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Kultur

Der mächtigste Mann des Planeten

Montag, 13. November 2017 | Text: Alida Pisu | Bild: Meyer Originals

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Das Leben ist eine Baustelle. Mit Absperrband, rostigen Rohren, die die Decke stützen und mit blauen Plastikplanen vor den Wänden. Und so wie auf einer Baustelle erst allmählich, mit jedem Stein, der auf den anderen gesetzt wird, die Gestalt eines Gebäudes sichtbar wird, so erschließen sich erst nach und nach die Ereignisse. Besser gesagt: die Zwischenfälle, die mit jedem erzählten Detail konkreter und fassbarer werden, wenngleich sie unfassbar bleiben. Aber man weiß auch nicht, wie real sie tatsächlich sind und ob es sie überhaupt gab.

 

Das lässt „Möglicherweise gab es einen Zwischenfall“, ein Stück des britischen Dramatikers Chris Thorpe, das im „Freies Werkstatt Theater“ Premiere feierte, ebenso offen wie die Antwort auf die Frage, welchen historischen Ereignissen sie zuzuordnen wären. Obwohl der Zuschauer relativ schnell seine Erinnerungen durchforstet und irgendwann auch Zuordnungen zur Hand hat. Wie die auf den „mächtigsten Mann des Planeten“, eines von vier kunstvoll miteinander verzahnten Ereignissen, die Thorpe erzählt. Es ist eine traurige Geschichte, alle vier Geschichten sind traurig. Ihre Helden enden tragisch, ihr Scheitern ist den Umständen zuzuschreiben.

Drei Figuren stehen auf der Bühne: eine ehemalige Revolutionärin (Charlotte Krenz), ein Vielflieger (Marius Bechen), eine Frau (Maria Amman), die die Geschichte des vermeintlich mächtigsten Mannes des Planeten erzählt. Sie sind in goldgelbe Anzüge gekleidet und sitzen im Hintergrund auf Stühlen. Sehr distanziert zueinander, stehen sie abwechselnd auf, erzählen das Bruchstück einer Geschichte, setzen sich wieder, stehen auf…

Nur langsam setzen sich die Bruchstücke zu Ereignissen zusammen. Und dann hat man ein Ereignis entschlüsselt. In Maria Ammans Erzählung vom Mann mit den Einkaufstüten, der sich rollenden Panzern entgegenstellt und dessen Foto ihn zu einer Ikone gemacht hat, ist unschwer der unbekannte Mann zu erkennen, der sich während des Massakers am Tian’anmen-Platz vor die Panzer stellte und sie für einen Moment am Weiterfahren hinderte. Dieser Moment reichte aus, um ihn unsterblich und zum mächtigsten  Mann des Planeten zu machen. Eine Ironie, denn man weiß nicht, was aus ihm geworden ist, man kann nur erahnen, dass zwar nicht die Panzer, aber sein Schicksal ihn brutal überrollt hat.

 

Sie weiß es und kann nicht anders. / Foto: Meyer Originals

Charlotte Krenz in der Rolle der ehemaligen Revolutionärin war nichts wichtiger, als die Freiheit und das Volk von der Tyrannei einer Diktatur zu befreien. Als die Revolution siegt, will sie zwar immer noch das Beste, benutzt aber dieselben Mechanismen der Gewalt und Machtausübung, die sie einmal bekämpft hat. Die Revolution frisst ihre Kinder, schon zu Zeiten der französischen Revolution waren die Revolutionäre mindestens so blutrünstig und machtgierig wie der König, den sie aus dem Amt gejagt und getötet hatten. Aber vielleicht dreht sich die Spirale der Gewalt auch einfach unerbittlich, steckt man einmal drin, gibt es kein Entkommen mehr.

 

Die Figur von Charlotte Krenz ist eine, die nicht über Leichen gehen will, aber dazu gezwungen ist, über Leichen zu gehen. Sie lässt Soldaten erschießen, die sich geweigert hatten, auf Demonstranten zu schießen. Da ist sie dem Diktatoren-Ehepaar, das sie gestürzt hat, sehr ähnlich (Man glaubt, das Ehepaar Ceau?escu in ihm zu erkennen). Spätestens hier verrät sie sich selbst, die Ideale, für die sie gekämpft hat und das Volk. Das Schlimme ist: sie weiß es und kann nicht anders.

Marius Bechen ist der Vielflieger, der sich auf den Weg gemacht hat, um in einer neuen Stadt ein neues Leben zu beginnen. Doch bei der Landung bricht das Flugzeug auseinander, es gelingt ihm nicht, einen eingeklemmten Jungen aus seiner Lage zu befreien. Er rettet sich aus dem Flugzeug, das hinter ihm explodiert. Mit dem Jungen an Bord. Man könnte diesen Zwischenfall so deuten, dass ihm sein altes Leben buchstäblich um die Ohren geflogen ist. Bitter und tragisch.

Eine Handlung im eigentlichen Sinne hat das Stück nicht, die Figuren führen zumeist Monologe, erst langsam entwickeln sich Dichte, Intensität und Spannung. Die kommt insbesondere immer wieder auf, wenn aus dem Off weitere Details eines Verhöres eingespielt werden, in dem ein fundamentalistischer Attentäter über seinen Anschlag auf ein Jugendparlament aussagt. Man ist fassungslos, wohin Fanatismus und Hass führen und das Mörder tatsächlich glauben können, im Dienste einer höheren Macht das Richtige getan zu haben. „Ich töte für das Europa, an das ich glaube.“

 

Hat nicht so oder ähnlich auch Anders Breivik argumentiert, nachdem er auf der Insel Utøya unzählige Teilnehmer eines sozialdemokratischen Jugendcamps geradezu gejagt und getötet hatte? Regisseurin Catherine Umbdenstock gelingt es mit sparsamsten Mitteln, ein eindrücklich-erschreckendes Bild für diesen Massenmord zu finden. Während des Verhörs legen die drei Darsteller Kleidung auf dem Boden ab, Jacken, Schuhe, die Bühne wird zum Tatort. Es sieht so aus, als wären es die Überbleibsel des Grauens. Kein Mensch hat überlebt, die Darsteller liegen wie Leichen auf ihren Stühlen.

Thorpes Stück und die Inszenierung leben nicht von Aktion, sondern vom Wort. Das sehr kunstvoll in Szene gesetzt wird. Und verschreckt und verstört. Darüber, wozu der Mensch fähig ist. Dennoch: es wird sich immer lohnen, sich rollenden Panzern entgegenzustellen und zu versuchen, sie aufzuhalten. Wer weiß – das wäre ein neuartiger Zwischenfall – lassen sie sich irgendwann ja doch stoppen. Möglicherweise.

 

„Möglicherweise gab es einen Zwischenfall“ von Chris Thorpe
Mit: Charlotte Krenz, Maria Ammann, Marius Bechen
Regie: Catherine Umbdenstock

Freies Werkstatt Theater, Zugweg 10, 50677 Köln?
Weitere Termine: 16., 17. November 2017

Text: Alida Pisu

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