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Kultur

Der werfe den ersten Stein

Mittwoch, 27. September 2017 | Text: Alida Pisu | Bild: Meyer Originals

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

„Kaum eine Stunde alt und schon angeklagt wegen des Geschlechts“ – als Frau geboren zu sein, bestimmt das Schicksal der jungen Bilqiss. Und tatsächlich findet sie sich eines Tages als Angeklagte vor Gericht wieder. In einem Prozess, der eine Farce ist, steht das furchtbare Urteil doch bereits von vornherein fest: Tod durch Steinigung.

 

Im Theater der Keller erlebte „Bilqiss“ nach dem Roman der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Saphia Azzeddine eine umjubelte Uraufführung, die unter die Haut ging und manchem Zuschauer Tränen entlockte.

Rote Schnüre hängen von der Decke, auf und niedergehende Seidenvorhänge schaffen und schließen Räume, insbesondere aber trennen sie die drei Hauptpersonen voneinander: die Angeklagte Bilqiss (Franziska Seifert), den Richter (Doris Plenert) und die amerikanische Journalistin Leandra (Susanne Seuffert). Das, was Leben ausmacht, nämlich Nähe und Beziehung zwischen Menschen, scheint hier geradezu verbaut, nicht durch Mauern, sondern „nur“ durch Stoffe, besser gesagt durch Gebote und Gesetze, die der Verstand nicht fassen kann.

Welches Verbrechen hat Bilqiss begangen? Sie hat es gewagt, aufs Minarett zu steigen und die Bewohner ihres Dorfes zum Morgengebet zu rufen. Allerdings erst,  nachdem es weder ihr noch der Frau des Muezzin, die sie um Hilfe gebeten hatte, gelungen war, den volltrunkenen Muezzin zu wecken. Dies allein wäre schon Frevel genug, doch Bilqiss hat auch noch die Unerschrockenheit, eine eigene Auffassung von Allah zu haben und sie lauthals zu verkünden. Mit der klassischen Lehre des Islam haben ihre Ansichten rein gar nichts zu tun. Aber sie ist auch keine Ängstliche, die sich den Mund verbieten lässt. Sie ist eine Aufmüpfige. Eine von denen, die es immer wieder geben muss, wenn jemals Dinge sich ändern sollen.

 

Ihr Mut erscheint um so bemerkenswerter, wenn sie ihre traurige Lebensgeschichte erzählt. Mit 13 Jahren an einen mehr als 30 Jahre älteren Mann verheiratet, der sie missbraucht und misshandelt, dem sie nichts recht, sondern nur alles falsch machen kann. Man gönnt es ihm und steht völlig auf ihrer Seite, als sie erzählt, wie sie ihn mit einer Bratpfanne erschlagen und mit Hilfe amerikanischer Soldaten die Tat vertuscht hat.

 

Die Inszenierung zeigt weite Teile, in denen Geschehnisse wie die Gerichtsverhandlung erzählt werden. Susanne Seuffert gibt eine Berichterstatterin, die teils neutral, teils zunehmend Empathie mit der Angeklagten empfindend, den Prozessverlauf schildert. Das ist beileibe nicht nur bedrückend, es gibt im Gegenteil auch witzige Passagen, wenn etwa die Rede davon ist, was den Frauen alles verboten ist, um auf keinen Fall eine Erregung des Mannes hervorzurufen. Natürlich nur, wie der Richter immer wieder betont: „zum Schutz der Frauen.“ Andererseits würde es doch weitaus mehr Sinn machen, so Bilqiss,  die „Wurzel“ des Übels, die in der Unterhose des Mannes steckt, „auszureißen“. Aber auch diese durchaus nachvollziehbare Ansicht, man ahnt es schon, ist Wasser auf die Mühlen der religiösen Fanatiker.

Wo genau die Geschichte sich abspielt, bleibt im Dunkeln. Es ist ein Land, in dem Frauen völlig rechtlos sind, Burka tragen, der Besitz eines Lyrikbandes schon ein Verbrechen ist oder eine Frau sich strafbar macht, wenn sie eine ganze statt einer halben Zucchini oder Aubergine kauft, somit also ein Phallus-Symbol.
Eigentlich ein eindeutiger Fall, in dem der Richter auf der Stelle sein Urteil fällen könnte. Aber er tut es nicht, weil er sich in Bilqiss verliebt und sie Nacht für Nacht besucht, um sie erzählen zu lassen. Doris Plenert zeigt seine innere Zerrissenheit: Liebe gegen geltendes Recht. Hoffen auf Gegenliebe, Angst vor Strafe, wenn er gegen das Gesetz verstößt und sie nicht verurteilt, weil dann ihm der Prozess gemacht würde. Dieser Richter steckt in so vielen Zwängen, dass er ihnen nie wird entkommen können. Einzig Bilqiss, wenn sie ihn denn liebte und um Gnade bitten würde, könnte ihn dem Leben zuführen, das dieser innerlich erstarrte Mann nicht mehr kennt.
Weil sie die einzig Freie ist, sie ist sogar weitaus freier als die Journalistin Leandra aus dem freien Westen. Unter dem Vorwand, ihr helfen zu wollen, will eigentlich auch sie ihre Geschlechtsgenossin nur benutzen und eine Story aus ihr ziehen. So wie der Fotograf, der Bilqiss fotografiert hatte, als sie noch jünger war und dessen Foto von Bilqiss nun auf Kaffebechern im „land of the free“ prangt. Das wär’s doch, eine Story mit diesem girl! Aber Bilqiss durchschaut sie, und gibt absolut nicht das Opfer, das Leandra vorzufinden geglaubt hatte. Weder das Opfer des Islam, sie ist immer noch gläubige Muslimin, noch das Opfer der Männer. Weil ihre innere Haltung sie davor bewahrt, Opfer zu sein.

Beklemmende Szenen, die sich einbrennen, gibt es zuhauf. Etwa die, in der ein Seidenvorhang Bilqiss verdeckt. Man sieht nur einen hängenden Arm, ihr Körper liegt auf einer Leiter, sie ist gerade ausgepeitscht worden. Als Bilqiss Leandra bittet, sie mit Salbe einzureiben, tut diese das zwar, doch ohne sie dabei zu berühren.

 

Symptomatisch für die Geschichte, niemand berührt hier einen anderen oder wird von jemand anderem berührt. Gefangen in sich selbst, wüten sie gegen die Einzige die frei ist: Bilqiss. Ebenso beklemmend, wenn der Richter erzählt, wie er zum Steinbruch geht und die Steine für die Steinigung selbst aussucht. Seine ganz persönliche Rache an der, die ihn abgewiesen hat und so mutig war, offen die Wahrheit auszusprechen.
Die Steinigung selbst, man denkt unwillkürlich an die biblische Geschichte der Ehebrecherin, die nach dem Gesetz gesteinigt werden sollte. Und man hat im Kopf, wie all ihre Ankläger verschwanden, als Jesus ihnen sagte: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“

 

Nicht immer gehen diese Geschichten so gut aus. Es gibt auch die, in denen Steine geworfen werden. Bei Bilqiss Steinigung wird der erste Stein von Leandra geworfen. Bilqiss hatte sie darum gebeten, um einen schnellen Tod herbeizuführen.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass der erste Stein aus dem Westen kommt. Denn der Westen mag naserümpfend auf derart „primitive und verrohte Fanatiker“ herunterblicken, dabei ignoriert er aber, dass die Waffen, mit denen diese Fanatiker ausgerüstet werden, aus dem Westen stammen. Und es ist auch noch keine Ewigkeiten her, dass Frauen kein Wahlrecht hatten, dass sie ihre Männer um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie arbeiten gehen wollten. Wir haben es nur sehr schnell vergessen.

Aber: auf der Bühne hat Bilqiss das letzte Wort. Und das ist auch richtig so. Denn man kann Menschen totschlagen oder steinigen, sie sind trotzdem nicht tot zu kriegen. Das zeigt Franziska Seifert in jeder Sekunde ihrer intensiven Darstellung einer jungen, unerschrockenen Frau, die sich nicht brechen lässt und bereit ist, die Konsequenzen dafür zu tragen.

Regisseurin Ulrike Janssen hat eine aufwühlende Inszenierung geschaffen, die getragen wird von dem wunderbaren Schauspielerinnen-Trio Franziska Seifert, Doris Plenert und Susanne Seuffert.
Jubelnder Applaus, Bravo-Rufe und Tränen bei den Zuschauern krönen einen grandiosen Theater-Abend!

 

„Bilqiss“ nach Saphia Azzeddine
Regie: Ulrike Janssen
Mit: Franziska Seifert, Doris Plenert, Susanne Seuffert

Theater der Keller, Kleingedankstraße 6, 50677 Köln?
Weitere Termine: 26. September, 1., 18., 29. Oktober, 08., 26. November 2017
 

Text: Alida Pisu

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