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Kultur

Eine Stunde auf der Insel – „Gutenbergs Welt“ am Chlodwigplatz

Sonntag, 5. Dezember 2010 | Text: Dirk Gebhardt | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Wer hat sie nicht schon gehört, die gestaltlosen Stimmen, die aus dem Radio kommen und uns in andere Welten entführen, über die aktuellen politischen Ereignisse informieren oder die Börsenkurse rezitieren. Der Versuch, sich die Tonkörper zu diesen Stimmen vorzustellen, führt uns in die Welt der Fantasie. Gehört diese dunkle, sonore Männerstimme zu einem zwei Meter großen und 140 Kilo schweren Robert Emmerich, der sich in einen viel zu kleinen Bürostuhl quetschen muss und im schlecht beleuchteten Studio die Texte abliest, oder doch zu einem kleinen untersetzten Danny de Vito, der zappelig vor dem Mikro auf und ab hüpft?

Die Buchhandlung am Chlodwigplatz löste dieses Rätsel am Sonntag (5.12.2010), zumindest teilweise. Um zwölf Uhr übertrug der WDR live ein „Gutenbergs Welt spezial“ aus der Südstadt. Zuvorkommend und freundlich wurden den dreißig Gästen in der Buchhandlung die nassen Jacken abgenommen, und wir konnten ins Allerheiligste schreiten: Das Hinterzimmer, das die wenigsten Kunden je zu sehen bekommen haben. Es war auffällig verändert. Die Kabel, die sich schon am Eingang  schlangenartig an den Büchertischen vorbei gewunden haben, endeten hier in Lautsprechern und Mikrophonen, die entlang eines Tisches aufgestellt waren. Der Raum war mit 30 schwarzen Klappstühlen vollkommen belegt, an der Seite quetschten sich die Sessel, die das Ganze sonst sehr gemütlich machen. Wie bei einer Podiumsdiskussion saßen die Protagonisten der nächsten Stunde aufgereiht hinter dem Tisch: die Moderatorin Manuela Reichart, der Schweizer Schriftsteller Rolf Lappert, die Schauspielerin Regina Lemnitz und der Journalist und Schriftsteller Hans Christoph Buch.

 

Live heißt leise im Radio – zumindest für die Zuschauer. Beim Setzen bemühen sich alle, kein auch noch so geringes Geräusch zu machen. Mich überkommt ein leichtes Unwohlsein, da ich erkältet bin und hoffe, nicht während der Sendung einen Hustenanfall zu bekommen. Wie würde sich das wohl in den Wohnzimmern der Welt anhören – mein trockenes, kratziges Husten, während aus einem Buch vorgelesen wird.

Wir hören Radio, die letzten Minuten der vorherigen Sendung werden über die Lautsprecher eingespielt, so dass wir mithören können. Manuela Reichart schaut ein letztes Mal auf ihre Notizen und setzt sich auf. Die Töne des Nachrichtenabspanns erklingen, und wie auf Knopfdruck fängt sie an zu reden. Ohne jegliche Nebengeräusche wie Ähs, Ohs oder Durch-die-Nase-Schnaufen stellt sie das Thema der Sendung „Auf die Weihnachtsinsel“ und die Besucher vor. So würde ich auch gerne reden können. Leicht und locker, immer mit der richtigen Betonung und nie den Faden verlierend.

 

Zum Anfang liest Rolf Lappert aus seinem Buch „Auf den Inseln des letzten Lichts“. Eine Geschichte von einer Frau Mag, die auf den Philippinen lebt und ihrem Bruder, der sie im Laufe des Buches zu suchen beginnt. In dem Ausschnitt, den er mit seiner trockenen, gleichförmigen Stimme vorliest, geht es um Monsun, um Regenwald und Affen? Also genau kann ich das nicht sagen, da ich feststelle, dass mich eher die Stimme, die Person und die Kombination aus beidem interessiert hat. In den vielleicht fünf Minuten, in denen er vorliest, wird zwar ein Fenster zu einer anderen Welt aufgestoßen – der Welt seines Romans, aber es kommt mir vor, als prassle der Regen unaufhörlich gegen das Fenster und so begreife ich nicht wirklich, worum es geht. Auch das darauf folgende Autorengespräch birgt für mich nur die Erkenntnis, dass Schweizer eine besondere Sehnsucht nach einsamen Inseln haben, da ihr kleines hochgelegenes Land keinen Zugang zum Meer hat.

Ganz anders der Vortrag von Regina Lemnitz. Dass sie Schauspielerin ist, merken alle beim ersten Wort, das aus ihrem Mund kommt. Sie bebt, lacht, die Augenbrauen heben und senken sich, ihre linke Hand unterstreicht ständig das Gesagte, als würde sie eine Rolle im Theater spielen. Schnell entführt sie die Anwesenden in das Zypern der 50er Jahre, wo kleine Rebelleneinheiten gegen die britische Kolonialmacht kämpfen. In ihrem Roman beschreibt die erfolgreiche englische Autorin Sadie Jones die Ehe und die kleinen Kriege des ehrgeizigen in Zypern stationierten Soldaten Henry Treherne. Die Gefühlswelten seiner Frau lässt die Mitsechzigerin Regina Lemnitz in dem gelesenen Ausschnitt nachvollziehbar nur mit der Hilfe ihrer Stimme und Mimik erstehen.

Zuletzt geht’s um Haiti, das der Journalist Hans Christoph Buch im Untertitel seines Buches als einen gescheiterten Staat charakterisiert. Schnell und präzise umreist er die Entwicklung des überbevölkerten karibischen Inselstaates, der einst im 17. Jahrhundert die reichste französische Kolonie war. Bis in die Wirren der aktuellsten politischen Entwicklung, einer manipulierten Wahl und des Erdbebens das im Januar dieses Jahres 250 tausend Menschen das Leben kostete. Er beschreibt in seinem Gespräch mit der Moderatorin das Versagen eines Staates, der ohne eine funktionierende Administration nur auf dem Papier besteht und dessen zwar politisierte, aber ungebildete Bevölkerung leicht von Extremisten zu beeinflussen ist und daher auch schon mal glaubt das die nepalesischen UN-Soldaten die Cholera eingeflogen haben. Er liest dies nicht vor, sein Buch liegt auch nicht vor ihm, sondern alles sprudelt nur so aus ihm heraus. Wobei mich erstaunt, dass die gesprochenen Sätze Druckqualität haben.

Frau Reichart schaut für einen kurzen Augenblick nervös auf die Zettel, die vor ihr liegen. Dann fängt sie sich, dreht die schwarze Leselampe, die vor ihr steht, zur Seite und streckt ihren Arm mit dem Mikrophon in Richtung der ersten Reihe, wo Johannes Schumandel sitzt. Herr Schumandel beugt sich nach vorne und antwortet auf ihre Frage nach seinem persönlichen Inselbuch mit hörbar aufgeregter Stimme und vielen Äh´s und Öh´s: „Atlas der abgelegenen Inseln“.

 

Kurz darauf ist die Live-Übertragung zu Ende, viele erheben sich unter großem und lautem Stühlerücken sofort. So als hätte ihnen das 60-minütige Stillsitzen erhebliche Schwierigkeiten bereitet, und das geräuschvolle Aufstehen ist der Befreiungsschlag. In der Buchhandlung gibt es zum Abschied noch weihnachtlichen Stollen und Gebäck. Wer möchte, kann sich mit den Autoren unterhalten und die vorgestellten Bücher kaufen. Ich ziehe es vor, nach Hause zu gehen und das Radio anzuschalten. Es ist zwar vergnüglich, eine Radio-Live-Übertragung mitzuerleben, aber beim Radio hören husten zu können und mir die Sprecher in meiner Fantasie auszumalen, ist mir doch ein bisschen angenehmer…

 

Die Literaturliste der Übertragung gibt es hier.

Text: Dirk Gebhardt

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