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Gesellschaft

Kinder, so geht das nicht!

Montag, 4. Oktober 2010 | Text: Doro Hohengarten | Bild: DesignWork

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Elternzeit zwischen „mutterseelenallein“ und Workaholic: Viele Paare lassen sich und ihren Kindern immer noch die einmalige Chance auf gleichberechtigte Erziehung entgehen. Schade eigentlich.

 

Am Wochenende war Sabine da. Ich habe sie nicht wiedererkannt. Noch vor eineinhalb Jahren war Sabine die Sorte Frau, die man gern zur Freundin hat. Unabhängig, witzig, ehrlich, interessiert, informiert, ehrgeizig und schön. Sabine trug mondäne Sonnenbrillen und gewickelte Sommerkleider mit großer Anmut. Ihr Söhnchen Jari, vor einem guten Jahr geboren, trug sie genau so.

Die Sabine, die am Sonntag durch meine Wohnungstür kam, trottete mit hängenden Schultern ihrem Kind hinterher. Ihre glanzlosen Augen rasteten kaum. „Ich hatte keine besonders gute Zeit“, sagte sie. Was war passiert?

Elternzeit.

Es gibt sie, die Männer die Lust aufs Familienleben haben. Die Männer, die alle zwölf für sie möglichen Elternzeitmonate nehmen. Morgens auf dem Ohmplatz. Es gibt auch Paare, die sich die Elternzeit teilen – jeder, sagen wir, kümmert sich sieben Monate um den Nachwuchs. So ein Paar kenne ich auch.

Tatsache aber ist: Laut Bundesfamilienministerium geben 67 % der Männer an, in Elternzeit gehen zu wollen, sobald sie Kinder haben. 18,5% tun es wirklich, davon 3/4 nur die minimal notwendigen zwei Monate, um Elterngeld zu beziehen.

Sabine und ihr Freund Sven hatten sich ein Baby gewünscht und bekommen (sie ein bisschen mehr als er). Von 14 Elternzeit-Monaten hat Sabine zwölf genommen. Sven zwei, und zwar zwei, in denen auch Sabine zuhause war. „Die Arbeit war dieselbe“, sagt Sabine. „Aber er hat ein bisschen mehr mit Jari gespielt“.

Sabine hatte sich zunächst über die Auszeit aus dem Jobleben gefreut. Doch hat sich das Arbeitspensum nur nach Hause verlagert. Sie kauft ein, putzt, kocht, kümmert sich um Arztbesuche und Turnkurse für den Kleinen. Sie will ihr Kind in seiner Entwicklung unterstützen so gut sie nur kann. Sie prüft alles ganz genau, jede Entscheidung ist fundiert. Sie arbeitet als Mutter so perfekt wie sie es in der Jobwelt gelernt hat.

Sie hat keine Familie vor Ort, die ihr das Kind manchmal abnehmen könnte, keine babysittenden Freunde und keine Kinderfrau. Den Job macht sie: mutterseelenallein. Jetzt, nach über einem Jahr, ist sie am Ende ihrer Kräfte angekommen: „Ich will einfach nur wieder arbeiten“.

„Sich um Kinder zu kümmern“, enthüllte mir neulich mein Teilzeitvater-Freund Mattes, „bedeutet organisatorisch dauernd über- und intellektuell unterfordert zu sein“. Derzeit kümmert sich Sabine um die Anmeldung und Eingewöhnung des Söhnchens in einer Krippe. Sie alleine macht das. Nicht Sven. Denn sie will ja wieder arbeiten gehen, demnächst, halbtags wenn möglich.

Sven ist in dem Spiel der Hauptverdiener, das war ziemlich schnell für beide klar und wird wohl auch so bleiben. Schließlich verdient er ja ganz gut, und, Elterngeld hin oder her, das Maximum an Geld sollte es schon sein, bei all den Ausgaben, die man so hat mit einem Baby. Edel-Kinderwagen, Markenklamotten, Bioleckereien.

Von dem Moment an, in dem sein Sohn da war, stürzte sich der quirlige Sven noch mehr ins Arbeitsleben als bisher. Ein spannendes Projekt jagte das nächste. So ist das bis heute. Noch nie hat er mehr als fünf Stunden allein mit seinem Sohn verbracht. Sven, der kreative Tausendsassa, ist in die klassische Versorgerrolle gerutscht. Man kann es auch so formulieren: Vor dem Alltag mit Kind ist er geflüchtet. Er entzieht sich seinem Sohn, mit ihrem Einverständnis.

Das hätte er vor 60 Jahren genau so machen können.

Ich kann es nicht verstehen. Zwei moderne Menschen, Anfang Mitte dreißig (und beide waren in meinen Augen ein emanzipiertes Paar): Sie lassen sich die gesetzlich ermöglichte Chance entgehen, gemeinsam und gleichberechtigt das Familienleben zu gestalten. Im Jahr 2010.

Man hört noch mehr pragmatische Argumente als das Geld. Dieses zum Beispiel: „Ich kann es mir in meinem Job nicht leisten, ein Jahr aus dem Beruf auszusteigen.“ Warum kann es sich Sabine leisten? Warum bringt sie den „Mut“ auf? Sie ist ebenso qualifiziert und ehrgeizig wie er. Warum wird sie es sein, die in Teilzeit in Zukunft die weniger verantwortungsvollen Jobs abbekommt als er? Warum traut er sich nicht, selbstbewusst seinem Chef und den Kollegen die Stirn zu bieten, wenn sie die väterliche Elternzeit belächeln oder gar das hässliche Wort „Karriereknick“ bemühen? Warum sind es, wenn überhaupt, immer Frauen, die sich für Teilzeitjobs mit Verantwortung, Homeoffice und die Abschaffung der Dauer-Präsenz im Büro einsetzen – kurz für ein familienfreundlicheres Arbeitsleben? Wenn keiner von all den Svens den Anfang macht – wie soll sich dann je etwas ändern?

Irgendwann wird Sabine das sagen, was viele Mütter sagen: „Ach weißt du, mir bedeutet meine Karriere nicht mehr so viel. Mein Kind gibt mir viel, viel mehr“. Und ihm? Gäbe ihm das Kind nicht auch viel, viel mehr? Und Jari: wird ihm der Wochenend-Papa irgendwann nicht mehr genügen, wo es doch in Kindergärten und Schulen ohnehin an männlichen Vorbildern mangelt?

 

Sabine wird Recht und nicht Recht haben. Sie wird es genießen, Jari aufwachsen zu sehen. Eine kreative, hoch qualifizierte Angestellte wird sich aber künftig unter Wert verkaufen. Sie wird damit ein Opfer eines typisch deutschen Widerspruchs sein – dem zwischen Kind und Karriere.

Ist das mit dem neuen Wertekonservatismus gemeint, der überall beschworen wird: Wir rutschen leise und mit staatlicher Unterstützung zurück in die Rollen unserer Eltern…?

 

Bitte, Sabine und Sven. Werdet wieder die Alten.
 

Text: Doro Hohengarten

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