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Gesellschaft

Ein „gutes Zeichen für Wachheit“…

Freitag, 30. Oktober 2015 | Text: Judith Levold | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

…nennt Verleger Helge Malchow in seinem „Expuls“-Referat am Nachmittag das Treffen von etwa 100 Kölner KünstlerInnen und gesellschaftspolitischen Aktivisten in der Karl-Rahner Akademie. Und die ist gefragt angesichts von Pegida, wachsenden AfD-Umfragewerten, von Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte und einem Rassismus, der es sich, wie Judith Gövert vom Bündnis „Köln stellt sich quer“ am vergangenen Sonntag sagte „in der Mitte der Gesellschaft gemütlich gemacht hat“.

Arschhuh e.V., Mitglied bei „Köln stellt sich Quer“, hatte eingeladen zu Diskussionen über die Rolle von Künstlern in der (Stadt-) Gesellschaft: Provokateure oder Dekorateure? lautete die Grundfrage. Mit dabei als Moderatoren aus der Südstadt waren Martin Stankowski und Arno Steffen, auf dem Podium und im Publikum die üblichen Verdächtigen: Frank Schätzing, Basti Campmann von Kasalla, Regisseur Kaspar Heidelbach, Stephan Brings, Jürgen Becker oder Biggi Wanninger für die Stunksitzung. Ein bisschen selbstreferentiell, das Ganze, aber nach 23 Jahren Arschhuh wollten die Beteiligten wohl zugleich Bilanz ziehen und nach vorne schauen, sich hinterfragen und Positionen schärfen. Eine Standortbestimmung vornehmen eben, innerhalb der gesellschaftlichen Debatte um Flüchtlingspolitik, Zuwanderung, soziale Gerechtigkeit und vor allem: zunehmenden rassistisch motivierte Straftaten.

 

Provokateure oder Dekorateure? / Foto: Simin Kianmehr

Hermann Rheindorf, Vorstandssprecher der seit 1992, inzwischen als Verein agierenden Künstler-Initiative Arschhuh, begrüßte die illustre Runde und betonte den Anspruch von Arschhuh, zivilgesellschaftliches Engagement zu stärken. Und dass der Verein zu den wenigen gehöre, die bereit und in der Lage seien, Kampagnen aufzulegen und Leute zu mobilisieren. Prüfstein müsse immer die Frage sein, ob man die Menschen erreiche.

Und hier schieden sich die Geister ein wenig. Kabarettist Jürgen Becker zitierte aus seiner eigenen Rede anlässlich des aus dem Ruder gelaufenen HoGeSa-Aufmarsches von 2014: „Kölschtümelei hat eine offene Flanke zum rechten Rand“. Er richtete sich auf dem Podium damit direkt an Basti Campmann und Stephan Brings, denen er stellvertretend für alle Kölsch-Bands zu bedenken gab, dass Textzeilen mit ständiger Lobhudelei des „Kölschen“ und des kölschen Heimatgefühls von Menschen mit rechtem Gedankengut eben für ihre Botschaften interpretiert werden könnten. In Köln gebe es nämlich genau so viele rassistische Menschen wie anderswo, nur fehle es an Mut, das zuzugeben, stattdessen werde das von typisch kölschen Liedzeilen zugekleistert. Aber Kölle sei eben nicht bloß „e Jeföhl“.

 

Nils Plum, Bastian Campmann und Florian Peil von Kasalla (v.R.L.).

Basti Campmann reagierte offensiv: „Ja, ok, das kannst Du so sagen, Du bist der Stachel im Arsch der Selbstzufriedenheit und der Stachel muss auch spitz sein. Aber die kritischen Elemente kommen auch in unseren Texten vor und wir verherrlichen nicht nur Köln! Wir spielen zum Beispiel Fleisch und Bloot auf jedem Schützenfest“. Auch Stephan Brings war Beckers Spitze „zu pauschal.“ Man dürfe das nicht so auf Party und Karneval reduzieren, wo natürlich immer genau jene Songs gespielt würden, die die Gemeinschaftsduseligkeit und das Kölsche betonten. „Das ist ja auch ok zum Partymachen. Aber wir spielen immer, das ganze Jahr. Viele Konzerte und mit vielen verschiedenen Liedern und Texten. Und wir kommen an die Leute ran, die wir mit Arschhuh-Aktionen und Kongressen wie diesem hier und mit Kabarett nicht erreichen.“
Deutlich wurde in diesem Gespräch die Rolle Beckers, nämlich eindeutig die des Provokateurs, was im Kabarett quasi Definitionssache ist.

Sich da nicht festlegen, wollte hingegen Wolfgang Niedecken: „Ich hatte immer schon den Drang, mich nicht in eine Schublade stecken zu lassen, wir müssen vor allem dafür sorgen, dass wir gute Kunst machen!“ sagte er im Gespräch mit Frank Schätzing, Biggi Wanninger und Thomas Laue vom Kölner Schauspiel. Und diese Kunst handele immer von Gefühlen, könne nicht auf Bestellung entstehen „Es gibt ihn nicht, den einen schmissigen Song, der die Welt rettet!“ Auch schon bei der Idee zu den Textzeilen der Arschhuh-Hymne von 1992 sei das auf ein eigenes -nicht planbares- Erlebnis zurückzuführen gewesen. Nämlich darauf, dass er morgens beim Bäcker einen anderen Kunden etwas schlimm Rassistisches habe sagen hören und „den Arsch nicht hochgekriegt habe, die Zähne auseinander zu machen und was zu entgegnen!“.
Aus Höhner-Musiker Janus Fröhlich sprach die Verzweiflung über die tägliche Nachrichtenlage, er sei gekommen, um im Gedankenaustausch mit den anderen -alten Gefährten aber auch Gästen wie Politikwissenschaftler Claus Leggewie oder Maria Springenberg-Eich von der Landeszentrale für politische Bildung- wieder mehr Provokateur zu werden statt Dekorateur. Was Frank Schätzing ergänzte mit „Ich sehe den Künstler weder nur als Dekorateur noch als Provokateur, sondern als Konstrukteur: das, was in Dir steckt, rauslassen – so entsteht Kunst, die auch was verändern kann.“

 

„Man muss das auf allen Ebenen machen.“ meint dazu Biggi Wanninger.

Grundsätzlich können Künstler neben privatem, bürgerlichem Engagement ja entweder die gesellschaftlichen Phänomene selbst zum Gegenstand ihrer Kunst machen oder ihre Popularität nutzen, um bei Benefiz-Aktionen oder Kundgebungen Botschaften wie Antirassimus zu unterstützen. „Man muss das auf allen Ebenen machen.“ meint dazu Biggi Wanninger „bei der Stunksitzung kommen wirklich auch alle drei Aspekte zusammen, denn es ist einfach wichtig, sich klar zu positionieren“.
Und Basti Campmann und Florian Peil von Kasalla beschreiben es einfach als „Jeder bringt sich mit dem ein, was er kann. Das Wichtigste,  was man hat, muss man in die Waagschale werfen. Und wir können eben Musik machen.“ Aber, so fügen sie beim Mittagessen hinzu „Wir diskutieren das gerade untereinander: was können wir noch machen, außer das Pfund unserer medialen Präsenz zu nutzen? Wir könnten auch direkt, praktisch was tun, in einem Flüchtlingsheim oder so.“

In den gut 20 Jahren seit Gründung von Arschuh anlässlich von Mölln und Solingen -der Ereignisse rund um Attacken gegen Asylbewerber und Migranten generell- hat sich vieles verändert, nichts aber an der Bedrohung von rechts. Das war am Ende Konsens unter den Teilnehmern der Tagung „Künstler im gesellschaftlichen Prozess: Provokateure oder Dekorateure?“ Dass sich Arschhuh e.V. aber weiter entwickeln muss, ebenfalls. Mit dem Zugang neuer, auch jüngerer Künstler wie Kasalla oder Carolin Kebekus, dem Beitritt zu breiten Bündnissen und der Mit-Gestaltung von BIRLIKTE, dem Kulturfest rund um die Mülheimer Keupstraße, gehe das aber schon in die richtige Richtung, so Hermann Rheindorf, Vorstandsmitglied von Arschhuh. Getreu dem Motto des 2013 verstorbenen Gründungsmitglieds Karl-Heinz Pütz: „Mir müsse jet maache!“
 

Text: Judith Levold

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