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Lükes Liebes Leben

Je suis Ehrenfeld

Montag, 18. April 2016 | Text: Reinhard Lüke

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Hyperlokal ist ja schön, aber ich muss mich jetzt mal zur Weltpoltik äußern. Die aktuelle Lage lässt mir keine andere Wahl. Jetzt haben Baschar Hafiz al-Assad und der IS es also tatsächlich geschafft, uns unseren Lieblings-Spaßmacher vom Schirm zu nehmen. Jan Böhmermann mag nicht mehr senden. Jedenfalls die nächsten vier Wochen nicht. Hat er am Samstag gesagt. Nachdem er lange Zeit nichts gesagt hatte. In dieser Hinsicht kann ich unseren Ehrenfelder Immi ja verstehen. Immerhin hat die Posse um die Klöten von Recep Tayyip Erdogan inzwischen derart bizarre Dimensionen angenommen, die nahezu alles möglich erscheinen lassen. Wie ging das eigentlich los? Erst war der Krieg in Syrien, dann kamen die Flüchtlinge nach Europa, bis die EU beschloss, dass es so aber auch nicht weitergehen konnte und deshalb einen Deal mit der Türkei machte, wonach man jetzt nach Zahlung von ein paar Milliarden Euro einen Großteil der Migranten wieder über den Bosporus abschieben kann. Bei der Redaktion des Satire-Magazins „Extra 3“ vom NDR fand man die Kungelei mit dem Despoten aus Ankara anstößig und produzierte ein weder originelles noch sonderlich freches Musik-Video („Erdowie, Erdowo, Erdogan“). Was aber reichte, um Erdogan zu erregen, der daraufhin den deutschen Botschafter gleich mehrfach einbestellte und verlangte, er, bzw. die Bundesregierung solle dieses Video aus der Welt schaffen. Sofort und ein für allemal.

Mutti macht Fehler
Vermutlich hat der Diplomat sein Gegenüber darufhin nicht einfach gefragt, ob er noch alle Tassen im Schrank habe, sondern ihm höflich klarzumachen versucht, dass sowas in Deutschland nicht gehe. Wegen Pressefreiheit und so. Derweil grübelte man im Berliner Regierungsviertel emsig, wie man den türkischen Kasper dennoch bei Laune halten könnte. Schon wegen des Vertrages. Vielleicht ein paar Milliarden nachlegen? Angie im nächsten Urlaub nach Antalya? Was weiß ich. Öffentlich geäußert hat Mutti sich zu der ganzen Angelegenheit nicht. Was ihr erster grober Fehler war.

Denn nun dachte man sich in der Redaktion von Neo Magazin Royale, wenn sich Herr Erdogan wegen solch eines belanglosen Liedchens ereifert, absurde Forderungen stellt und von der Bundesregierung dafür nicht mal öffentlich gerüffelt wird, kippen wir jetzt mal ordentlich Öl ins Feuer. Heraus kam dabei die Nummer mit dem Schmähgedicht. Wer den Programmpunkt noch nicht gesehen hat, sollte es unbedingt nachholen. (Auf irgendeinem Videoportal findet man das Stück immer.) Denn es handelt sich durchaus um fünf Sternminuten des Fernsehens. Womit ich natürlich nicht den Text um den pädophilen Ziegenficker, sondern das Gesamtkunstwerk meine, das vor allem in dem Gespräch zwischen Böhmermann und seinem Sidekick Ralf Kabelka über die Ungehörigkeit des Gedichts besteht, das man so auch im pressefreien Deutschland eigentlich nicht vortragen dürfe. Wer sowas dennoch tue, könne durchaus verklagt werden. Und schwupps, griff Frau Dr. Merkel zum Telefon, rief den türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu an und kam mit ihm überein, dass Böhmermanns Gedicht „bewusst verletzend“ sei. Diese bemerkenswerte Erkenntnis ließ die Kanzlerin über ihren Pressesprecher Steffen Seibert (ehedem Nachrichtensprecher beim ZDF) öffentlich machen. Ihr zweiter Fehler. Schließlich spielte sie sich damit als Satire-Kritikerin auf, statt einfach auf die deutsche Rechtslage zu verweisen und sprang damit dem notorisch Beleidigten in Ankara verständnisvoll zur Seite. Man hat ja Vertrag. Wegen der Flüchtlinge. Und dieser ließ sich nicht lange bitten, ließ seine Juristen den lächerlichen Paragraph 103 aus Kaisers Zeiten im deutschen Strafgesetzbuch ausgraben und verklagte Jan Böhmermann wegen Majestätsbeleidigung.

Schuldig oder nicht schuldig?
Satire wächst sich zur Staatsaffäre aus. Irre. Hatten wir sowas eigentlich schonmal? Kann mich nicht erinnern. Wenn die ganze Causa bis dahin nur mäßig komisch war, lief jetzt der gesamte Medienzirkus Amok. Böhmermann wanderte zusehens aus den Feuilletons auf die Politik-Seiten der Zeitungen, im Fernsehen löste er den Dauerbrenner „Flüchtlingskrise“ als Thema ab und auf den einschlägigen News-Kanälen gaben sich plötzlich Juristen und Satire-Exeperten der absurdesten Couleur die Klinke in die Hand. Und im „Focus“ bot man gar einen Literaturwissenschaftler auf, der in Böhmermanns Gedicht  eine pennälerhafte Fäkalsprache entdeckt hatte. Ach, was? Selbstredend veranstaltete unser Ortsheimatsender WDR im Radio Call-in-Sendungen, um Volkes Stimme in Sachen Böhmermann Gehör zu verschaffen und selbst auf den Internetseiten von SZ und FAZ, fand ich Buttons, wo ich per Klick auf „schuldig“ oder „unschuldig“ plädieren sollte.

Besonders wüst trieb man es im Hause Springer. BILD, Welt usw. In einem Offenen Brief an Böhmermann ließ Vorstandschef Mathias Döpfner wissen, er halte dessen Beitrag für große Kunst und versicherte dem Komiker all seine Solidarität. Nachdem der Manager eingangs bedauert hatte, seine Sendung leider noch nie gesehen zu haben. Für sowas hat man als Springer-Chef ja nun auch wirklich keine Zeit. Satire? Weiß man´s? Kurz darauf wurde bekannt, dass auch die polnische Ministerpräsidentin Beata Szyd?o eine Klage gegen Herrn Böhmermann erwägt, weil er sie in einem (älteren) Video „Be deutsch!“ in eine Reihe mit Geistesverwandten wie Donald Trump, Geert Wilders, Viktor Orbán, Marine Le Pen und Frauke Petry gestellt hatte. Was Böhmermann wahrhaftig in die Hauptnachrichten des polnischen Fernsehens brachte. Ein Scherz. Oder? Nö, echt.

Springer übernimmt „Titanic“
Tage später meldete „Die Welt“, nun habe auch Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un Strafantrag gegen an Böhmermann gestellt, weil dieser ihn bei Neo Magazin Royale mal schwerst beleidigt habe. Uff. Bei dem asiatischen Riesenbaby halte ich ja nichts für ausgeschlossen. Und der bastelt ja auch noch ständig an irgendwelchen Raketen herum. Droht da am Ende ein Dritter Weltkrieg wegen Böhmermann? Gemach. War nur eine Witzmeldung aus dem Hause Springer, wo man inzwischen offenbar der „Titanic“ die Abonnenten abspenstig machen will.

Dann kam der Beitrag des türkischen TV-Senders „A-Haber“, wo man sieht, wie ein Reporter sich beim ZDF über den Stand der Pressefreiheit kundig machen will, auf dem Mainzer Lerchenberg wie auf Droge atemlos in sein Mikro sabbelt und von unhaltbaren Zuständen spricht. Das war aber doch jetzt Satire, Versteckte Kamera oder sowas. Nein war´s nicht. (Wer´s noch nicht gesehen hat: Einfach „Türkischer Reporter ZDF“ googlen und sich wegwerfen.) Man sollte öfter türkisches Fensehen schauen. Der zuständige Sender des Beitrags gehört übrigens Erdogans Schwiegersohn und der wollte dem Vater seiner Gattin offenbar irgendwie helfen.
Kurzum, meine Welt, in der ich doch immer glaubte, Satire und Nachricht auseinanderhalten zu können, ist irgendwie aus den Fugen. Sollte das Böhmermanns medienpädagogische Absicht gewesen sein, Respekt.

Droht Einzelhaft?
Es gibt allerdings ein paar Punkte, wo ich ihn echt nicht verstehe. Wieso in aller Welt ist er jetzt so geschockt darüber, dass Papa Erdogan, der in der Türkei rund 2000 Beleidigungsklagen laufen hat, jetzt echt Anzeige erstattet hat? Was Besseres hätte ihm doch kaum passieren können. Sollte es wirklich zur Anklage kommen -was ja noch längst nicht raus ist-, meine Güte, eine bessere Bühne als solch ein Prozess ist doch für einen Satiriker kaum vorstellbar. Was würde ihm denn drohen? Das Schicksal des Zauberlehrlings? Quatsch. Ein läppische Geldstrafe. Höchstens. So what? Was ich auch partout nicht verstehe, warum sich der Spaßmacher den Beistand merkwürdiger Zeitgenossen erbeten hat. Erst bat er Kanzleramtsminister Peter Altmeyer, bei Mutti für ihn ein gutes Wort einzulegen, dann wandte er sich auch noch Hilfe suchend ausgerechnet an Kai Dieckmann. Und der profilneurotische BILD-Onkel hatte daraufhin -vermutlich unter dem neuen Satire-Druck bei Springer- nichts Besseres zu tun, als in seiner Postille ein Fake-Interview mit Böhmermann zu veröffentlichen. Hat der Mensch Jan Böhmermann womöglich keine Freunde? Muss man sich sorgen? Gestern hat sich dann noch Alpha-Männchen Bernd Lucke zu Wort gemeldet. Mit einem Lobgesang auf Erdogan und einem Schmähgedicht auf Böhmermann. Herrlich bizarre Zeiten.

Text: Reinhard Lüke

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