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Kultur

„Die Todesumarmung entzaubern“

Freitag, 30. Juni 2017 | Text: Jaleh Ojan | Bild: TKO

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Tod und Eros faszinieren seit Menschengedenken. Wer die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek kennt, ahnt aber, dass das seit der Renaissance bekannte Motiv „Der Tod und das Mädchen“ in ihren Händen zu einem Stück bitterböser Gesellschaftskritik werden muss. Mit dem üblichen zugkräftigen Sex and Crime hat ihr fünfteiliges Theaterstück tatsächlich nicht das Geringste zu tun.
In „Der Tod und das Mädchen I – V“ rückt die Autorin die zum allgemeinen Kulturgut gewordenen Dramen realer und mythischer Prinzessinnen ins Rampenlicht: Schneewittchen und Dornröschen, Jackie Kennedy Onassis und Lady Di, Schuberts Rosamunde, Sylvia Plath und Ingeborg Bachmann. Mit scharfem Sarkasmus und Sprachwitz schreibt Jelinek diesen Frauen Rollen auf den Leib, die den Ausbruch aus dem patriarchalen Narrativ bedeuten. Ihre „Macht- und Mentalitätsgeschichte der Geschlechter“ ist vor allem auch eine Entlarvung des „male gaze“, also des Starrens, das die Frau zum reinen Betrachtungsobjekt heterosexueller Männer herabsetzt.

Elfriede Jelineks Text: eine Herausforderung

Zu textlastig, langweilig, untheatrealisch: all das wurde damals zwei Inszenierungen in Hamburg vorgeworfen; einer von ihnen wurde gar eine „dünne Bühnenwirkung“ attestiert. Ein tödlicheres Urteil für die Arbeit eines Regisseurs kann man sich nur schwer vorstellen. Mit den spärlichen, kaum umsetzbaren Regieanweisungen und den langen Monologen liegt auf der Hand, dass Jelineks Theatertext eine Herausforderung für jeden Regisseur und Dramaturgen darstellt.

Die Gefahr, dass die „Prinzessinnendramen“ unter der Regie von Nada Kokotovi? das gleiche Schicksal beschert ist, besteht aber schon deswegen nicht, weil die gebürtige Kroatin hier gewohnt kreativ und eigensinnig mit einem Stoff umgeht, der für sie Brisanz hat. Davon konnten wir uns in einer Theaterprobe vergewissern, die wir kurz vor der Gastspiel-Premiere im Theater der Keller besucht haben.

Schneewittchen: fesselnd und gefesselt

Der eingespielte Sound von Rennwagen, der auch die einzelnen Szenen voneinander abgrenzen wird, gibt schon zu Beginn das Tempo der Inszenierung vor. „Jetzt gehe ich durch die Krümmungen und Biegungen des Waldes schon seit Ewigkeiten, und was finde ich nicht? Zwerge!“, wiederholt Schneewittchen (Natalie Forester), zunehmend ungehalten. Die Frage, ob es diese männliche Kohorte wirklich braucht, erübrigt sich spätestens dann, wenn das Mädchen aus dem Märchen anzügliche Pfiffe von ihrem potenziellen Mörder (als Jäger: Nedjo Osman) erntet. Allerdings erst, nachdem sie sich das Kleid an den entscheidenden Stellen ausgestopft hat.  

 

Bibiana Jiménez „umgarnt“ Schneewittchen erst mit einem Seil, umtanzt sie dann verführerisch mit einem Apfel – nicht mit guten Absichten, wie sich herausstellen wird. Nur wenig später verkörpert die Tänzerin wiederum eine Figur, die offensichtlich Opfer männlicher Gewalt ist. Unter einem durchsichtigen „Ganzkörperschleier“ heftig zuckend, wird sie zum leibhaftigen Sinnbild einer Zwängen unterworfenen Braut, zu einem Geist, einem Schatten ihrer selbst.

Tod und Emanzipation

Kokotovi? findet viele starke Bilder für Jelineks Emanzipationsgeschichten, reduziert die ellenlangen Monologe des Stücks auf angenehm kurze Auszüge und lässt sich für ihre „tänzerische und musikalische Reflexion zeitaktueller Frauenidentitäten“ auch von den Biographien der „Prinzessinnen“ inspirieren. Jackie Kennedy (Forester), die vielfach vom Tode gezeichnete, schreit und tanzt auf der leeren Keller-Bühne zu Led Zeppelins „Black Dog“: der versuchte Ausbruch aus einem engen Korsett, in dem die Stil-Ikone bewundert, aber auch betatscht wird.

Der Tod ist im Leben aller Frauen allgegenwärtig. Romantisch wie in den Legenden, die sich um sie ranken, ist er aber ganz und gar nicht. Sylvia Plath (Jiménez) zeichnet ihre Konturen wie bei einem Tatort mit Kreide an der Wand nach, ihre Gefährtin Inge kann nur noch schluchzend ihren leblosen Körper aufheben. Rosamunde (Forester) scheint ein wenig mehr am Leben zu hängen. Sie ist nach eigenem Bekunden „lang fast nymphomanisch unterwegs gewesen“, jetzt aber „fundamentalfeministischer Single aus Überzeugung.“ Tänzer Phuong Tuong als ihr Ihr Alter Ego bewegt sich zu sanften Klavierklängen in schwarzem Abendkleid und Stilettos über die Bühne, das Unbehagen ins Gesicht geschrieben. Mittels Waterboarding will er/sie Rosamundes Weiblichkeit abtöten – bloß trägt diese Art des Mundtotmachens hier keine Früchte.

Die Frauenbewegung geht weiter

Wird die Frau unter dem „Brautschleier“ zur Madonnenfigur, dann ist klar, dass es im weiblichen Rollenrepertoire noch immer nicht viel mehr als „Hure“ und „Heilige“ gibt. „Das Thema Mann/Frau ist nicht erledigt mit ‘68“, sagt Kokotovi?. Künstlerisch begabte Frauen werden häufig von Männern kleingehalten, in Jelineks Stück stehen dafür exemplarisch Sylvia Plath und Ingeborg Bachmann. „Schauen Sie sich Picasso und seine Frau an,“ erzählt die Regisseurin weiter, „oder Frida Kahlo und Diego Rivera.“

Wenn jede Umarmung immer auch Todesumarmung sein, jeder Kuss zum Erstickungstod führen kann, ist klar: Hier geht es nicht um Romantik, sondern um die Vergewaltigung der Frau. Die muss „nicht immer physisch, sie kann auch seelisch sein“, sagt Kokotovi?. Nur in der Szene mit Dornröschen sei das anders. Die Märchenprinzessin im hinten offenen knallroten Abendkleid ist „diejenige, die Gott besiegt hat“. So eine darf sich natürlich auch herausnehmen, ihren Prinzen gegenüber harte Töne anzuschlagen.

Nach dem anderthalbstündigen Durchlauf ohne Pause wirken die Tänzer und Schauspieler zufrieden – und erschöpft. Wunder nimmt das nicht, verlangt die Inszenierung von ihnen sowohl körperlich als auch emotional einiges ab. Ob in der Produktion des Theaters TKO letztlich der Tod das Mädchen in der Hand hat oder andersherum – das wird an dieser Stelle nicht verraten. Das kann und sollte man heute Abend im Theater der Keller selbst herausfinden. Auch auf die Bühnengestaltung mit großflächigen Fotoprojektionen darf man gespannt sein. Von „dünner Bühnenwirkung“ ist in dieser Inszenierung jedenfalls keine Spur.
 

 

„Prinzessinnendramen“ in Theater der Keller, Kleingedankstraße 6, 50677 Köln
von Elfriede Jelinek
Gastspiel des Theaters TKO
Premiere Fr, 30. Juni 2017
Weitere Vorstellungen: Di, 04.07.17 um 20 Uhr und Do, 06.07.17 um 20 Uhr

Text: Jaleh Ojan

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