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Bildung & Erziehung Familie Gesellschaft

Langsame Mühlen und harte Geschütze: 25 Jahre Zartbitter

Montag, 6. Februar 2012 | Text: Doro Hohengarten | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Manchmal sind es diese flüchtigen Momente, mit denen alles beginnt. Die Hand des Lehrers, die scheinbar versehentlich die Brust der Schülerin streift. Der Blick der Trainerin, der einen Tick zu lange auf dem nackten Körper des duschenden Jungen ruht. Sexuelle Belästigung kann vielfältige Formen annehmen – nicht selten mündet sie in sexuellen Missbrauch. Das hat zuletzt 2010 das Outing zahlreicher Opfer gezeigt: Selbst renommierte Institutionen wie Eliteinternate (Odenwaldschule) oder Kirchen sind nicht frei von Missbrauchsfällen.

 

Einer Studie des Deutschen Jugendinstituts zufolge vermeldeten in den vergangenen Jahren 50 Prozent aller Schulen Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch. Rechnet man, dass hierzulande 14 Millionen Kinder in der Obhut von Schulen sind und nach der Schule vielleicht auch noch in Sportvereinen, Kirchen, Jugendeinrichtungen  – dann versteht man die Größe der Aufgabe, vor der Kinderschützer in Deutschland stehen. Wie soll man all diese Kinder vor möglichen Übergriffen schützen?

 

Grußworte der Kölner Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes.

 

Manche würden angesichts dieser Herausforderung die Flinte ins Korn werfen. Nicht so der Zartbitter e.V. . Die Mühlen mahlen langsam, weiß man hier, aber sie mahlen. Gestern feierte Zartbitter in der Comedia sein 25jähriges Bestehen. Der Verein hatte reichlich prominente Unterstützung und verband die Geburtstagsfeier mit einer Fachtagung zu den Themen „Sexuelle Gewalt in Institutionen“ und „Cyber-Mobbing“. 400 BesucherInnen aus ganz Deutschland und sogar aus Wien waren angereist – die ehemalige Gesundheitsministerin Christine Bergmann, VertreterInnen von Beratungsstellen, Landtagsabgeordnete, JugendamtsleiterInnen, SponsorInnen, die Kölner Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes, aber auch einige der Männer, die 2010 mit ihren öffentlichen Erinnerungen die Diskussion wieder ins Rollen gebracht hatten.

 

Aus der Südstadt heraus hat Zartbitter den gesellschaftlichen Umgang mit sexuellem Missbrauch in Deutschland maßgeblich mitgeprägt. Spricht man von Zartbitter, dann spricht man von einem Dutzend engagierter Frauen und ganz speziell von einer Frau: Ursula Enders. Sie war es, die 1987 den Verein mitgründete. Anlass war eine persönliche Erfahrung: Sie hatte im Kinderschutzbund mit einem Kollegen gearbeitet, der, wie sich später herausstellte, Kinder missbrauchte. „Ich hatte das einfach nicht gemerkt“, sagte Enders gestern in der Comedia, „da wusste ich, dass ich etwas tun musste“.

 

Ursula Enders, Mitgründerin des Zartbitter e.V., setzt sich seit 25 Jahren gegen sexuellen Kindesmissbrauch ein./ Foto: Manfred Linke.

 

Ein langjähriger Kampf um die Rechte und den Schutz der Opfer begann, und wie in allen frühen Kämpfen, wurde mit harten Mitteln gefochten. 1990 erschien Enders Buch „Zart war ich, bitter war’s“. Gegen die darin beschriebene und verurteilte Missbrauchspraxis liefen nicht nur Pädosexuelle Sturm. Missbrauch als flächendeckendes Phänomen quer durch alle sozialen Schichten darzustellen – das empörte auch so manchen politischen Entscheidungsträger, Juristen und Normalbürger. Vor dem Sitz des Vereins am Sachsenring kam es immer wieder zu Demonstrationen und persönlichen Angriffen auf die Zartbitter-Aktivistinnen.

 

Doch Enders setzte noch einen drauf: In der Neuauflage des Buches machte sie 1995 die Namen von Wissenschaftlern öffentlich, die sich ihrer Ansicht nach zu Helfern von Missbrauch gemacht hatten: z.B. durch Publikationen zu Themen, wie dem angeblichen Recht von Kindern ab dem 7. Lebensjahr auf Sex mit Erwachsenen.

Heftige Gefechte lieferte sich der Verein auch mit dem „Spiegel“, der in den 90er Jahren mehrfach Fälle von angeblichem sexuellen Missbrauch widerlegte. Zartbitter spricht bis heute von Verleumdungen durch das Magazin.

 

Inzwischen ist Ruhe eingekehrt. Medienberichte, Studien und Gesetze haben die öffentliche Sensibilität für das Thema erhöht und dazu beigetragen, den Umgang damit zu professionalisieren. Nachdem anfänglich vor allem Missbrauch in Familien im Fokus der Aufmerksamkeit stand, sind heute Themenfelder wie Missbrauch unter Kindern, sexuelle Übergriffe im Internet oder eben institutioneller Missbrauch hinzu gekommen.

 

Zartbitter gilt inzwischen als eine der wichtigsten Anlaufstellen in Deutschland für Opfer und vor allem auch für die Präventionsarbeit. Die Mitarbeiter des Vereins schulen ErzieherInnen, LehrerInnen, SozialpädagogInnen und andere Fachleute. Über die Website klären sie mehrsprachig darüber auf, wie Kinder und Jugendliche sexuelle Übergriffe erkennen und sich dagegen wehren können. Dazu kommen kreative Angebote wie Theaterstücke und Comics.

 

Die Einrichtung mischt inzwischen ganz oben mit. Ursula Enders wird in den kommenden zwei Jahren auf Bundesebene die Fachstellen gegen sexualisierte Gewalt im „Fachbeirat des Unabhängigen Beauftragten zu Fragen des sexuellen Missbrauchs“ vertreten. Nach eigenem Bekunden will sie dafür eintreten, dass missbrauchte Kinder und Jugendliche ein Recht auf Hilfe haben. Eine Therapie für Opfer ist bislang nämlich eine freiwillige Leistung der Jugendhilfe – und Therapieplätze sind so rar, dass bei vielen Kindern die Hilfe, wenn überhaupt, zu spät ankommt.

 

Vorstellung des Buches „Grenzen achten – Schutz vor sexuellem Missbrauch in Institutionen. Ein Handbuch für die Praxis“ von Ursula Enders.

 

Und der Schutz in den Schulen? „Es ist erforderlich dass jede Schule Verfahrensregeln für den Umgang mit Verdachtsfällen sexuellen Missbrauchs hat“, sagt Ursula Enders. „Auf jeden Fall muss ein grenz-achtendes Klima herrschen“. Damit meint sie: Die Grenzen zwischen Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Lehrern müssen von allen geachtet werden. In der Lehrerausbildung ist das Thema sexueller Missbrauch übrigens kein Pflichtbestandteil…

 

 

Weitere Informationen über Zartbitter e.V. findet Ihr unter www.zartbitter.de

Das Buch „Grenzen achten“ von Ursula Enders (Hrg.) erschien kürzlich im KIWI Verlag und kostet 14,99 Euro.

 

 

 

 

Text: Doro Hohengarten

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