×
In eigener Sache

Dir gefällt unsere Arbeit?

meinesuedstadt.de finanziert sich durch Partnerprofile und Werbung. Beide Einnahmequellen sind in den letzten Monaten stark zurückgegangen.
Solltest Du unsere unabhängige Berichterstattung schätzen, kannst Du uns mit einer kleinen Spende unterstützen.

Paypal - danke@meinesuedstadt.de

Aufgeschnappt: Hoher Besuch im Vringstreff – das Dreigestirn kütt +++ Auch 2022 heißt es wieder „eins zum anderen“ +++ Gotland für Gotland e.V. in Direktvergabe +++ Neueröffnung: Aus Kabul wird S-Bar +++ Neueröffnung: Café SchnickSchnack +++

Gesellschaft

Ein krasser Kapitalist in der Kommune: Adeus, Ernesto!

Dienstag, 25. Januar 2011 | Text: Doro Hohengarten | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Ernesto Solis, Autorenfilmer und Comiczeichner aus Rio de Janeiro, hat neun Monate in der Südstadt gelebt. Bestimmt hat der eine oder andere den Mann mit den wachen braunen Augen schonmal durch die Straßen streifen sehen – leise, zurückhaltend, beobachtend. Er hat kein einziges Wort Deutsch gelernt in seiner Zeit hier, und doch hat er kräftig mitgemischt im kulturellen Leben unseres Stadtteils: Als Gründungsmitglied von Meine Südstadt hat er das erste Dreivierteljahr dieses Portals wild und witzig mitgestaltet. Mit seiner mehrteiligen Fotonovela nahm er das typisch Deutsche hier aufs Korn, mit den ersten MicroDocs portraitierte er liebevoll besondere Südstädter, und überall im Veedel sah man im Dezember das von ihm gestaltet Plakat hängen, das für unseren Adventskalender warb. Am Freitag reist Ernesto, 42, nun wieder zurück nach Brasilien – reicher an Erfahrungen?, will ich von ihm wissen, während der Januar-Regen gegen das Fenster trommelt…

Ernesto – wie wird Rio de Janeiro für dich sein, nach einem Dreivierteljahr Köln?

Groß, enorm groß. Für mich hat Köln die perfekte Größe. Die Stadt fühlt sich nicht klein an, sondern modern, kosmopolitisch. Ich kann alles mit dem Fahrrad erledigen – das wird mir in Rio echt fehlen. Jeder Einkauf kann sich dort in eine Reise verwandeln. Vielleicht werde ich mich schlecht damit fühlen.

Bei unserem ersten Interview hast du von der Sicherheit geschwärmt, in der man hierzulande lebt. Sicherheit kann natürlich auch Langeweile bedeuten…

An die Sicherheit hab ich mich ganz schön gewöhnt – hoffentlich werde ich zuhause nicht plötzlich unvorsichtig. Aber langweilig: nein. Köln gefällt mir immer noch, schließlich habe ich es besser kennengelernt in den letzten Monaten. Am besten gefällt mir Ehrenfeld. Es ist ein bisschen weniger aufgeräumt als die Südstadt, trashiger, hat den Charme einer alten Industriestadt. Ich kann mich damit gut identifizieren, es entspricht irgendwie meiner eigenen Situation: verfallen, verlassen. Ganz anders ist die Südstadt: Sie ist bürgerlicher, schicker. Hier wird gewohnt.

Was meinst du – wie wird die Südstadt in zehn Jahren aussehen?

Es sieht so aus, als würde sie teurer werden. Sie wird weiter modernisiert, weil sie Geld hat. Das sieht man einfach: Die Südstadt ist aufgeräumter, die Leute sind besser angezogen als anderswo, in den äußeren Stadtteilen. Es ist sauberer, es gibt weniger Graffitis. Aber ansonsten glaube ich nicht, dass sie sich groß ändern wird.

Hat sich Deutschland sehr verändert in diesem Jahr?

Nicht dass ich wüsste. Für mich ist Deutschland eine Abstraktion. Ich kenne weder die Nachrichten von hier noch Politiker. Ich habe nur eine ausschnittsweise Wahrnehmung des Landes oder besser: der Stadt.

Was war in deiner Zeit hier die wichtigste Erfahrung für dich?

Das enge Zusammenleben mit meiner Familie, das hatte ich so seit meiner Kindheit nicht mehr. Es war extrem – im schönen und im schlechten Sinne. Toll war auch, Menschen getroffen zu haben, die mir den Geschmack der Stadt vermittelt haben. Zum Beispiel Elena und Maria, die beiden Tänzerinnen aus Finnland und Italien, mit denen ich kleine Filme gemacht habe. Der Kontakt mit diesen jungen Tanzstudentinnen war der Gegenpunkt zu meiner Einsamkeit hier.

Deine Einsamkeit lag sicherlich auch daran, dass du kein Deutsch sprichst...

Ja, das ist ein wichtiger Aspekt. Mit erscheint die deutsche Sprache sehr unzugänglich – man kann sie nicht einfach auf der Straße lernen, man muss sie an einer Schule oder Uni studieren. Das schien mir nicht so wichtig, ich wollte lieber draußen herumspazieren und Erfahrungen sammeln. Was ich bislang nicht wusste: Ich kann auch Englisch sprechen. Ich spreche wirklich so gut wie kein Wort Englisch, trotzdem hat die Kommunikation geklappt.

Welche Menschen werden dir in Erinnerung bleiben?

Ich habe eine brasilianische Freundin, die in einer anarchistischen Kommune lebt. Ich könnte dort nicht leben, ich war aber oft dort. Diese Kommune ist für mich etwas sehr Europäisches, wie ein Überbleibsel von Karl Marx, die letzten Reste eines Restes eines Rests. Es ist eine Kombination aus nostalgischen Elementen, bis hin zu den Zirkusbauwagen, die dort im Hof stehen – mit Menschen aus der Jetzt-Zeit. Die Idee gefiel mir, denn auch ich wollte früher mal eine Kommune gründen. Meine Freundin gefiel mir auch. Die andern Kommunen-Typen aber keineswegs…

Warum nicht?

Sie haben mich nicht mal gegrüßt, wenn sie mich sahen. Sie waren ziemlich verbitterte Kerle, ich glaube für sie war ich einfach ein krasser Kapitalist. Ich wollte nicht Teil des Clubs sein, das haben sie persönlich genommen.

Du bist selbst Filmemacher, zum Winteranfang hast du hier das Drehbuch für deinen Science-Fiction-Film fertiggestellt, der im übernächsten Jahr voraussichtlich produziert wird. Wie politisch bist du als Künstler?

Ich finde, Künstler müssen zutiefst kritisch sein – nicht unbedingt politisch, aber in bezug auf die Gesellschaft. In Brasilien unterstützt die Politik derzeit allerdings nur die Künstler, die auf einer Linie mit der Regierung sind. Das finde ich fatal. Nicht nur von ihr, auch von anderen wird immer wieder diese Forderung an die Künstler getragen: Die Kunst muss einen praktischen Nutzen für die Gesellschaft haben.  Der Künstler wird einfach instrumentalisiert – dabei sollte er nach meiner Anschauung eine eigenständige, persönliche Sicht finden. Der praktische Nutzen für die Gesellschaft darf nicht im Vordergrund stehen. Beispiel Ökologie. Muss ein Künstler, weil es gerade Mode ist, seine Arbeit auf ökologische Themen ausrichten? Er kann es, aber er muss es nicht. Wer es aber muss, ist die Regierung: Sie hat die Aufgabe, den Leuten bestimmte Sachen bewusst zu machen.

Wenn du wieder kommst – kommt du dann nach Köln?

Ich denke, das nächste Mal wird es Berlin sein. Ich finde, das bietet ein spannendes  Ambiente, um meine germanischen Erfahrungen zu radikalisieren: Ich wäre bedeutend einsamer und verlorener als hier bei meiner Familie.

 

 

Die Fotonovelas von Ernesto Solis auf Meine Südstadt:
Teil 1/ Teil 2 / Teil 3/ Teil 4/ Teil 5/ Teil 6/ Teil 7/Teil 8

Das Begrüßungsinterview mit Ernesto Solis

Text: Doro Hohengarten

In eigener Sache

Dir gefällt unsere Arbeit?

meinesuedstadt.de finanziert sich durch Partnerprofile und Werbung. Beide Einnahmequellen sind in den letzten Monaten stark zurückgegangen.

Solltest Du unsere unabhängige Berichterstattung schätzen, kannst Du uns mit einer kleinen Spende unterstützen.

Paypal - danke@meinesuedstadt.de

Artikel kommentieren

Ich habe die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen. Ich stimme zu, dass meine Angaben und Daten zur Beantwortung meiner Anfrage elektronisch erhoben und gespeichert werden. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit für die Zukunft per E-Mail an kontaktnoSpam@meinesuedstadt.de widerrufen.

Meine Südstadt Partner

Alle Partner

Meine Südstadt Service


Parkstadt Süd

Parkstadt Süd – Info-Homepage der Stadt ist online

Eifelwall wird für Autoverkehr gesperrt

Parkstadt Süd: Stadtteilbüro öffnet

Aufgeschnappt

Hoher Besuch im Vringstreff – das Dreigestirn kütt

Auch 2022 heißt es wieder „eins zum anderen“

Gotland für Gotland e.V. in Direktvergabe

Die Südstadt auf Instagram.