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Gesellschaft Kultur

„Ich bin nie bis zum Äußersten gegangen“

Freitag, 23. September 2011 | Text: Jörg-Christian Schillmöller | Bild: Illustration Designwork

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Bahman Nirumands Leben zwischen Dutschke und Khomeini.
Einer der vielen aufregenden Tage im Leben von Bahman Nirumand hat sich in Köln abgespielt, Ende der Fünfziger Jahre. Damals lebte der junge Iraner in Deutschland. Bei einem Termin in Köln sahen er und seine Freunde sich plötzlich dem Chef des iranischen Auslandsgeheimdienstes gegenüber, der ihnen frank und frei anbot, eine Zeitung herauszugeben – mit finanzieller Unterstützung des iranischen Regimes und persönlicher Audienz beim Schah in Teheran, letzteres streng geheim. Die Reaktion von Bahman Nirumand steht stellvertretend für sein Leben: Er springt auf, wirft den Tisch um und ruft „Ich bin nicht käuflich, Du Bastard“. Dann laufen er und seine Freunde davon, erreichen irgendeinen Park, legen sich auf den Boden und heulen, was das Zeug hält: Das ist nur eine Geschichte aus dem Leben des Exiliraners Bahman Nirumand. Denn das Exil spielt eine große Rolle in Nirumands Leben, es prägt ihn seit Jahrzehnten, und er sagt im Interview mit „meinesuedstadt“ ganz offen: Wenn ich jetzt nach Hause zurückkehren würde, dann würde ich festgenommen, gefoltert und womöglich hingerichtet.

Die Eckdaten: Bahman Nirumand, geboren 1936 in Teheran, studiert in Deutschland und promoviert über Bertolt Brecht. Verheiratet, lebt in Berlin, Gründer der iranischen Exil-Opposition in Deutschland und prägender Kopf der deutschen Studentenbewegung. Freund von Rudi Dutschke und – zu Zeiten des Schahs ebenso wie in der jetzigen Islamischen Republik – ein beharrlicher Kritiker des Regimes und Vorkämpfer für Freiheit und Demokratie. Schreibt viel für die „taz“.

Herr Nirumand, ist das, was damals in Köln geschah, typisch für Ihren Charakter?
„Also, ich habe eben viel riskiert in meinem Leben. Jeder, der sich politisch engagiert und sich gegen ein Regime stellt, riskiert etwas, das ist selbstverständlich. Aber ich bin nie bis zum Äußersten gegangen.“

Dennoch haben Sie Jahre später gemeinsam mit Rudi Dutschke eine Gewalttat geplant: Sie wollten einen Sendemast des US-Militärsenders AFN sprengen und waren mit einer Bombe unterwegs Richtung Saarland, wo der Sender stand.
„Ja, genau, der Dichter Franz Josef Degenhardt sollte herausfinden, wo der Mast genau stand, aber er bekam dann kalte Füße, und das Vorhaben ist geplatzt. Zum Glück, denn das hätte sonst große Konsequenzen für die 68er-Bewegung gehabt und wir wären in die kriminelle Ecke gerückt. Dieses Ausmaß war uns nicht klar. Wir dachten: Ein bisschen Sachschaden, das gönnen wir den Amerikanern.“

Sie haben den Verlust von Menschenleben immer ausgeschlossen?
„Ja. Sowohl ich als auch Rudi haben Gewalt gegen Menschen verurteilt.“

Wie kam es zu den Berührungspunkten mit der deutschen Studentenbewegung?
„Es waren viele Zufälle im Spiel. Am Vorabend des Schah-Besuchs im Juni 1967 sollte ich einen Vortrag halten. Dagegen hat die iranische Botschaft protestiert und sogar mit der Absage des Staatsbesuchs gedroht. Das war die beste Werbung für mein Buch ‚Persien – Modell eines Entwicklungslandes‘, das erste Buch, das sich damals mit einem Land der Dritten Welt befasste. Das war eine konkrete Analyse der iranischen Zustände.“

Was hat das Buch bewirkt?
„Sehen Sie, in Deutschland galt der Schah als großer Reformator, als offener Herrscher. Dieses Bild des Kaisers, das hat die Sehnsüchte der Deutschen wachgehalten. Und dann der Schock: Mein Buch, ein authentischer Bericht über das Land, über eine andere Wirklichkeit dort. Das Buch wurde zur Pflichtlektüre der Studentenbewegung, und die gesamte Bewegung erhielt dadurch eine internationale Komponente – repräsentiert durch meine Person.“

Dann kam Ayatollah Khomeini an die Macht, und Sie kehrten schon kurz vorher hoffnungsvoll in den Iran zurück. Wann begannen die Zweifel?
„Eigentlich von Anfang an. Diese Brutalität, mit der das neue Regime gegen die Anhänger des Schahs vorging, das gab mir sehr zu denken. Und ich war skeptisch: Ein Mullah, ein Geistlicher – als Führer der Revolution? Wir haben dann die erste Oppositionsbewegung gegründet, die ‚Nationaldemokratische Front‘, und wir hatten anfangs enormen Zulauf, zu unserer Gründung kamen eine Million Menschen, unvorstellbar. Es hat nicht lang gedauert bis wir verboten wurden.“

Sie sind wieder ins Exil gegangen und schließlich in Deutschland gelandet. Was bedeutet es, fern der Heimat leben zu müssen?
„Wer diese Gefühle nicht kennt, dem kann man das kaum vermitteln, weil das sehr tief geht, ein Gefühl des Verlorenseins ist das, ein Provisorium, ein ständiges Warten auf ein Ereignis. Mir ging es sehr schlecht, umso mehr als ich mich zu Beginn der Revolution frei in meiner Geburtsstadt Teheran bewegen konnte, und dann musste ich schon wieder das Land verlassen. Das habe ich auch als persönliche Niederlage empfunden. Es hat lang gedauert, bis ich aus dieser Phase herausgekommen bin. Meine Frau Sonia hat mir sehr geholfen.“

Der Aufstand im Sommer 2009 wurde blutig niedergeschlagen, seither herrscht – anders als in der arabischen Welt – nach außen hin Ruhe im Land. Gibt es Schwachstellen im iranischen Regime?
„Die größte Schwachstelle ist das Volk, das nicht mehr hinter den Machthabern steht. Und dann die Wirtschaft, die in einer katastrophalen Situation steckt, und das, obwohl der Iran ein reiches Land ist. Viele Menschen verlassen die Islamische Republik, das ist ein schrecklicher Verlust an Geist und Kapital.“

Sollte der Westen militärisch eingreifen?
„Eine militärische Option wäre das Verheerendste, was passieren könnte. Nein, der Westen sollte den ganzen Druck auf den Iran bei den Menschenrechten ausüben. Denn das Regime weiß genau: Wenn sie die Menschenrechte zulassen, dann werden sie von heute auf morgen hinweggefegt. Die Zeit für Reformen ist längst vorbei. Es ist wie beim Schah: Als er verkündete, er habe das Volk verstanden, da war es schon zu spät.“

Haben Sie Hoffnung für Ihre Heimat?
„Ich lebe von Hoffnung, und ich bin ganz sicher, dass auch dieses Regime irgendwann zur Geschichte gehören wird. Es ist wie bei Mubarak und Gaddafi: Diese Leute gehören in den Mülleimer der Geschichte.“

Herr Nirumand, vielen Dank für das Gespräch.

Die Autobiographie von Bahman Nirumand heißt „Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müsste“. Sie ist im Juli bei Rowohlt erschienen und kostet 19,95 Euro.
 

Text: Jörg-Christian Schillmöller

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