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Kultur

„Lebensend und Sonnenschein“ – Die Herzen gingen aus und fanden Freude

Mittwoch, 26. Juni 2019 | Text: Nora Koldehoff | Bild: Nord Koldehoff

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Als die Schelle ertönt, die das Signal zum Start gibt, setzt sich die Gruppe „Geh‘ aus, mein Herz, und suche Freud“ singend in Bewegung. Das Publikum folgt. 40 Jahre alt ist das „Altentheater“ des „Freien Werkstatt Theaters“ in diesem Jahr geworden und das wird gefeiert – mit Veranstaltungen und Sondervorstellungen. Am vergangenen Sonntag lud das Ensemble zum Jubiläum zu einem ganzen besonderen Tag ein, zu einem Theaterspaziergang mit anschließendem Picknick im Grünen.

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Beim Theaterspaziergang wurden der Römerpark zur Bühne und Kulisse für kleine Szenen, in denen zum Teil der Ort und zum Teil die Lebenswelt der Darsteller*innen das Thema waren. So schlüpfet einer der Darsteller in die Rolle des 1852 geborenen städtischen Gartendirektors Adolf Kowallek und berichtete, wie der Park entstanden ist. Ein anderer begeisterte sich für die Artenvielfalt der darin stehenden Bäume. Von Station zu Station führte die Schauspielgruppe ihr Publikum, rezitierte zwischen Sträuchern stehend oder im Eiben-Gebüsch auf einem Ast hockend Gedichte und auch eigene Texte. Die Sprache der Blumen, der eigene Körper und die Liebe zu einem Baum, der nicht mehr steht, wurden lyrisch in Szene gesetzt. Das Gedicht „Warnung“ von Jenny Joseph erzählt davon, wie ausgiebig das Alter auch dafür genutzt werden kann, Angepasstheit und Erwartungen abzuschütteln und einfach mal über die Stränge zu schlagen.

Affenartiges Intermezzo / Foto: Nora Koldehoff

Darsteller*innen fanden sich zwischen den Bäumen zu Tanzpaaren zusammen. Als Gorillas Maskierte bereiteten dem überraschend ein jähes Ende, und nach einem kurzen Vortrag ging diese Performance nahezu nahtlos in die Suche aller nach dem Glück über – ob mit Metalldetektor, Schaufel oder Schmetterlingsnetz ausgerüstet. Als Gartenzwerge verkleidet warnte die Gruppe ihr Publikum: „Wer altet, erkaltet“. Oder sie nahm Frauengespräche auf dem Friedhof auf’s Korn und Männergespräche über altersbedingte Gebrechen und technische Hilfsmittel, die als Fazit „Lebensend und Sonnenschein“ schmetterten.

Die Geschichte von Abraham Ochs

Den Abschluss der Runde durch den Park bildete die Geschichte des jüdischen Kindes Hans Abraham Ochs, der als Achtjähriger im Römerpark von Mitgliedern der Hitlerjugend erschlagen wurde, nachdem er einen Bekannten aus der Gruppe angesprochen hatte. Zum Ausklang spielte Sabine Falter auf dem Akkordeon das hebräische Volkslied „Hava Nagila“.

 

Was das „Altentheater“ so besonders macht, ist nicht nur das gehobene Alter der Darsteller*innen. Es ist vielmehr die Spiellust, die sie sich erhalten haben. Dieses Laientheater bringt keine fertigen Theaterstücke auf die Bühne, sondern Szenen, die sich im Dialog zwischen Regisseurin und Darsteller-Gruppe entwickelt haben. „Beim Theatertraining“, erläutert Ingrid Berzau, die gemeinsam mit Dieter Scholz das „Altentheater“ leitet, „gebe ich Themen in die Gruppe, auf die diese dann reagiert. Das können persönliche Themen sein oder auch politische oder gesellschaftliche. In dem Moment ist es aber erst ein Testlauf: Wie reagiert das Ensemble, ist das ein Thema, das etwas anstößt, oder nicht. Und alle, die mitmachen, geben ihre persönlichen Assoziationen hinzu: Gedanken, Reaktionen und auch persönliche Erlebnisse. Das fließt dann wieder in die Entwicklung des Stückes ein. Thematisch hängen die Szenen eines Stückes zusammen, nicht aber unbedingt inhaltlich. In jedem Fall aber sind unsere Stücke alle sehr persönlich und durch die Charaktere der Einzelnen geprägt.“

Gegründet im „Freien Werkstatt Theater“

Gegründet worden ist das Projekt ursprünglich von Dieter Scholz und Edelgard Seebauer – zwei Jahre, nachdem sie das „Freie Werkstatt Theater“ als Teil des bundesweiten „Künstler und Schüler“-Modellversuchs ins Leben gerufen hatten. Ingrid Berzau kam 1987 dazu und führte es mit Scholz gemeinsam, bis beide die künstlerische Gesamtleitung des Hauses 2012 übergaben. Das „Altentheater“ aber – das erste in Deutschland – führt das Duo als Herzblut-Projekt weiter. „Inzwischen“, berichtet Dieter Scholz, „inszeniert hauptsächlich Ingrid, während ich vor allem mitspiele und auch berate.“

Dieter Scholz in Aktion.

Darsteller Eduard Solfrank, den alle nur „Edi“ nennen, gehört mit 88 Jahren zu den Ältesten im Ensemble und ist schon seit mehr als 25 Jahren dabei – ebenso wie seine Frau Maria. Durch einen spontanen Auftritt während eines Workshops, zu dem er mit auf die Bühne gebeten worden war, kamen beide zum Theater. „Zur Vorbereitung“, erzählt er“, hat Dieter Scholz uns mal erst empfohlen, einen VHS-Kurs zu besuchen, was wir dann auch gemacht haben: Theaterspielen für alte Menschen.“

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Heribert Bachem bekam durch die Besprechung eines der Stücke in der Zeitung Lust auch mitzumachen. Ähnlich erging es Barbara „Babu“ Bujotzek und Charlotte Hermann, die mit dem Eintritt ins Rentenalter die Seiten wechselten – vom Zuschauerraum auf die Bühne. „Nachdem ich eine Vorstellung des ‚Altentheaters‘ besucht hatte, wollte ich spontan mitmachen“, erzählt sie. „Aber zunächst musste ich mich bewähren, bis ich dann fest zur Gruppe gehört habe.“

Herausforderung als Antriebsmotor

Was alle verbindet, ist die Neugier auf etwas Neues, wie das Wort Neugier schon sagt, und die Lust, gemeinsam in einer Gruppe, in der man sich wohlfühlt, an einem Thema zu arbeiten und es sich für die Bühne anzueignen, Spontaneität zu üben – und auch das Gedächtnis durch das Auswendiglernen von Texten zu fordern. „Außerdem“, ergänzt Babu Bujotzek, „habe ich die Angst vor dem Alter verloren.“ Dass die Darsteller-Gruppe nicht nur die unterschiedlichsten persönlichen Erlebnisse und Geschichten einbringen kann, sondern auch ganz verschiedene Erfahrungen mit darstellendem Spiel hat – überhaupt keine bis regelmäßige – ist für das Team eine Herausforderung, mit der aktiv gearbeitet wird. Die Rollen sollen den Schauspieler*innen nicht korsettartig übergezwängt werden; es muss schon passen.

Arbeit an der Bühnen-Präsenz

Mit Körper und Stimm-Übungen arbeiten alle regelmäßig an ihrer Bühnen-Präsenz. Die Sängerin und Pianistin Sabine Falter begleitet seit 2015 den Prozess als Stimm-Coach und in der Entwicklung der Musik-Dramaturgie. „Die Stimme“ erklärt sie, „soll ja die Persönlichkeit unterstreichen. Was die Zusammenarbeit mit der Gruppe so besonders schön macht, ist der Umstand, dass alle ein hohes Niveau wollen. Keine Erwartung von außen, die erfüllt werden müsste, sondern ein gemeinsames Bedürfnis. Und so findet in einer ganz bunten Gruppe Jede und Jeder Platz und Ausdrucksform.“ Der „Theaterspaziergang“ war dabei ein besonderes Experiment. Während auf der Bühne gegen das Licht nahezu „ins Schwarze“ gespielt wird, war im Park die Reaktion der Zuschauer, die teilweise direkt vor den Vortragenden standen, sehr direkt spürbar. Auch war die Akustik eine andere, als im Theater.

Förderung und Feedback

All das kostet natürlich, bei allem persönlichen Engagement, auch Geld. Unterstützt wird das „Altentheater“ deshalb seit zweieinhalb Jahren von einem Förderverein, der Veranstaltungen wie das Picknick möglich macht. Ein Teil des Vereins nahm nun auch am Spaziergang teil, während ein anderer bereits das Picknick auf dem Gelände des Jugendzentrums Bauspielplatz Friedenspark („Baui“) vorbereitet hatte.

Ensemble und Besucher zieht es zum Picknick.

Das Publikum, das die Szenen und das Picknick begleitete, besteht auch diesmal zu einem großen Teil aus Stammbesuchern. „Das Schöne am ‚Altentheater‘ ist, dass es um Themen aus dem alltäglichen Leben geht“, findet Gertrud Pfalz. Reiner Lehmann ergänzt: „Die Aufführungen sind sehr persönlich und auch altersgerecht. Ich mag es, dass die Schauspieler und Schauspielerinnen nicht so schnell reden. Und es haben sich im Laufe der Zeit auch einige persönliche Beziehungen entwickelt.“ „Außerdem werden die Darstellerinnen und Darsteller überhaupt nicht älter“, sagt Maria Erdik – und lächelt versonnen. „Nur schöner.“

 

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Im Altentheaterensemble spielen: Heribert Bachem, Christel Barth, Wolfgang-Mario Betz, Christian-Dankwart Biederbick, Barbara Bujotzek, Inge Dombach, Maggy Engelke, Kurt Freischläger, Uta Gärtel, Charlotte Hermann, Renate Maria Hirth, Ute Khatchikian, Gisela Klaus, Robert Kosanke, Ulrich Koslowsky, Gabriele Kraidi, Rosemarie Rohr, Dieter Scholz, Ursula Schwerdtfeger, Eduard Solfrank, Maria Solfrank, Doris Weide, Herbert Weyers.

 

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Text: Nora Koldehoff

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