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Auf ein Kölsch mit... Eine Südstadt für alle!

„Die Südstadt soll kein Museum werden“

Montag, 14. März 2011 | Text: Sonja Alexa Schmitz | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Es ist Mittagszeit, strahlender Sonnenschein, wie ich ihn seit Monaten so nicht mehr gesehen habe, und ich betrete den Ort, an dem davon nichts mehr zu sehen ist. Dafür gibt es Kölsch und freundliche Köbesse, Stammgäste, ein Gefühl von Zuhause, und vor allem Jo, der bereits mit Kölsch in der Hand auf mich wartet. „Ich bin der Kleine, Knubbelige mit den grauen Haaren,“ beschrieb er sich am Telefon.

Johannes Baptist Remigius Firmenich und ich im Früh em Veedel. Nach unserem zweistündigen Gespräch weiß ich, dass das hier der „Invalidendom“ ist. „Das weißt du nicht?!?“ Das war so: Einst trafen sich hier in den Morgenstunden die südstädtischen Veteranen des Deutsch – Französische Krieg (1870/1) zu Bier und Schnaps. Viele von ihnen hatten einen Arm oder ein Bein verloren, waren also Invaliden.

Ich hatte brav meinen Fragenkatalog vor mir liegen und wollte ihn zum Thema Gentrifizierung befragen und gleichzeitig ein paar Anekdoten, Tipps und Insider eines Stadtführers hören. Gästeführer – das ist Jo nämlich heute. Geboren in Bensberg, aber aufgewachsen in Köln und das grösstenteils im Kult-Imbiss der Grosseltern („Firmenich trab trab“, wem das etwas sagt) in der Großen Neugasse, zog er 1969 in die Südstadt, studierte hier Diverses, unter anderem Elektrotechnik, Kunst, Politologie und schloss letztlich an der damaligen Kölner Werkschule mit einem Abschluss als Designer ab. Auch dazu fielen ihm wieder zig Anekdoten ein.

Aber nein, wir versuchen beim Thema zu bleiben. Er fand damals sein Studentenzimmer in der Mainzer Strasse. In den großen Wohnungen wohnten sie zu mehreren, „WG“ nannte man das damals wohl noch nicht? Sie waren zu fünft, er zahlte 150 Mark, und hatte besonderes Glück, denn er hatte eine Badewanne in seinem Zimmer. Es war damals nicht schwer in der Südstadt was zum Wohnen zu finden. In den 50er Jahren fand eine Entvölkerung statt. Nach dem Krieg, in dem ja große Teile der Altstadt zerstört wurden, kamen die obdachlos Gewordenen in die Südstadt. Die Stadt ordnete an, dass die Menschen, die dort in den großen Wohnungen wohnten, ein bis zwei Zimmer abgaben und die ausgebombten Familien beherbergten.

Das schränkt natürlich die Wohnqualität enorm ein, so dass irgendwann die reichen Familien die Südstadt, und gar Köln verließen, um wieder ihr eigenes Reich zu haben. Es wurden also eine Menge großer Wohnungen frei. Die waren eher schäbig, die Häuser vernachlässigt, aber billig. Studenten und Künstler freuten sich. Der WDR machte in den 80ern einen Bericht über die Attraktivität des Wohnviertels Südstadt. Scheinbar war das im Sender ein echtes Thema, denn plötzlich kamen jede Menge Mitarbeiter des WDR und zogen in die Südstadt. Das war der erste Boom, den die Südstadt erlebte: Gentrifizierung ist für die Südstadt eigentlich nichts Neues.

Das was gerade hier passiert, könnte man vielleicht eher den zweiten Aufguss nennen. „Wie siehst du denn den Wandel, der hier gerade vor sich geht? Befürchtest du, dass die Südstadt zu „edel“ wird?“ frage ich den Mann, dessen Augen immer weiter strahlen, auch wenn das Thema möglicherweise ernst wird, und ein Zusammenziehen der Augenbrauen angemessen wäre. „Ich hab mit edel nichts zu tun. Du hast immer zwei Typen; Tünnes und Schääl.“ „Sind die Reichen die Tünnesse?“ „Nä, dat sin die Schääls. Tünnesse sind die, denen alles recht egal ist. Die Ur-Kölner. Die Et-hät-noch-immer-jot-jejange-Lück.“ Jo ist mit einem gesunden Grundoptimismus ausgestattet, und wenn ich ihm zuhöre denke ich beinah: Gentrifizierung wird total überbewertet. Das hat es immer schon gegeben, das ist der ganz normale Lauf der Dinge.

Aber dann, nachdem ich ihn frage, was er sich für die Südstadt wünscht, und wie sie in zehn Jahren aussehen soll, da spüre ich doch eine Skepsis an den momentanen Entwicklungen. „Die Südstadt soll kein Museum werden. Dat Schicki-Micki will ich auch nicht. Es ist gut, dass es dadurch jetzt viel mehr kleine Fachgeschäfte gibt, wie die An der Eiche. Da können die neuen Südstädter so schön pittoresk einkaufen. Aber klar, ich habe schon auch Angst, dass das alte Flair verloren geht. Es ist ja jetzt schon nicht mehr so wie früher. Die einstige Nachbarschaftshilfe, die gibt es so nicht mehr.

Was die Südstadt ausmacht, ist die Differenziertheit der Menschen. Hier, vor allem in den Kneipen, siehst du alles. Das Schöne ist, du kannst hier ein Mensch sein, der gesellschaftlich am Rand steht, hier wirst du akzeptiert.“ „Ist das nicht typisch Köln, und gibt es das nicht ähnlich in anderen Stadtvierteln?“ „Kann sein, aber ich kenne ja nur die Südstadt,“ sagt er mit diesen lebensfrohen Strahleaugen.

„Rheinauhafen, Kranhäuser, was sagst du dazu?“ will ich wissen. „Hässlich, ganz klar. Wär mir lieber, wenn es die nicht gäbe, aber die sind wichtig für Köln. Damit können wir protzen und zeigen, dass wir spektakuläre Architektur haben, modern sind.“ „Machst du denn auch Führungen zu den Kranhäusern und erzählst den Leuten dann stolz, was wir hier alles haben?“ „Ja, ich zeige das den Touristen. Aber schwärmen tu ich nicht davon. Die sollen sich ihr eigenes Bild machen.“

Wer einmal Lust haben sollte, Jo zu treffen, der kann natürlich eine Stadtführung buchen. Oder ihn mit Glück an seinem Lieblingsplatz finden. Der ist da, „wo ich meine Südstadt im Rücken habe.“ Ich verrate es: Auf den Bänken vor dem Kap am Südkai.

 

Weitere Artikel aus der Serie „Eine Südstadt für alle!“ lesen Sie hier.

 

 

 

Text: Sonja Alexa Schmitz

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