Das Museum des Schmerzes und der Liebe – Aua oder au ja?!
Montag, 9. März 2026 | Text: Sarah Linßen | Bild: Sarah Linßen
Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten
“Betritt eine verborgene Welt inmitten von Köln. Ein Ort, an dem selbst ein alter Besen zum Geschichtenerzähler wird.” So kündigt sich ein Museum an, das sich „Museum des Schmerzes und der Liebe“ nennt. Dass ich mich, mit einem Besen beschäftigen würde, hätte ich beim Thema „Liebe und Schmerz“ nicht erwartet. Allerdings klingt es weniger belastend als das, was ich mir vorstellt hatte. Zumindest weiß ich dank eines gut sichtbaren Plakats im Fenster schonmal: Um BDSM wird es hier nicht gehen.
Es menschelt sehr
Liebe und Schmerz – zwei sehr gegensätzliche Empfindungen, die doch enger miteinander verbunden sind, als man meinen könnte. Ich denke sofort an Abgründe und Höhenflüge. Angst und Unsicherheit. Aber auch an Schmetterlinge (oder um es auf südstädtisch zu sagen: Flugzeuge) im Bauch. An Glück und das Gefühl, angekommen zu sein. Erinnerungen, Geschichten meiner Großeltern, meine erste und meine große Liebe…

Das Museum des Schmerzes und der Liebe (Foto: Sarah Linßen)
Ganz schön intim. Themen, die ich normalerweise eher mit mir ausmache. Aber genau das soll ein Besuch in diesem Museum auch bewirken: Mehr über sich selbst zu erfahren, als einem vielleicht lieb ist. „Null Filter, aber bisschen Drama“.
Nagut. Ein neu gefasster Neujahresvorsatz war ja immerhin, wieder ein bisschen mutiger zu sein. Und Go!
Sonntage sind für Museumsbesuche
Schon beim Betreten wird deutlich: Das ist keine klassische Ausstellung. Der Boden besteht aus Glitzerpartikeln – ein Relikt aus Zeiten, in denen das Kamellebüdchen hier Bonbons produzierte. In jeder Ecke, auf jeder Fläche steht, liegt und hängt etwas, das Aufmerksamkeit will. Und mit der Einweisung wird noch ein Getränk angeboten. Zum Mitnehmen, man könne hier lange verweilen. Spoiler: Stimmt!

Ecken zum Entdecken – überall (Foto: Sarah Linßen)
Eine feste Reihenfolge bei den Stationen gibt es nicht. Also gehen wir vorbei an einer Gruppe, die gerade Boule mit Sandsäckchen spielt. Wir starten mit etwas, das sofort meine Aufmerksamkeit auf sich zieht: Das Buch „Karlsson vom Dach“. Eine alte Ausgabe in kyrillischer Schrift, wie es scheint. Mit genau den Illustrationen, die ich aus meiner Kindheit kenne. Sofort bin ich wieder sechs Jahre alt und im Hochbett, meine Mutter auf dem Hocker daneben, beide mit Tränen vor Lachen in den Augen. Mir wird warm ums Herz. Ich beginne zu verstehen, was einfache Alltagsgegenstände mit Liebe und Schmerz zu tun haben könnten…
Geschichten, die berühren
Zu jedem Objekt gibt es eine Geschichte. Von echten Menschen, die erzählen, was sie damit verbinden – Liebe, Scham, Verlust, Wut. Spannend für alle, die gerne in fremde Köpfe schauen. Oder vielleicht auch eine Alternative für Reality TV-Gucker? Inhaltlich bestimmt, allerdings könnte es schwierig werden für all jene, deren Konzentration sich schnell verabschiedet, denn: Die Texte sind lang. Bis zu zwei DIN A4 Seiten. Manche doppelseitig bedruckt.

Zu den Objekten gibt es reichlich Lesstoff (Foto: Sarah Linßen)
Meine Begleitung steigt schon bei Karlsson aus. Zu viel Text. Ihr Blick geht gezielt zu den interaktiven Aufgabenstellungen. Nach jeder Story folgen Fragen, Rätsel oder die Anleitung zu einem Spiel. Manchmal haben diese etwas mit dem Gegenstand zu tun. Manchmal muss man allerdings Leistungssportler*in in der Kategorie Gedankengymnastik sein, um die Zusammenhänge zu ergründen. Spaß machen sie aber allemal.
Ein kreatives Konzept, bei dem für Jede*n was dabei ist. Das schafft bei weitem nicht jedes Museum.
„First Dates“ auf der Alteburger
Das Konzept geht vor allem gut auf, wenn man sich gegenseitig noch nicht so gut kennt. Für (erste) Dates zum Beispiel. Wer kennt‘s nicht: Erst tagelange Aufregung, Vorfreude und dann… unangenehmes Schweigen.
Das kann im Museum des Schmerzes und der Liebe nicht aufkommen. Im Gegenteil: Manche Stationen eröffnen Gespräche über die Kindheit, andere die Möglichkeit sich über Werte und Prinzipien auszutauschen, und wieder andere lassen erahnen, wie das Gegenüber tickt. Welche Ängste und Sorgen plagen, was Freude bereitet.
Und wer wüsste nicht gerne schon am Anfang einer Liebelei, ob Eifersucht ein Thema werden könnte? Wäre es nicht praktisch, von Beginn an zugeben zu können, dass man mit Einsamkeit schlecht umgehen kann? Und wäre es nicht schön zu erfahren, wie der*die andere mit starken Emotionen umgeht?
Tatsächlich könnte man sogar im Austausch neue, möglicherweise lösungsorientiertere Wege kennenlernen als die, die man selbst schon immer geht.

Anregungen und Gedankenspiele (Foto: Sarah Linßen)
Auch für Familienausflüge ist dieser Ort sicherlich geeignet. Wer „schon immer“ zusammenlebt, übersieht und überhört oft die kleinen, unwichtig erscheinenden Dinge. Man meint sich so gut zu kennen, dass nicht mehr gefragt wird.
Wüsstest du, welchen Song deine Tochter, dein Vater, die Stiefmutter oder Schwester hören, um bessere Laune zu haben? Oder was ihnen hilft mit Verlust umzugehen? Ob sie schonmal eine Backpfeife bekommen- oder sogar gegeben- haben? Mögen sie immer noch keine Ananas oder hat sich ihr Geschmack im Laufe der Jahre verändert? Probieren sie überhaupt noch Neues? Wenn ja, was zuletzt?
Kein Ort für Reizempfindliche
Das Museum des Schmerzes und der Liebe ist kein Ort für Eilige. Man muss Zeit einplanen. Außerdem sollte man sich nicht vornehmen, alles zu sehen. Das könnte zu Frust führen.
Und das ist auch die Kehrseite der kreativ-schönen Medaille: Das Museum wirkt stellenweise etwas überladen. Zu viele Gegenstände, zu viele Geschichten, zu wenig Ruhe – man soll sich schließlich unterhalten. Nicht alles findet Platz – weder in den Räumlichkeiten noch im Kopf, wo sie doch etwas auslösen sollen. Dann hilft es, bewusst auszuwählen und Pausen zu machen. Vielleicht mit einer Runde Mario Kart auf der Nintendo?
Wer sich einlässt, kann hier einen Raum finden, der zeigt, dass wir mit unseren Gefühlen nicht allein sind. Und dass vielleicht gerade das Teilen von Erfahrungen und Emotionen uns einander näherbringt.

(Foto: Sarah Linßen)
Um Neugierigen möglichen Schmerz zu ersparen, haben dalle Besucher*innen die Möglichkeit, 15 kostenlose Schnupperminuten wahrzunehmen. Reingehen, ausprobieren, fühlen. Wenn es nicht passt: wieder gehen. Fair!
Das Museum des Schmerzes und der Liebe
Alteburger Str. 11, 50678 KölnMontag, Dienstag, Mittwoch: geschlossen
Donnerstag: 16 – 21 Uhr
Freitag: 16 – 22 Uhr
Samstag: 13 – 22 Uhr
Sonntag und Feiertage: 13 – 20 UhrEintritt: Erw.: 16 Euro / 7-17 J.: 10 Euro
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