×
In eigener Sache

Dir gefällt unsere Arbeit?

meinesuedstadt.de finanziert sich durch Partnerprofile und Werbung. Beide Einnahmequellen sind in den letzten Monaten stark zurückgegangen.
Solltest Du unsere unabhängige Berichterstattung schätzen, kannst Du uns mit einer kleinen Spende unterstützen.

Paypal - danke@meinesuedstadt.de

Aufgeschnappt: Hoher Besuch im Vringstreff – das Dreigestirn kütt +++ Auch 2022 heißt es wieder „eins zum anderen“ +++ Gotland für Gotland e.V. in Direktvergabe +++ Neueröffnung: Aus Kabul wird S-Bar +++ Neueröffnung: Café SchnickSchnack +++

Gesellschaft Politik

„Halt’s Maul!“

Montag, 15. Dezember 2014 | Text: Aslı Güleryüz | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Am Sonntag ist „Meine Südstadt“ auf dem Chlodwigplatz verabredet. Wir wollen ins Ausland fahren – zur Demo. Wir treffen die Südstädterin Tuula von Trechten am Bahnsteig der Linie 16. Sie hat einen warmen Mantel an, Schal und Mütze fehlen auch nicht – denn es ist kalt, sehr kalt. Ihre grünen Augen leuchten, und sie ist aufgeregt. Wir begleiten Tuula auf die Demo und sammeln gemeinsam Eindrücke.

Die Linie 16 zum Breslauer Platz ist schon rappelvoll. Ob die alle zur Demo wollen? 15 Minuten später steigen wir auf dem Bahnsteig Breslauer Platz aus. Alles grau hier, doch wir werden schon von bunter, lauter Musik empfangen. Karnevalsstimmung herrscht hier. Einige Menschen sind sogar karnevalistisch verkleidet und geschminkt.

 

Hier spielt eine Bläsertruppe, dort hört man Samba-Trommeln, auch die klassischen Karnevalstrommeln sind dabei. Kein Wunder. Das Festkomitee des Kölner Karnevals hatte zur lautstarken Unterstützung „aller Trommler“ aufgerufen. Und das Motto der Session 2015 wurde sogar um einen Zusatz erweitert: „social Jeck – kunterbunt vernetzt – kein Nazis he op unser Plätz“. Tuula und ihr Ehemann Phillipp sind beeindruckt von der Menschenmasse, die uns schon am Breslauer Platz erwartet.

 

15.000 Teilnehmer sind gekommen

Die AG Arsch huh hatte zu der Demonstration und Kundgebung gegen Gewalt, Rassismus und Neonazis aufgerufen – für ein buntes und tolerantes Köln, unter dem Motto „Du bes Kölle –Kein Nazis he op unser Plätz!“. Und die Organisatoren haben es wieder geschafft, Tausende von Menschen zu mobilisieren. 15.000 sind gekommen.

 

Die Demonstration sollte am Breslauer Platz beginnen – dem Platz, an dem am 26. Oktober mehr als 4.000 Hooligans und Rechtsextremisten randalierten und es zu gewalttätigen Ausschreitungen kam. Der Zug sollte den gleichen Weg marschieren, den vor knapp 7 Wochen auch die Hooligans gelaufen waren. Die Künstler der AG Arsch huh wählten bewusst den Platz und diese Strecke, um sich den Breslauer Platz zurück zu holen.

Tuula erklärt, warum sie heute unbedingt dabei sein wollte: „Am 26. Oktober habe ich in den Nachrichten gesehen, was hier los war. Und wir waren ganz schön schockiert. Die Hogesa waren ja nicht nur gegen Salafisten. Die sind gegen Ausländer. Die Salafisten waren nur ein Aufhänger. Ich mag das nicht, wenn man Ausländer hasst. Ich finde das super, dass die Arsch huh das hier organisiert haben. Das muss man unterstützen“.

 

Persönlich betroffen ist sie auch ein bisschen: „Ich überlege schon, wie das wäre. Meine Mutter ist Finnin, mein Vater Deutscher. Meine Mutter ist also auch eine Ausländerin, auch wenn sie aus Skandinavien stammt. Ich reflektiere da schon. Ich habe viele Freunde und Kolleginnen aus der Türkei und aus Albanien, mein Chef ist aus Ungarn. Das tut mir in der Seele weh, wenn ich höre ‚Ausländer raus’. Ich würde nie einen Unterschied machen“.

 

Auch die „Coloniacs“ machen mit

Wir mischen uns in die Masse. Viele Fahnen werden geschwenkt. Von den Grünen, der Linken, der SPD, von Schwulen und Lesben. Eine Fahne fällt uns auf. Sie ist rot-weiß, und in der Mitte ist ein Kopf zu sehen, der einen Lorbeerkranz trägt. Sieht aus wie Cäsar. „Ultra“ steht unter dem Kopf. Wir fragen, wer die Jungs sind und ob das Cäsars Kopf ist.

 

„Nein, das ist Markus Marius Agrippa, der Vater von Agrippina. Er war Oberbefehlshaber der römischen Truppen ‚Gallia cisalpina’ (Gallien jenseits der Alpen),“ erklärt Georg. Agrippina hatte die römische Stadt Colonia gegründet und ihr Vater hatte ihr dabei geholfen. Markus und Köln, das gehört also zusammen.

„Wir gehören zu den Coloniacs, sind also Fußballfans. ‚Ultra’ nennen wir uns, weil wir Ultrafans des FCs sind. Wir sind nicht nur bei einem Fußballspiel 90 Minuten lang Fan, sondern täglich. 24 Stunden lang, sieben Tage lang. Wir fahren zu jedem Spiel.“

 

Einige haben FC-Zahnbürsten, Unterwäsche und Bettzeug. Georg ist 23 Jahre alt und schon seit 3 Jahren bei den Coloniacs, FC Fan ist er schon seit 10 Jahren. „Wir stehen für die Stadt und den Verein. Wir stehen für eine weltoffene Stadt. Dafür müssen wir hier sein. In der Öffentlichkeit hieß es nach dem 26. Oktober, das waren Hooligans. Also Fußballfans. Da werden wir immer als die böse Fratze dargestellt. Wir wollten dazu eine Gegendarstellung liefern. Wir sind Fußballfans, aber nicht gewaltbereit. Nicht alle Fußballfans sind gewaltbereit und rechtsextrem. Bei Fußballspielen spannen wir auch Banner gegen Gewalt, Rassismus und Neonazis auf“.

 

Wir gehen weiter durch die Menge. Das Gefühl ist überwältigend. Überall hört man laute Trommeln. Tuula fällt auf, dass auch viele ältere Menschen hier sind: „Das ist toll! Für die jungen Menschen ist es ja okay, bei ungewissem Wetter hier zu erscheinen. Aber die älteren sind gebrechlicher und vielleicht ängstlicher in großen Menschenmengen“.

 

Ursula fällt uns auf. Die ältere Dame schiebt einen Rollator vor sich her, sie scheint alleine zu sein. „Ich bin aus Weidenpesch gekommen. Ja, ich bin alleine da, aber ich habe schon zwei Freundinnen getroffen“, erklärt uns die 78-Jährige. Sie habe die Nazi-Zeit erlebt und auch den Krieg. Ihr Vater war überzeugter Katholik, Schneider und in der Kolping-Familie aktiv. Das mochten die Nazis nicht. Er wurde früh in den Krieg eingezogen und kehrte glücklicherweise 1949 zurück. „Ich trage mein Arsch huh-T-Shirt. Aber es ist so kalt, dass ich die Jacke nicht öffnen kann“ erklärt sie stolz. „Das ist ganz klar, dass ich heute hier bin“.

Tuula trifft hier und da bekannte Menschen und unterhält sich auf dem Fußmarsch. „Mensch,“ sagt sie „Es sind so viele Bekannte hier. ‚Ach, du bist auch hier!’ sagt man dann. Da fällt mir ein, dass ich auch noch viel mehr hätte streuen können und mich noch mit viel mehr Freunden hier hätte verabreden können.“ Das gemeinsame Laufen findet Tuula sehr beruhigend: „Man spürt so den Zusammenhalt hier. Das ist sehr friedvoll. Ich habe auch nette Gespräche auf dem Weg geführt.“

 

Vieles läuft über Facebook

Der Demonstrationszug marschiert friedlich in Richtung Ebertplatz. An der Ecke Turiner Straße und Thümchenswall steht die Bühne, gleich daneben eine große Leinwand, die das Geschehen überträgt. Shary Reeves und Martin Stankowski moderieren die Veranstaltung mit vielen Beiträgen. Georg Restle, Chef der WDR-Redaktion „Monitor“, weist darauf hin, dass Anhänger von Vereinigungen wie  der Hogesa oder der PEGIDA (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands) nicht alle unbedingt Nazis sind.

 

Ist der Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen? Die Grenzen vermischen sich. Die sozialen Netzwerke spielen eine große Rolle und wurden bei der Mobilisierung der Hooligans am 26. Oktober genutzt. Die Facebook-Seiten der populären Kölner Gruppen Kasalla und Brings werden mit rechtsradikalen Parolen bombardiert. Die Musiker beider Bands sind aktiv im Protest gegen Rassismus, Gewalt und Neo-Nazis. Martin Stankowski fragt die Musiker, ob sie mit den Verfassern dieser Zeilen in ein Gespräch kommen konnten.

 

Stefan Brings antwortete darauf, er habe es versucht, aber ausweichende Antworten erhalten. Die Einladung zu einem Gespräch wurde abgelehnt. Jürgen Becker greift das Thema in seinem Beitrag auf: Die Texte der Kölner Bands sind durchaus patriotisch und verherrlichen Köln. Das deckt sich mit dem Gedankengut der braunen Gruppen. Doch die politische Gesinnung der Bands löst Empörung bei den Rechten aus und hat den Shitstorm auf Facebook ausgelöst.

 

Doch trotzdem hören wir immer wieder, dass der direkte Dialog und Austausch, die Meinung dieser Menschen ändern könnte. Die Aufgabe eines jeden Mitbürgers kann sein, über die wahren Verhältnisse aufzuklären: Deutschland ist ein Einwanderungsland, Deutschland braucht Arbeitskräfte, Deutschland braucht Nachwuchs. Das Boot ist noch lange nicht voll!

 

Nächste Demo gegen BOGIDA

Später erfahren wir mehr über „Kein Veedel für Rassismus“. Der Verein hat bei den letzten Wahlen Kampagnen von „Pro Köln“ gestört. Es wurde Werbematerial eingesammelt und in einem braunen Müllsack entsorgt. Sie machen aufmerksam darauf, dass die Doppelzüngigkeit der Politiker, Parolen der Anhänger von Hooligans und den verschiedenen GIDAs provoziere.

 

Sie warnen vor Vereinigungen ‚gegen die Islamisierung des Abendlands’ und rufen zur aktiven Teilnahme an einem Demonstrationszug nach Bonn auf. Am Montag demonstriert die „BoGIDA“ in Bonn. In Köln will man die Gegner in Bonn unterstützen. Alle, die mitmachen möchten, treffen sich am Montag um 17:20 Uhr vor dem Haupteingang des Hauptbahnhofs. Dafür hofft man auch auf Unterstützung aus  Bonn, wenn die „KöGIDA“ im Januar in Köln demonstriert.

Das Bühnenprogramm mit Musik und Wortbeiträgen fährt fort. Unsere Füße werden kälter. Zeltinger Band, Ozan Akhan von der Stunksitzung, Arno Steffen, Wolfgang Niedecken, die Paveier, Coloniacs, Die Höhner & Microphone Mafia, Brings & Eko Fresh. Der Kabarettist Fatih Çevikkollu erinnert an Tu?çe Albayrak, die Zivilcourage bewiesen hat und eingegriffen hat, als einige Mitbürger gewalttätig angegriffen wurden. Sie wurde selbst angegriffen und fiel in ein Koma. An ihrem Geburtstag Ende November hat ihre Familie die Maschinen ausschalten lassen, die sie künstlich am Leben erhielten.

 

 

Çevikkollu erinnert an ihre Zivilcourage und bedankt sich bei allen, die heute am Platz erschienen sind, für deren Zivilcourage. Denn jetzt müssen wir alle aufpassen. Wir sollen die Diskussion mit den Menschen suchen, die Aussagen machen wie „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber….“ oder „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber….“ oder „Ich habe nichts gegen den Islam, aber…“. Çevikkollu weiß, was er nun bei solchen Aussagen antworten wird: „Halt’s Maul!“. Das empfiehlt er auch allen Anwesenden. Bei den kleinsten ausländerfeindlichen Bemerkungen sollen wir alle sofort reagieren und aufschreien: „Halt’s Maul!“. Interaktiv übt er das mit der Menge aus. Es klappt!

 

Du bes Kölle – mit neuem Text

Tommy Engel stimmt sein beliebtes Lied „Du bes Kölle“ an. Mit Arno Steffen hat er den bekannten Text an einigen Stellen für den Tag umgeschrieben. Ob Immi, Flüchtling oder Bergheimer – in Köln sind alle willkommen. Nur: „Nä den Nazis jevve mir he nit de Hand“!

„Doch eines muss Dir klor sin – mir han de Nas jestriche voll
Vun Idiote em Extremismus – ejal ob welcher Sick se ston
Jedes Frauminsch, jede Käl, ob rut, ob jrön, ob jäl
All sin mir verantwortlich, müsse he zesamme ston“

Durchgefroren, beeindruckt und nachdenklich gehen wir nach Hause. „Ich gehe nicht oft zu Demonstrationen. Zu dieser wollte ich, das Thema hat mich berührt,“ sagt Tuula. „Es war sehr beeindruckend. Bei der Kundgebung haben alle super gesprochen. Ich fand es auch toll, dass eine so große Leinwand aufgebaut worden ist. Überhaupt war die Technik super. Die Musik war mitreißend. Es war für jeden etwas dabei“.

Unser Fazit: Wir suchen das Gespräch mit unseren Mitmenschen, die fremdenfeindlich oder islamfeindlich anmutende Äußerungen machen. Sie haben letztendlich Angst. Die können wir ihnen vielleicht nehmen. Wir klären auf. Wir mischen uns ein – in der Kneipe, auf dem Wochenmarkt, im Laden, auf der Straße. Wir beweisen Zivilcourage. Durch Kommunikation können wir hoffentlich Ängste auflösen.

Text: Aslı Güleryüz

In eigener Sache

Dir gefällt unsere Arbeit?

meinesuedstadt.de finanziert sich durch Partnerprofile und Werbung. Beide Einnahmequellen sind in den letzten Monaten stark zurückgegangen.

Solltest Du unsere unabhängige Berichterstattung schätzen, kannst Du uns mit einer kleinen Spende unterstützen.

Paypal - danke@meinesuedstadt.de

Artikel kommentieren

Ich habe die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen. Ich stimme zu, dass meine Angaben und Daten zur Beantwortung meiner Anfrage elektronisch erhoben und gespeichert werden. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit für die Zukunft per E-Mail an kontaktnoSpam@meinesuedstadt.de widerrufen.

Meine Südstadt Partner

Alle Partner

Meine Südstadt Service


Parkstadt Süd

Parkstadt Süd – Info-Homepage der Stadt ist online

Eifelwall wird für Autoverkehr gesperrt

Parkstadt Süd: Stadtteilbüro öffnet

Aufgeschnappt

Hoher Besuch im Vringstreff – das Dreigestirn kütt

Auch 2022 heißt es wieder „eins zum anderen“

Gotland für Gotland e.V. in Direktvergabe

Die Südstadt auf Instagram.