gerät er gelegentlich so sehr ins Plaudern, dass er noch einmal nachfragen muss, wie die ursprüngliche Frage lautete. Das Publikum hört ihm aufmerksam zu. Mehrfach gibt es Zwischenapplaus. Man gewinnt den Eindruck, dass Wachters Auftritt für viele Besucherinnen und Besucher ein besonderer Grund war, an diesem Abend ins Domforum zu kommen.

Das Quartett des Abends (v.l.): Stephan Falk, Schwester Ursula, Anne Fink und cornel Wachter (Foto: Jeannette Fentroß)
Elf Menschen, elf Perspektiven auf das Leben
Mit seinem Buch wollte Stephan Falk bewusst kein Patentrezept für ein glückliches Leben liefern. Zu oft hatte er erlebt, dass vermeintlich allgemeingültige Lebensweisheiten nicht zu den individuellen Lebensgeschichten passten. Deshalb machte er sich auf den Weg und hörte elf außergewöhnlichen Menschen, wie dem Sänger Purple Schulz, der Apnoetaucherin Anna von Boetticher, der Dombaumeisterin Regine Hartkopf, dem Geigenbaumeister Martin Schleske oder der Singer-Songwriterin Jördis Tielsch, zu.
Seine Beschäftigung mit den antiken Stoikern und anderen philosophischen Schulen hatte ihm zwar viele Denkanstöße gegeben, aber keine abschließende Antwort. Die Gespräche mit seinen Protagonistinnen und Protagonisten eröffneten ihm neue Perspektiven. Sie lehrten ihn, genauer hinzuschauen und aufmerksamer zuzuhören.
Persepektivwechsel statt Perfektion
Am Ende seiner Reise steht eine Mischung aus Erfahrung, Wissen und Intuition. Ein gelingendes Leben bedeute auch, nicht alles perfekt machen zu müssen, sondern die Dinge anzunehmen, wie sie sind. Vertrauen entstehe im Gehen und im Bleiben. Manchmal brauche es keinen grundsätzlichen Widerspruch, sondern lediglich einen Sichtwechsel. Entscheidend sei die Bereitschaft, weiterzugehen – auch wenn es schwierig werde.
Und vielleicht liegt daher in Cornel Wachters Geschichten eine sehr konkrete Antwort auf die Frage des Abends: Ein gutes Leben entsteht nicht allein aus der Suche nach dem eigenen Glück. Es kann auch dort beginnen, wo man die Aufmerksamkeit auf andere richtet, eine Idee in die Tat umsetzt und Menschen zusammenbringt, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären. Was im Mikrokosmos der Südstadt beginnt, kann so durchaus bis an den Dom reichen.
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