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„Auch skurril teure Wohnungen finden Mieter“

Sonntag, 13. Januar 2013 | Text: Jörg-Christian Schillmöller | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Die Mieten steigen, die sozialen Unterschiede verschärfen sich: Darüber war in letzter Zeit wieder täglich zu lesen. Der neue Kölner Mietspiegel wird für Ende Januar erwartet, der letzte Miet-Lage-Index(*) des Immobilien-Unternehmens Corpus Sireo zeigt: Die Mieten in der Südstadt liegen teils um 15 bis 30 Prozent über dem ortsüblichen Durchschnitt. Die Folge: Köln entwickelt sich zur gespaltenen Stadt, die Viertel wirken abgeschottet, die Gräben werden tiefer. Ein Fall für den Kölner Soziologen Jürgen Friedrichs, der sich seit vielen Jahren mit dem Phänomen befasst. „Meine Südstadt“ trifft ihn im Restaurant KAP am Südkai.

Meine Südstadt: Herr Friedrichs, was ist eine gespaltene Stadt?
Prof. Jürgen Friedrichs: Das ist eine Stadt, in der es eine deutliche Trennung gibt zwischen armen und reichen Wohngebieten. Das heißt, es gibt Viertel mit einem überdurchschnittlich hohen Prozentsatz von Hartz-IV-Empfängern und Arbeitslosen. Und es gibt Viertel, in denen liegt ihr Anteil deutlich unter dem Durchschnitt.

Wie misst man sowas?
Zum Beispiel über das Einkommen. Nur dass es darüber in Deutschland keine Daten gibt – das ist geheim, anders als etwa in Dänemark. In Deutschland gibt es das nur für einzelne Städte. Also, Einkommensteuer- und Lohnsteuerstatistiken, sprich: das Steueraufkommen, nach Vierteln gerastert. Das wäre ein Kriterium. So wie eben die Zahl der Hartz IV-Empfänger. Oder die Wahlbeteiligung.

Die Wahlbeteiligung?
Ja. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Wahlbeteiligung und dem Anteil an Sozialhilfe-Empfängern. Je mehr Sozialhilfe-Empfänger, desto geringer die Wahlbeteiligung.

Es geht also um Segregation – um Trennung, zum Beispiel zwischen Arm und Reich.
Ja, und Segregation ist messbar. Nehmen Sie eine komplette Segregation wie einst in Südafrika mit der Apartheid, da lag der Wert vielleicht bei „.97“, also „punkt 97“, so nennt man das. In großen Städten in den USA gibt es sicherlich heute noch Werte von .70, wenn man das Verhältnis von Weißen und Schwarzen betrachtet (er malt Kreise auf ein Blatt Papier und schraffiert sie unterschiedlich stark, um die Segregation in Vierteln zu erklären).

 


Professor Friedrichs visualisiert seine Gedanken.

Was heißt ,punkt 70‘?
Dass 70 Prozent der Personen in einem Viertel wegziehen müssten oder dass ebensoviele hinzuziehen müssten, damit eine gleiche Verteilung entsteht.

Ist Segregation gut oder schlecht?
Man sagt für gewöhnlich, dass sie schlecht ist. Das Argument lautet, dass eine gute soziale Mischung, also nach Einkommen, Alter oder ethnischen Gruppen zu einem sozialen Lernen voneinander führen kann. Allerdings ist der Hintergedanke dann doch meistens, dass die Unterschicht von der Mittelschicht lernen soll.

Eine arrogante Sichtweise.
Es gibt britische Studien, von Rebecca Tunstall etwa. Es gibt viele Versuche von Programmen, um den ,social mix‘ zu erhöhen. ,Mixité‘ sagt man im Französischen.

Warum ist Mülheim trotzdem so türkisch?
Das hat einen Grund. Dort leben viele Leute, die auf dem Wohnungsmarkt sonst wenig Chancen haben. Sie konzentrieren sich in bestimmten Vierteln, so wie früher in Harlem oder Brooklyn. Sehen Sie, wenn Sie als Deutscher nach Sydney gehen, dann würden Sie ja vermutlich dort anknüpfen, wo die deutsche Community lebt – und nicht im chinesischen Viertel. Je größer die Community, desto größer die Chance, Hilfe zu finden – und eine Kneipe mit deutschem Bier und eine Bank. Das ist der Vorteil der Keupstraße: Es gibt eine eigene Infrastruktur, das passende Reisebüro dazu, den Fleischer. Das hat was Gutes.

Wie führt der Weg von dort zu einer gespaltenen Stadt?
Die entsteht vor allem durch polarisierte Mieten. In bestimmte Viertel kommt dann nicht mehr jeder rein. Und umgekehrt. In Vingst, wo es eher arm ist, wäre es hilfreich, wenn dort mehr Mittelschicht zuzöge. Nun denken die potenziellen Mieter aber: Um Gottes Willen, die Sitten dort, und diese Grundschule da für mein Kind, nein, lieber nicht. Folglich ziehen doch wieder nur Leute mit niedrigen Einkommen dazu, und das System reproduziert sich und verfestigt sich.

In Deutschland erodiert die unterste Mittelschicht.“

 

Ist das eine gesamtdeutsche Entwicklung?
Mein Eindruck ist, dass der Prozess der Spaltung sich verschärft (er malt eine Zwiebel auf den Zettel). Sehen Sie, das ist das Einkommen in Deutschland. Oben in der Spitze die hohen Einkommen, dann die Mitte eher breit und nach unten dann wieder schmaler. Das Problem ist, dass in Deutschland die unterste Mittelschicht erodiert, und zwar nach unten. Das liegt an kurzfristigen und unsicheren Beschäftigungsverhältnissen. Außerdem entwickelt sich der obere Teil der Mittelschicht nach oben, aber darüber gibt es weniger Studien. Grob gesagt kann man inzwischen feststellen: Die obersten 20 Prozent in Deutschland sind noch mehr unter sich als vor zehn Jahren, und die untersten 20 Prozent auch.

In Ihrer Studie vor einigen Jahren haben Sie herausgearbeitet, dass Köln besonders gespalten ist.
Ja, die Höhe des Segregations-Indexes hat mich verblüfft. Ich dachte, Düsseldorf wäre eher da dran.

Wie kann man dem entgegenwirken?
Man muss Arbeitsplätze schaffen. Die Armut ist ein Problem der Arbeitsplätze und der angemessenen Beschäftigung. Wir müssen die Leute aus dem working-poor-Segment herausholen.

Wer macht das? Der Gesetzgeber?
Über einen Mindestlohn, ja. Nochmal: Wenn Sie Arbeitsplätze haben, findet sich der Rest. Es gibt Studien, die zeigen, dass die meisten Arbeitslosen nicht gern zuhause sitzen, sondern viel lieber in Beschäftigung wären.

Es gibt einen Kölner Ratsbeschluss, der besagt: Wer Wohnraum baut, muss dafür sorgen, dass 30 Prozent der Wohnungen geförderter Wohnraum ist. Entsteht dadurch die gewünschte soziale Mischung?
Wie soll die genau aussehen? Geschieht das im gleichen Gebäude? In der gleichen Straße? Und am Ende dann doch wieder ,Wir hier‘ und ,Die da drüben‘?

Heißt das, dass eine soziale Mischung gar nicht funktioniert?
Im großen Stil gibt es dafür bislang kein Beispiel. Die Hoffnung ist ja, dass man die Leute dazu bringt, miteinander zu reden, zu interagieren. Und das ist schwierig.

Warum?
Woran das liegt und was genau diese Vorbehalte sind: Das wissen wir nicht.

Wie bitte? Sie arbeiten seit Jahrzehnten an diesem Thema.
Genau. Und ich sage: Wie man eine soziale Mischung herstellt, die zu Interaktion führt – darauf habe ich keine Antwort.

Ist es vielleicht die Angst vor dem Anderen?
Es ist eher Unsicherheit. Wenn Sie untersuchen, wie sich Freundschaftsbeziehungen entwickeln, dass geht es meist um Ähnlichkeit. Dieses Prinzip dominiert die Suche nach Freundschaften. Das kann man am Alter festmachen, an der Bildung, an der Religion oder der ethnischen Herkunft.

Wie kriegt man denn dann eine soziale Mischung überhaupt hin?
Sie können versuchen, wenn schon nicht in einem Gebäude, dann doch in einer Straße die Wohnungen mit Sozialwohnungen zu mischen. Und dann hoffen, dass die Menschen miteinander zurechtkommen.

Also ist das doch eher ein Nebeneinander.
Je kleinräumiger man mischt, desto kritischer wird das.

Kann der Gesetzgeber die Segregation bremsen?
Er kann versuchen zu verhindern, dass das Phänomen der Luxuswohnungen, die die Mietpreise heben, um sich greift. Nun haben die Städte leider selbst leere Kassen. Sie können aber zumindest Mietsprünge und die Umwandlung von Wohnraum in Gewerberaum verhindern.

Ein Blick in die Zukunft?
Wir dürfen das Internet nicht unterschätzen. Denn: Selbst wo ein Wohnviertel schon abgeschottet wirkt durch hohe Mieten, kommen Investoren aus London oder Dubai noch hinein. Früher beschränkte sich der Markt ja im Grunde auf Köln. Inzwischen gibt es schon längst eine landesweite Nachfrage, und sicher auch eine weltweite: Wenn ein Chinese aus Shanghai sich überlegt, er will eine Wohnung in der Kölner Innenstadt, dann ist das heute denkbar. Sprich: Auch skurril teure Objekte lassen sich vermarkten, weil es eben irgendwo auf der Welt einen Interessenten gibt.

Herr Friedrichs, vielen Dank für das Gespräch.
 

 

* Hier finden Sie die Miet-Lage-Index.

Text: Jörg-Christian Schillmöller

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