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Gesellschaft Politik

Ein Fünkchen Hoffnung, ein Körnchen Heimat

Montag, 20. Mai 2013 | Text: Christoph Hardt | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

NeuLand-Gärtnern mit Flüchtlingen: auch Vertriebene dürfen hier Wurzeln schlagen
Sein genaues Alter weiß er nicht, sein Name tut nichts zur Sache. Als der junge Mann – nennen wir ihn Javid – einen Scheit in die Glut nachgibt, wirbeln Funken und Aschepartikel in alle Richtungen auf. Glimmend suchen sie sich ihren Weg ohne Wiederkehr, um dann lautlos zwischen die Beete im NeuLand-Garten zu sinken. Für einen Moment scheint es so, als erzählten die Funken seine Lebensgeschichte: Denn die Welt, die Javid hinter sich gelassen hat – sie brennt. In ihr lodern Folter, Schießereien, Bombenterror.

Aus religiösen Gründen floh der gebürtige Afghane als Kind in den Iran. Schlug sich als Schuhputzer durch, so weit die Füße ihn trugen. Dass er heute im mobilen Gemeinschaftsgarten zwischen Südstadt und Bayenthal Hähnchenschenkeln beim Brutzeln zusieht, grenzt an ein Wunder. Allein sein Bauchgefühl bewahrte ihn davor, ein Schleuser-Schiff im türkischen Grenzland zu besteigen, das später völlig überladen vor der italienischen Küste sank. Irgendwie verschlug es ihn nach Deutschland. In Mülheim wohnte er zwei Jahre neben Alkoholikern. Jetzt hat man ihn in ein Flüchtlingswohnheim am Hansaring gesteckt. Er ist schon so lange unterwegs, dass er kaum noch weiß, wie es ist, Wurzeln zu schlagen. Das könnte sich nun ändern.

 

Zukunftsträume und Tatendrang – Aus Sand entstehen Straßen, Hütten, Burgen.

 

Im Rahmen des Sommerblut-Festivals 2013, das in diesem Jahr das Thema „Flucht“ aufgreift, lädt der Kölner NeuLand e.V. Flüchtlinge aus Wohnheimen der Stadt Köln dazu ein, im Gemeinschaftsbürgergarten auf der Brache der ehemaligen Dom-Brauerei mitzugärtnern und zu Wort zu kommen. Ein Garten also, in dem sich Getrennte wiederfinden können. Und die Enge der Heimquartiere für ein paar Stunden mit dem Gefühl frischer Erde an den Fingern und dem Summen der Bienen getauscht wird.

„Das Event soll nur Anstoß sein, Kick-Off-Veranstaltung“, verrät Judith Levold vom Projekt Kölner NeuLand e.V. Angestrebt sei eine dauerhafte Motivation von Flüchtlingen, selbst Beete im Garten zu hegen. Die Mitgründerin des Gartenprojekts zur Zwischennutzung der Brache kennt die Enge von Wohnheimen aus eigener Besichtigung, war nach einem erneuten Besuch dort kürzlich ziemlich ernüchtert und niedergeschlagen. „Man denkt sich, in einer solch furchtbaren Umgebung können Menschen nur depressiv oder kriminell werden“, so Levold. Von deutschen Gesetzen dazu verdammt, den ganzen Tag herumzulungern, weder Arbeit aufnehmen noch sich vom Wohnort entfernen zu dürfen, seien die Chancen der Flüchtlinge oft miserabel, so etwas wie soziale Kontakte zu den Kölnern zu knüpfen.

 

Rauchzeichen: Am Nachmittag gibt es Grillfleisch – natürlich ohne Schwein.

In der Südstadt gibt es allein vier solcher Einrichtungen. Hier bleiben die meisten Flüchtlings-Schicksale unsichtbar und weit unter dem Wahrnehmungs-Radar der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Wie die Geschichte von Abiona* aus dem Nord-Irak, die am Lagerfeuer ihr Neugeborenes im Arm hält. Oder Njeri aus Somalia, die mit Kopftuch und schwarzem Gewand in erhabenen Schritten über die rote Asche schwebt, weil ihre Tochter den großen Sandhügel entdeckt hat. In gebrochenem Englisch erzählt sie von den Problemen in ihrer Heimat, von den Unruhen in Mogadischu, und dass dies einfach kein Ort sei, ihre beiden Kinder aufwachsen zu sehen. Noch im April erschütterten schwere Bombenanschläge die somalische Hauptstadt – 34 Menschen starben.

Während Njeris Sohn johlend mit Kindern aus Syrien auf der Hollywood-Schaukel Schwung holt, formt ihre Tochter kleine Häuser, Straßen, Hügel aus Sand, dem Stoff, aus dem in diesem Moment ihre Träume sind. Gleich neben die irakische Burg und die syrischen Hütten. Njeris Familie ist noch in Somalia. Ab und zu ein Telefonat, mehr Kontakt ist nicht möglich. Mit der deutschen Bürokratie hat sie auch schon ihre Erfahrungen gemacht: Immer wieder vertröstet man sie auf eine Wohnung. Bis dahin muss sie jeden Abend mit den beiden Kindern ins Heim zurückkehren. Residenzpflicht. Laut sei es da, und viele Menschen würden in den Zimmern rauchen. Eine belastende Situation, doch sie erzählt es mit einem Lächeln. Es sind stolze Menschen, diese Flüchtlinge, Menschen mit Schneid. Menschen, die Europa gut tun. Sie braucht kein Mitleid, sie braucht eine Wohnung für sich und die Kinder. „Africa: Too many problems“, sagt sie entschlossen. Ihre ganze Zukunft plant sie hier.

 

Drei-Länder-Gipfel am Gartenbeet – Syrische, irakische und deutsche Frauen Pflanzen Feuerbohnen und Mais.

Über ein Blumenbeet hinweg unterhalten sich Mütter aus Syrien und dem Irak, als würden sie schon ewig hier einkehren. Sabah musste als Jesidin mit ihrer Familie aus dem irakischen Norden fliehen. Die Glaubensgemeinschaft wird dort unterdrückt, für ihre Verehrung des Pfauen-Engels Melek Taus als „Teufelsanbeter“ gebrandmarkt. Larissa hingegen flüchtete mit ihren drei Kindern vor dem syrischen Bürgerkrieg. Wie inzwischen laut UN-Flüchtlingshilfswerk über 1,2 Millionen Menschen, die nun etwa im Libanon, der Türkei oder Jordanien aufschlagen. Sie spricht kein Wort Deutsch. Gemeinsam pflanzen sie Feuerbohnen neben Mais-Saatgut, damit die Bohnen sich später an den Maisstengeln empor ranken können. Es ist der Blick nach vorn, der auf der Verständigungsebene des Gemüsebeetes zählt. Denn wenn eins gleich bleibt, in dieser globalisierten Welt, dann, dass aus Wasser, Erde, Liebe und Sonnenlicht etwas Gutes wachsen kann.

Und wie ihre Hände so für eine Weile Beschäftigung haben, die innere Rastlosigkeit für sie vom Kopf in die Arme ausgelagert ist, da blühen die Frauen auf. Gelacht wird, über den Mann mit der Nike-Kappe, dem gerade die Fleischspieße in die Glut gerasselt sind, und der mit einem verschmitzten Achselzucken eine Entschuldigung auf Arabisch säuselt. Der Garten wird zum Dorfbrunnen. Zu einem fruchtbaren Boden für Multikulti statt Monokultur.

Vielleicht würden sich die Flüchtlinge alleine nicht trauen, zum NeuLand-Garten zu fahren. „Aber wir kommen wieder“, verspricht Mark Götten. Der Sozialarbeiter betreut Bewohner in den Heimen am Hansaring und in der Vorgebirgsstraße. Weiß, wie rigide die Stadt nach Ethnien trennt. Naher Osten in ein Haus, Balkan in das andere. Wie Familien über Jahre hinweg in der Unsicherheit leben müssen, ob sie am nächsten Morgen abreisen müssen. Kennt Fälle, in denen die Kinder selbst nach einem Jahr noch nicht zur Schule angemeldet wurden, die Leute mental ständig auf gepackten Koffern sitzen. Mitten in Köln, ohne etwas von der viel gepriesenen Weltoffenheit der Kölner zu merken.

Mit Bedauern beobachtet er, wie Flüchtlingen ohne den begehrten blauen Flüchtlingspass der Zugang zum Arbeitsmarkt versperrt wird. „Viele der Menschen haben einen hohen Bildungsstand, sprechen gutes Englisch.“ Auch hätten viele Berufsabschlüsse, die man ihnen nicht anerkenne, weil die entsprechenden Dokumente in der Heimat zurückgelassen wurden. „Sie wollen etwas tun, und sie dürfen nicht“, schüttelt er den Kopf. „An solchen Situationen können Menschen auch kaputt gehen.“ Erst nach vier Jahren könne die Ausländerbehörde ohne Einmischung der Arge Arbeitsverhältnisse genehmigen.

Mittlerweile glaubt Götten, es könne sein, dass der Staat Flüchtlinge mit Kalkül selbst nach Jahren noch in verwahrlosten Wohnheimen einquartiere, auch wenn die Unterbringung in Privatwohnungen – ohne Hausmeister und Sicherheitsdienst – womöglich günstiger sei. Denn halte man die Menschen in absolut schlechten Lebenssituationen, mit zu vielen Personen auf jedem Zimmer, Etagenduschen und Gemeinschaftsküchen, Kasernenbetten und Plastikböden, ermuntereten diese wohl kaum Verwandte in der Heimat zum Aufbruch in unser Land, in dem nach Vorstellung vieler, Milch und Honig fließen.

Und zu all dem Übel werden die Flüchtlinge dann noch durch zusätzlichen Stress in Atem gehalten. Etwa wenn die Polizei an der Vorgebirgsstraße zur Razzia vorfährt und das gesamte Heim umkrempelt. Oder die rechts gerichtete Partei „Pro NRW“ – wie im März geschehen – mit Lautsprecherdurchsagen provoziert.

„Es ist ein Skandal, wie diese Menschen immer noch isoliert werden“, resümiert Dorothea Hohengarten, ebenfalls Mitgründerin und Vorstandsvorsitzende des Kölner NeuLand e.V. Jeden Mittwoch betreut sie eine Gruppe junger Sinti und Roma auf NeuLand. Wo sprachliche Barrieren den Kindern Kontakt zu Deutschen im Alltag erschwerten, könne man sich im Garten ganz leicht durch körperliche Betätigung und Zeichensprache verständigen.

 

Generation im Schwebezustand – Die Kinder sprechen oft besser Deutsch als die Eltern.

 

Für sie ist der Garten ein Reservoir der gelebten Multipolar-Kultur – eine „Feld“-Studie, die einem immer wieder auf wundersame Weise vor Augen führe, dass die Welt auch nur ein Dorf sei: „Etwa wenn ich mit einer Frau aus kurdischem Gebiet Kürbisse, Mais und Bohnen nach Art der lateinamerikanischen Milpa anbaue“, lacht Hohengarten. „Das ist dann Globalisierung am ganz einfachen Beispiel.“ Böten die spartanischen Heime wenig Grün, sei der Garten der ideale Ort, Bedürfnisse nach Kultur in Form von Gartenkultur auszuleben, ein „Stück Heimat“ anzubauen.

Rolf Emmerich, Leiter des Sommerblut-Festivals, sieht in NeuLand aber auch einen Landgewinn für die Kölner. Einen Ort der Heilung für vor lauter Betonbauten betrübte Großstädter. Eine Zuflucht für Entschleunigung, um die das Räderwerk der urbanen Zwänge tobt. „Wir als Großstädter neigen dazu, uns vom Grün zu entfernen“, so Emmerich, „deswegen ist es wichtig, dass dieses Grün mitten in die Seele der Südstadt gepflanzt wurde.“

Doch gänzlich zur Ruhe ist diese Seele noch nicht gekommen: Der Garten in der Industrie-Brache ist mobil. Die Pflanzen wurzeln nicht im Boden, sie wachsen aus Kübeln, Säcken, beweglichen Kästen. Wo heute Flüchtlinge Halt suchen, wird der Garten selbst irgendwann wegziehen müssen. Ein Zauberland auf Zeit, wo alle nochmal bei Null anfangen – das Vertriebene zu Ankömmlingen macht, und Fremde zu Freunden.

 

* Anm.: Alle Namen v. d. Redaktion geändert

Text: Christoph Hardt

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