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Gesellschaft

„Ein Mensch, der glücklich ist, wird kein Fanatiker“

Donnerstag, 3. November 2016 | Text: Stefan Rahmann | Bild: Stefan Rahmann

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Dass dieser Mann vor rund zehn Jahren das Denken nahezu komplett aufgegeben hatte, kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Dominic Musa Schmitz sitzt auf dem Podium in der Lutherkirche und berichtet mit klug abgewogenen Worten aus der Dunkelzeit seines Lebens – Schmitz war Salafist.

Salafisten wollen belohnt werden

„Aber Du bist doch wohl keiner von denen, die sich in die Luft sprengen“, ist der einzige Kommentar, der seiner Mutter einfällt, als Dominic ihr von seiner Konversion zum Islam erzählt. Irgendwie typisch. Die Eltern, der Vater bei der Kriminalpolizei, die Mutter Apothekenhelferin, haben sich getrennt, als Dominic fünf war. Der Junge macht schon in jungen Jahren, was er will. Mit 13 raucht er den ersten Joint. Den Realschulabschluss schafft er mit links trotz 200 Fehlstunden im Abschlussjahr. Aber kiffen, Hiphop hören und mit der Clique abhängen – das reicht ihm irgendwann nicht mehr. Irgendwas fehlt. Und dann kommt sein Kumpel Raschid von einem Marokko-Urlaub zurück und betet fünfmal am Tag. Raschid erzählt begeistert von seinem neuen, tiefgläubigen Leben und Dominic fängt an, sich für den Islam zu interessieren.

Immer öfter geht er in die Moschee. Heute sagt er: „Ein Mensch, der glücklich ist, wird kein Fanatiker.“ Er war unglücklich. Suchte Antworten, die ihm der christliche Glauben nicht lieferte. „Ich bin getauft worden und auch zur ersten Kommunion gegangen. Aber ich konnte mit den Geschichten aus der Bibel nichts anfangen. Moses teilt das Meer und so. Das waren für mich Märchen.“

 

In der Moschee war alles anders. „Die Brüder haben alle Fragen ganz einfach beantwortet. ,Was passiert nach dem Tod?‘ ,Du wirst gerichtet danach, wie Du gelebt hast: Paradies oder Hölle.‘ Dagegen erschien mir das Christentum sehr schwammig.“ Vor allem Raschid begann, Dominic zum Übertritt zum Islam zu überreden. „Wenn ein Muslim einen anderen von zum Konvertieren bringt, werden alle guten Taten des neuen Gläubigen demjenigen auf dem Konto bei Allah gutgeschrieben, der überzeugt hat“, berichtet Dominic in der Lutherkirche. „Ein Salafist tut etwas, um selbst belohnt zu werden“, lautet sein Fazit mit einigen Jahren Abstand.

Im krassen Gegensatz zum Mainstream

Damals sah er das anders. Am 19. April 2005 tritt Dominic Musa Schmitz in Mönchengladbach zum Islam über. In Rom wird am gleichen Tag Joseph Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt. Der Übertritt zum Islam ist eine Sache zwischen dem Betroffenen und Allah. Es gibt keine offizielle Zeremonie. Der Jung-Salafist Dominic handelt sofort und konsequent: Der Fernseher wandert in den Keller, die Hiphop-CD-Sammlung in den Müll. Mit dem Kiffen hört er auf – „Zumindest eine Zeit lang“.

 

Salafismus ist nach Dominics heutiger Interpretation auch Jugendkultur. „Er steht im krassen Gegensatz zum Mainstream.“ In den vergangenen Monaten war er häufig mit einem Ex-Nazi in Schulen unterwegs, um über Extremismus aufzuklären. Mit dem ist sich Dominic einig, dass der „normale, vernünftige Weg für viele Jugendliche langweilig ist“. Der Nazi erzähle oft, dass er vor Jahren die Wahl gehabt habe, Workshops in einem Jugendzentrum zu besuchen oder mit „Kameraden“ nach Belgien zu fahren und dort mit Sturmgewehren zu schießen: „Da fiel dem die Wahl nicht schwer.“

Immer Angst, etwas Falsches zu tun

Dominic verändert sich nach dem Konvertieren auch äußerlich. Weißer Kaftan und weite Pluderhose sind ab sofort sein Markenzeichen. Beschimpfungen in der Fußgängerzone interessieren ihn nicht, den Kontakt zu seinen früheren Freunden bricht er ab. Er will jetzt zu den neuen „Brüdern“ gehören. Will rein sein, kleidet sich weiß. Gut zu riechen, ist wichtig. „Viele Salafisten benutzen sehr teure Parfüms.“ In der Moschee, in der er jetzt täglich viele Stunden verbringt, führt ein gewisser Sven Lau das große Wort. Der steht in diesen Tagen in Düsseldorf vor Gericht, weil er unter dem Verdacht steht, den IS in Syrien zu unterstützen. Der Prozess verläuft zäh, weil es schwer fällt, eindeutige Beweise zu finden. Eines steht aber fest: Lau war in Syrien.

 

 

Gegenüber Dominic und anderen Jugendlichen, aber auch gegenüber älteren Muslimen in der Moschee, weiß Lau 2005 immer, was richtig ist. Und noch besser, was falsch ist. „Jede, wirklich jede Handlung im Leben ist vorgeschrieben durch den Koran und die Sunna, der überlieferten Handlungsweise des Propheten. Zähne putzen, Hand schütteln – für alles gibt es Vorschriften. Kompromisse gehören nicht in das Repertoire von Salafisten. Sie wollen in allem Mohammed nachahmen und eine Art Ur-Islam leben“, berichtet Dominic. Wer Fragen stellte, gehörte sehr schnell nicht mehr dazu. „Man hatte immer nur Angst, etwas Falsches zu tun.“ Schließlich hatte man sein früheres Weltbild aufgegeben, meistens die Familie und die Freundschaften. „Es gab Leute in der Moschee, die sagten ,Ja, Steinigen finde ich uncool, aber es gehört nun mal zu unserer Religion‘.“ Dominics Beziehungen zu Frauen gestalteten sich schwierig. Seine Freundin aus vorsalafistischer Zeit konnte er zwar zum Übertritt zum Islam überreden, „aber die hat das nur wegen mir gemacht. Die Beziehung ging dann in die Brüche.“

Salafistische Argumentationslinie

Als Salafist sei es nicht einfach, Frauen kennenzulernen, „wenn man nicht mit denen reden darf“. Dominics Traum zu jener Zeit war, eine kleine Familie zu haben und in Frieden „unter den Brüdern“ zu leben. Schließlich hat er den Imam gefragt, ob der ein Mädchen kenne, das für eine Heirat in Frage käme. Kannte der. „Ich habe mich mit der Frau innerhalb einer Woche zweimal zehn Minuten unterhalten. Dann haben wir geheiratet. Die Ehe hielt zweieinhalb Jahre.“ Dominic lebte damals von Hartz IV. Denn Arbeit zu finden, sei für einen Salafisten alles andere als einfach: „Es muss ja was sein ohne Frauen, ohne Schweinefleisch und ohne so vieles anderes, was ja verboten ist. Und wenn man einen Job gefunden hatte, der den strengen Auflagen genügte, zahlte man ja Steuern, mit denen irgendwo auf der Welt Krieg gegen Muslime bezahlt wurde. Und dann ging das auch wieder nicht.“
Diesen salafistischen Argumenten mochte sich die Arbeitsagentur allerdings nicht anschließen und zwang Dominic zu einem sechswöchigen Bewerbungstraining. Und damit zu seinem Glück, wie er in der Rückschau sagt. Denn dort lernte er einen Lehrer aus Texas kennen, der ihn davon überzeugte, sich von den Salafisten zu lösen. „Sei Du die Brücke zwischen den Muslimen und allen anderen, die hier leben“, lautete der zentrale Satz des Texaners, der Dominic nicht mehr aus dem Kopf ging.

Aufklärungsarbeit

Inzwischen hat er ein Buch über seine Zeit als Salafist geschrieben und ist oft zu Präventionsarbeit in Schulen zu Besuch. „Ich habe das Gefühl, dass viele muslimische Jugendliche sagen, dass der Koran für sie wichtig ist. Gelesen haben ihn die Wenigsten. Es ist paradox: Die Religion gilt dem Einzelnen als wichtig. Aber er lebt nicht danach.“ Über allem steht für den Aussteiger: „Wir müssen das Schwarz-Weiß-Denken überwinden. Ideologie ist gefährlicher, als sich in die Luft zu sprengen.“

 

Dominic Musa Schmitz: „Ich war Salafist“. Erhältich für 18 Euro in den Buchläden der Südstadt.
 

Text: Stefan Rahmann

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