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Kultur

Der Tod ist nicht die letzte Szene.

Mittwoch, 12. Oktober 2011 | Text: Sonja Alexa Schmitz | Bild: Meyer Originals

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Ein Abend wie aus dem Wetterwunschprogramm, und ich muss ins Theater. „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ stehen auf dem Programm, Premiere im Freien Werkstatt Theater, und ich hab versprochen hinzugehen. Ich bin kein Theaterkritiker, erst Recht kein Kenner, nur Zuschauer und Erzähler. 

 

Ziemlich widerwillig gehe ich also aus der sommerlichen Luft hinein in den Keller des Theaters. Das erste Bühnenbild: alles schwarz, Spot von oben auf ein Männergesicht. Der Mann dazu reißt Briefe auf und liest daraus vor. Manche Sätze liest er zweimal. Mache ich genauso. Man könnte meinen, bei Sätzen, die mir viel bedeuten. Meist ist es aber bei Sätzen, die viel bedeutend aussehen, ich aber eher deshalb doppelt oder dreifach lese, weil ich sie nicht gleich verstehe. Ist mir gleich sympathisch der Typ.

 

Beziehung am Ende, Frau leidet sehr, bringt sich letztlich um, erfahre ich aus den Briefen. Scheinbar kommt dann so ein Zeitsprung. Typ mit einer Frau. Die Frau aus den Briefen? Die Zwei spielen Theater, und ich verstehe, dass das für den Typ die große Leidenschaft ist. Er möchte die Herzen der Menschen erreichen. Verstehe ich. Würde mir auch gefallen. Große Gefühle entfachen, den Menschen Gänsehaut bereiten. Aber es kommt wie so oft im Leben mit den Träumen, sie sind schwer zu erfüllen. Typ wird von der Frau betrogen, er fällt ins Loch und verliert sich und seinen Traum.

 

Sein Freund, oder Bruder, da hab ich wohl nicht richtig aufgepasst, bringt ihn dazu, mit dem dafür stellvertretenden Aktenkoffer, in die Welt des Geldes zu ziehen und Handel zu treiben. Er biegt sich seinem Schicksal, kippt dabei so nett in die Arme des Freundes (oder Bruders) bis er nachher einigermaßen standfest ist, und diesen, ihm verhassten Beruf einige Jahre erfolglos ausführt. 

 

Wilhelm und Philine.

 

Wenn man seinen Lebenstraum nicht lebt, kommen einem gerne Situationen und Menschen in die Quere, die einen daran erinnern, dass man an seinem Leben vorbei lebt. Das passiert auch dem Typ, der Wilhelm Meister heißt. Er trifft auf zwei erfolglose Schauspieler, und da passiert die erste tolle Szene des Stücks. Es gibt so eine Bewertung bei Filmen. Da werden immer die „besonderen Augenblicke“ genannt. Das ist so einer: Die zwei erfolglosen Schauspieler, Mann und Frau, nehmen dem Typ den Aktenkoffer ab. Sie stehen sich Grimassen schneidend gegenüber. Plötzlich bekommt der Typ, der anfangs ängstlich ist (weil ihn dieses Leben als Handelsmann so klein gemacht hat) total Spaß daran, und die Grimassen werden immer schöner. Zähnefletschen mit vorgeschobenem Unterkiefer. 

 

Ich bin versucht, mal ins Publikum zu schauen, ob der ein oder andere die Grimassen, ohne es zu merken, mitzieht. (Macht meine Mutter immer, wenn sie fernsieht. Sie ist auch gerne mal außer Atem, wenn da gerannt wird). Plötzlich flippt der Typ total aus, klar, er hat sein Coming Out als Schauspieler, erinnert sich an seinen alten Traum und streift den Handelsmann von sich, brüllend und springend. 

 

Ich will ja nicht alles erzählen, versuche mal in größeren Schritten voranzugehen: Wilhelm macht dann wieder auf Schauspieler, probt ein Stück mit der stocksteifen Aurelie, und da kommt meine zweite Lieblingsszene: In zirka zwanzig verschiedenen Betonungen und Positionen, versucht er dieser scheinbar schauspielerisch unbegabten Frau den richtigen Ton zu entlocken, bei der Reaktion auf sein „Ich habe dich einst geliebt, Ophelia!“ (Sie proben den Hamlet.) Toll, wie er es schafft, Aurelie schließlich aus der Reserve zu locken, so dass auch sie brüllt und sich wild gebärdet. 

 

Wesensveränderung, das ist überhaupt das für mich Herausragende bei diesem Stück. Bis auf den Wilhelm spielen die drei anderen zwei bis vier verschiedene Rollen. Und das gelingt ihnen so gut, dass ich an den Titel des Precht-Buches denken muss: 

 

„Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ 

Wie viele Persönlichkeiten stecken in einem Menschen? Die drei auf der Bühne machen nur kleine Veränderungen. Hemd in die Hose, Hemd aus der Hose, Hemdskragen hochschlagen, Hemd aufknöpfen, fertig sind vier verschiedene Personen. Und man kauft`s ihm ab. Oder die Frau, die zugleich Verführerin, Biest und dann kleines Kind ist. Das ist meine zweite Lieblingsszene: Die Frau als kleines Kind. Das macht sie wirklich toll. Die Blicke und Bewegungen, alle zur rechten Zeit, im rechten Abstand. Der Gipfel, als sie sich in dem Vorhang versteckt und auflacht, als sie dort gekitzelt wird. Ich habe die ganze Zeit gehofft, hoffentlich gibt sie keinen Ton von sich. Das hätte alles zerstört. Aber es war nur dieses Auflachen, und das war perfekt.

 

Ein toller Trick ist auch die Sache mit dem Theater im Theater. Plötzlich befinden wir, das Publikum, uns hinter dem Vorhang und schauen quasi durch den roten Vorhang, der eben noch die Begrenzung der Bühne nach hinten war, durch den Schlitz in ein grelles Scheinwerferlicht, durch den unsere Schauspieler nervös gehen, um ihren Hamlet zu spielen.

 

Und dann gibt es noch eine tolle Szene. Keine Lieblingsszene, aber eine, die man bewerten kann, weil sie vergleichbar ist: Sterben vor Publikum. Aurelie zieht ein kleines braunes Fläschchen aus ihrer Rocktasche und trinkt es aus. Ihr Blick wird unklarer und müde, ihre Gliedmaßen gleiten auf dem Stuhl sitzend, aus, bis ihr der Kopf nach hinten wegklappt. Das sieht gut aus. Nicht zu viel und nicht zu wenig.

 

Der Tod ist aber noch nicht die letzte Szene. Es kommt noch zu einer Auflösung, und die findet gekonnt gemacht, in der ersten Szene statt. Die erste Szene des Stücks ist gleichzeitig die Letzte. So wird alles schön rund. Licht aus. Klatschen. Blumen zur Premiere. Klatschen. Ende. Der Mann neben mir sagt zu seinem Nachbarn: „Wie lange dauerte denn deine Zugfahrt?“ Ich staune.

 

„Wilhelm Meisters Lehrjahre“ im Freien Werkstatt Theater

Zugweg 10
50677 Köln

 

Die nächsten Vorstellungen:

15. Oktober, 16-19. Oktober, 27. Oktober, 29.-30. Oktober 2011

Text: Sonja Alexa Schmitz

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