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Politik

Können Wahlplakate auch schön sein?

Dienstag, 6. Mai 2014 | Text: Jörg-Christian Schillmöller | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Ein Spaziergang mit Professor Michael Gais von der Köln International School of Design (KISD). Vormittags um 10 auf dem Eierplätzchen, die Sonne scheint, bestes Licht für ein ästhetisches Gutachten. Michael Gais ist Professor für Typographie und Layout an der KISD und sagt gleich zu Anfang: „Wahlplakate sind ein extremer Einschnitt ins Stadtbild“. Das meint er nicht wertend, sondern beschreibend. Später, am Chlodwigplatz, werden wir verstehen, was er meint: Der Platz ist fest in der Hand einer Partei.

Aber eins nach dem anderen. An der Laterne auf dem Eierplätzchen hängen die Grünen und die Kölner Wählergemeinschaft „Deine Freunde“. Beide rund drei Meter hoch und damit fast auf Pro-Köln-Höhe. Das Plakat von „Deine Freunde“ sieht aus wie ein Comic: Ein gezeichnetes Gesicht, bunte Farbflächen, dazu der Schriftzug „Eine Freundin für laute Kultur“.

„Es ist auffällig, dass ‚Die Freunde‘ keine Fotos verwenden“, sagt Michael Gais. „Damit setzen sie sich visuell ab. Sowas macht keine andere Partei.“ Gais nennt das ein „key visual“ und kommentiert: „Damit haben ‚Die Freunde‘ ihre Nische gefunden.“ Befremdlich findet er die Zeichnungen trotzdem: „Es wirkt ein bisschen so, als wollten die sich hinter einer Maske verstecken und nicht mit ihren wahren Gesichtern für ihre Inhalte einstehen“.

 


Michael Gais ist Professor für Typographie und Layout an der KISD.

Neben den Freunden hängen die Grünen – zwei Kinder mit Sonnenbrillen, ein Sprechblasenspruch: „Damit aus kleinen Pänz große Demokraten werden!“ Michael Gais gefallen die Plakate der Grünen: „Sie sind gestalterisch anspruchsvoll, die Motive sind von weitem erkennbar, und auf fast allen Plakaten finden Sie eine dynamische Schräge – also dass die Typographie leicht schräg gestellt ist.“ Trotzdem, auch hier ein Wermutstropfen: „Die Grünen sind konservativer geworden auf ihren Plakaten. Heute sind sie eher nett und provozieren nicht mehr. Als Gestalter finde ich das schade.“

Wir schlendern über den Mittelstreifen der Teutoburger Straße, und vom Kreisverkehr an der Alteburger Straße leuchtet es schon von weitem. Geschickt gehängt, schön mittig, nicht zu hoch, freundlich lachend und eine Kette mit unklarem Anhänger um den Hals. Walla Blümcke, SPD, die Arme verschränkt, dazu der Spruch „Wir können Köln!“ Grammatisch fragwürdig, und alles vor einem Hintergrund in Purpur, den die SPD seit 2011 verwendet.

„Früher war das die teuerste Farbe“, kommentiert Michael Gais. „Purpur von den Purpurschnecken – das konnten sich nur Könige und Kardinäle leisten. In den Siebziger- und Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts stand violett dann für Frauenpower und Feminismus. Vor diesem Hintergrund wirkt das Plakat noch skurriler.“ Trotzdem hält Gais die Werbung für professionell und gut gemacht.

 

Und er weist uns auf ein Detail hin: Der purpurfarbene Hintergrund ist nicht uni. Vielmehr taucht darauf oft das Kürzel SPD auf, „so wie auf einer Tapete, die man von großen Unternehmen kennt“, meint Gais. Einer seiner Leitgedanken: Das Corporate Design der Parteien. Hier, bei der SPD, aber auch bei den anderen, ist ein Konzept zu erkennen. Immerhin – es muss ja nicht jedem gefallen.

Ein paar Meter weiter stellt sich uns die Partei „Die Linke“ in den Weg. „Auch für Flüchtlinge“ (in rot), „Menschenwürde garantieren!“ (in schwarz). Plus Schwarz-Weiß-Foto und rotem Logo. „Die Linke hat mich als Grafikdesigner bei den etablierten Parteien am meisten enttäuscht. Das ist die Verneinung von Gestaltung, da gibt es keinen Anspruch. Einem Studenten an der KISD würde ich das um die Ohren hauen.“

Kunsthistorisch interessant findet er das Plakat trotzdem: Die Farbwahl erinnert Gais an die russische Avantgarde von Anfang des 20. Jahrhunderts und an die Grundfarben schwarz und rot: „Das hier sind so Überbleibsel“, findet er. Und vermutet, dass die Linke mit dem einfach gehaltenen Plakat signalisieren möchte: Wir sparen, es geht uns nur um die Sache, also: Wir stehen für Ehrlichkeit ohne Schnörkel.

Wir biegen dynamisch schräg ab in die Darmstädter Straße. Dort hängt die CDU, vertreten durch Günter Leitner. Solide gemacht, ordentlich fotografiert – so das Urteil von Michael Gais. „Dass die CDU im Jahr 2004 das Orange gewählt hat, das war ein mutiger Einschnitt“, erzählt er. „Mich erinnert das Orange an die Siebziger Jahre, und es steht sicherlich für Dynamik, Jugend und Frische.“

Er deutet auf ein Mini-Detail: Der Slogan „Für Sie in den Stadtrat“ ist bei genauerem Hinsehen eine Sprechblase: Das Kästchen hat die typische kleine Ausbuchtung, die man von Comics kennt – „hier aber ganz klein und verschmitzt“, meint Gais (bei den Grünen auf dem Eierplätzchen war die Sprechblase von weitem zu erkennen).

 

Wir schlendern Richtung Bonner Straße und fragen uns, was Wahlplakate eigentlich wollen. Die Botschaften sind austauschbar, die Köpfe sind allzu bekannt oder aber vollkommen unbekannt. Vielleicht haben die Plakate einfach nur eine demokratische Symbolfunktion? „Sie erinnern uns daran, dass Wahlen sind“, meint Gais. „Umso erstaunlicher, dass es jedes Mal diese riesige Welle in der Presse gibt, also dass es zu viele Plakate sind und dass das Stadtbild verschandelt wird.“

Aber was ist mit „Pro Köln“ und den umstrittenen Slogans von 2014, laut Kölner Staatsanwaltschaft strafrechtlich nicht relevant? „Es ist die Stärke von Demokratie, sich damit auseinanderzusetzen. Ich kann das ertragen“, sagt Michael Gais. Auf unserem Spaziergang finden wir kein Plakat von „Pro Köln“ – die hängen aber zum Beispiel an der Vorgebirgsstraße oder an der Bonner Straße Richtung Verteilerkreis.

Wir stoßen weiter nördlich auf die Bonner Straße – und stehen vor der FDP. „Das ist kein schönes Plakat, man erkennt nicht, was Sache ist“, meint Gais. Zu sehen ist eine seelenlose Unterführung, am Dom oder wo?, dazu der Slogan „Gepflegte Stadt statt scheißegal“. Michael Gais findet, das Foto hätte anders ausgeleuchtet werden müssen. Der FDP bescheinigt er vor allem eines: Sie sei sich bei der Farbwahl am treuesten geblieben. Das Blau-gelb, sagt er, stamme von einem sehr erfolgreichen Wahlkampf aus den Siebziger Jahren (Anm. der Red.: auf der Homepage ist von 1968 die Rede).

In enger Nachbarschaft zur FDP steht die „Alternative für Deutschland“, Zitat: „Die Schweiz ist für Volksentscheide. Wir auch“. Geht es um das umstrittene Referendum über die Begrenzung der Migration? „Wenn man das darin sehen will, dann kann man das darin sehen“, erklärt Gais. Er lenkt unseren Blick auf das Parteilogo: „Der Pfeil erinnert stark an den Swoosh von Nike“, sagt er. Nicht sehr intelligent, eher konventionell – aber gut gemacht, weil das Plakat funktioniere wie ein Straßenschild – und von weitem zu erkennen sei.

 

Wir sind im Landeanflug auf den Chlodwigplatz und streifen dabei die DKP: „Mieten runter! Wohnraum schaffen!“ steht da am Zebrastreifen bei Bäcker Hütten – etwas unterhalb der Augenhöhe auf einem „Aufsteller“ aus Holz. „Ein klassisches Protestplakat, visuell sehe ich keine Fortentwicklung zu dem, was vor 30, 40 Jahren war“, meint der Grafikdesigner. Und wenn schon Hammer und Sichel, sagt er, dann wenigstens gut erkennbar – und nicht so ineinander verwischt und kaum zu entziffern wie mit dem kleinen Emblem über den Buchstaben DKP.

Wir erreichen den Chlodwigplatz und lernen, was es heißt, den urbanen Raum zu dominieren: Überall Plakate der SPD, in verschiedener Höhe – diesmal ohne Fotos, und zu lesen sind auf die Schnelle nur Schlagwörter: Sozial, Europa, Arbeit, Gerecht, Beteiligen – das Auge wandert wie auf einer Perlenschnur von Bild zu Bild. „Die SPD will diese Wörter im Raum haben“, kommentiert Michael Gais. „Das Violett, das sticht schon heraus“, meint er. „Aber wir brauchen noch Zeit, um das auch mit der SPD zusammenzubringen.“

Da fällt dann auch das Plakat der „Bürgerbewegung Solidarität“ nicht mehr ins Gewicht. „Wir Deutschen können den Weltkrieg stoppen“, heißt es, und noch einiges mehr. Die Botschaft ist unklar, aber das ist die „BüSo“ auch. Im Internet findet sich viel dazu, Kritiker sprechen von einer Polit-Sekte. „Das ist gestalterisch die größte Entgleisung“, kommentiert Gais: „So viele Schriftzüge und Elemente auf einem einzigen Plakat: Das ist ganz zugekleistert, es gibt keinen visuellen Einstieg – wenn man von dem Wort ’stoppen‘ mal absieht.“

Unser Spaziergang endet hier am zentralen Platz der Südstadt – und bei uns bleibt der Eindruck: Wahlplakate haben nicht das Zeug zu Schönheitsköniginnen. Aber wenn man sie mit einem Design-Fachmann begutachtet, lernt man wenigstens etwas über Farbe und Grafik. Und kann am 25. Mai 20144 – ästhetisch geschult – genau das Richtige tun: wählen gehen.

 

 

 

Lesen Sie auch: „Die Wahl kommt: ein juristischer Ratgeber für Anwohner.“

Text: Jörg-Christian Schillmöller

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