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Keine Scheichs, kaum Indianer – Was trägt der Jeck im Karneval? Eine Immi-Recherche

Montag, 9. Februar 2015 | Text: Reinhard Lüke | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Vor einem Monat oder so fand man es seitens der rührigen Redaktion dieses Portals irgendwie witzig, mich als Immi ohne Jecken-Gen mit einem Bericht über angesagte Verkleidungen in der aktuellen Session zu betrauen. Ausgerechnet mich, der ich zeitlebens nur als wandelnde Altkleidersammlung durch den Karneval getapert bin. Obwohl. Ich erinnere mich gern an eine originelle und zudem überaus preiswerte Kostümierung, die irgendwann in den späten 80er Jahren einer Ausgabe der „Titanic“ beilag. Unter dem Slogan „Als Gorbi durch die Tollen Tage“ fand sich im Heft eine herausnehmbare Schablone, mit deren Hilfe sich ziemlich exakt der markante Blutschwamm auf der (Halb-)Glatze des damaligen Generalsekretärs des Zentralkommitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KpdSU), Michail Sergejewitsch Gortbatschow, aufs Haupt sprühen ließ. Ich habe seinerzeit kurz darüber nachgedacht, von dem Utensil Gebrauch zu machen, es aber dann doch gelassen. Die Glatze hätte ich mir erst scheren müssen und mich nur für ein paar Tage kölscher Witzigkeit für Wochen zu verunstalten, war mir denn doch zu heftig. Heute gehen ja viele Zeitgenossen aus rein modischen Überlegungen barhäuptig durchs Leben und darum wäre so ein Gorbi-Look im Karneval rein technisch und ästhetisch überhaupt kein Problem. Blöd ist nur, dass unter den Narren inzwischen kaum noch jemand weiß, wer Michail Sergejewitsch Gortbatschow war und dass er diesen Blutschwamm hatte, bzw. immer noch hat. Vergessen, vorbei.

 

Also rein ins aktuelle Geschehen im närrischen Kaufhaus „Kölner Kostümkiste“ am Bonner Wall. Erster Eindruck: Boah, ey! Zweiter: Na, ja. Sensationell neue Trends habe ich da bei näherem Hinsehen jedenfalls kaum entdeckt. Auffallend jedoch, dass die ewigen Jungs-Klassiker Cowboy und Indianer kaum mehr im Angebot sind. Zwar gibt’s einzelne Trommelrevolver sogar in Rosa (für die Gay-Community?), aber Komplettensembles aus dem Wilden Westen sind schwer zu finden. Auch von Scheichs keine Spur. Waren doch auch mal schwer angesagt und einfach zu realisieren:  weißer Umhang,  Palästinenser-Feudel, Sonnenbrille und (Schnauz-)Bart – fertig. Frag ich mich doch prompt, ob das womöglich mit dem bösen Islamismus zu tun hat. Wohl eher nicht. Cowboys und Indianer unterhalten meines Wissens aktuell keine Terrorzellen und sind trotzdem raus. Stattdessen dominiert im Fummel-Fundus für Männlein und Weiblein nach die vor das Piratenwesen in allen erdenklichen Formen, Farben und Größen. „Fluch der Karibik“ ist zwar schon lange her, aber vermutlich halten die „Kasalla“-Jungs die Welle am Leben. (Ähnlich wie „Brings“ den Schotten-Look, der sich, wenn auch in weit bescheidenerem Ausmaß, ebenfalls in verschiedenen Ausführungen findet.) Überhaupt ist Seefahrt schwer angesagt. Vom schlichten Matrosen-Outfit bis zum Traumschiff-Kapitän-Ganzkörperanzug ist alles dabei. Auch Edel-Versionen von an Barock und Rokoko gemahnenden Brokat-Gewändern in Brokat sind zu stolzen Preisen knapp unter 100 Euro zu haben. Daneben ein paar grüne Overalls für den Herrn, auf denen Buttons „Jet Pilot“ prangen und natürlich massenhaft bajuwarische Trachten. Die kölschen Jecken denken bei allem Hang zur Narretei ja offenbar durchaus praktisch. Dirndl und Krachlederne kann man schließlich zum Oktoberfest, zum  Après Ski und im Karneval auftragen. Da rechnet sich so eine Anschaffung.

Individualiltät von der Stange

Der Hit sind, wie mir eine freundliche Verkäuferin erklärte, in diesem Jahr allerdings Patchwork-Jacken, die aussehen wie selbst gemacht. Wenn sie zu Hunderten auf der Stange hängen, sehen sich die Joppen zwar bemerkenswert ähnlich, aber der Merchandising-Coup hin zu „Mehr-Individualität-wagen“ funktioniert offenbar. Zumindest konnte ich den Vortrag eines Verkäufers belauschen, der einem Kunden erklärte, mit solch einer Joppe hätte er doch was Eigenes und sähe nicht aus wie alle anderen. Was der verkleidungswillige Individualist dann auch gleich eingesehen und das Stück gekauft hat. Schwierig läuft es in dieser Session scheinlich eher für Kinder. Da ist kaum was angesagt. Zumindest gibt es aktuell offenbar keinerlei Helden aus Fernsehen und Kino, mit denen man sich -rein äußerlich- solidarisch erklären könnte. Beherrschten einst sukzessive Schlümpfe, Teletubbies, Schwammköpfe und Harry Potters) die Szenerie, haben offenbar weder „Herr der Ringe“ noch „Der kleine Hobbit“ markante Figuren hervorgebracht, die sich karnevalistisch in großem Stil irgendwie nutzbar machen ließen. In einer hinteren Ecke staubten zwar noch ein paar Laser-Schwerter und Darth-Vader-Masken vor sich hin, aber „Star Wars“ ist ja ähnlich lange her wie Gorbi.

Hat der Nubbel Erstkommunion?

In der Filiale von „MTK Sparkauf. Der Karnevals-Discounter“ im Prinzip dasselbe Bild. Allerdings
hat man hier für jüngere Damen noch auffällig viele Berufsbekleidungen aller Art im -scheint´s unsterblichen- Fick-mich-Look auf Lager: Krankenschwester, Polizistin, Schneewittchen, Stewardess, Pippi Langstrumpf, Schottin und (logisch) Piratin im Super-Mini. Wenn´s denn hilft.   
Irritiert hat mich auf meiner Recherchetour der Tatbestand, dass viele der einschlägigen Anbieter schon am Wochenende mit Preisnachlässen von 20 % lockten. Schlussverkauf knapp eine Woche vor Beginn des närrischen Treibens? Erstaunlich. Vielleicht aber auch nicht. Denn offenbar weiß auch der Nicht-Sitzungs-Karnevalist inzwischen Anlässe zu schaffen, zu denen man schon vor Weiberfastnacht in närrischem Ornat erscheinen kann/muss. So war meine Gattin am vergangenen Donnerstag zu einer Veranstaltung namens „Nubbeltaufe“ in einer Südstadtkneipe geladen. Erscheinen im Kostüm erbeten. Steinalte Tradition oder cleverer Marketing-Einfall? Keine Ahnung.
Hat der Nubbel, um die Durststrecke zu überbrücken, heute oder morgen womöglich auch noch Erstkommunion?  Bleibt als Fazit: Ist  für Narren offenbar nicht so einfach, das mit dem passenden Kostüm.   

 

Unvergesslich ist mir auch ein Freund des Sohnes zu Grundschulzeiten, der auf die Frage, als was er sich denn im Karneval verkleiden wolle, stets erklärte: als Geheimagent! Was ja nun ein kompliziertes Unterfangen ist. Für so einen Agenten ist Unauffälligkeit schließlich oberstes Gebot. Im Alltag wäre also ein gediegener Alltagslook von H & M oder C & A vermutlich angemessen. Womit man im Karneval allerdings bös aus der Rolle fallen würde. Um da in Köln möglichst unerkannt in der Masse mitschwimmen zu können, müsste eher eine gerade gängige Kostümierung her. Frei nach dem Motto: Ich seh´ vielleicht aus wie ein Pirat, aber das ist nur Tarnung, weil ich eigentlich Geheimagent bin. Womit man ja schwerst undercovermäßig unterwegs wäre. Ich habe seinerzeit nie rausbekommen, was den jungen Mann zu diesem Kostümierungswunsch gebracht hatte. Hatte er alte S/W-Filme gesehen und an Trench und Schlapphut gedacht oder sich womöglich heimlich einen „James-Bond“-Streifen eingepfiffen und erwartet, mit diesem Berufsbild könnte er sich im Karneval vor Rasse-Sportwagen und vollbrüstigen Blondinen nicht retten? Ich weiß es bis heute nicht. Ich hab´ ihn im Straßenkarneval nie erkannt. Womit er dann ja wohl alles richtig gemacht hatte.
 

Text: Reinhard Lüke

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