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Auf ein Kölsch mit... Kultur

Auf eine Apfelschorle mit Josef Hader

Montag, 12. März 2012 | Text: Nora Koldehoff | Bild: Karsten Schöne

Geschätzte Lesezeit: 9 Minuten

Der große Saal der Comedia in der Vondelstraße ist ausverkauft – seit Wochen schon. Den Mann, der an einem Tisch in der Wagenhalle sitzt, scheint das nicht groß zu berühren. Josef Hader, Jahrgang 1962, Kabarettist und Schauspieler aus Waldhausen in Oberösterreich, hat schon auf Hunderten Bühnen gestanden. Seit 1982 tritt er mit seinen eigenen Programmen auf. Gelegentlich wechselt er auch von der Bühne auf die Leinwand – in den grandiosen Verfilmungen der Brenner-Krimis von Wolf Haas zum Beispiel, in denen er unter anderem an der Seite von Josef Bierbichler und Birgit Minichmayr spielte, oder im Zweiteiler „Aufschneider“. Hader trägt Straßenkleidung. Auf der Bühne wird er anderthalb Stunden in einer schwarzen Hose stehen – erst mit einfarbigem, nach der Pause dann mit gestreiftem Hemd. Der Mann, der dann so selbstverständlich mit seinen Geschichten und angeblichen Erlebnissen sein Publikum zum Staunen, Lachen und Nachdenken bringt, ist eine Kunstfigur in Bühnenkleidung. Und die Geschichten, die sie vom Wiener Naschmarkt oder über seine geschiedene Frau erzählt, sind auch keine wahren Geschichten. Sie verschmelzen Kabarett und Theater und sind große Literatur, die der Autor Hader für die Bühnenfigur Hader schreibt. Und zielen auch schonmal in das linksintellektuelle, preisbewusste Biogewissen des Publikums.
Kennern seiner Bühnenprogramme wird das ein oder andere bekannt vorkommen – „Hader spielt Hader“ zeigt Highlights aus den letzten fünf Programmen, aus Theaterabenden für die kleinere Form umgeschrieben. Wer keine Karte mehr bekommen hat, wird im September diesen Jahres noch einmal eine Chance haben. Fürs Gespräch, sagt Hader, möchte er dann auch gern in seine Garderobe im Obergeschoss der Comedia gehen. Interviews gibt der Kabarettist und Autor, nicht der Privatmann. Irgendwie dann aber doch …

Wie geht es Ihnen?
Tja, dies ist im Moment ein Tourneemonat, der ein noch wenig anstrengend ist. Aber es wird besser, es wird wärmer, und es kommen Pausen. Im Moment ist ein bisschen viel Herumgefahre.

Wie lange sind Sie schon unterwegs?
Na, so schlimm ist es nicht, wir hatten zwei Wochen im Februar, im Januar einige Termine, also man kann sagen, wir sind seit Mitte Februar unterwegs, so etwa vier Tage die Woche.

Und nimmt man da die Städte noch unterschiedlich wahr?
Schon. Es gibt natürlich auch den Extremfall, wenn man an vier aufeinanderfolgenden Tagen in vier mittleren Städten ist, dann hat man schon irgendwann das Gefühl, jede Fußgängerzone sieht gleich aus – das gibt’s schon. Aber jetzt waren wir in Städten, die wir schon kennen, Berlin, Köln, Salzburg, die nimmt man schon wahr.

Haben Sie dann Zeit für die Stadt?
Ja, schon, vor allem für die Leute – vor allem dort, wo wir welche kennen. Aber auch die Stadt selbst kann man schon genauer anschauen.

Merkt man Unterschiede beim Publikum?
Ja, aber das kommt nicht so stark auf die Gegend an, sondern auf den Ort, an dem wir spielen. Wenn wir in einer Universität spielen, ist es anders als in einem Theater. Da gibt es schon eine spezielle Atmosphäre, sehr konzentriert und nicht unbedingt sehr reaktionsfreudig.

Wie kam es dazu, dass die Agentur, die Sie in Deutschland vertritt, in der Kölner Südstadt sitzt?
Das ist schon zehn, zwölf Jahre so. Wir haben uns hier kennengelernt, beim Comedy-Festival. Mit der österreichischen Agentur war es schwierig, was für Deutschland zu machen. Da ist zuviel Clash of Culture, weil die deutschen Veranstalter immer eineinhalb bis zwei Jahre vorher wissen wollen, wann man kommt, und die Österreicher wollen immer erst ein halbes Jahr vorher Termine ausmachen. Das ging gar nicht, zu unterschiedlich.

Sind Sie häufiger in der Südstadt?
Gar so häufig nicht, denn dies ist nicht so sehr die Gegend, in der ich superpopulär bin. Aber schon regelmäßig, jede Saison zwei Abende. In Süddeutschland und Berlin spielen wir etwa zwei Drittel unserer Auftritte in Deutschland.
Aber ich bin gern hier, das ist ein sehr angenehmer… wie sagt man hier, Bezirk?

Veedel – Viertel.
Nein, sehr angenehm, zumindest, wenn man zu Gast ist. Wenn man die ganze Zeit hier leben würde, würde man sich überlegen, ob es nicht ein wenig zu… sagt man hier auch bobo?

Nein?
In Wien sagt man bobo zu bourgois-bohemien. Hier in der Südstadt sieht man schon viele Berufsjugendliche, Eltern mit jungen Kindern, Medienmenschen, Naturkosmetikläden. Wenn ich die ganze Zeit hier leben würde, würde ich in der Südstadt wahrscheinlich eine Gegend suchen, die nicht so ganz voll davon ist. Aber wenn man für eine Woche hier ist, ist es wunderbar. Man muss nichts suchen. In Wien wohne ich in einer etwas wilderen Gegend. Obwohl – eigentlich in der Mitte zwischen einer wilderen und einer weniger wilden Gegend, da kann man sich aussuchen, ob man in die eine oder andere Richtung geht.
Ich finde an Wien auch schön, dass es nicht eine völlig teure Stadt ist. Die bunteren Leute bleiben noch da, während in München alles so teuer ist, dass sich bestimmte Leute gar nicht mehr leisten können, dort zu bleiben. Wien – und auch Berlin – hat noch so eine gewisse Buntheit. Über Köln kann ich das nicht so sagen, dafür kenne ich es zu wenig

Sie sind einer großen Anzahl Menschen auch durch die Brenner-Filme bekannt. An den Drehbüchern haben Sie mitgeschrieben, zusammen mit Autor Wolf Haas und Regisseur Wolfgang Murnberger. Ist es einfacher, zusammen oder allein zu schreiben?
Es ist bei einem Filmdrehbuch wahrscheinlich sehr viel schwieriger, ganz allein zu schreiben. Die Kabarettprogramme schreibe ich allein, aber ich habe ja die Chance, ständig zu verbessern, zu verändern, Erfahrungen zu machen mit dem Text. Beim Film hat man nur einen Drehtag, an dem die Szene gedreht werden muss, und wenn man da was falsch gemacht oder falsch berechnet hat, dann ist alles aus, dann hat man keine Möglichkeit mehr, was zu verbessern. Ein Filmdrehbuch ganz allein zu schreiben, das können manche Genies, die dann auch meistens Regisseure sind. Aber bei Filmdrehbüchern würde ich immer sagen, es ist besser, man schreibt zu zweit oder zu dritt. Einfacher ist es nicht, aber das Ergebnis ist irgendwie geprüfter, weil es von mehreren Personen beurteilt wird. Bei uns ist es so: Wir schreiben immer zu dritt, und da sind wir alle sehr unerbittlich, aus verschiedenen Richtungen kommend und dadurch wird das Drehbuch im Idealfall besser. Im Kabarettprogramm ergibt es dagegen viel stärker den ganz persönlichen Ausdruck, wenn man allein etwas schreibt und allein auf der Bühne steht.

 

Ist es schöner, auf der Bühne zu stehen, zu schreiben oder zu schauspielern?
Das Auf-der-Bühne-Stehen ist schön, das Schreiben ist eigentlich das Schönste. Das Drehen kommt bei mir nicht so oft vor und ist wieder etwas ganz anderes. Auch eine schöne Zeit, in der man sehr an eine Sache hingegeben ist. Man steht um sechs Uhr auf, arbeitet zehn, zwölf oder vierzehn Stunden über Wochen mit vielen anderen zusammen – das ist eine sehr intensive Zeit. Aber dauernd möcht ich’s nicht haben.

Es muss beeindruckend sein, wenn man mit einem Schauspieler wie Josef Bierbichler zusammen spielt …
Ja, man hat auf jeden Fall schreckliche Minderwertigkeitskomplexe. Aber Bierbichler ist da sehr freundlich und nimmt einem das gleich mal mit ein paar Witzen. Trotzdem musste ich mich am ersten Drehtag mal erst davon erholen, dass man jetzt mit Bierbichler spielt. Aber das war eh eine Szene, in der er der absolute Gewinner ist, dadurch habe ich das benutzen können. Grundsätzlich ist es aber schon so, dass man mit richtig guten Schauspielern viel leichter spielen kann. Die stellen so eine Atmosphäre her, dass man nichts mehr falsch machen kann.

Haben Sie nach dreißig Jahren Kabarett noch Lampenfieber?
Nicht in der Form, dass ich zittere vor Angst; aber so eine bestimmte Gespanntheit ist da. Und falls man die nicht hat, muss man auch versuchen, sie herbeizuführen, denn ohne sie liefert man ja nichts Gescheites ab: so eine Interesse, eine Unsicherheit, wie das heute werden wird, eine Form von offenen Kanälen, ob die Leute auch hinhören, in welchem Raum vor welchen Leute man spielt – das macht das eigene Programm auch immer anders. Wäre ja auch ganz schlimm, wenn man jeden Tag immer nur abliefert, egal wo man ist. Das wäre für mich selbst das Schlimmste, wenn ich keine Lust hätte. Man braucht ja auch diese Lust zu spielen, auch wenn es Spätherbst ist und man ist viele Kilometer gefahren ist und ein bisschen müde in der Garderobe herumhängt: Man muss bis acht Uhr irgendwie Lust kriegen, eine Art von Inspiriertheit erreichen.
Der Inhalt würde einen natürlich irgendwann langweilen, weil man ihn ja so gut kennt. Aber man ist ja so beschäftigt mit dem Verkörpern, man ist wie ein Schauspieler oder wie ein Instrument. Dann geht es nicht darum, dass man den Inhalt mitbekommt, sondern man versucht eigentlich, gut zu spielen, so wie man ein Musikstück gut spielt mit interessanten Tempi. Der Inhalt ist mir sehr nah beim Schreiben, aber wenn ich ihn spiele, sind mir die Gefühle, die ich brauche, um ihn zu spielen, näher als der Inhalt.
Es ist ja auch kein Programm, das rein über Wortvermittlung funktioniert. Da sind immer auch Emotionen. Das aktuelle Programm ist es schon fast dieses Stand-up-Format, aber auch da gibt es Stellen, an denen man gerührt sein sollte, man zornig sein sollte, man zynisch ist – wo man die Leute aber auch gleichzeitig wieder holt – man hat sehr viel zu tun im emotionalen Bereich, Gefühle darzustellen oder auch Gefühle im Publikum hervorzurufen. Der Inhalt selbst spielt da eher eine untergeordnete Rolle für mich.

Bei einem Auftritt vor vielen Jahren bei einer Grimme-Preis-Verleihung kam es zu regelrechten Tumulten im Publikum.
Das war ein schlimmer Auftritt. Das war auch nicht das Normalformat, das ich bediene. Das war in dieser Umgebung sehr provokant.

Eine Art Publikumsbeschimpfung.
Ja, ich war der intellektuelle Pausenclown, und ich hab das thematisiert. Das Publikum war gespalten, aber das würde ich nicht jeden Tag aushalten.

Im Programm gibt es einen Dialog mit einem scheinbar unengagierten Techniker. Im Pausengespräch hörte mein Kollege dann, wie sich Leute aus dem Publikum darüber unterhalten, dass das mit dem Techniker ja nun wirklich auch blöd gewesen sei – geht das Publikum nicht davon aus, dass auf der Bühne zunächst alles Absicht ist?
Ich glaube, es gibt kaum ein Publikum, das so leicht hinters Licht zu führen ist wie das Kabarettpublikum. Das ist viel einfacher als im Theater, wo die Leute mit allem rechnen. Im Kabarett rechnen sie eigentlich nicht so sehr mit szenischen Fakes. Man rechnet eher mit einer glatten Angelegenheit.
Das klassische Kabarettpublikum rechnet damit, dass der Kabarettist auf der Bühne weitestgehend Sachen sagt, die in Ordnung gehen, und geht davon aus, dass sich der Sinn nach wenigen Sätzen ergibt. Und wenn dann Dinge passieren, deren Sinn sich erst nach fünf oder zehn Minuten erschließt, dann hat Theaterpublikum damit überhaupt kein Problem. Auch Leute nicht, die einen Film von mir gesehen haben und deshalb ins Kabarettprogramm kommen. Nur das ganz klassische Kabarettpublikum hat manchmal damit zu tun, dass bei mir sich die Sinnzusammenhänge erst nach einiger Zeit erschließen. Aber das wird auch immer weniger, weil die Leute auch immer mehr wissen, was ich so mache. Am Anfang war das spannender. Aber auch mühsamer.

Und wenn man das Gefühl hat, das Publikum versteht einen nicht?
Also in so geballter Form wie bei dem Grimme-Preis: Das bring ich nicht. Es gibt ja Kabarettisten, die durch Widerstand stärker werden. Der junge Georg Schramm ist noch besser geworden, wenn er die Leute gegen sich hatte. Ich bin nicht so, ich vertrockne da, ich brauch eher eine gewisse Bereitschaft.
Und am Ende dieses Programms, als ich das eineinhalb Jahre gespielt hatte, da hatte ich dann den Deutschen Kleinkunstpreis bekommen, aber auch die Vorstufe eines Stimmbandknotens. Ich habe dann gedacht, ich muss eine andere Form finden und bin dann dazu übergegangen, nicht so stark zu provozieren, sondern zu irritieren, das Publikum auch in einer Bewegung zu halten, dass sie einerseits angezogen werden und dann wieder weggestoßen, dann wieder angezogen…. Das Programm damals bei der Grimme-Preis-Verleihung war ein reines Wegstoßen.

Gibt man nach all der Zeit überhaupt noch gern Interviews?
Na, was wir hier machen, ist ja eher so ein Gespräch, das könnten wir ohne Interview auch führen. Die unangenehmen Dinge passieren eigentlich immer, wenn man so kurz im Fernsehen irgendwas sagen muss. Das ist dann entweder stressig oder langweilig.

Gibt es Kabarettisten, die Sie selbst mögen?
Ja – ich mag sehr gern Georg Schramm, Rainald Grebe, Gerhard Polt. In meiner Jugend war ich sehr beeinflusst vom aktuellen politischen Kabarett, etwas, das ich jetzt gar nicht mehr mache, weil ich meine Form gefunden habe, die woanders hingeht. Da hab ich sehr die Schneider-Hildebrandt-Programme geschätzt.

Die Comedians schießen aus dem Boden – wird es dennoch immer Kabarettisten geben?
Naja, die Leute, die ich jetzt genannt habe, sind alle nicht so die klassischen Kabarettisten, oder klassische Comedians, sondern Leute, die irgendwo dazwischen sind. Georg Schramm steckt irgendwo zwischen Kabarett und Theater, Rainald Grebe steckt in einem Dreieck zwischen Comedy, Theater und Kabarett plus Musikkonzert, Polt ist Volkstheater im besten Sinn. Also die interessanten Leute lassen sich nicht so auf die Genres festnageln. Und grad hier in Köln muss man sagen, Comedy ist eine Form, aus England und Amerika, die auch sehr radikal sein kann und sehr gesellschaftskritisch.
Comedy ist nicht per se etwas Oberflächliches. Da hab ich schon das Gefühl, dass der Unterschied zwischen richtig guter Comedy und richtig gutem Kabarett nicht so groß ist wie der zwischen gutem und schlechtem Kabarett. Ich war immer von beidem inspiriert, auch von richtig guten Comedians. Das Programm, das ich heute spiele, ist auch nicht so ein theatralischer Abend wie das andere Programm, bei dem ich sieben verschiedene Figuren spiele. Das aktuelle geht ja auch eher in die Stand-up-Richtung: Ich mit einem Mikrofon auf der Bühne. Ich hab auch immer wieder geschaut, was so richtig gute Leute gemacht haben, wie Lenny Bruce, Bill Hicks, Woody Allen in den siebziger Jahren in Las Vegas. Da gibt es richtig tolle Sachen. Das ist Comedy und richtig gut. Auch in Deutschland.

Weitere Aufführungen: 28. und 29. September 2012 in der Comedia Theater

Text: Nora Koldehoff

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