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Gesellschaft

„Kranke und alte Menschen haben keine Lobby“

Dienstag, 11. Dezember 2012 | Text: Jörg-Christian Schillmöller | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

„Meine Südstadt“ begleitet eine Stunde lang Menschen, die das Viertel am Laufen halten – heute haben wir das Seniorenzentrum „Arnold-Overzier-Haus“ besucht und Altenpflegerin Sylvia Möller begleitet.
Wer mit Sylvia Möller über ihren Beruf spricht, lernt neue Begriffe. Zum Beispiel, dass es heute nicht mehr „Station“ heißt, sondern „Wohnbereich“. Dass es keine „Patienten“ gibt, sondern „Bewohner“. Dass jede Pflegerin und jeder Pfleger für eine „Bezugsgruppe“ zuständig ist. Sylvia Möller spricht klar und deutlich. „Wir reden alle immer laut“, sagt sie. „Das muss ich mir daheim schon mal anhören: So laut sprechen kannst Du auf der Arbeit, nicht zuhause.“ Sie lacht. Das tut sie häufig. Es ist kurz vor zehn Uhr morgens.

Sylvia Möller trägt keinen weißen Kittel. Sie trägt eine dunkelblaue Jeans, ein türkis-farbenes Shirt und schwarze Turnschuhe. Auf dem kleinen Schildchen am Shirt stehen ihr Name und das Wort „Pflegefachkraft“. Sylvia Möller arbeitet seit sechs Monaten wieder im Arnold-Overzier-Haus, so wie schon früher. Ihren Beruf übt sie seit dem 17. Lebensjahr aus, und wenn sie zurückschaut auf ihre ersten Jahre, dann sagt sie sehr direkt: „Angesichts der Arbeitsbedingungen damals habe ich große Achtung vor mir, dass ich dabeigeblieben bin.“ Warum? „Die alten Menschen wurden früher kaum mobilisiert, es gab keine modernen Windeln, wir mussten mit Puder und Zellstoff arbeiten. Viele waren wundgelegen. Zum Essen ging ein Kollege durch die Zimmer und setzte die Leute im Bett hoch. Dann kam der nächste und brachte das Essen, dann kam einer und räumte wieder ab.“ Warm, satt, sauber: So hieß das einst. Und heute? „Heute stehen die Bewohner im Vordergrund. Wir versuchen, ihren Wünschen und Bedürfnissen gerecht zu werden.“

 

Die Worte klingen zwar wie aus der Broschüre. Begleitet man Sylvia Möller aber zu ihren Bewohnern, sieht man schnell, dass sie das Gesagte selbst in die Tat umsetzt. Wir gehen heute Vormittag zu Rudolf Kaminski (Name geändert). Er stammt aus Polen, war Zeit seines Lebens Papiermacher. Rudolf Kaminski ist über 80 und dement. „Haben Sie schon mal rausgeschaut, Herr Kaminski?“ „Nein.“ „Es hat doch geschneit“. „Ja“, sagt er. Herr Kaminski ist freundlich und höflich. Nein, sagt er, er habe kein Problem mit den beiden Reportern. Wir versuchen, möglichst dezent im Hintergrund zu bleiben.

Herr Kaminski muss erstmal gewaschen und angezogen werden. Währenddessen wollen wir wissen, wie einst in Polen Weihnachten gefeiert hat. „Große Feier, viel zu essen“, meint Rudolf Kaminski, während Sylvia Möller ihm die Thrombose-Strümpfe anzieht. Dann piepst ihr Telefon. Was früher im Altenheim die roten und grünen Lämpchen über der Zimmertür waren, das ist heute das Telefon hinten in ihrer Jeans. „Im Display kann ich dann sehen, ob das einer meiner Bewohner ist und welcher unserer Pfleger zuständig ist.“

Rudolf Kaminskis Zimmer: An den Wänden Bilder von Landschaften mit Försterhäusern, einige Kupferstiche. Auf dem Tisch ein Schachbrett, ein paar Ausgaben von „ADAC Motorwelt“. Ein kleiner Balkon mit zwei Stühlen. Sylvia Möller hat Herrn Kaminski inzwischen ins Bad gebracht und bezieht jetzt sein Bett frisch. Die Laken rauschen in der Luft. „Wir legen großen Wert auf die Selbstbestimmung“, sagt Sylvia Möller. Das heißt: Wenn jemand nicht zur üblichen Zeit aufstehen will, dann kann er eben noch liegenbleiben und später frühstücken. „Wir haben aber auch Bewohner“, erzählt sie, „die sitzen pünktlich um acht am Tisch, weil sie befürchten, dass es später nichts mehr gibt. Das stimmt natürlich nicht.“

Und der Rücken? Nach all den Jahren des Hebens und Stützens alter Menschen? „Mein Rücken? Der ist kaputt“, meint Sylvia Möller. „Sie sehen ja, ich habe einen Rundrücken. Aber man lebt damit.“ Womit sie weniger gern lebt, ist der Umgang unserer Gesellschaft mit alten und kranken Menschen. „Viele haben ja heute gar nicht mehr die Möglichkeit, ihre Eltern zuhause zu pflegen. Da reicht der Wohnraum überhaupt nicht aus. Und wer seine demente Mutter pflegen will, der müsste ja wahrscheinlich seinen Beruf aufgeben.“ Gehen wir also nicht angemessen mit den Themen Alter, Krankheit und Tod um? „Nee, kein bisschen.“ Die Pflegerin klingt ungehalten. „Kranke und Alte haben doch heute keine Lobby mehr. Wir brauchten da viel mehr Unterstützung, vor allem finanzielle.“

Sylvia Möller geht zu Rudolf Kaminski ins Bad. Jetzt wird rasiert, das kann er nicht alleine. Rasieren, das heißt: nass rasieren. Mit Rasierschaum. „Pünktlich zu Weihnachten habe ich hier meinen Weihnachtsmann mit einem weißen Bart“, scherzt sie. Passend schallt von draußen auf der Straße das Kratzen und Schaben einer Schneeschaufel herauf. Fehlen ihr eigentlich die Zivis, seit der Zivildienst abgeschafft wurde? „Ja, an allen Ecken und Enden. Die haben früher vieles aufgefangen.“ Trotzdem: im Arnold-Overzier-Haus fühlt sich Sylvia Möller gut aufgehoben als Arbeitnehmerin. „Hier werde ich wertgeschätzt“, sagt sie. Was heißt das? „Das heißt zum Beispiel, dass man mir das sagt und zeigt. Und bei der AWO, dem Träger des Seniorenzentrums, da habe ich nicht das Gefühl, dass es nur ums Geld und ums Sparen geht.“ Ihr nächster Satz klingt hart: „Bei meinem vorherigen Arbeitgeber, da wurde uns jeden Tag vorgerechnet, wie teuer wir sind.“

Rudolf Kaminski ist inzwischen frisch rasiert, gewaschen und angezogen. Mit Rollator machen Sylvia Möller und er sich auf den Weg in die Wohngemeinschaft. Vorsichtshalber nimmt Fotograf Dirk den Rollstuhl mit – und tatsächlich wird Herr Kaminski auf halber Strecke langsamer und nickt, als Sylvia Möller ihm den Rollstuhl anbietet. Es ist kurz vor elf, die eine Stunde mit Sylvia Möller ist vorüber. Engagiert ist sie, diese Pflegerin. Freundlich und fürsorglich. Wir lassen sie und ihre Bezugsgruppe mit Rudolf Kaminski im ersten Stock des Arnold-Overzier-Hauses zurück und treten hinaus in das winterliche Köln. Ein Spruch ist uns im Kopf geblieben, der bei Rudolf Kaminski im Zimmer hing. Gereimt, ein wenig altmodisch, aber treffend: „Alle Wünsche werden klein gegen den, gesund zu sein.“

Text: Jörg-Christian Schillmöller

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