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Gesellschaft Kultur

Kölsche Zigeuner…

Dienstag, 5. Juni 2012 | Text: Judith Levold | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

…laden ein zum 1. Rheinischen Zigeunerfestival! Mit dem Titel habe man niemanden provozieren wollen, Zigeuner sei nun mal der Sammelbegriff für Sinti, Roma und alle anderen Stämme jenes traditionell reisenden Volkes, sagt mir Markus Reinhardt, Spross der Musikerdynastie um Django Reinhardt, dem legendären Sinti-Jazzer. Er und viele andere, gerade deutsche und speziell Kölner Sinti sähen sich einfach selbst als Zigeuner und mit dem vermeintlich politisch korrekten Begriff Sinti&Roma erfasse man ja gar nicht alle Stämme und Gruppen, die die Zigeuner über ganz Europa verstreut ausmachten. Insofern sei das eine Kopfgeburt von Institutionen, die es sich zur Aufgabe gemacht hätten, Zigeuner, pardon, Sinti&Roma, vor Diskriminierung zu schützen, fügt Musikerkollege Rudi Rumstajn augenzwinkernd hinzu.

Und Diskriminierung findet natürlich trotzdem statt, gänzlich unberührt von Begriffsdebatten. Um jedoch Grenzen und Vorurteile -Nährboden aller Ressentiments- abzubauen, habe man mit dem Festival mal selbst etwas auf die Beine stellen wollen, statt immer nur Gegenstand von Forschung, Opferschutz und „Veranstaltungen über…“ zu sein. Sich selbst und die ganze Bandbreite der Zigeuner-Musik zu zeigen und dazu alle Menschen einzuladen – das sei Sinn des seit fünf Jahren geplanten Festivals, das nun -endlich- Realität wird. Mit dem Organisationsteam des Rheinischen Zigeunerfestivals, den Musikern Markus Reinhardt und Rudi Rumstajn sowie Jan Krauthäuser vom Humba e.V. und Sonja Grupe vom Südstadtleben e.V. habe ich im Schatten der Lutherkirche Kaffee getrunken und angeregt diskutiert. Die beiden Musiker sind die ersten Zigeuner in meinem Leben, mit denen ich persönlich in Kontakt trete.

 

Meinesuedstadt: Was bekomme ich als Besucher beim Festival?
Markus Reinhardt: Sehr viel Musik. Und Tanz. Ganz verschiedene Genres der Musik von Zigeunern. Aus verschiedenen Ländern – die spanischen Zigeuner zum Beispiel haben den Flamenco hervorgebracht…

Jan Krauthäuser: …ja die Zigeuner sind ja Profis in Sachen Migration. Und wo sie gerade sind, da machen sie was mit dem, was sie vorfinden. Sie verändern die Kultur, entschleunigen sie. Und ihr Markenkern ist quasi die Musik. Flamencoklänge waren arabische Musik, von den Christen verboten, die andalusischen Zigeuner haben daraus den Flamenco entwickelt und der ist heute die christliche Musik Südspaniens.

Markus Reinhardt: Und außer Musik, von deutschen Sinti, ukrainischen Roma oder Ex-Jugo-Gypsy-Folk natürlich die Zigeuner selbst. Sie können sie kennen lernen. Du kriegst mit, wie sie miteinander reden, wie sie mit Kindern, mit Frauen umgehen…

Rudi Rumstajn: …und die jungen Leute. Die kommen da auch hin. Für die ist das eine Gelegenheit, stolz auf ihre Kultur zu sein. Über Musik lässt sich das am besten transportieren. Das ist identitätsstiftend.

Jan Krauthäuser: Die Musik ist neben der Schaustellerei und verschiedenen Handwerken ja die stärkste Kompetenz der Zigeuner, schon seit Jahrhunderten. Sie haben eine Musik- und Gauklerkultur.

Markus Reinhardt: Und wir waren auch immer Informationsträger, Informations-Überbringer…

Meinesuedstadt: Also ich habe Zigeuner stets nur mit drei Schlagworten verbunden: „Arpad der Zigeuner“, einer Abenteuerserie, die ich als Kind begeistert im TV sah, Django Reinhardt, dessen Platten meine Eltern hörten und Klau-Kids auf der Domplatte
Markus Reinhardt (lacht): Ja, das ist so das Klassische. Und als in Köln geborener Sinto muss ich mich oft rechtfertigen „Wieso schickt Ihr Eure Kinder zum Klauen?“, dabei habe ich damit null am Hut, das sind meist arme Romakinder. Aber das Klauen ist ja kein Problem der Zigeuner an sich, sondern ein Problem von Armut…

Sonja Grupe: Richtig. Das hat man in allen ethnischen Gruppen. Ich zum Beispiel war, als ich zum Organisationsteam stieß, auch so auf dem Level der drei gerade genannten Schlagworte. Und habe erst über das persönliche Kennenlernen von Euch und anderen Zigeunern meine Haltung verändert. Das ist uns hier in der Lutherkirche wichtig: nicht Vorträge über, sondern Veranstaltungen mit zu machen, dann kann man nämlich wirklich mal eine andere Kultur erleben…

Rudi Rumstajn: …genau! Das ist es ja auch, was wir mit dem Festival wollen: Begegnung ermöglichen. Nicht irgendwo versteckt sein wie Indianer im Reservat, sondern mitten in der Stadt.

Markus Reinhardt: Und die Vielfalt zeigen. Die Gruppen, die auftreten, repräsentieren ja sehr unterschiedliche Stile und Eigenheiten, wir laden alle ein und verbinden.

Meine Südstadt: Warum habt Ihr nicht so etwas wie ein Zigeuner-Lager aufgebaut, wo ich mehr über die Lebensweise und zum Beispiel einzelne Schaustellerei-Genres erfahren kann?
Jan Krauthäuser: Das hätten wir gerne, aber dafür haben wir den Platz nicht bekommen und das Festival ist auch nicht so groß geworden, wie wir eigentlich wollten – aus finanziellen Gründen. Aber es ist ein Anfang, ein Versuch, eine Minderheit in die Mehrheitsgesellschaft zu tragen.

Markus Reinhardt: Und das ist auch mein Wunsch für ein nächstes Festival: Köln zum Zentrum der Zigeunerkultur zu machen. Wir sind nämlich vom Aussterben bedroht, also unsere Kultur. Wir wollen das lebendig halten und nicht im Museum landen.

Das Gespräch hat Judith Levold aufgezeichnet. Wer Lust hat, Zigeuner und ihre Musik kennenzulernen, mit ihnen zu essen und zu trinken und zu reden, der hat dazu in den kommenden Tagen viel Gelegenheit. Los geht es am Mittwoch mit einer Zigeunernacht in der Lutherkirche mit Caci Vorba und Kalyi Jag aus Polen und Ungarn, auch Markus Reinhardt und Rudi Rumstajn sind dabei und haben sich eine musikalische Überraschung ausgedacht. Am Donnerstag dann von 14-21h auf der Wiese vor dem LVR am Kennedyufer in Deutz: verschiedenste Bands treten auf – bei freiem Eintritt. Freitag dann zum Abschluss die Swing-Nacht samt Django-Reinhardt-Film wieder in der Lutherkirche.

 

 

Mehr im Netz

Das ganze Programm auf www.zigeunerfestival.de
 

Text: Judith Levold

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