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Familie Kultur

Von Männern, die kleine Brötchen backen und Frauen, die diese bezahlen.

Montag, 4. November 2013 | Text: Antje Kosubek | Bild: Privat

Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

An einem sonnigen Herbsttag treffe ich Ingrid Müller-Münch in ihrer Wohnung in der Nähe des Römerparks. Die überzeugte Südstädterin mit den dunklen, krausen Locken, hat ein neues Buch veröffentlicht, das sich mit einem gesellschaftlichen Tabuthema auseinandersetzt: „Sprengsatz unterm Küchentisch – Wenn die Frau das Geld verdient“. Finanzen sind sowieso schon DAS Konfliktthema in deutschen Beziehungen. Doch was, wenn die Frau nun auch noch als Hauptverdienerin die Familie ernährt? Findet dann ein Rollentausch statt? Ist das dann eine verkehrte Welt oder ein gesellschaftliches Randproblem? Ingrid Müller-Münch hat sieben Jahre für ihr Buch recheriert. Mitten im Umzugsstress, zwischen gepackten Kisten und leergeräumten Regalen, beantwortet sie mir geduldig alle Fragen. Man merkt ihr an, wie intensiv sie sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat. In ihrem Buch werden nicht nur betroffene Menschen portraitiert, es  kommen auch Historiker, Paartherapeuten, Soziologen, Männer oder Zukunftsforscher zu Wort. Mittlerweile ernährt bei jedem zehnten Paar in Deutschland die Frau die Familie. Öffentlich gesprochen wird darüber kaum – und Vorurteile und Vorbehalte halten sich hartnäckig.

Meine Südstadt: Wie kam die Idee zum Buch?
Ingrid Müller-Münch: „Durch zwei Freundinnen, die plötzlich in dieser Situation waren. Ein Ehemann ging mit seiner Firma in die Insolvenz. Der andere war selbstständig als Künstler und bekam keine Aufträge mehr. Beide Frauen weinten sich bei mir aus. Dabei ging es nicht darum, dass diese Paare in ein finanzielles Loch fielen. Beide Frauen verdienten durchaus genug, um das Familieneinkommen zu bestreiten. Nein, das eigentliche Problem war, dass die Männer so kreuzunglücklich in ihrer Situation waren. Sie kamen damit nicht zurecht, saßen zu Hause rum, wussten nichts mit sich anzufangen und verfielen nach und nach in Melancholie und Jammerei. Sie litten darunter, dass sie als Mann sich auch heutzutage noch über ihre Arbeit definieren. Und nun vor dem Problem standen, dass ein Mann, der seinen Job verliert, damit  auch den Großteil seiner Identität einbüßt. Wäre der Mann eine Frau, würde er sich klaglos in seine Situation einfügen  – als Hausfrau – und kein Hahn würde danach krähen.“

Ist das Tabuthema eher ein weibliches oder ein männliches Problem?
Müller-Münch: „Die Männer sind in der schwierigeren Situation. Sie haben den Job verloren und wissen nicht mehr wo ihr Platz ist. Für den Mann gibt es noch nicht mal einen Namen in dieser Situation. Ein Hausmann ist ein Mann, der sich freiwillig entscheidet, eine Zeit lang zu Hause zu bleiben, um dann wieder an den Arbeitsplatz zurück zukehren. Aber wenn gar keine Kinder da sind  – was soll der Mann dann zu Hause? Bügeln, kochen, Betten beziehen – dies  alles ist unter seiner Würde. Man muss sich das so vorstellen: Wenn er mit dem Staubsauger durch die Wohnung geht, wird er ständig daran erinnert, wie schrecklich das alles ist, wie unmännlich und demütigend. Deshalb reden Männer auch ungern darüber. Ich habe beispielsweise ein Pärchen interviewt, da ruft der Mann, wenn er Zigaretten braucht, seine Frau an. Wenn sie morgens aus dem Haus zu einer ihrer Putzstellen geht, liegt er noch im Bett. Wenn sie abends zurück kommt, sieht er fern. Ich dachte mir, der Mann müsste ja ziemlich dick sein, wenn er gar nicht mehr vor die Tür geht. Seine Frau erzählte mir aber, ihr Mann sei sehr dünn, weil er den ganzen Tag nichts isst, sondern wartet, bis sie von der Arbeit zurück ist und kocht. Die Frau hat niemandem, bei dem sie mal ihr Herz ausschütten kann. So schweigt sie und arbeitet.
Es ist ein echtes Tabuthema. Ich habe ja nicht nur Paare interviewt, sondern auch einzelne Personen. Manchmal war es auch so, dass ich ein Interview geführt und dann den jeweils anderen Partner angerufen habe. In der Regel lehnten die Männer ein Interview mit der Begründung ab: Ach das lohnt sich gar nicht, wir haben doch gar kein Problem damit! – Dabei hatte mir vorher die Frau drei Stunden lang die Ohren franselig geredet. Diese Scham, wenn so etwas  passiert, ist groß. Wenn sie sich umhören in ihrem privaten Umfeld, werden sie sicherlich auch Paare finden, die daran rumknapsen – doch hängt es keiner an die große Glocke.“

Droht dann nicht der ,Aufschrei der Männer‘? Nach dem Motto: Erst machen unsere Frauen Karriere und jetzt booten sie uns auch noch aus und übernehmen die Rolle des Haushaltsvorstands?
Müller-Münch: „Ja, Frauen sind dann plötzlich die Bestimmerin. Geld bedeutet Macht. Das erfordert ein Umdenken. Ich kann mich noch gut an meine eigenen Kindheit erinnern. Meine Großeltern waren sehr arm. Mein Großvater bekam am Tisch immer das größte Stück Fleisch. Er war die wichtigste Person im Haus, das Oberhaupt der Familie.
Ich habe Männer, Frauen oder auch Paare porträtiert, die unfreiwillig in diese Situation gekommen sind. Man muss berücksichtigen, dass in den letzten Jahren Millionen klassischer Männerberufe weggefallen sind und Frauen die neu entstandenen Jobs okkupiert haben. Vornehmlich  im Dienstleistungsgewerbe. Viele  Halbtagsjobs. Frauen sind heute schneller, sie studieren, machen nach dem Abitur „Work & Travel“, während die jungen Männer zögern, häufig nicht so recht durchstarten, und sich mehr dafür interessieren, wie der FC spielt.“

Gehen Frauen pragmatischer mit der Situation um?
Müller-Münch: „In meinem Buch geht es auch um wissenschaftliche Unterschuchungen zu diesem Thema: In Marienthal (Österreich) wurden im Jahr 1933 viele Männer und Frauen arbeitslos, aber auch 1929 in Newark nach dem Börsencrash in den USA. Dort haben Soziologen untersucht, wie unterschiedlich Männer und Frauen auf diese Situation reagieren. In Marienthal standen die Männer auf den Bürgersteigen herum und guckten ganz langsam jedem nach, der da vorbei kam. Während die Frauen zu Hause waren und stopften, strickten, kochten oder putzten – sie waren den ganzen Tag beschäftigt. Diese Untersuchungen zeigen, dass Männer mit ihrer Arbeitslosigkeit häufig nichts anfangen können. Sie haben ihren Platz oder Halt innerhalb der Familie verloren und orientieren sich auf diesem Terrain einfach nicht neu. Die Frauen müssen sehen, das sie Geld verdienen und zur Not dann zwei bis drei Jobs annehmen und abends, wenn sie nach Hause kommen, noch schnell den Haushalt schmeißen.“

Ändert sich dann nicht auch das Bild des Traummanns?
Müller-Münch: „Die Frage, die wir uns Frauen stellen müssen, ist: Was ist in unseren Köpfen ein Traummann? Was wünschen wir uns als Partner? Wie suchen wir einen Partner? Mittlerweile werden drei Millionen der Beziehungen über das Internet gefunden. In Datingportalen werden Gewohnheiten und Vorlieben der Suchenden wie Raster übereinandergelegt und mögliche Paare einander empfohlen. Es wird niemals ein Pfleger einer Oberärztin vorgeschlagen, aber umgekehrt natürlich eine Krankenschwester einem Chefarzt. Wenn sich beispielsweise ein Postbote mal an eine Schulrätin heran traut, dann antwortet diese ihm gar nicht erst. Die meisten Singlefrauen sind Akademikerinnen, zwischen 24 und 36 Jahre alt, weil sie immer noch nach oben gucken und dort jemand finden wollen, aber da ist nichts – außer der Decke. Welche Frau hätte nicht gern an ihrer Seite einen klugen, gut aussehenden „George Clooney“-Typ, der viel Geld verdient. Doch wenn man sich darauf kapriziert, kann man sich direkt einen Hund oder eine Katze anschaffen, weil es diese Männer viel zu wenig gibt.

Gibt es einen Unterschied zwischen den Frauen aus dem Osten und dem Westen?
Müller-Münch: „Als ich mich vor sieben Jahren für dieses Thema interessierte, stellte ich fest, dass es keine Zahlen hierüber gab. Niemand forschte danach,  wie viele Paare in einer Situation sind, in der die Frau mehr als 60% des Haushaltseinkommens verdient. Dann kam 2010 die Studie der gewerkschaftseignen Hans-Böckler-Stiftung „Mama zahlt“ heraus mit zwei Untersuchungen, eine in den neuen und eine in den alten Bundesländern.  Der Unterschied ist, Frauen in Ostdeutschland sind aus ihrer Vergangenheit daran gewöhnt, zumindest gleichberechtigt mit zu verdienen. Das Thema ist dort nicht komplett fremd. Auch wenn sie ebenso wie die Frauen im Westen in der ehemaligen DDR  um die 23% weniger Gehalt bekamen Als die Mauer 1989 fiel, waren über 80% der Frauen in der DDR berufstätig. Während sich die Westfrauen immer schon eher als Zuverdienerin verstehen. Das bedeutete, Frauen und Männer waren daran gewöhnt, das beide arbeiten gehen. Zudem mussten sich die Menschen nach der Wende damit abfinden, dass ganze Industriebereiche oder Berufszweige wegbrachen und Fabriken schlossen. Da war völlig klar, man verliert den Job, weil die Umstände so sind und nicht, weil man so ein Losertyp ist. Mit so einer Situation können alle Betroffenen, auch die Umgebung, besser umgehen. Oder nehmen wir beispielsweise Opel in Bochum. Wenn dort ein ganzer Bereich wegbricht, wird eher akzeptiert, dass die Männer für ihren Arbeitsplatzverlust nichts können. Dies ist einfacher zu verkraften, als wenn ein Mann in einer Umgebung, in der alle Freunde gut situiert sind, plötzlich joblos da steht.  Das ist für denjenigen  nicht einfach, weil natürlich Schwiegereltern, Freunde, der Bekanntenkreis – alle davon ausgehen, dass er wieder einen Job findet. Was tun, wenn das nicht gelingt? Wenn er von nun an seiner Frau auf der Tasche liegt? Damit kann bis heute noch kaum jemand umgehen. Das ist ein gesellschaftliches Problem, auf das keiner wirklich vorbereitet ist. Wenn diese Männer mit Ihren Frauen ausgehen, lassen sie sich vorher Geld geben, damit sie im Restaurant oder Lokal bezahlen können und dadurch ihre Situation nicht auffällt. Letztlich läuft es darauf hinaus, dass nicht nur die Frauen das Geld verdienen, sondern auch noch ihre Männer trösten müssen. Und das ist für eine Beziehung nicht einfach, es gibt wenige Paare die diese Belastung meistern. Paare, die sich von dem, was die Umwelt von Ihnen denkt, loslösen können, haben größere Chancen damit klar zu kommen. Auch in bestimmten Milieus ist so ein Rollentausch leichter zu verkraften, beschrieb mir Professeur Meuser (Anm. d. Red.: Professor für Soziologie der Geschlechterverhältnisse an der TU Dortmund). Dabei nannte er den Prenzlauer Berg und die Kölner Südstadt. Beides Viertel, in denen eher unkonventionell gelebt wird, viele  Intellektuelle und Künstler wohnen. Trifft es allerdings einen Banker, dann ist das kaum zu verkraften. Wenn man davon augeht, dass es immer mehr Frauen geben wird, die studieren und Karriere machen, muss sich die Gesellschaft umstellen. Vielleicht möchten Paare in Zukunft selbst entscheiden, wer von beiden  arbeiten geht? Und wenn der Mann sagt, eigentlich koche ich so gern und würde es uns auch zu Hause ganz gemütlich machen – das müsste dann doch auch gehen.“

Das Milieu entscheidet, haben wir gerade gelernt. Seit über dreißig Jahren wohnen Sie in der Kölner Südstadt. Was macht das Viertel so liebenswert?
Müller-Münch: „Meine erste Wohnung war 1983 in der Severinstraße 1. Über verschiedene Zwischenstationen wohne ich nun hier am Römerpark. Ich bin gestern noch mit einer Freundin aus Kalifornien in der Südstadt frühstücken gegangen. Wir waren im „Café Sur“. Auf dem Rückweg sagte meine Freundin zu mir: Du kennst ja hier jeden. Ja, das stimmt. Ich hatte früher mein Journalistenbüro auf der Wormser Straße, wenn ich morgens zu Arbeit ging, musste ich zehn Minuten zum Plaudern einkalkulieren. Ich habe mit acht Südstädtern am Weißer Bogen einen Garten, den wir zusammen bearbeiten. Wir radeln am Wochende meist vormittags am Rhein entlang in den Garten, kommen abends zurück in die Stadt und gehen anschließend in irgendeine Kneipe. Ich  genieße es, draußen zu sitzen. Die Südstadt hat eine hohe Lebensqualität. Zudem bin ich ein Fan von Ihrem Lunch-Newsletter. Wissen Sie, Schreiben ist ein einsames Geschäft. Ich sitze dann oft hier an meinem Schreibtisch und habe Lust, mittags vor die Tür zu gehen. Man kann in der Südstadt sehr gut und sehr preiswert essen gehen. Für den Preis kann ich kaum selbst kochen. Bevor ich mich dann mit jemandem verabrede, schaue ich bei ihrem „Lunch-Letter“ nach, was wo gekocht wird. Und dann erst entscheide ich. Neulich saß ich oben im Bregenzer Wald mit Freunden auf einer Alp, plötzlich piepste mein Handy und „Meine Südstadt“ informierte mich, was es heute wo gibt. Alles lachte laut los. Für mich ist die Südstadt ein Viertel, in dem ich angekommen bin.“

Ingrid Müller-Münch arbeitet als Journalistin und Autorin. Sie war Korrespondentin der Nachrichtenagentur Reuters, Redakteurin beim „STERN“ und Kölner Korrespondentin der „Frankfurter Rundschau“ mit  Schwerpunkt Gerichtsreportagen.  Zurzeit arbeitet Sie für den WDR und ist bei WDR5  als „Krimi-Expertin“ zu hören.

Am Dienstag, dem 5. November 2013 liest die Autorin in der „Buchhandlung am Chlodwigplatz“ aus Ihrem neuen Buch „Sprengstoff unterm Küchentisch – Wenn die Frau das Geld verdient“. Das Buch ist im Klett-Cotta Verlag erschienen und kostet 19,95 Euro.

Weitere Veröffentlichungen:
“Die geprügelte Generation. Rohrstock, Kochlöffel und die Folgen“
„Die Frauen von Majdanek – Vom zerstörten Leben der Opfer und der Mörderinnen“
„Als das Wünschen noch geholfen hat“
 „Biedermänner und Brandstifter – Fremdenfeindlichkeit vor Gericht“
“Zwei Welten” -Protokolle aus einer Stadt im Wandel“
 

Text: Antje Kosubek

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