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Kultur

lit.COLOGNE: Peter Wawerzineks Comeback ohne Mutter

Montag, 21. März 2011 | Text: Kathrin Rindfleisch | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Vor unserem Treffen ist mir ein bisschen bange. Peter Wawerzineks Roman „Rabenliebe“ beschreibt sein Leben ohne Mutter. Als Zweijähriger zusammen mit der einjährigen Schwester von der Mutter halb verhungert allein gelassen, hat er seine Kindheit in DDR-Waisenheimen verbracht, ohne Liebe und Geborgenheit und immer in der Hoffnung, von einer Familie adoptiert zu werden. Eine Kindheit, deren Ungerechtigkeit und Härte allein beim Lesen schon schmerzt und ein Mann, den seine Muttersehnsucht auch nach siebenundfünfzig Jahren noch leiden lässt – im Leben wie in Buchform harter Stoff.? Ich erwarte also einen eher wortkargen, zurückgezogenen Menschen der, geprägt von einem Leben ohne Nähe und Halt, haltlos wirkt. Umso überraschter bin ich, als sich mir dieser leicht untersetzte, jung wirkende Typ mit Jackett und T-Shirt vorstellt, auf dem Shirt ein Zitat Edgar Allan Poe`s: „Sprach der Rabe, Nimmermehr“. Erst mal brauche er Zigaretten. Ich treffe den Autor vor seiner Lesung am Abend in der COMEDIA im Hotel „Am Wasserturm“ und bin gleich eingenommen von seiner unkonventionellen, offenen Art. Mit der für seine Bewohner typischen, leicht schnoddrigen „Berliner Schnauze“ erzählt er dann von seiner Arbeit an dem Roman, seinem Comeback mit Ansage, vom Literaturbetrieb und seinen neugewonnenen Halbgeschwistern, die nach dem Roman Geschwister genannt werden möchten. Es ist ein sonderbares Gefühl, diesem völlig fremden Menschen gegenüber zu sitzen, der einem doch so vertraut vorkommt. Wawerzinek lässt in seinem Roman den Leser teilhaben, an seinen größten Ängsten, seinen tiefsten Gefühlen und wildesten Gedanken. Er scheint mit dieser einseitigen Scheinbar-Vertrautheit gerne zu spielen und eh ich mich`s versehe, sind wir auch schon beim Du.

Meine Südstadt: Ich beginne mit einem Geständnis: Ich hatte das Buch noch nicht gelesen, als wir den Termin für dieses Interview gemacht haben. Mittlerweile habe ich es getan und hatte ein wenig Sorge vor diesem Treffen…?

Peter Wawercinek: …weil Du einen total kaputten Kerl erwartet hast?

 

Ja, irgendwie schon. Aber jetzt bin ich ganz erleichtert. Das Foto auf dem Buchumschlag zeigt Dich mit diesen tieftraurigen Augen. Ich hatte erwartet, einem Menschen zu begegnen, der mit sich und der Welt im Unfrieden ist, niemals glücklich sein kann.?

Ach, dieses Foto, das machen die so im Verlag…? – Peter Wawerzinek trinkt genüsslich an seinem Glas Rotwein und blickt mich leicht herausfordernd aber ganz entspannt an. Wie einer, der nicht mit sich im Reinen ist, wirkt er wirklich nicht. Ganz im Gegenteil…?

 

Und, ist Dein literarisches Leben beendet, jetzt, nachdem Du Deinen Lebensthema erzählt hast??

Nein! Ich wollte ein Comeback und das habe ich erreicht. Mir ging es nicht gut, ich musste mal raus und so habe ich mich für das Alfred-Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste in Wewelsvleth beworben. Dort habe ich geschrieben. Es gab Zeiten, da war ich in der Berliner Literaturszene als Enfant Terrible bekannt, war aufsässig und herablassend. Das wollte ich hinter mir lassen, mit einem Projekt erfolgreich neu erscheinen. Gegenüber des Alfred-Döblin-Hauses gab es eine „Trinkerheilanstalt“, ich lernte den Leiter kennen und weil ich auch ein Thema mit Alkohol habe, ihn mir aber auch nicht völlig entsagen wollte und so als unzufriedener Motzer zu leben, ließ ich mir dort helfen. Der Leiter hatte dann die Idee, eine Zeitung herauszubringen, was ich dann mit den Bewohnern dort machte. Ich verlängerte mein Stipendiat und blieb fünf Jahre dort.?

 

Ist das nicht merkwürdig: Dein bisher größter literarischer Erfolg, ja Deine beste Arbeit hast Du Deiner Mutter zu verdanken. Die Dir gleichzeitig das größte Leid zugefügt hat.
Ich behandele das Thema meiner Muttersehnsucht ja schon sehr lange in meinen Romanen. Nur bisher allerdings nicht in der Form wie in „Rabenliebe“. Aber so hatte ich schon viele Geschichten zusammen, die ich dann nur noch durch ein paar weitere ergänzen musste.?

 

Man gewinnt als Leser den Eindruck, Du hättest die Erinnerung zum ersten Mal zugelassen und dann wie im Wahn niedergeschrieben, was Dir in den Sinn kommt.?

Ich setze mich schon seit Jahren mit meiner Erinnerung auseinander, aber tatsächlich sind ein paar Geschichten tiefer vergraben gewesen. Und das ist meine Art zu arbeiten: wie im Wahn Nächte durch  runter schreiben. Und dann kommt ja die eigentliche Arbeit, den Text ruhen lassen, wie einen Käse um ihn dann nach Tagen oder Wochen wieder vorzunehmen, Dinge zu ändern, ihn zu bearbeiten. Ich hatte bei meiner Arbeit an dem Roman das klare Ziel, eine Marke zu setzen, eine Arte „Wawerzinek-Style“ zu etablieren. Ich wollte etwas erschaffen, was es so noch nicht gab. Und tatsächlich hat es diese Kombination aus autobiografischen Gedanken und Nachrichtenfragmenten, wie in der „Rabenliebe“, in der deutschen Literatur so noch nicht gegeben. Der Verlag Galiani Berlin war denn auch begeistert von meinem Manuskript und hat es gleich zur Chefsache erklärt und auch Meike Feßmann, Jury-Mitglied des Ingeborg-Bachmann-Preises, fand`s gut und hat mich für den Preis vorgeschlagen.

 

.?…und Du hast den Publikumspreis gewonnen.?

Ja, Karsten Krampitz hat mich dafür vorgeschlagen. Und jetzt bin ich zum offiziellen Stadtschreiber der Stadt Klagenfurt ernannt und lebe dort und werde auf der Straße angesprochen. Ich dachte immer, es sei ein „Mutterroman“, aber auch alte Männer sprechen mich an, erzählen mir von ihren Schicksalen, ähnlich wie meines und bedanken sich dafür, dass das Thema endlich mal angesprochen wird.?

 

Ist es nicht unheimlich schwierig, so viel Intimes preiszugeben und vor vielen Menschen laut vorzulesen? ?

Überhaupt nicht. Ich wollte für mich persönlich unangreifbar werden und das kann man nur, wenn man alles sagt und aufschreibt. Erst dann kann man mit sich und der Welt im Reinen sein. Mein letzter Satz in dem Buch gilt für mich in der Literatur, der Kunst, wie im Leben: „Es hat keinen Sinn, sich etwas vorzumachen.“ Spätestens der Leser kommt Dir auf die Schliche und man sollte Schliche drin haben!?

 

Empfindest Du das Schreiben auch ein Stückweit als Therapie??

Schreiben ist Therapie. Und nebenbei auch noch Literatur. Und ich habe mich bemüht, auch noch gute Literatur zu machen. Mir hat es geholfen und der Nebeneffekt: in der Therapiegruppe „Literatur“ weiß jetzt jeder, wie ich ticke.?

 

Das Thema „Vater“ ist gar kein Thema in dem Buch. Du bist selber Vater, ein Guter??

Mein Vater war schon vor meiner Mutter weg und in meiner Kindheit war ich umringt von Frauen: den Erzieherinnen, den Köchinnen, der Adoptivmutter. Männer spielten in meinem Leben keine Rolle. Mit meiner heute zwanzigjährigen Tochter lebte ich sechs ein halb Jahre als alleinerziehender Vater in Berlin und als ich sie mal gefragt habe, ob ich den ein guter Vater für sie sei, meinte sie nur „Papaaa! Na klar!“ Wir hatten diese Kumpelebene. Bei meinen anderen drei Kindern ist es etwas anders: die Mutter hatte damals das alleinige Sorgerecht beantragt und ich bin kein Kämpfertyp. Ich habe die Kinder dann noch ein paarmal besucht, die hatten auch schon wieder einen neuen Vater und der war als Bezugsperson in Ordnung für sie.?

 

Vielleicht haben sie aber auch immer nur gewartet, dass ihr richtiger Vater kommt…?

Das weiß man nicht. Meine Geschwister sagen jetzt auch „Warum hast Du Dich nicht eher gemeldet?“

 

?Deine Mutter zeigte bei Deinem Besuch, fünfzig Jahre nach Eurer Trennung, keinerlei Interesse an Dir und zudem erfuhrst Du, dass Du noch acht Geschwister hast, die von Ihrer, Deiner Mutter ebenfalls schlecht behandelt und oft allein gelassen worden sind. Den Geschwistern gegenüber hatte sie von Dir und Deiner Schwester als Todgeburten gesprochen. Bereust Du, dass Du Deine Mutter nach fünfzig Jahren aufgesucht hast??

Nein, ich bin froh. Ich wäre der Älteste gewesen und hätte die ganze Verantwortung auf mich nehmen müssen. Und ich bin froh, meine Halbgeschwister kennen gelernt zu haben. Sie hatten Angst, dass ich etwas über ihr Leben veröffentliche. Nachdem sie „Rabenliebe“ gelesen haben, möchten sie aber nicht mehr nur „Halb“, sondern Geschwister genannt werden.
 

Peter Wawerzinek plant schon sein nächstes Projekt: es wird einen Briefroman mit Karsten Krampitz geben, das haben die beiden Autoren einen Tag zuvor entschieden. Weitere Infos zu Autor und Buch unter www.galiani.de/buecher/peter-wawerzinek-rabenliebe.html und unter www.wawerzinek.de.

„Rabenliebe“ ist erschienen im Verlag Galiani Berlin?

432 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag?

22,95 Euro

ISBN: 978-3-86971-020-4

 

 

Text: Kathrin Rindfleisch

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